Leiden und Unwissenheit

Teil 7 der Serie 'Die Natur der Persönlichkeit' -
von Swami Veda Bharati


Meditation ist kein bloßer Rückzug. Nur die Augen zu schließen ist bedeutungslos. Um nach innen zu gehen, schließt man die äußeren Augen und man öffnet die inneren Augen. Man schließt die Augen zur Welt der Begrenzungen und öffnet sie in eine Welt unbegrenzten Bewusstseins. Sich an etwas Weiterem, Größerem zu orientieren, ist etwas sehr Natürliches; das haben Menschen immer schon getan. In der Wissenschaft beim Erforschen der Welt, im Kommunismus mit der Verehrung Lenins. Und atheistische Menschen tun es, wenn sie einen Superman-Comic kaufen und sich dabei in ihren Tagträumen mit Superman identifizieren.

Freude

Was ist Freude? In der Yoga-Philosophie ist 'Freude' gleichbedeutend mit Konzentration. Durch tiefere Konzentration wird Freude gesteigert.

Durch Meditation kann man sich auf etwas konzentrieren oder sich von etwas weg konzentrieren. Will man hören, so hört man mehr; will man nicht hören, so hört man nichts. Ebenso ist es mit allem Anderen. Der Geist und die Sinne stehen unter deiner Leitung, der Leitung deines Willens. Seine Sinne bewusst zu nutzen - das ist Vergnügen.

Leiden

Alle sinnlichen Vergnügungen dieser Welt beinhalten drei Arten von Leiden. Um Freude zu erlangen, durchläuft man irgendein Leiden. Wer kann sich an irgendeine erlebte Freude erinnern, die nicht mit irgendeinem schmerzlichen Aufwand verbunden war, oder mit etwas, das man gerne vermieden hätte und wenn möglich lieber nicht getan oder erfahren hätte?

Jedes Vergnügen erfordert eine schmerzliche Bemühung - dies ist eine Grundvoraussetzung für weltlichen Genuss. Weshalb? Weil diese Welt auf dem Prinzip der Dualität aufgebaut ist. Auf der einen Seite gibt es Befriedigung, auf der anderen Seite Frustration. Hier gibt es Schmerz und dort gibt es Vergnügen.

Jeder Wunsch und die Vorfreude auf dessen Erfüllung beruht allein auf Erwartung. Sobald man das Objekt des Begehrens erlangt, beginnt das Interesse daran zu schwinden. Du bist ganz aufgeregt, jemanden zu heiraten. Du heiratest. Man lernt sich ein wenig besser kennen, und nach sechs Monaten fragst du dich, 'Warum nur habe ich dich geheiratet?'

Verlangen

Ist ein Wunsch erfüllt, entsteht der nächste. In der Bhagavad-gita heißt es: 'Verlangen kann niemals durch das Erfüllen dieses Verlangens befriedigt werden.' Verlangen will immer noch mehr. Egal, wieviel Öl man ins Feuer schüttet, das Feuer ist niemals zufrieden. Daher sollte man das Feuer des Verlangens löschen.

Verlangen kann nur durch Kontrolle befriedet werden. Doch dabei geht es nicht um Unterdrückung, sondern um Beruhigung des Verlangens. Das kann entstehen, indem der Geist zur Ruhe findet, also durch Meditation. In der höchsten Konzentration gibt es nur Eines und nicht zwei.

Erinnere dich stets daran: Wünsche sind endlos.

Erwartungen und Enttäuschungen

Jede Enttäuschung entsteht allein aus Erwartung. Das Bemühen, Vergnügen zu erleben, bringt Schmerz mit sich. Trifft das Vergnügen ein, so hat man sich etwas Besseres erwartet. Und selbst während man ein Vergnügen genießt, erfährt man einen zweifachen Schmerz: das Vergnügen ist nicht so vollständig, wie es sein sollte - und man hat die Gewissheit, dass dieses Vergnügen nicht dauerhaft sondern vergänglich ist. Im Erleben des Vergnügens ist also Schmerz enthalten, und sobald das Vergnügen endet, ist es wiederum schmerzhaft.

Das Vergnügen der Meditation ist von anderer Art. Man glaubt vielleicht, dass auch hier Schmerz entsteht, wenn beispielsweise die Beine wehtun und Juckreiz den Körper plagt. Doch tatsächlich nimmt man jetzt nur die Vorgänge im Körper deutlicher wahr, denn man zieht sich nach innen zurück und die Aufmerksamkeit richtet sich auf den Körper. Die kleinen Irritationen des Körpers werden deutlicher wahrgenommen. Doch sobald man weiter nach innen geht, verschwinden sie allmählich. Dann allerdings beginnt der Geist zu jucken - mentaler Juckreiz wird bemerkbar.

Wenn der Geist juckt

Jedes Verlangen ist eine Art Juckreiz, es ist ein Juckreiz des Geistes. Es ist angenehm, einen Juckreiz zu kratzen, doch dadurch wird der Juckreiz immer stärker. Und genau das gilt für jedes Verlangen - ob nach Sex, Alkohol, Drogen, Besitz, Geld, was auch immer.

Hat man je genug Geld? Niemand hat je genug Geld, nicht einmal der reichste Mensch der Welt bekommt genug davon. Einzig wer sich von Verlangen freimacht, hat genug.

Die höchste Konzentration in der Meditation ist reine Freude. Man kann sich schrittweise darin üben, diesen Zustand der Konzentration so lange aufrecht zu halten, wie man möchte.

Zwei Arten der Freude

Sukha und duhkha sind die beiden Sanskrit-Begriffe für Vergnügen und Leiden. Was immer für die Sinne angenehm ist, ist Vergnügen; was immer für sie unangenehm ist, ist Leiden. Wenn man sich aber auf die göttliche Freude bezieht, verwendet man den Begriff ananda. Sukha und duhkha sind Gegensätze, doch zu ananda gibt es kein Gegenteil. Ananda kann nicht reduziert oder vergrößert werden. Diese Freude, die kein Gegenteil kennt, sollte man suchen.

In der Welt gibt es zwei Arten Freude: Freuden, die durch Erregung entstehen, und Freuden, die in der Stille erfahren werden. Erstere führen zu einem starken Ausstoß von Energie, man fühlt sich sehr angeregt. Doch dem folgt Ermattung und Enttäuschung. Je größer die Erwartung, desto tiefer die Enttäuschung.

Meditation ist das Vergnügen des Stillwerdens, des friedvollen Zur-Ruhe-Findens. Frieden ist das Vergnügen der Stille. Selbst wenn man durch seine Meditation nichts anderes gewinnt als diese 20 Minuten relative Stille und Frieden täglich, so ist es das wert. Diese Qualitäten versucht man dann, mehr und mehr in sein Alltagsleben zu übertragen.

Unwissenheit

Alle leidvollen Erfahrungen im Leben sind das Ergebnis von Unwissenheit. Verlangen ist nichts als Leiden, denn Verlangen entsteht aus Unwissenheit. Die Yoga-Philosophie bezeichnet diese Unwissenheit als avidya - 'Nicht-Weisheit'. Diese Unwissenheit wird in Patanjali's Yoga-sutras, dem zentralen Text des Raja-yoga, in vierfacher Weise definiert:

anityashuci-duhkhanatmasu nitya-shuci-sukhatma-khyatir avidya.

  • das Unvergängliche mit dem Vergänglichen und das Vergängliche mit dem Unvergänglichen zu verwechseln
  • das Reine mit dem Unreinen und das Unreine mit dem Reinen zu verwechseln
  • Leiden mit Vergnügen und Vergnügen mit Leiden zu verwechseln - und
  • das Selbst mit dem Nicht-Selbst und das Nicht-Selbst mit dem Selbst zu verwechseln.

Der letzte, vierte Aspekt der Unwissenheit ist die Ursache der drei anderen. Das Selbst mit dem Nicht-Selbst und das Nicht-Selbst mit dem Selbst zu verwechseln, ist die größte Art der Unwissenheit.

Du, das reine Selbst, wurdest niemals geboren und wirst niemals sterben. Du hast keinen Namen, keine Form, keine bestimmte Gestalt. Du bist ein Wesen des Lichts, das in einem Körper aus Materie wohnt. Körper und Geist borgen sich von dir Leben und Bewusstsein, um dann stolz zu behaupten: 'Ich lebe, ich bin bewusst, ich bin wach.'

Erkenne dieses Selbst.
Diese Erfahrung ist wahre Freude - die Freude der Stille - Freude, die keinen Gegensatz kennt.

Zurück zur Übersicht 'Natur der Persönlichkeit'