Psychologie der Yoga-Meditation


Eine zusammenfassende Übersicht über die Funktionen des menschlichen Geistes und die Stadien der Veränderung im Wahrnehmungsprozess im Verlauf des Meditationsweges. Die Beschreibungen jedes Abschnitts stehen in Bezug mit den Graphiken - sie ergänzen die einzelnen Abschnitte.

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Der menschliche Geist - allgemeine Übersicht


Geist1ā
tman - reines Bewusstsein, 'Selbst'

'Jenseits' des Geistes; unabhängig von Raum, Zeit, Ursache, Wirkung und allem Stofflichen.

Das Zentrum reinen Seins, reinen Bewusstseins; Vollständigkeit. Das wahre Wesen jedes Menschen.

citta - das Geistfeld

Geist ist in der Sicht des Yoga die subtilste materielle Ebene und nicht aus sich selbst heraus bewusst.

Atman, das spirituelle Wesen, verleiht dieser feinsten Form stofflicher Energie Bewusstheit.

buddhi - der 'klare Geist'

Das reine Licht atmans

  • spiegelt sich in der feinsten Oberfläche der stofflichen Energie
  • durchdringt dieses Energiefeld und verleiht ihm dadurch Bewusstheit (Geist) und Vitalität (prana)
  • beleuchtet alle im Wahrnehmungsbereich auftauchenden Objekte und reflektiert zurück; sie können so durch das geistige Instrument erkannt werden.

Buddhi ist der subtilste Aspekt des Geistfelds - vollkommen klar und von Licht erfüllt. Es ist das Unterscheidungsvermögen, Intelligenz, Entschlusskraft. Manchmal als 'höherer Geist' bezeichnet.

Dieser Bereich ist gewöhnlich nicht bewusst erschlossen.

ahaṁkāra - Ich-Bezug / Ego

Das Gefühl von 'Identität'. Die Fähigkeit, sich mit verschiedenen Zuständen und Formen (Erfahrungen) zu identifizieren.

Identifikation ist die Ursache aller Begrenzung und der Erfahrung von Schmerz. Diese Identifikationen 'überlagern' die Vollständigkeit des Selbst, die dann nicht mehr erfahren wird.

manas - aktiver Geist

Beinhaltet die Funktionen der Wahrnehmung, des Denkens, der Koordination und Interaktion.

Dieser oberflächliche Geist ist gewöhnlich unablässig aktiv - angeregt von Sinneseindrücken und den darauf entstehenden Reaktionen im unbewussten Geist.

karmāśaya: saṁskāras, vāsanās, kleśas: das 'Unbewusste' und 'Unterbewusste'

Alle Erfahrungen, Eindrücke und Handlungen liegen in ihrer latenten (inaktiven, keimhaften) Form in citta gespeichert. Aus ihnen formen sich die individuellen psychischen Grundstrukturen und Tendenzen, Denk- und Handlungsgewohnheiten etc.

'Unbewusst' bezeichnet hier die latenten, nicht aktiven Tendenzen (Antriebskräfte).

'Unterbewusst' steht für momentan aktive Tendenzen, jene aktivierten samskaras, die aufsteigen und Abfolgen von Gedanken und emotionalen Reaktionen bilden, die schließlich das Handeln in der äußeren Welt bestimmen.


Wahrnehmungsprozess - Phase I: 

Wahrnehmung im Zustand der Identifikation


Wahrnehmung1ā
tman - reines Bewusstsein, 'Selbst' 

'Ewig rein - ewig weise - ewig frei - ruhend in seiner eigenen Natur.'

buddhi - der 'klare Geist'

Die Funktionen buddhis - wie klare Unterscheidung und Handlungsentscheidung ('die Weiseste verschiedener Handlungsmöglichkeiten bestimmen') - werden durch die Identifikation mit momentan aktiven samskaras (Verlangen, Anhaftung, Abneigung, Angst, Vorstellungen, Meinungen etc.) und den daraus resultierenden Störungen des oberflächlich bewussten Geistes beeinträchtigt bzw. völlig behindert.

Die oberflächlichen Aktivitäten in manas (citta-vrittis) trüben und verzerren die Wahrnehmungsfunktion.

manas - aktiver Geist

Stark bewegt durch Sinnesreize und aktivierte samskaras.

Befindet sich je nach momentan vorherrschender Tendenz im kshipta-, mudha- oder vikshipta-Zustand: sprunghaft aktiv, dumpf-lethargisch bzw. zeitweilig ausgerichtet - z.B. auf Wunscherfüllung orientiert.

Die 'Befindlichkeit' der Persönlichkeit wird bestimmt von den Denk- und Handlungsvorgaben der momentan aktiven samskaras.

In erster Linie ist manas damit beschäftigt, die aus dem Unbewussten aufgestiegenen Bedürfnisimpulse mittels der Handlungsfähigkeiten (karmendriyas) zu befriedigen.

ahaṁkāra - Ich-Bezug / Ego

Ist mit den aus dem Unbewussten aufsteigenden Tendenzen, den emotionalen Antrieben und daraus resultierenden Befindlichkeiten und Zuständen der Persönlichkeit identifiziert.


Wahrnehmungsprozess - Phase II:

Innere Wahrnehmung in vertiefter Meditation


Wahrnehmung2buddhi
- der 'klare Geist'

Mit zunehmender Tiefe der Meditation werden intuitive Einsichten bewusst registriert. Man ist fähig, das geistige Instrument als Mittel für bewusste Entwicklung im eigenen Inneren wie im Äußeren zu nutzen.

Die Funktionen buddhis kommen immer deutlicher zum Vorschein und werden zunehmend bewusst zur Anwendung gebracht.

Die Entfaltung von Entschlusskraft (samkalpa-shakti), klarer Erkenntnis und Einsicht (jnana-śakti) sowie losgelöstem Erleben (vairagya) etc. prägt in steigendem Ausmaß die Meditationspraxis.

manas - aktiver Geist

Die gewünschte Ausrichtung kann zunehmend beständig aufrecht erhalten werden.

Je nach Entwicklungsstufe ist manas im Zustand von vikshipta (zeitweilig konzentriert, dann wieder abgelenkt) oder ekagra (einpunktig) bzw. wechselt zwischen beiden. Zwischenzeitlich Erfahrungen der Stille.

Wechselnde 'Befindlichkeiten' der Persönlichkeit werden vom Zeugenstandpunkt her registriert, sie beeinträchtigen jedoch immer weniger den Zustand des Geistes.

ahaṁkāra - Ich-Bezug / Ego

Identifikationen verlagern sich zunehmend auf 'innere' Erfahrungszustände und die Erkenntnisebene.

Das 'Unbewusste'

die durch geistige Praxis (tapas, svadhyaya, ishvara-pranidhana ...) neu gebildeten Strukturen unterstützen die Meditation - sie wird zunehmend 'stabiler'.

Atem, Körper und Sinnesfähigkeiten

Der Atemfluss wird zunehmend länger (dirgha) und feiner (sukshma) -

die Wahrnehmung des Körpers tritt immer mehr in den Hintergrund - bzw. die Wahrnehmung verlagert sich vom Körpererleben in immer subtilere Ebenen des Subtilkörpers (sukshma-sharira) -

die aktiven und rezeptiven Sinne sind stillgelegt.


Wahrnehmungsprozess - Phase III:

Direkte Erkenntnis in saṁprajñāta-samādhi (saṁbīja-samādhi)


Wahrnehmung3buddhi - der 'klare Geist'

Der Inhalt der Meditation ('Objekt') wird vollständig erfasst und in seinem gesamten Seinsgehalt 'gesehen', d.h. erfahren und damit 'realisiert'.

Dieser Zustand entwickelt sich in Abstufungen:

(a) verbunden mit Gedanken (savitarka),

(b) verbunden mit subtilen Gedanken (savicara),

(c) verbunden mit seliger Freude (sananda),

(d) verbunden mit reinem Ich-Bewusstsein (sasmita).

Es ist ein Zustand völliger Absorption in das wahrgenommene Objekt: das Wahrnehmende ('Seher'), das Wahrgenommene ('Gesehene') und der Prozess des Wahrnehmens ('Sehen') werden eines.

manas - aktiver Geist

Der Meditationsinhalt wird als eine konstante Welle (vritti) aufrechterhalten. Diese in immer subtilere Einpunktigkeit zusammenfließende Ausrichtung des Geistes (ekagrata) ist noch begleitet von verschieden subtilen, den Prozess unterstützenden mentalen Inhalten.

Außerdem kann das Gewahrsein - willentlich - in immer tiefere Zustände der Stille eintreten.

ahaṁkāra - Ich-Bezug / Ego

Identität besteht nur noch bezogen auf die jeweilige subtile Erfahrungsebene, auf die man ausgerichtet ist.

Das 'Unbewusste'

Durch Reinigung des Geistes wurden die samskaras abgeschwächt und ausgedünnt.

Es bleiben allein ihre latenten 'Saat'formen. Diese werden in den weiteren Stadien der Meditation durch Entfaltung des 'Feuers der Unterscheidung' völlig unwirksam.

Atem, Körper und Sinnesfähigkeiten

Zusammenhängend mit der Verfeinerung des geistigen Prozesses verfeinert sich der Atem noch weiter und findet zeitweise in einen Zustand des Ruhens -

die körperliche Erfahrungsebene hat man hinter sich gelassen; das Gewahrsein ist ausschließlich auf immer feinere Aspekte des Subtilkörpers (sukshma-sharira) fokussiert -

alle äußere Sinnestätigkeit ruht.


Wahrnehmungsprozess - Phase IV:

Selbsterkenntnis in asaṁprajñāta-samādhi (nirbīja-samādhi)


Wahrnehmung4citta
- das Geistfeld

Das Geistfeld befindet sich in völliger Stille und ist 'kontrolliert' (nirodha).

buddhi, ahaṁkāra, manas

Das 'innere Instrument' - antahkarana (buddhi, ahamkara, manas) - ist stillgelegt und inaktiv.

Das 'Unbewusste'

Die latenten Formen der samskaras und vasanas wurden durch das Feuer der Unterscheidung unwirksam, sie können nicht mehr aktiv werden.

Es gibt kein 'Unbewusstes' mehr.

Atem, Körper und Sinnesfähigkeiten

Alle weiteren Funktionen (Atem, Sinne, Körper) befinden sich in völliger Ruhe.


Yoga-sutras I.14:

sa tu dirgha-kala-nairantarya-satkarasevito dridha-bhumih

Es (das Üben) bildet (nur dann) ein festes Fundament, wenn es

  • über lange Zeit,
  • ohne Unterbrechung,
  • voller Achtung und mit aufrichtiger Hingabe
  • und vollständig durchgeführt wird.

(Michael Kissener)

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