Geist und Selbst

Teil 6 der Serie 'Die Natur der Persönlichkeit' -
von Swami Veda Bharati


In seiner Meditationspraxis sollte man eine Regel befolgen: führe wieder und wieder das Gleiche durch, stets auf die gleiche Weise, bis es Teil deines Unterbewussten wird und sich ein Zugang zum höchsten Bewusstsein öffnet. Von dem Punkt an wird dein Geist sich selbst trainieren.

Trifft man dann auf etwas Beängstigendes, gibt es zwei Vorgangsweisen:

  • falls man dafür noch nicht bereit ist, arbeitet man weiter an der Reinigung seines Geistes;
  • ansonsten beobachtet man, wie das Unterbewusstsein Angst erzeugt.

Sobald der bewusste Geist zu entspannen beginnt, kommen Inhalte aus dem Unterbewusstsein an die Oberfläche. Dies entsteht, weil man allein mit dem Unterbewussten verbunden ist, und man noch keine Verbindung zum höchsten Bewusstsein entwickelt hat.

Wenn ein Yogi meditiert und den bewussten Geist entspannt, ist das höchste Bewusstsein präsent und erfüllt seinen Geist. Wenn eine durchschnittliche Person mit ihren Bündeln an Emotionen, Träumen und Fantasien meditiert und den bewussten Geist entspannt, tauchen diese Inhalte aus dem Unterbewussten auf. Um also Zugang zum Überbewussten zu bekommen, ist es notwendig, den unterbewussten Geist zu reinigen.

Sobald das Unterbewusste feststellt, dass sich sein Zugriff auf den bewussten Anteil des Geistes lockert, erzeugt es diese Angst. Doch durch allmähliches, schrittweises Training wird der Geist allmählich so gereinigt, dass er dieses klare Licht des höheren Bewusstseins aushalten kann. Hat man lange Zeit in einer dunklen Höhle verbracht, muss man die Augen langsam an das Sonnenlicht gewöhnen, damit sie keinen Schaden nehmen. Dasselbe gilt für den Übungsweg.

Die inneren Konflikte lösen

Hat in den fünftausend Jahren menschlicher Geschichte jemals Frieden geherrscht? Krieg beginnt in unserem Geist. Unser Geist führt Krieg gegen sich selbst, wir alle führen unseren eigenen kleinen Krieg. Wir erheben uns zwar und sagen: 'Beendet den Krieg!' Doch den Krieg, der sich in unseren Köpfen abspielt, haben wir noch nicht beendet.

Solange wir unsere inneren Konflikte nicht lösen, können wir Kriege nicht verhindern. Ein Krieg wird enden und ein anderer wird beginnen. Solange nicht jeder Mensch seine persönlichen Konflikte löst, sind Kriege unausweichlich, denn sie sind nichts als der kollektive Ausdruck all unserer individuellen Konflikte. Das Geistfeld einer Nation ist nichts anderes als die Gesamtsumme des Geistfeldes all der Individuen dieser Nation.

Erst wenn man den Zustand von samadhi erreicht, die Harmonisierung aller widerstreitenden Elemente, wird Frieden möglich. So lange man dieses Eine noch nicht gefunden hat, das ewig rein, ewig weise, ewig frei ist, gibt es weder Reinheit, noch Weisheit, noch Freiheit. Selbstverwirklichung, das wahre Selbst jenseits des Ego zu erkennen, ist die höchste Form der Individualität und zugleich die reinste Form der Selbstlosigkeit. Dann wird all das, was aus dem Ego auftaucht, bereinigt.

Wodurch entsteht Unfreiheit?

Doch dann stellt sich die Frage: wenn ich, das Selbst, ewig rein, ewig weise und ewig frei bin - woher ist dann die Unreinheit entstanden, die Unwissenheit, die Unfreiheit, dieses Gebundensein?

Es existiert weder Unreinheit, noch Unwissenheit, noch Bindung. Ich verleugne die Existenz von Dunkelheit, Dunkelheit ist keine Kraft. Dunkelheit ist nichts anderes als die Abwesenheit von Licht. Und eine Abwesenheit ist nicht existent. Die Dunkelheit in einem Raum kann ich nicht mit einem Besen hinausfegen. Ein Vakuum kann man nicht entfernen. Doch man kann es füllen. Dunkelheit ist die Abwesenheit von Licht. Die Gegenwart von Licht und Liebe vertreibt jede Dunkelheit.

Reinigung des Unterbewussten

Meditation bedeutet Reinigung - man reinigt das Unterbewusste. Ein reiner Kristall ist farblos. Stellt man ihn nahe zu einer gelben Lichtquelle oder einem gelben Vorhang, reflektiert er das gelbe Licht. Ist der Kristall dadurch gelb geworden? Er sieht nur gelb aus, doch er ist immer noch klar, rein und farblos.

Die Tatsache, dass er die gelbe Farbe annimmt, ist der Nachweis für seine Reinheit. Je reiner der Kristall ist, desto ungetrübter reflektiert er die Farben seines Umfelds.

Genauso sind alle Persönlichkeitsmerkmale, die man dem reinen Wesen überstülpt, nichts als Überlagerungen. Sie überdecken das reine Wesen, doch es selbst bleibt rein. Und in der Meditation erfährt sich dieses göttliche Wesen, dieses Bewusstsein, diese Lebenskraft als reine Lebenskraft, als reines Bewusstseinsprinzip. All die anderen Farben sind nur Reflektionen.

Der Geist ist ein Spiegel

Das wirft allerdings weitere Probleme auf. Was sieht man, wenn man in einen Spiegel blickt? Sieht man sich selbst, oder sieht man nach wie vor eine Reflektion? Ich hebe meine Augenbraue, das Spiegelbild ebenfalls. Was immer ich tue, macht auch die Reflektion im Spiegel. Doch es gibt zwei Dinge, die das Spiegelbild nicht kann. Ich bin mir seiner Existenz bewusst, umgekehrt ist es nicht so. Zweitens: es kopiert mich. Ich kann das Spiegelbild nicht kopieren, denn ich bin das Original.

Unser Geist ist ein Spiegel. Er ist die feinste Form materieller Energie und aufgrund dieser Feinheit kann er in gewissem Maß mit der Seele kommunizieren. Der Geist ist eine Art Botschafter zwischen Himmel und Erde, zwischen Erde und Himmel. Er ist wie eine Tür, die den Zugang zur spirituellen Welt verschließen oder auch öffnen kann.

Die materielle Essenz unseres Geistes ist derart subtil, rein und klar, dass sich das göttliche Wesen darin spiegelt. Dieses reine Prinzip verleiht dem Geist Lebenskraft und Bewusstseinskraft. Diese Lebenskraft und Bewusstseinskraft, die 'Ich bin', strahlt in alle Richtungen aus.

Das Licht, das der Spiegel reflektiert, ist eine Reflektion dieses ursprünglichen Lichtes. Wir haben also einerseits den Geist, und andererseits die reine Wesensnatur, stets unberührt, ewig rein, ewig weise, ewig frei. Jegliche Freiheit des Geistes entstammt dem reinen Wesen.

Das Selbst erkennt sein Gesicht im Spiegel des Geistes. Der Geist imitiert daraufhin das Selbst. Geist ist daher nur ein Schauspieler, er imitiert alles und nimmt verschiedene Rollen an. Diesen Teil des Geistes bezeichnet man als Persönlichkeit.

Das ursprüngliche Licht wieder entdecken

Doch durch all diese Reflektionen im Spiegel haben wir das ursprüngliches Licht vergessen. Dieses ursprüngliche Licht sollte man wiederfinden.

Beobachte all diese verschiedenen Schichten deiner Persönlichkeit. Und in der Meditation finde in diesen feinsten Bereich des Geistes. Dort entdeckst du dein wahres Selbst, wie es im Geist reflektiert. Dieses reine Wesen, das Selbst, besitzt dann vollständige Kontrolle über den Geist und alle andere Materie.

In der höchsten Meditation ist das reine Bewusstseinsprinzip wie ein Kristall, in dem nichts anderes mehr reflektiert als seine eigene Reinheit.

Fortsetzung: Leiden und Unwissenheit

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