Innerer Dialog

 

Innerer Dialog ist ein sehr wichtiger Schritt, doch nur wenige Übende verstehen ihn. Um mit Meditation erfolgreich zu sein, sollte man diesen wichtigen Schritt entwickeln.

Im Verlauf dieses Prozesses kommst du in Berührung mit deinen verborgenen inneren Zuständen. Du lernst die feineren Aspekte deines Geistes kennen, dein eigenes Gewissen - und zugleich trainierst du dich selbst.

Swami Rama, 'Path of Fire and Light' vol. II

Swami Rama hat wiederholt darauf hingewiesen, dass in den Höhlenklöstern der Himalayas das Training für Novizen nicht mit Meditation beginnt. Zuerst werden sie darin unterwiesen, ihren Geist durch konstruktiven inneren Dialog zu klären.

Man trainiert einen Teil seines Geistes darin, die Gesamtheit des Geistes zu erforschen.

Swami Rama, 'Art of Joyful Living'

Wir sind uns nur eines kleinen Bruchteils der mentalen Prozesse, Identifikationen und Handlungsantriebe bewusst, der Großteil unserer personalen Identität ist unbewusst. Doch es gibt in uns selbst einen inneren Ratgeber, einen inneren Lehrer, eine Quelle der Weisheit und Klarheit. Manchmal wird es als 'Gewissen' bezeichnet, auch wenn die Bedeutung dieses Begriffs heute oftmals nicht mehr in dieser Weise verstanden wird.

Jeder Mensch kann in sich selbst diesen Ratgeber finden, diese innere Klarheit und Inspiration entdecken, die in allen Situationen und Bedingungen des Lebens den rechten Weg weisen kann. Yoga-Praktizierende (d.h. Praktizierende des traditionellen Yoga) kultivieren gezielt den Zugang zu dieser inneren Weisheit.

Die Yoga-Psychologie bezeichnet diese innere Instanz als 'buddhi'. Buddhi ist die innere Instanz der Weisheit, Erkenntnis, Unterscheidung und Entscheidung, die im eigenen Inneren immer als Ratgeber und Wegbegleiter zur Verfügung steht. Buddhi unterscheidet klar das Rechte vom Unrechten, das Heilsame vom Unheilsamen. In Handlungsentscheidungen erkennt buddhi immer die stimmigere, weisere Wahl.

Wolken vor der Sonne

Diese innere Weisheit kann jedoch nicht in unser oberflächliches Bewusstsein durchdringen, wenn sie von falschen Identifikationen mit Vorstellungen, Anziehung, Ablehnung oder Furcht überdeckt ist. Trotzdem ist diese innere Anleitung weiter im Inneren gegenwärtig, so wie die Sonne über den Wolken weiterhin ihr Licht ausstrahlt. Man kann lernen, diese Instanz innerer Weisheit bewusst zu konsultieren.

Dadurch wird es unter anderem möglich,

  • zu klaren Entscheidungen in den Fragen und Problemen des Alltags zu finden,
  • bezüglich seiner Ziele im Leben, seiner spirituellen Orientierung oder der weiteren Schritte auf seinem spirituellen Weg Klarheit zu gewinnen,
  • die Tiefen seines Geistes zu erforschen und sich selbst immer besser zu verstehen,
  • sein eigenes Verhalten, seine Gewohnheiten, Tendenzen und mentalen Einstellungen immer besser zu verstehen und hinderliche Tendenzen des Geistes zu bereinigen,
  • das Potential seines Geistes bewusst für seine weitere Entwicklung zu nutzen.

Das Instrument 'Geist'

Der menschliche Geist ist ein subtiles und zugleich sehr machtvolles schöpferisches Instrument. Er ist fähig, all die Probleme im Leben zu erzeugen, doch ebenso ist er in der Lage, konstruktive Lösungen für alle Probleme zu erschaffen. Es hängt maßgeblich von der Art von Beziehung ab, die man zu sich selbst und zu seinem eigenen Innenleben hat. Durch inneren Dialog kann man lernen, das Potential des unbewussten Geistes immer bewusster zu nutzen.

Doch darüber hinaus kann man ebenso mit allen anderen Aspekten seines Geistes, mit allen Gedanken, Antriebskräften und Einstellungen einen Dialog führen. Swami Rama vergleicht Gedanken mit Personen und das eigene Innenleben mit einem Universum, das von diesen Personen bewohnt wird. Mit jedem dieser inneren Aspekte seines Wesens kann man einen konstruktiven inneren Dialog führen.

Es mag anfangs sehr seltsam erscheinen, mit sich selbst, mit seinen Gedanken oder emotionalen Antrieben wie mit einer anderen Person einen Dialog zu führen. Doch wenn man es ausprobiert, wird man von den Ergebnissen überrascht sein. Es kann zu tiefen Einsichten verhelfen, den Prozess innerer Reinigung fördern und damit zur Vertiefung der Meditation beitragen.

Es ist ein Dialog zwischen Beobachter und dem Beobachteten. Das Beobachtete wird dadurch klarer erkennbar, man löst sich davon und kann darüber hinausgehen.

Wie entwickelt man den inneren Dialog?

Voraussetzung für den inneren Dialog ist eine konstruktive, freundschaftliche Beziehung zur Gesamtheit seines Geistes, einschließlich des unbewussten Geistes. 'Freundschaftliche Beziehung' bedeutet hier, sich selbst zu akzeptieren und nicht zu verurteilen, seinem inneren Potential zu vertrauen und mit sich selbst aufrichtig zu sein.

Einen inneren Dialog führen bedeutet, mit seinem Geist zu sprechen, als wäre er eine zweite Person. Es ist also kein 'geistiges Geplapper' oder Monolog - es ist eine zweiseitige Kommunikation, wie ein Dialog zwischen zwei Personen. Das oberflächliche 'Ich' oder Wachbewusstsein hält Konversation mit der enormen Tiefe des unbewussten Geistes.

Den Ausgangspunkt für die Entwicklung des inneren Dialogs bilden konstruktive Fragestellungen (einige Beispiele siehe unten). Man stellt diese Frage an den Geist, an die innere Instanz der Weisheit, und 'horcht' dann auf die von innen her entstehenden Eindrücke. Und daraus lässt man den Dialog sich natürlich entwickeln.

Die Entwicklung dieser Praxis führt schließlich zum Kontakt mit dem inneren Lehrer, dem inneren Guru. Dieses Üben kann unglaublich wirksam sein, doch man muss es für sich selbst entwickeln und erfahren.

Einige Möglichkeiten

Der unbewusste Geist besitzt direkte Kontrolle über alle mentalen, energetischen und physischen Funktionen. Er weiß, was in diesen Bereichen geschieht - und er kann höchst effektiv Veränderungen bewirken.

Beispiele:
  • ist der Körper angespannt, so wissen wir, dass die ursächliche Spannung im Geist zu finden ist. Der (unbewusste) Geist weiß, wo diese Spannung sitzt und welchen Hintergrund sie hat, während der oberflächlich bewusste Geist dies gewöhnlich nicht erkennen kann.
    Da diese Spannung im unbewussten Geist entstanden ist, kann er sie auch viel leichter wieder lösen, als der bewusste Geist dazu fähig ist. Praktisch umgesetzt bedeutet das: ich als der bewusste Geist bitte meinen unbewussten Geist, diese Spannung zu finden und zu lösen.
  • Man kann seinen Geist bitten, einen blockierten Nasengang zu öffnen.
    'Ich' kann den Nasengang nicht öffnen - doch der Geist besitzt die Fähigkeit dazu.
  • Genauso kann man seinen unbewussten Geist bitten, sich auf den Fokus der Meditation auszurichten - und wach zu bleiben, wenn in der Meditation Ablenkungen auftauchen - und vieles mehr.

Doch all das erfordert eine wirklich freundschaftliche Beziehung zu seinem eigenen Geist.

Einige Ansätze zur Entwicklung des inneren Dialogs:

  • Denke über anstehende Entscheidungen oder Wahlmöglichkeiten in deinem Leben nach -
    frage deinen Geist (buddhi): 'Was soll ich tun?'
  • Frag dich selbst: 'Was will ich?' - 'Was ist mir wirklich wichtig im Leben?'
    Entwickle Fragen nach dem Sinn des Lebens.
  • Befrage deinen Geist über deine Ängste oder Widerstände - und was dahingehend zu tun ist.
  • Halte mit dir selbst einen inneren Dialog über Fehler die du gemacht hast.
    Bewerte oder verurteile dich dabei nicht selber.
  • Zu Beginn deiner Meditation frische deine Absicht und Motivation für das Üben auf.
  • Frag deinen Geist, wie deine Meditation verbessert werden kann.
  • Frag dich selbst: 'Was will ich?' -
    Dies kann sich auf alles beziehen, von den kleinen Dingen bis zum Sinn des Lebens.
  • Berate dich mit dir selbst über negative Emotionen.
    Beispielsweise bei Ärger: 'Warum reagiere ich auf diese Weise?'
    Bei Unlust: 'Woher kommt dieser Widerstand?'
  • Denke über einige deiner Probleme nach und frage deinen Geist:
    'Was sind mögliche Lösungen? Was kann ich tun?'
  • Halte Dialog mit allem, was du beobachtest, einschließlich mentaler Inhalte und Gedanken.
  • Frag dich selbst: 'Was will ich?' Erinnere dich selbst an deine wahre Identität.
  • Frag dich selbst, warum du auf bestimmte Weise handelst:
    'Wie reflektieren meine Handlungen meine Gedanken und Emotionen?'
  • Analysiere deine Wünsche.
    Mach deinem Geist den Unterschied zwischen dem Bequemen und dem Richtigen verständlich.
  • Bitte deinen Geist darum, die Ursache einer bestimmten Spannung zu lösen.
(Michael Kissener)

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