So'ham - 'Dies bin Ich'

Teil 3 der Serie 'Die Natur der Persönlichkeit' -
von Swami Veda Bharati


Wenn du dich bewegst, wenn du sitzt, wenn du gehst, wenn du dich hinlegst oder schläfst - der Impuls, der deinen Körper bewegt, entsteht nicht aus dem Körper selbst. Es gibt etwas anderes, das die Bewegungen deines Körpers veranlasst. Dieses Zentrum in sich zu finden, aus dem alle Ausdrucksformen des Willens, des Erkennens und des Handelns hervorgehen, ist der Zweck der Meditation und eines meditativ geführten Lebens.

Wenn man die alten Texten der Yoga-Philosophie studiert, zum Beispiel die Bhagavad-gita - 'Gesang des Göttlichen', dann steht dort: 'Ich bin die Seele, das göttliche Wesen'. Du meinst: 'Ich habe eine Seele'. Doch wer oder was meint, diese Seele zu 'haben'?

Das Zentrum des Bewusstseins

In der Yoga-Philosophie heißt es: 'Ich bin die Lebenskraft. Ich bin die Bewusstseinskraft.' Leben wird hier nicht nur als ein Prozess betrachtet. Bewusstsein ist nicht einfach ein Vorgang. Leben und Bewusstsein sind eine Kraft, ähnlich wie elektrischer Strom, wie Licht. Es ist eine Energie, ein wesenhaftes Sein. Es gibt dieses wahre Selbst, das stille Zentrum deines Wesens. Es ist das Auge des Wirbelsturms. Dieses stille Zentrum, das man in der Meditation erfährt und das ich bin, so'ham - dies ist mein wahres Ich.

Wenn du also meditierst, dann geh in dieses innerste Zentrum deines Seins. Geh in dieses innerste Zentrum, aus dem dein Wille aufsteigt. Hier in diesem Zentrum erkennst du die Empfindung von Leben, das Wesen des Bewusstseins, noch bevor dein Herz von dieser Empfindung berührt wird und bevor die Vorstellung von 'Ich' in deinem Gehirn auftaucht. In diesem innersten Kern deines Wesens erfährst du die wahre Bedeutung des mantras 'so'ham' - 'Dies bin Ich'.

Wachzustand, Traumzustand, Tiefschlaf

In unserem gewöhnlichen Leben erfahren wir drei verschiedene Bewusstseinszustände: Wachbewusstsein, Traum und Tiefschlaf. Im Yoga werden diese drei Zustände mit der Parabel der Aktivitäten eines Affen und seines Besitzers beschrieben:
in einer Kammer lebt ein Affe mit seinem Besitzer. Alle Fenster sind weit geöffnet. Der Affe ist angebunden, doch das Seil ist so lang, dass er durch die Fenster hinaus- und wieder hereinspringen kann. So springt der Affe durch die Fenster, unsere Sinne, hinaus und herein - über die Augen hinaus und wieder zurück, durch die Ohren hinaus und wieder zurück. Außen sammelt er verschiedene Dinge (Erfahrungen) und bringt sie ins Haus. Andere Dinge wirft er zum Fenster hinaus. Der Affe beschäftigt sich in dieser Weise. Dies ist der Zustand des Wachbewusstseins. Der Affe steht für unseren Geist.

Wenn man die Fenster schließt, ist der Affe weiterhin aktiv. Er beschäftigt sich weiterhin mit all den Dingen, die er hereingebracht oder hinausgeworfen hat - denn der Geist ist niemals still, niemals ohne Objekt. Wenn dein Denken aktiv ist und du die Fenster deines Körpers, deiner Sinne geschlossen hast, dann verbinden sich verschiedene Gedankeninhalte miteinander. Alle Träume entstehen aus nicht erfüllten Erwartungen. Sie entstehen aus deinen Wünschen und Bedürfnissen und sie ziehen dich in eine Welt, wo du die Dinge nicht voneinander unterscheiden kannst.

Und nachdem der Affe derart aktiv war, wird er müde und ruht sich aus. Das ist der Zustand des Tiefschlafs.

Der vierte Zustand

Wir kennen nur diese drei Zustände. Doch es gibt noch einen vierten Zustand, es ist der Zustand der Meditation. Denn auch wenn der Geist müde ist und sich ausruht, ist der Besitzer weder müde, noch ruht er. Ich - das innerste Sein, Ich - die Lebenskraft, Ich - die Kraft des Bewusstseins, bin der Besitzer. Und während der Affe ruht und inaktiv ist, sitze Ich, der Halter des Affen, wach. Das ist der Zustand der Meditation, in dem das Bewusstsein nichts als die Kraft des Bewusstseins erfährt. In diesem Zustand ist es die reine Lebenskraft selbst, die 'Ich' sagt. Jedoch ohne Worte zu gebrauchen, denn Worte entstehen aus dem niederen Geist in Verbindung mit den Sinnen. In der Meditation sagst du nicht 'Ich bin', doch du erfährst dieses Sein. Es ist ein Zustand frei von Worten.

Erfahrungen dieser Art machst du immer wieder. Wenn du 'Liebe' sagst, was meinst du damit? Liebe ist eine Erfahrung jenseits von Worten. Diese Erfahrung kannst du nicht mit Worten ausdrücken, auch wenn du das immer wieder versuchst. Bist du verliebt, so ist ein Gefühl von Liebe in dir da. Dieses Gefühl kannst du nicht in Worte fassen, es ist schwierig es zu kommunizieren, weil Worte diesem Gefühl nicht gerecht werden. Tatsächlich bist du gerade dann am weitesten von Liebe entfernt, wenn du über sie sprichst. Wenn in dir Liebe da ist, versiegen die Worte.

Sein - jenseits von Worten

Menschen, die immer auf einen intellektuellen Beweis bestehen, missachten meist den nichtverbalen Anteil einer Erfahrung, den Anteil jenseits von Worten. So erfahren sie immer nur kleine Bruchteile des Lebens.

Wird ein Kind geboren, so kennt es keine Worte und hat dennoch ein Gefühl von Sein, ohne die Worte 'Ich bin' zu benutzen. Wenn es weint, demonstriert es damit, dass es sich seiner selbst bewusst ist, vollkommen ohne Worte. Das Gefühl des Seins ist also schon gegeben, bevor die Worte 'Ich bin' auftauchen. Im Kind, das noch nicht über rationales und intellektuelles Wissen verfügt, ist also eine Erkenntnis seines Seins gegeben. Es ist die Erfahrung des Seins, die Empfindung des Seins.

Meditation ist der Zustand der Erfahrung des Seins, jenseits von Worten. Das gilt selbst für die anfänglichen Erfahrungen in der Meditationspraxis. Man kann diese Erfahrung niemandem beschreiben, der nicht selbst durch den Prozess der Meditation gegangen ist. Wenn du dich konzentrierst, deinen Atem spürst und sich in deinem gesamten System Ruhe ausbreitet - wie willst du dieses Gefühl beschreiben? Die Worte, die du dafür findest, werden unzureichend sein.

Es gibt keinen rationalen Beweis für den Zustand der Meditation, denn Rationalität ist ein Teil des Geistes, wogegen Meditation ein Zustand ist, in dem der Geist zur Ruhe findet. In dieser Stille des Geistes erwacht etwas anderes, das sich durch beständiges Üben immer weiter vertieft. Und genau dadurch wächst auch dein Bestreben danach, diese transzendente Wirklichkeit zu erfahren, nach der wir ständig im Leben Ausschau halten. Wenn man diese Wirklichkeit berührt, erfährt man einen Schimmer von Erleuchtung.

Umfassendes Bewusstsein

Manche Menschen meditieren, um sich von den Anspannungen des Alltags zu lösen. Mein Beweggrund für die Meditation ist ein anderer. Ich meditiere, weil ich überzeugt bin, dass es eine Wirklichkeit gibt, aus der sich das gesamte Universum entfaltet. Es gibt eine Wirklichkeit, in der du und ich eins sind. In den alten Texten des Yoga heißt es: 'Wenn man alle Wesen im Selbst erkennt und das Selbst in allen Wesen, so gibt es keine Begrenzungen mehr und keinen Grund für Furcht.' Es gibt keine Erwartungen mehr und daher auch keine Enttäuschungen. Es existiert nur ein Feld des Lebens, ein umfassendes Bewusstseinsfeld, ein umfassendes höchstes Bewusstsein. Es ist wie ein Magnetfeld, das alles im Universum umfasst. Alles ist Teil dieses einen Feldes, das wir als höchstes Bewusstsein bezeichnen. In diesem riesigen Ozean des Bewusstseins sind ich und du kleine Energiewellen. Wir alle sind Teil dieses einen Kraftfeldes.

Wenn man alle Wesen im Selbst erkennt und das Selbst in allen Wesen,
so gibt es keine Begrenzungen mehr und keinen Grund für Furcht.
(frei nach der Isha-upanishad)

Eine Welle, die nicht erkennt, dass sie Teil dieses Ozeans ist, hat nur sehr begrenzte Kraft. Wenn sie es erkennt, so ist ihre Kraft enorm. So lange wir also mit unserem begrenzten Ego identifiziert sind, können wir nur wenig bewirken. Doch hin und wieder taucht jemand auf, ein Buddha, ein Christus - jemand der bis ins Zentrum seines Seins vorgedrungen ist. Ihre Worte berühren unmittelbar dein innerstes Sein. Solche Worte können über Jahrtausende in der Menschheit weiter bestehen, denn sie entstammen nicht aus einem unruhigen, konfliktbeladenen oder belasteten Geist, sondern sie entstehen aus dem tiefsten Inneren des Seins - jenem Platz, den wir nur in Meditation erfahren können.

Für dich klingt das jetzt möglicherweise sehr poetisch. Doch jene, die in Yoga initiiert wurden und den Prozess durchlaufen haben, erkannten tatsächlich, dass das gesamte Universum im eigenen Inneren zu finden ist. Wenn du nach Beweisen verlangst, um die Richtigkeit dieser Aussage bestätigen, so es gibt keine Beweise dafür. Ich kann nur eine Analogie anbieten.

Grenzenlosigkeit

Hier in diesem Raum, gibt es zahlreiche Lampen, die Licht spenden. Doch man kann nicht feststellen, wo das Licht der einen Lampe endet und das der nächsten beginnt. Es gibt keine Grenzen. Das ist das Wesen der Energie, sie ist ein Kraftfeld. Darin lassen sich keine Abgrenzungen ziehen.

Wir alle sind wie diese Lampen, wir sind alle mit der gleichen Kraftquelle verbunden und nützen diese Energie auf individuelle Weise. Auf der tiefsten Ebene unseres Seins sind wir diese Kraft. Das Licht, das in der Lampe leuchtet ist dieselbe Kraft, wie jene, die als Musik aus der Audio-Anlage kommt. Diese verborgene Kraft zeigt sich in unterschiedlicher Weise, doch die Kraft selbst ist dieselbe.

All jene, die diesen Zustand der Meditation erlebt haben, in dem alle Sinne zur Ruhe gekommen sind, wissen um diese umfassende Bewusstheit, diese intensive Erfahrung von Sein. Sie ist durch Worte nicht zu beschreiben und durch nichts zu beweisen. Sie können dir nur sagen, 'Probiere es selber aus'. Erst wenn deine Gedanken zur Ruhe gekommen sind und dein Bewusstsein so klar und machtvoll geworden ist, dass keine Gedanken mehr auftauchen, erst dann erfährst du den Zustand wirklicher Meditation.

Die wahllosen Gedanken, die in deiner Meditation auftauchen, sind wie Staub, der sich auf einem Spiegel verteilt. Befindest du dich im Zustand der Meditation, von allen äußeren Dingen unberührt, findest du zur Erkenntnis, nichts als reines Bewusstsein zu sein - 'Ich bin Bewusstsein'. Meditation bedeutet: Bewusstsein, das nichts als reines Bewusstsein erfährt.

Leuchtkraft des Selbst

Nimm als Beispiel eine Flamme. Sie brennt und erhellt dabei alle Gegenstände in ihrem Umfeld. Die Leuchtkraft der Gegenstände ist vom Licht der Flamme abhängig. Die Flamme hingegen leuchtet selbst und ist nicht von den Objekten der Umgebung abhängig. Sie muss sich nur ihrer eigenen Leuchtkraft bewusst sein. Wir irren uns, wenn wir glauben, dass Bewusstsein einen Inhalt benötigt.

Wir haben diese Leuchtkraft, die Strahlkraft des reinsten inneren Selbst noch nicht entdeckt. Wenn du bewusst bist, sagst du daher, dass du dir bestimmter Objekte bewusst bist - dessen, was deine Augen sehen oder deine Ohren hören; oder der Worte, die du sprichst. Es ist dieser ständige Ablauf von Reiz - Reaktion. Laufend nimmst du Eindrücke von außen durch die Fenster deiner Sinne auf - oder du bist über die fünf Handlungsfähigkeiten nach außen aktiv.

Doch du erkennst dabei nicht, dass all diese Aktivität, all das Bewusstsein, alle Bewusstheit der einen selbstleuchtenden Quelle entstammt, der Flamme reinen Bewusstseins. Sie ermöglicht deinen Augen zu sehen, sie ermöglicht deinen Ohren zu hören.

Erkenne also dieses Selbst, erkenne dich selbst und diese enorme Kraft, die du bist. Nicht die Kraft die du 'hast', sondern die Kraft die du bist. Meditation ist jener Zustand, in dem du erkennst: Ich Bin - dieses Eine Bin Ich - so'ham.

Fortsetzung: Jenseits des Geistes

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