Die Funktionen des Geistes verstehen

Wir sind, was wir denken. All das, was wir sind,
entsteht mit unseren Gedanken. 
Mit unseren Gedanken erschaffen wir die Welt.

Sprich oder handle mit einem unreinen Geist,

so werden Probleme entstehen und dir folgen,
so wie das Rad dem Ochsen folgt, der den Karren zieht.

Sprich oder handle mit einem reinen Geist, 

und Glück wird dir folgen wie dein Schatten, 
unerschütterlich.
Buddha, Dhammapada

Aspekte des menschlichen Daseins

Yoga begreift das menschliche Wesen als eine Verbindung verschiedener Erfahrungsebenen:

  • das 'Zentrum des Bewusstseins' - das 'spirituelle Selbst':
    dieses Selbst, das Licht reinen Bewusstseins, ist die wahre innere Seinsnatur des Menschen (atman, purusha).
    Sie ist jenseits aller Veränderlichkeit, jenseits von Zeit, Raum und Verursachung, jenseits der stofflichen Wirklichkeit -
    'Selbst' bezeichnet hier also das, was wir 'wirklich sind' - reines Bewusstsein, ewig frei und ungebunden
  • das Geistfeld (citta):
    es wird beschrieben als Energiefeld. Dieses Geistfeld bildet die Grundlage der verschiedenen Funktionen unseres Geistes wie z.B. Wahrnehmung, Denken, Handeln. Das Geistfeld besitzt keine 'eigene' Bewusstheit, es ist nicht aus sich selbst bewusst. Es ist das reine Bewusstsein des spirituellen Selbst, das dem Geistfeld Bewusstheit 'verleiht' und dadurch beispielsweise die Funktionen der Wahrnehmung, der Entscheidung, des Handelns etc. ermöglicht
  • prana:
    die vitalen Energien - das Energiefeld bzw. Netzwerk der pranischen Energieströme mit ihren verschiedenen Funktionen
  • physischer Körper:
    er ist das Instrument der Erfahrungssammlung und des Handeln in der materiellen Welt -
    die Yogis erklären: 'Du bist nicht ein auf diesen physischen Körper begrenztes Wesen - du bist viel mehr!'

Der Begriff 'Persönlichkeit' bezeichnet die Funktionseinheit der mentalen Fähigkeiten und Prozesse, der Gefühle und Emotionen, der Wahrnehmungs- und Handlungsfunktionen und des physischen Körpers - 'ich' als Person. Mit dieser Persönlichkeit sind wir gewöhnlich eng identifiziert.

Im Yoga-Verständnis ist diese Persönlichkeit jedoch begrenzt, sie ist nicht unsere wahre Wesens- oder Seinsnatur. Das spirituelle Selbst', das Zentrum des Bewusstseins, unser wahres Sein, steht 'jenseits' dieser äußerlichen Existenz. Dieses Grundverständnis ist essentiell, um in seiner Meditationspraxis Fortschritte machen zu können.

Den Geist verstehen

Der Ursprung des menschlichen Geistes ist atma-shakti - das Potential des inneren Selbst. Unser Geist ist das feinste Instrument, das wir (als Selbst) 'besitzen'.

Dieses Geistfeld besitzt enormes kreatives Potential. Richtig entwickelt und koordiniert ist der Geist ein nützliches Mittel für bewusste Lebensgestaltung und innere Entwicklung. Ist der Geist nicht harmonisch koordiniert und entwickelt, sind vorwiegend die begrenzenden Identifikationen der Ich-Persönlichkeit bestimmend, mit der Folge verschiedenster Einschränkungen und Belastungen aufgrund ungeklärter emotionaler Spannungen und fixierter Gewohnheiten des Geistes (samskaras).

Auch unsere Wahrnehmung ist vom Zustand des Geistes abhängig: sie kann frei von Einschränkungen sein und so klare Erkenntnis der Wirklichkeit ermöglichen. Oder sie kann durch Voreinstellungen gefärbt, eingeengt und verzerrt sein. So ist letztlich auch unser Handeln maßgeblich vom Zustand des Geistes abhängig - es kann von klaren, bewussten und konstruktiven Absichten motiviert oder von einschränkenden Gewohnheiten bestimmt sein.

citta - das Geistfeld

Im Yoga-System hat citta zwei Bedeutungen:

  • er bezeichnet einmal das Geistfeld als ausgedehntes Energiefeld, als enormes Potential. Dieses Geistfeld, citta, bildet die Grundlage sämtlicher Funktionen des Geistes - u.a. der Wahrnehmung, des Denkens, Erkennens, des Entscheidens und Handelns. 
  • seine zweite Bedeutung ist die Funktion als 'Erfahrungsspeicher', als Lagerhaus aller Erinnerungen, in dem alle Erfahrungen, Eindrücke, Entwicklungen und Handlungen (samskaras, karmas) aufbewahrt werden.

Die vier Funktionen des Geistes

Die Yoga-Psychologie beschreibt vier zentrale Funktionen des Geistes:

1) buddhi

Mahat, das kosmische Geistfeld, wird auf individueller Ebene als buddhi bezeichnet. Buddhi ist die subtilste und reinste Ebene des Geistes. Es ist Unterscheidungsvermögen, Klarheit, direkte Erkenntnis sowie der klare geistige Wille, die Kraft der Entscheidung und entschlossenen Absicht. Es ist die innere Funktion intuitiver Erkenntnis und der Intelligenz. Buddhi wird auch bezeichnet als der 'höhere' Aspekt des Geistes.

Sofern buddhi unbeeinträchtigt funktioniert und manas die Führung durch buddhi anerkennt, kann buddhi die Weisere von zwei möglichen Handlungsmöglichkeiten bestimmen. Buddhi ist in zwei Richtungen wirksam: nach innen ausgerichtet als reine Intuition und nach außen ausgerichtet als die geistige Funktion der Unterscheidung und Entscheidung. Buddhi sollte möglichst unbeeinträchtigt von den Identifikationen durch ahamkara, dem Ich-Bezug, funktionieren können.

2) ahamkara

wörtlich 'Ich-Macher', ist eigentlich der machtvolle Impuls der individuierten Existenz, die feststellt: 'Ich Bin'. Dies ist noch nicht das personale Ego, das durch spezifische Identifikationen eingeschränkt ist. Doch aus ahamkara entsteht der Ich-Bezug, jener Impuls, der alle Erfahrungen und Eindrücke in Bezug zu 'sich selbst' setzt. Durch Identifikation mit Erfahrungen resultiert daraus das Empfinden, ein abgegrenzt existierendes Wesen zu sein, eine 'Ich-Persönlichkeit' zu sein, die sich als Mittelpunkt allen Geschehens erfährt. Ahamkara kann als eine Art 'Geschäftsführer' der Persönlichkeit aufgefasst werden.

Ahamkara beinhaltet also sowohl den Sinn für 'Identität', wie auch die Fähigkeit der Identifikation mit spezifischen Erfahrungen. Identifikation mit spezifischen Erfahrungen ist die Ursache für die Erfahrung von Begrenzung, Einschränkung, Schmerz und Entfremdung. Die Unbegrenztheit und Freiheit des inneren Selbst (atman, purusha) wird durch die begrenztenden Identifikationen 'überdeckt'.

3) manas

ist der gewöhnlich unablässig aktive, oberflächliche Geist, bewegt von Eindrücken, Impulsen, Emotionen, Gedanken. Durch manas interagieren wir mit der äußeren Welt:  wir nehmen Eindrücke über die rezeptiven Sinne auf (Sammeln von Informationen) und der Impuls zu handeln geht nach 'außen'. Manas hat die Tendenz, alles zu hinterfragen und in Zweifel zu ziehen. Dominiert diese Tendenz zu stark, kann sie jede weitere Entwicklung behindern. Manas wird manchmal als der 'niedere' Aspekt des Geistes bezeichnet.

4) citta

ist hier der 'Erinnerungsspeicher', das Lagerhaus aller Eindrücke (samskaras), aller Erfahrungen, Handlungen, Erinnerungen. Ist diese Funktion nicht harmonisch mit den anderen Funktionen des Geistes abgestimmt, können aus den wechselnden Identifikationen des 'Ich' (ahamkara) mit den verschiedenen eingeprägten Tendenzen (Gewohnheiten, samskaras) dieses Bereichs des Geistes Belastungen und Probleme entstehen.

So glauben wir gerne, in Denken und Handeln unabhängig, frei und selbstbestimmt zu sein. Doch gewöhnlich denken, entscheiden und handeln wir entsprechend der Vorgaben unbewusster Tendenzen.

Das innere Instrument

Zusammen werden diese vier Funktionen als 'inneres Instrument' bezeichnet - antahkarana. Es dient als das Instrument des spirituellen Selbst (purusha, atman).

Es ist das Instrument für Ausdruck, Lernen, Erkenntnis und das persönliche Handeln in der Welt, und wir benötigen dieses Instrument auch, um unsere wahre Seinsnatur zu realisieren - das Zentrum des Bewusstseins, die Grundlage unserer Existenz. Dann dient es als das Instrument für erleuchtetes Handeln in der Welt.

Inneres Erforschen

Meditierende sind Forschungsreisende im eigenen Inneren.
Swami Veda Bharati

Um diese vier 'Instanzen' des Geistes richtig zu verstehen, sollten sie genau studiert und erforscht werden. Und man sollte lernen, ihre Funktionen harmonisch zu koordinieren, um sie als wirksames Instrument der individuellen Entwicklung nutzen zu können.

Dies wird nur möglich,

  • indem man durch genaues Beobachten seiner Handlungen und Worte, seiner Körpersprache und Gestik, seine mentalen und emotionalen Zustände und die Funktionsweise seines Geistes erforscht,
  • indem man auch die Denkprozesse und Abläufe im Geist sorgfältig wahrnimmt und beobachtet, 
  • und indem man seinen Geist reinigt,
    beispielsweise durch das Kultivieren der ethischen Verhaltensprinzipien und anderer Aspekte des Yoga (yamas, niyamas, brahmaviharas etc.), durch Kultivieren der verschiedenen Aspekte der Meditationspraxis, mittels mantra-Praxis und vieles andere.

Dieses Beobachten und Erforschen sowie die Reinigung des Geistes sind wichtige Bestandteile der Yoga-Meditation. Das Zentrum des Bewusstseins, das wahre innere Selbst, ist der 'ewige Zeuge'.

Dieses Zentrum in sich zu finden und seine ursprüngliche Vollständigkeit wieder zu entdecken, ist das Ziel.

(Autor: Michael Kissener)

Siehe hierzu auch:  Yoga-Psychologie Grafik1 (öffnet ein neues Fenster)

Zurück zur Übersicht 'Yoga-Psychologie'