Yoga-darshana und das Ziel der Erkenntnis des Wirklichen

von Swami Rama

aus: Samadhi - The Highest State of Wisdom
ISBN 81-88157-01-5 (hier erhältlich)
Copyright Himalayan Institute Hospital Trust (hihtindia.org)


Yoga-darshana (darshana: Sichtweise) ist eine der ältesten Sichtweisen. Der Begriff darshana kommt von der Wurzel 'drishyate anena', was soviel wie 'das wodurch man sehen kann' bedeutet. Darshana bezeichnet also ein System, durch das man die Wirklichkeit erkennen kann. So wie man sich selbst im Spiegel sehen kann, kann man durch Yoga-darshana, die Yoga-sutras, das Selbst erkennen. Darshana ist nicht dasselbe wie Philosophie. Philosophie ist ein verbundener Begriff mit der Bedeutung 'Liebe zur Weisheit'. Darshana ist nicht einfach nur Liebe zur Weisheit, und darin besteht der Unterschied zwischen der Philosophie des Orients und des Okzident: das höchste Ziel eines darshana ist es, die höchste Wirklichkeit zu erkennen.

Die Yoga-Wissenschaft beruht auf der Samkhya-Philosophie, die Grundlage aller Wissenschaften. Samkhya (samyag akhyate) bedeutet, 'Das was das Gesamte erklärt'. Samkhya umfasst das gesamte Universum - wie das Universum entstanden ist sowie alle Beziehungen innerhalb des Universums. Es erklärt das menschliche Leben auf allen Ebenen: unsere Beziehung zum Universum, unsere Beziehung zur schöpferischen Quelle, aus der das Universum entstanden ist (soweit eine solche existiert), die Beziehung zu unserem eigenen Geist (mind) und unserem inneren Wesen, unsere Beziehung zum Zentrum des Bewusstseins und unsere eigentliche Existenz. Selbst ein agnostischer oder atheistischer Mensch kann aus der Samkhya-Philosophie Nutzen ziehen. 

Die Samkhya-Philosophie ist der Ursprung der Mathematik. Gäbe es keine Mathematik, könnte niemand Wissenschaft betreiben, denn Wissenschaft beruht auf Mathematik. Die Samkhya-Philosophie ist die eigentliche Grundlage der Yoga-Wissenschaft. Was ich euch hier aufzeige, wurde mir von einem großen Swami, Cakravarti, gelehrt. Er war ein großer Mathematiker Indiens. Er unterrichtete mich, indem er Dreiecke, Linien und Punkte in den Sand gezeichnet hat.

Die Samkhya-Philosophie definiert den gesamten Prozess der Unterscheidung dessen, was wirklich und was nicht wirklich ist. Der Begriff 'Wirklichkeit' wird hier nicht im üblichen Sinne gebraucht. Nehmen wir beispielsweise die Wandtafel, die ich benutze. Ist sie wirklich? Gemäß der Samkhya-Philosophie ist diese Wandtafel nicht wirklich, da Wirklichkeit nicht Veränderung, Tod oder Verfall unterliegt. Es stimmt, sie ist eine materielle Wirklichkeit, doch die Wandtafel selbst ist nicht wirklich, da ihre Form und Bezeichnung sich verändern kann. Wenn die Form oder Bezeichnung eines Objekts veränderlich ist, ist es nicht Absolute Wirklichkeit.

Gemäß dem Samkhya ist Wirklichkeit oder Wahrheit das, was in allen drei Zeiten existiert - Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. In der materiellen Welt ist ein Mensch aus Fleisch und Knochen wirklich, doch in der Samkhya-Philosophie bedeutet Wirklichkeit das, was immerwährend ist, zu allen Zeiten existiert und niemals der Veränderung oder dem Verfall unterliegt. Die Welt scheint zu existieren, sie erscheint wirklich, doch tatsächlich ist es nicht so, da sie auf der Existenz von etwas anderem beruht. Jene die die Wirklichkeit nicht kennen, glauben, dass die Welt wirklich ist. Jene die Samkhya kennen, wissen dass die Welt nicht wirklich ist.

Als man uns die Yoga-Wissenschaft gelehrt hat, wurde immer Karika zusammen mit Samkhya unterrichtet. Karika, Samkhya und Yoga sind eng miteinander verbunden. Will man die Systeme der indischen Philosophie verstehen, einschließlich Buddhismus und Jainismus, sollte man die Karika studieren. Die Karika spricht nicht darüber, dass man Gott verstehen sollte oder über Himmel und Hölle. Sie ist sehr praktisch. Das erste sutra der Karika lautet 'duhkha-traya-abhighatat' - 'Oh Mensch, sei dir der dreifachen Leiden bewusst - von innen entstehendes Leiden, von außen entstehendes Leiden, aus der Natur entstehendes Leiden. Werde zuerst von diesen drei Formen des Leidens frei.' 

Der Mensch hat immer nach Wegen gesucht, ein glücklicheres Leben in der Welt zu führen. Obwohl teilweise erfolgreich, hat er jedoch niemals wahres Glück gefunden.

Die Wissenschaft des Yoga ist tausende Jahre alt. Der Mensch hat immer nach Wegen gesucht, ein glücklicheres Leben in der Welt zu führen. Obwohl teilweise erfolgreich, hat er jedoch niemals wahres Glück gefunden. Er begann nach inneren Möglichkeiten zu suchen, um die eigenen inneren Zustände zu ordnen. Die großen Weisen drangen, gestützt auf Methoden der Meditation, tief in die inneren Bereiche ihres Seins ein und entdeckten die unausgesprochenen großen Worte der Weisheit. Vor etwa fünftausend Jahren, als es noch keine Druckerpressen gab, wurden die Lehren mündlich an Schüler weitervermittelt, in sehr kompakter Form, sutras, damit sie leicht erinnert werden konnten. Durch Übungen und Erfahrung konnten die gelehrten Wahrheiten der Weisen überprüft und bestätigt werden.

Patanjali war ein großer Weiser, der das Studium der Lehren des Yoga systematisiert und organisiert hat. Er war weder der erste Lehrer des Yoga, noch wird er als der Urheber der Yoga-Wissenschaft angesehen. Es gibt einen Sanskrit-Spruch: 'Das Eine, das zuerst geboren wurde, das Erste in der Manifestation, war der erste Lehrer des Yoga.' Patanjali war es, der die Yoga-Wissenschaft geordnet und systematisiert hat. Seine Herangehensweise ist sehr praktisch. Er war nicht einfach ein religiöser Prediger oder Priester, sondern ein Wissenschaftler und Philosoph, der das Leben mit seinen Tendenzen und gegenläufigen Tendenzen verstanden hat. Er war ein großer Yogi, der praktiziert, erforscht und experimentiert hat. Patanjali war ein erleuchtetes Wesen, ein Weiser, der uns diese Yoga-Wissenschaft zum Nutzen aller menschlichen Wesen übermittelt hat.

Nach langer Zeit eigener Experimente organisierte Patanjali das Studium der inneren Zustände in 196 sutras. Diese sutras werden als Yoga-darshana bezeichnet. Der Begriff sutra bedeutet 'Schnur', und die Yoga-sutras sind miteinander verbunden wie die Perlen einer mala (Gebetskette). Patanjali hat manchmal eine Anzahl sutras zu einem Thema verfasst, wenn ein einzelnes sutra das Thema nicht vollständig darstellen konnte. Wird für die Darstellung eines bestimmten Konzepts mehr als ein sutra verwendet, so bedeutet das, dass dieses Konzept sehr wichtig ist und sorgfältig verstanden werden sollte.

Die Yoga-sutras sind ein sehr bedeutender klassischer Text. Alle drei Schulen des Buddhismus - Mahayana, Hinayana und Nirvayana - wie auch die Jaina-Lehren haben Teile dieses Texts übernommen. Die Upanishaden sind voller Lehren der Yoga-Wissenschaft. Jede Religion dieser Welt beinhaltet etwas von Yoga, und doch ist Yoga keine Religion.

Jedes einzelne Wort dieser sutras hat Bedeutung; um das gesamte sutra richtig zu verstehen sollte jedes einzelne Wort richtig verstanden werden. Sutras sind vergleichbar mit kurzen Lehrsätzen (Aphorismen), doch es sind nicht einfach nur Lehrsätze. Es sind sehr kompakte, prägnante, schwer fassbare Sätze, die ohne Erläuterung und Erklärungen nicht verstanden werden können. In meiner Kindheit habe ich diese sutras häufig studiert, und habe doch nicht wirklich viel von ihnen verstanden. Die Yoga-sutras sind nicht wirklich als Studienmaterial für Schüler gedacht, denn sie können dich irre machen! Sie sind eigentlich als eine Zusammenfassung für Lehrer gedacht. Wenn man die sutras studiert so wie sie dastehen, wirst du ihre Bedeutung nicht erfassen. Patanjali's Absicht war es, dass die Lehrer die sutras praktizieren, um sie dann ihren Schülern ausführlich darzulegen. Erkenntnis hängt nicht davon ab, wie gelehrt man ist. Eine sehr gelehrte Person, die die Schriften gut kennt, die aber nicht praktiziert, wird es sehr schwer haben, das gesamte Konzept, die Philosophie, Psychologie und die praktischen Aspekte Patanjali's zu erfassen.

Wenn du die Yoga-sutras nicht praktizierst, kannst du sie nicht erklären, egal wie ausführlich du sie studierst. Und du wirst ernste Fehler machen. Nur wenn man die sutras praktiziert, können sie klar verstanden werden. Nur jene Lehrer haben die Kompetenz und das Recht die Yoga-sutras zu lehren, die diese Tradition mit ihren kompetenten Lehrern studiert und die darin enthaltenen Wahrheiten praktiziert und angewandt haben. In alter Zeit hat sie niemand bei jemandem studiert, der nicht ein vollendeter Yogi war.

Die ersten vier sutras sind äußerst wichtig. Sie bilden die Ecksteine der Architektur der Yoga-Wissenschaft. Patanjali erklärt in allen nachfolgenden sutras allein diese vier ersten sutras. Diese vier sind der Kern der Lehre, der Rest der sutras sind Erläuterungen.

Die vier grundlegenden sutras besagen:

  • Jetzt wird die Yoga-Wissenschaft dargelegt.
  • Erringt man Kontrolle über den Geist (engl. mind) und seine Modifikationen, wird der höchste Zustand der Weisheit, samadhi, erlangt.
  • Erkennst du deine wahre essentielle Natur, erlangst du Freiheit.
  • Du leidest, weil du dich fortlaufend mit den Objekten der Welt identifizierst.

Patanjali hat diese sutras nicht für Swamis oder jene, die sich aus der Welt zurückziehen, verfasst. Sie waren bestimmt für weltorientierte Menschen, damit sie in der Welt leben und dabei doch unbeeinträchtigt und unberührt Friede, Glück und Freude genießen können. (...)

Hast du für dich die Entscheidung gefasst, Friede, Glück und Freude zu finden? Oder suchst du noch immer nach jemand Anderem, der dir Friede, Glück und Freude geben wird? Die Lehren besagen, dass man niemals diese Dinge in irgendeiner Beziehung wirklich finden kann. Friede und Glück liegen in dir selbst, jenseits deines Körpers, des Atems, den Sinnen und des Geistes. Du kannst diesen Frieden erlangen indem du lernst, deine Energien nach innen zu orientieren - auf die tieferen Aspekte deines Wesens. Um das zu ermöglichen, musst du dich nicht aus der Welt zurückziehen. Du musst nicht Beziehungen meiden oder dich von deinen Verpflichtungen lösen. Du musst nur dich selbst erziehen. Disziplin bedeutet nicht zuzulassen, sich geistig durch Gedanken, Handlungen und Gespräche zu zerstreuen. Patanjali lehrte, dass alle Menschen das Ziel menschlichen Lebens erreichen können - durch das Verstehen und die Praxis der Yoga-sutras und durch ihre Anwendung im täglichen Leben.

Yoga ist eine Wissenschaft, eine Philosophie und eine Psychologie. Die Yoga-Wissenschaft befasst sich mit den subtilen Aspekten des Lebens. Sie bietet die praktische Seite der Philosophie an und stellt eine Vielfalt an Methoden zur Verfügung. Die Yoga-Psychologie lehrt, wie man diese Yoga-Wissenschaft anwendet, um sich selbst zu verstehen. Patanjali's Yoga-sutras sind die Grundlage vorzeitlicher Psychologie, einschließlich der psychologischen Systeme des Buddhismus, des Zen, der Jainas und anderer psychologischer Systeme der sieben Systeme indischer Philosophie. Es gibt keinen wirklichen Unterschied zwischen alter und moderner Psychologie. Und es gibt viele Zweige dieser alten Psychologie.

Yoga-Psychologie kann nur durch Praxis verstanden werden, nicht durch Auswendiglernen der Yoga-sutras. 

Der Begriff Psychologie bedeutet 'Wissenschaft des mentalen Lebens'. Die moderne Psychologie hat sich noch nicht in dem Ausmaß entwickelt, dass sie behaupten kann zu wissen, wie man das geistige Leben tatsächlich studiert. Studiert man den Geist als ein Fachgebiet, sammelt man lediglich die Informationen und Meinungen anderer und versucht zu begreifen, was sie bedeuten. (...) Die moderne Psychologie hat tatsächlich nur Verhaltensforschung betrieben. Doch das ist nicht das Studium des Geistes, sondern nur von Teilaspekten des Geistes. Durch das Studium des Verhaltens kannst du nicht die Gesamtheit des Geistes verstehen. (...) Die moderne Psychologie besagt, dass man den Denkprozess einer anderen Person nicht völlig verstehen kann, da man nicht wirklich wissen kann, wie ein anderer denkt. Patanjali studierte und analysierte den Geist in seiner Vollständigkeit, mit all seinen Funktionen und Abwandlungen. Yoga-Psychologie entstand aus dem Erfordernis, vollständige Erkenntnis zu erlangen. 

Die moderne Psychologie ist noch nicht vollendet. Sie findet heute zu bestimmten Schlussfolgerungen, um sie morgen wieder zu verwerfen. (...) Die Psychologie des Yoga erklärt, dass der menschliche Geist immense Kapazität besitzt. Lernt man den Geist von Ablenkungen und Zerstreuung frei zu halten, kann er reguliert und in die gewünschte Richtung gelenkt werden. Doch Yoga-Psychologie kann nur durch Praxis verstanden werden, nicht durch Auswendiglernen der Yoga-sutras. (...)

Die Psychologie befasst sich mit dem bewussten und unbewussten mentalen Leben. Durch Analyse und Therapie kann das Unbewusste ins Bewusstsein gebracht und behandelt werden. Die moderne Psychologie befasst sich meist mit Verhalten, doch die Yoga-Wissenschaft geht zum Wesentlichen, zur Seele, aus der Geist und seine verschiedenen Zustände hervorgehen. Solange du dein sva-rupa, dein eigenes wahres Wesen, nicht kennst, kannst du keine vollständige Kontrolle über deinen Geist und seine Zustände erlangen.

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