Yoga-Meditation und Psychotherapie

von Swami Veda Bharati


Meditation schließt Psychotherapie mit ein - Psychotherapie schließt nicht notwendigerweise Meditation mit ein. Psychotherapie zusammen mit Meditation kann doppelt so effektiv sein. Du benutzt nicht nur die analytische Untersuchung der Bedingungen deines Geistes - sondern du lehrst zugleich deinen Geist, sich selbst zu heilen.

SVBteach4-200rtWenn man seine Wäsche in die Wäscherei bringt, breitet man dann vorher seine ganze Wäsche vor sich aus und betrachtet jeden einzelnen Fleck, seine Größe und Ausdehnung, seine 'Geschichte', was den Fleck verursacht hat, wann es passiert ist, welche Farbschattierung er hat und so weiter?

Nein, man nimmt die Wäsche und wäscht sie einfach! Man könnte es als 'ganzheitliches Waschen' bezeichnen. Genauso ist es mit Meditation: ohne die genaue Geschichte jedes einzelnen Fleckens des Geistes zu untersuchen, wird der ganze Geist gereinigt.

Psychotherapie und Meditation sollten Hand in Hand gehen. Trotzdem gibt es einen Unterschied - den Unterschied in der Zielsetzung. Die Yoga-Psychologie beschäftigt sich nicht nur mit der Frage individuellen Leids. Sie betrachtet und behandelt das Problem des Leidens an sich.

Endloses Leiden

Wir alle kennen es: man überwindet eine Art schmerzlicher Erfahrungen - doch schon bald taucht eine andere Art Schmerz auf. Kaum hat man sich mit seinem Ehepartner über Meinungsverschiedenheiten einigen können, kommt der halberwachsene Sohn mit einem neuen Problem. Oder es steigen irgendwelche bitteren oder wütenden Erinnerungen aus deiner Kindheit auf etc.

Solange man sich mit dem Schmerzhaften beschäftigt,
wird der Schmerz niemals aufhören!

Solange man mit dem Schmerzhaften beschäftigt ist, wird der Schmerz weiterhin erlebt und er hört nicht auf. Die Beschäftigung mit den schmerzhaften Dingen verstärkt und intensiviert sie. Man kann seine Neurosen analysieren und therapieren, doch man wird damit niemals zu einem Ende kommen. Viele Menschen haben diese masochistische Gewohnheit: sie lieben es, sich mit ihren Schmerzen zu beschäftigen. Sie beschäftigen sich lieber mit ihren leidvollen Erinnerungen, nicht mit ihren freudvollen Erfahrungen. Das hört sich sehr vereinfacht an, doch man sollte das wirklich tief in sich selbst erforschen.

Man kann lernen, seinen freudvollen Erfahrungen größere Beachtung zu schenken. Man wird dann feststellen, dass man in seinem Leben weitaus mehr Freuden als Schmerzen erfährt. Man kann z.B. an all die schönen Dinge denken, die deine Frau oder dein Mann dir bereitet hat, und sich damit beschäftigen. Die Lösung des Problems liegt im Verändern dieser Gewohnheit der Orientierung auf das Schmerzhafte.

Zielsetzung in der Yoga-Meditation

Das Ziel eines Meditierenden ist, das Problem der Schmerzerfahrung an sich zu lösen: also nicht einen spezifischen Schmerz zu lösen, sondern dass im Geist überhaupt Schmerz auftauchen kann. Wie bereits gesagt: man kümmert sich um einen spezifischen Schmerz und löst das Problem, doch ein anderer Schmerz steigt auf. So geht es immer weiter.

Im Yoga ist das Ziel Freiheit, geistige Befreiung. Auf diesem Weg der spirituellen Befreiung lösen und klären sich die kleinen Probleme von selbst.

Den Geist kennen

Wir sind gewöhnlich nur mit jenem oberflächlichen Teil des Geistes vertraut, den man als 'bewussten Geist' bezeichnet. Unter 'Geist' verstehen die meisten Menschen nur diesen winzigen Teil des Geistes. Übersetzt man den Begriff 'buddhi' als 'Instanz der Intelligenz', dann denkt man gewöhnlich nur an den rationalen Gebrauch, den man vom oberflächlich bewussten Geist macht. Doch das ist nicht buddhi.

Buddhi ist 'Beobachter', buddhi ist die feinste innere Oberfläche unseres geistigen Instruments. Es ist wie ein Spiegel, der vor atman, dem spirituellen Selbst, präsentiert wird und in dem atman reflektiert.

Wenn die Sonne scheint und ein Stück Papier beleuchtet, so werden ihre Strahlen von diesem Stück Papier reflektiert. Die Sonne selbst tut nichts dazu, damit das Papier leuchtet. Wenn dann Wolken vor der Sonne auftauchen, wird deswegen die Sonne nicht dunkel. Anstelle von dem Stück Papier zu reflektieren, reflektiert sie jetzt von der Oberfläche der Wolken.

Das Licht atmans ist nie verdunkelt

Genauso kann das Licht atmans niemals verdunkelt sein. Dies ist das fundamentale Prinzip der Samkhya-Yoga-Philosophie. Yoga-Psychologie kann man nur verstehen, wenn man diese Grundlagen wirklich verstanden hat.

Das spirituelle Selbst (purusha / atman), ist niemals verdunkelt. Es ist immer rein, immer weise, immer frei. Das bist du, atman, das spirituelle Selbst, du. Du warst niemals unrein, du bist jetzt nicht unrein, und es ist unmöglich, dass du in der Zukunft unrein sein kannst. Denn du bist ewig rein!

Du bist niemals unwissend gewesen, du bist jetzt nicht unwissend, und es ist niemals möglich, dass du als atman jemals unwissend werden könntest - du bist ewig weise!

Du warst niemals unfrei, du bist auch jetzt von nichts begrenzt, und keiner vorstellbaren Kraft ist es möglich, dich künftig einzuschränken - du bist ewig frei!

Das bist du als atman, du als purusha - tat tvam asi. Erkenne dich selbst als das.

Alle Unreinheiten, alle 'Flecken' (mala), alle Ignoranz (avidya) und alle Gebundenheit und Unfreiheit (bandha) - sie sind im 'inneren Instrument' (antahkarana) enthalten, in seiner mentalen Persönlichkeit, im Spiegel. Mala, avidya und bandha - zusammen bilden sie 'duhkha' - Leiden.

Doch sie sind nicht in atman, von atman oder auf atman.

Durch Psychotherapie kann man dieses atman nicht entdecken. Selbst Psychologen wie Karl Jung, die versucht haben, es zu berühren, waren dazu nicht in der Lage. Da sie keine selbstverwirklichten Menschen waren, war es für sie nicht möglich zu unterscheiden, wo der Geist endet und wo das Spirituelle beginnt.

Das spirituelle Selbst ist immer frei

Das Licht atmans reflektiert in der kristallklaren, spiegelgleichen Oberfläche von buddhi. Atman ist nicht aktiv, atman handelt nicht, atman kann nicht leiden. Und da atman niemals gebunden oder eingeschränkt war, wird atman auch niemals 'befreit'. Da atman niemals verdunkelt war, kann es auch nicht 'erleuchtet' werden.

Stell dir vor: du hast ein klares Licht und vor dieses Licht stellst du einen Spiegel. Das Licht im Spiegel kann in jede Richtung reflektiert werden.

Ist der Spiegel klar und rein, so wird das Licht klar sein. Ist der Spiegel beschlagen, wird auch die Reflektion entsprechend getrübt sein. Ist der Spiegel verschmutzt oder gebrochen, geschieht dasselbe mit dem Licht. Ist der Spiegel gelb oder rot, wird das Licht diese Farbe annehmen.

Bezogen auf atman macht man genau diesen Fehler. Man meint: 'Ich bin unrein, ich bin gefangen, ich lebe im Schmerz' - etc. Doch das reine Licht atmans bleibt davon immer unbeeinträchtigt. Es ist allein die Reflektion des Lichts, die eingefärbt, getrübt oder verzerrt wird. Die auf buddhi, dem Spiegel, abgelagerten Trübungen lassen es so erscheinen, als wäre das Licht atmans getrübt.

Durch Yoga-Meditation bereinigt man nicht nur die einzelnen Flecken, sondern beseitigt die Ursache dafür, dass überhaupt Flecken entstehen können.

Viele Techniken der Psychotherapie können dabei hilfreich sein - wenn es 'positive' Techniken sind. Doch häufig gehen aber Psychotherapeuten in die gleiche Falle, in die viele Menschen fallen: sie betonen zu sehr das Schmerzprinzip und zu wenig die Freude. Sie beschäftigen sich z.B. mit den Rivalitäten zwischen Geschwistern und nicht damit, was sie miteinander verbindet.

antahkarana - das innere Instrument

Dieses 'innere Instrument', antahkarana, sollte man studieren und wirklich verstehen. Der innerste Aspekt ist buddhi. Die Samkhya-Philosophie nennt es mahat, das 'große Prinzip' kosmischer Intelligenz. Darin sind wir alle in allen Welten verbunden.

Das zweite ist das Prinzip des Ich-Bezugs, der Identifizierung - ahamkara. Anstatt sich mit dem kosmischen Prinzip zu identifizieren, identifiziert man sich mit dieser begrenzten Ich-Personifizierung.

Erst existiert ein nichtkonditioniertes 'Ego', dann entsteht ein konditioniertes 'Ego'. Das nichtkonditionierte Ego entsteht, wenn man sich nicht mehr als universalen Geist erfährt, sondern als individualisierten Geist.

Dieser individualisierte Geist nimmt dann weitere Einschränkungen an: 'Ich habe einen individuellen Körper'. Diesen Individualisierungen gibt man dann weitere Bezeichnungen: 'Ich bin ein menschlicher Körper'; ich 'habe' nicht mehr, sondern ich 'bin' der menschliche Körper. Dann entstehen weitere begrenzende Differenzierungen: 'Ich bin männlich, ich bin weiblich' - etc. Durch diese selbsterschaffenen Begrenzungen entstehen die Prinzipien der Dualität.

Verlangen - Enttäuschung - Frustration - Aversion

Erlebt man sich selbst z.B. als Mann, so erlebt man Verlangen nach dem Gegenpol, dem anderen Geschlecht; oder man hasst es - oder beides gleichzeitig. Denn raga und dvesha, Anziehung und Ablehnung, sind Zwillingsprinzipien, wie die zwei Seiten einer Münze. Von wem immer man sich am meisten angezogen fühlt, auf diese Person richtet man auch seine größten Erwartungen. Von der Person, auf die man seine größten Erwartungen richtet, erfährt man auch seine größten Enttäuschungen und Frustrationen. Je grösser die Enttäuschungen sind, desto mehr entwickelt man gegenüber dieser Person Aversionen, desto stärker wird die Ablehnung. In dieser Weise entwickelt man also Distanz zur vorher begehrten Person. Und sobald die Distanz da ist, entwickelt sich erneut Verlangen und Anziehung. Und so geht das immer weiter.

Den Prozess umkehren

Innerhalb der Dualität erfährt man fortlaufend Unvollständigkeit, Konflikt, Anziehung und Ablehnung. So identifiziert man sein individuelles Wesen mit vielerlei begrenzenden Eigenschaften. Man erfährt sich als unvollständig, schwach, begrenzt, unfrei. Und man glaubt, dass man sterben wird - Angst taucht auf.

Alle diese Dinge entstehen, sobald man seine universelle atman-Identität verliert.

Kehrt man diesen Prozess um, so beginnt die Vollständigkeit und Fülle atmans immer stärker zu reflektieren. Es entsteht ein innerer Therapieprozess. Man beginnt dann allmählich, die Dinge auf andere Weise zu bewerten und trifft veränderte Entscheidungen - beispielsweise:

'Ich habe diesen Schmerz, weil ich frustriert bin. Ich bin frustriert, weil ich diese Erwartungen hatte. Ich hatte diese Erwartungen, weil ich diese Anziehung verspürte. Ursache für meine Ablehnung ist die Anziehung. Von jetzt an will ich achtsam und liebevoll handeln - und ohne Erwartungen, damit mein Verlangen nicht das Gegenteil erzeugt.'

Wenn man im Leben so handelt, werden die vergangenen karmas schnell bereinigt, und es entsteht ein immer stärkeres Erleben innerer Erfüllung und wahrer Zufriedenheit.

Handlungen und ihre Konsequenzen

Versuchen wir hier nochmals, den Prozess des karma zu verstehen. Der Begriff karma bedeutet Handlung. Dieser Prozess vollzieht sich im Subtilkörper. Wir kennen drei Arten von Handlungen - physisch, verbal und mental.

Bevor physische und verbale Handlungen als solche auftreten, sind es immer erst mentale Handlungen. Ursprünglich sind also alle Handlungen geistige Handlungen. Was immer man mit seinem Geist tut, jeder Gedanke, ist eine Handlung.

Jede mentale Aktivität hinterlässt Eindrücke im Geistfeld, citta. Die Worte, die jemand anderer spricht, jedes Wort, das man selber spricht, hinterlässt einen Eindruck in citta. Der Tonfall, mit dem man spricht, die Lautstärke, die Sanftheit oder Intensität - alles hinterlässt einen Eindruck in citta.

Hinterlässt man viele positive Eindrücke in seinem Geistfeld, so ist der feinstoffliche Körper voller positiver Kräfte. Genauso umgekehrt, wenn man viele negative Eindrücke im Geistfeld hinterlässt, ist der feinstoffliche Körper voller negativer Kräfte.

Sich neu erschaffen

Was immer man ist - man ist seine eigene Schöpfung. Doch da man in Wirklichkeit atman ist, hat man ebenfalls die Kraft, sich vollkommen neu zu erschaffen. Daher arbeitet man daran, sein belastendes karma auszugleichen, und man achtet darauf, kein neues einschränkendes karma zu erzeugen.

Wenn man beispielsweise lernen will, mit seiner Wut umzugehen:
in der Psychotherapie erforscht man konkrete Ursachen für seine Wut. Man ist z.B. auf seine Frau wütend, weil früher, als man drei Jahre alt war, seine Mutter etwas Bestimmtes getan hat. Den Ärger den man damals empfunden hat, konnte man nicht auf ihr abladen; daher lädt man sie jetzt auf einer anderen Frau ab.

Dann lernt man zu begreifen, dass seine Frau nicht seine Mutter ist und dass die Bedingungen unterschiedlich sind. Und man versteht, dass die Mutter zornig war, weil sie eigentlich helfen wollte und dass der Grund ihres Zorns eigentlich mit etwas anderem tun hatte. All diese Dinge versucht man klarzubekommen.

Ein Therapeut wird dann aufzeigen, wie man in mit seiner Wut in bestimmten Situationen umgehen kann und wie man dieser Hinsicht positive Einstellungen entwickeln kann.

Meditationslehrer handhaben das jedoch anders. Das bedeutet nicht, dass kein Interesse an den äußeren Bedingungen besteht, die z.B. den Ärger auslösen. Dieser wissenschaftliche Prozess wird nicht negiert, denn er hat seinen Wert. Auf dem spirituellen Weg wird jedoch anders argumentiert:

'Was geschieht in meinem Geist, wenn ich wütend bin? Im feinstofflichen Körper bilden sich immer intensivere Wuteindrücke, und die Gewohnheit des Wütendseins wird noch stärker. Auf diese Weise ist es unmöglich, meinen Geist so zu reinigen, dass das klare Licht atmans sich vollständig in buddhi reflektieren kann. Da ich aber auf dem spirituellen Weg Fortschritte machen will, arbeite ich daran, meinen Geist von dieser Gewohnheit des Zorns zu reinigen.'

Manche Menschen brauchen Psychotherapie, selbst einige sehr spirituelle Menschen benötigen sie manchmal. Es kann nicht abgestritten werden, dass Psychotherapie in manchen Fällen sehr effektiv ist.

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