Die Praxis im Alltagsleben

Teil 5 der Serie 'Die Natur der Persönlichkeit' -
von Swami Veda Bharati


Man sollte in seinem Leben ruhiger und bedächtiger werden in Bezug auf seine persönlichen Wünsche und Leidenschaften, ruhiger in seinen Reaktionen und auch bezüglich seiner Ungeduld. Das bedeutet nicht, sein Handeln zu reduzieren, sondern seine Orientierung auf die Ergebnisse dieses Handelns zu mäßigen. Man lässt nicht nach in seinem inneren Streben, ist in allem Handeln achtsam und hält seinen Geist ruhig. Und man sollte gelassener werden in Bezug auf die Welt und sanfter in seinen Reaktionen.

Selbstwahrnehmung

Wenn man meditiert, wird man dem Ärger und der Ungerechtigkeit, die man durch andere erfährt, mit Bedacht begegnen. In allen Konflikten ist es sinnvoll, sich daran zu erinnern, dass man daran immer zumindest zur Hälfte selbst beteiligt ist.

Man betrachtet seine eigene Problematik, die eigenen ungelösten Schwierigkeiten, und ergründet frei von Schuldgefühlen das eigene Lernpotential darin. In ärgerlichen Situationen mit Nachbarn, mit seiner Frau, seinem Ehemann, erforscht man also die eigene innere Abwehr. Nicht das, wogegen sich die andere Person wehrt, sondern das, was in einem selbst Widerstand hervorbringt.

Gedanken in der Meditation

Man meditiert, und alle möglichen unerwarteten Gedanken tauchen auf. Sobald der bewusste Geist sich entspannt, kommen all die Dinge, mit denen man seinen Geist unbewusst gefüllt hat, an die Oberfläche. Man lässt einfach zu, dass sie aufsteigen. Oft meint man, dass es immer schlimmer wird, dass man z.B. jetzt ärgerlich ist, obwohl man niemals besonders ärgerlich war.

Das stimmt nicht ganz. Früher hat man nur noch nicht bewusst wahrgenommen, wie ärgerlich man ist. Doch jetzt beobachtet man sich aufmerksamer, und viele Dinge werden deutlicher sichtbar, die früher nie aufgefallen sind. In der Meditation beobachtet man alle diese Gedanken aus dem Unterbewussten, die Erinnerungen, Gefühle, die bislang unbekannten Dinge, die an die Oberfläche kommen.

Gewöhnlich taucht ein Gedanke nach dem anderen auf - es bildet sich eine unkontrollierte Kette von Gedanken. Doch jeder Gedanke ist ein Same, der sich vielfach multipliziert.

Wenn also diese Gedanken in der Meditation auftauchen, geht es nicht darum zu versuchen, die Flut an Gedanken zu stoppen. Sondern man nimmt wahr, wie ein Gedanke auftaucht, und man lässt nicht zu, dass er eine Gedankenkette bildet. Durch das achtsame Beobachten unterbricht man den Prozess also an diesem Punkt - und kehrt dann mit der Aufmerksamkeit wieder zurück zum mantra, zur Ausrichtung der Aufmerksamkeit. Auf diese Weise wird allmählich das Unterbewusste von dieser spezifischen Emotion gereinigt.

Fokussierter Geist

In der Meditation wehrt man die aufsteigenden Gedanken also nicht ab. Sondern man kehrt immer wieder zurück zum Atem, zum mantra. Und diese Ausrichtung lässt man zu einem einzigen ruhigen, geraden und gebündelten Gedankenstrom werden - wie ein Laserstrahl, unabgelenkt.

Der Geist eines Meditierenden wird wie ein Laserstrahl - fokussiert, ausgerichtet. Dadurch wird das, worauf man sich ausrichtet, zu einem intensiven Prozess. Doch das Ziel besteht nicht darin, besondere Erfahrungen zu machen, es geht vielmehr um Reinigung des Geistes - alles Hinderliche soll beseitigt werden.

Reinigung des unterbewussten Geistes und der Persönlichkeit ist der erste Schritt. Man kann das Unterbewusste nicht davon abhalten, Gedanken an die Oberfläche zu bringen, so lange sie innerlich existieren. Sobald man sein bewusstes Denken entspannt, tauchen sie auf. Man lernt also, sie nicht weiter anwachsen zu lassen, sondern sie wie eine Seifenblase platzen zu lassen. Und dann kehrt man wieder zu seinem Meditationsobjekt zurück.

Womit füttere ich meinen Geist?

Es ist wichtig darauf zu achten, womit man im Alltag seinen Geist füttert, denn diese Dinge prägen die Persönlichkeit. Unsere Persönlichkeit ist nichts anderes als die Summe aller Gedanken, die man bisher im Leben gedacht hat. Man ist was man denkt, nicht was man glaubt zu sein. Alles, was man in seinem Leben gedacht hat, ist zu einem Teil dieser Persönlichkeit geworden und erzeugt eine bestimmte Tendenz im Leben.

Wir glauben gerne, freie Entscheidungen auf der Grundlage unseres freien Willens zu treffen. Doch unser Wille kann nicht wirksam werden, weil er an all die Dinge gebunden ist, an denen man festhält. So glaubt man beispielsweise, ein Haus zu besitzen, doch in Wirklichkeit besitzt das Haus einen selbst, denn es hält den Geist gefangen, man hält daran fest.

Meditation bedeutet nicht einfach nur, sich hinzusetzen. Meditation beeinflusst und formt das gesamte Leben. Sie formt neue Gedanken, es entsteht eine neue Persönlichkeit.

Achtsamkeit

Daher ist Achtsamkeit in allen Lebensbereichen so wichtig; man beobachtet, welche Handlungen man setzt, was man denkt oder spricht. Wenn ich spreche, woher kommen die Worte? Wie fließt mein Atem? Man bleibt in allem achtsam und handelt von diesem Platz der Achtsamkeit aus. Dieses offene Gewahrsein sollte man üben, wo immer man sich befindet. Also: Atemgewahrsein, beim mantra bleiben - und in allem Handeln achtsam sein.

Ein weiterer Aspekt der Praxis im Alltagsleben ist, darüber nachzudenken, wo man von heute gesehen in fünf Jahren in seiner Entwicklung stehen möchte. Was auch immer es ist, man arbeitet daran. Wie stellt man sich sein Umfeld in drei, fünf, zehn Jahren vor? Und dann schaut man, was dafür erforderlich ist. Man liest die entsprechenden Bücher, sieht die entsprechenden Filme an, denkt die entsprechenden Gedanken, bewegt sich in entsprechender Weise.

Diese einzelnen Elemente werden zu einem Teil der Persönlichkeit. Auf diese Weise wird man in fünf Jahren eine neue Persönlichkeit entwickelt haben. Allmählich, schrittweise gestaltet man sein Leben bewusst. Das entsteht ganz einfach, doch ohne Achtsamkeit kann das nicht entstehen.

Fortsetzung: Geist und Selbst

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