Das menschliche Potential

Teil 2 der Serie 'Die Natur der Persönlichkeit' -
von Swami Veda Bharati


Der menschliche Geist ist gewohnheitsmäßig unruhig, das Denken geschieht völlig ungeordnet. Doch der Geist sollte sich entsprechend unserem Willen bewegen.

Wenn du dich niedergeschlagen fühlst, zeigt sich dann dein Wille und sagt: 'Genug jetzt! Komm schon, beweg dich, lächle, sei glücklich?' Wenn du lange geschlafen hast, aber noch immer lethargisch im Bett liegst - inwieweit setzt du hier deinen Wille mit ein? Kann er sich damit durchsetzen, dass du aufstehst und zu dir sagst: 'Ab unter die Dusche, mach ein paar asanas und meditiere!'

Dem Geist eine Ausrichtung geben

Gib deinem Geist eine Ausrichtung. Kannst du deinen Geist dazu bringen, nicht ständig auf das schmerzende Knie zu achten? Kannst du ihm mitteilen: 'Lass heute keine negativen Gedanken aufkommen - keine Gedanken von Eifersucht, oder von Hass, Ärger, Gewalt. Lass keine Gedanken der Frustration und Enttäuschung aufkommen.'

Wie häufig lenkt dein bewusstes Wollen den Geist? Wird dein Geist nicht von deinem Willen gelenkt, so handelst du nicht, sondern reagierst nur. Wie viele deiner Entscheidungen, wie viele deiner gesprochenen Worte entstehen tatsächlich auf der Basis deines bewussten und kontrollierten Wollens?

Kreativer Geist

Gewöhnlich leitet nicht dein Wille deine Augen zum Sehen an, sondern Sehen geschieht. Hörst du oder geschieht es einfach? Du hörst die Schallwellen die auf dein Innenohr treffen, doch du hörst nicht aufgrund einer bewussten Entscheidung. Und wie ist es mit den Gedanken? Denkst du bewusst oder kommen und gehen die Gedanken einfach ungeregelt? Wenn das Denken keine Ausrichtung hat, ist die Kreativität des menschlichen Geistes sehr begrenzt.

Es gibt nur sehr wenige Menschen wie Einstein und vermutlich nur einen Christus und nur einen Buddha. Doch hier hörst du, dass das gesamte Christusbewusstsein und die gesamte Erleuchtung des Buddha in dir präsent sind - und falls du nach etwas Geringerem als der Entwicklung dieses inneren Potentials strebst, so hast du dein Ziel zu niedrig gesteckt.

Du hast deine Ziele im Leben deshalb noch nicht erreicht, weil du noch nicht dein gesamtes menschliches Potential ausgeschöpft hast; weil du deinem Willen noch nicht die entsprechende Ausrichtung gegeben hast, damit der Geist kreativ und selbstverwirklicht, unabgelenkt und friedvoll ist.

Kreativ sein einerseits, unabgelenkt und friedvoll andererseits? Das klingt widersprüchlich. Doch nach meinem Verständnis kann Kreativität nur aus einem stillen Geist entstehen. Ein unruhiger Geist kann nicht kreativ sein. Nur ein Geist, der von innen her gelenkt wird, ist kreativ.

Ruhiger Geist

Als Vergleich: du stehst an einem See, der Vollmond scheint. Ein starker Wind weht, daher ist die Oberfläche des Sees unruhig. Aufgrund der vielen Wellen wird der Mond von der Oberfläche des Wassers nicht klar reflektiert. Nur wenn der See ruhig ist kann der Vollmond reflektiert werden. Dann wird auf der Wasseroberfläche sogar dein Gesicht klar gespiegelt und erkennst auch die Kieselsteine auf dem Grund des Sees.

In einem Geist, der die Stille eines ruhigen Sees erlangt hat, kann Kreativität zum Vorschein kommen und nur so kannst du dein gesamtes Potential entwickeln. Ohne irgendeine Bemühung steigt dann in dir etwas auf. Falls du malst, wird ein Bild entstehen, falls du dichtest, entsteht ein Gedicht. Und letztendlich wird sich das höchste Bewusstsein zeigen. Was es mit diesem 'höchsten Bewusstsein' auf sich hat, dazu kommen wir ein wenig später.

'Homo planlos' oder 'Homo sapiens'

Noch hat dein Geist die Gewohnheit, sich in alle möglichen Richtungen zu bewegen. Dein Atem ist noch nicht gleichmäßig, deine Bewegungen sind noch nicht reguliert, und auch dein Geist ist noch ungeregelt aktiv. Wenn ich jetzt für 5 Minuten aufhören würde zu sprechen: was würde sich in Deinem Geist abspielen, womit würde er sich beschäftigen, wäre er wirklich kreativ?

Die Spezies, zu der wir gehören, bezeichne ich als 'Homo Planlos' - zufällige Gedanken, ungeregelte Atmung, planlose Bewegungen. Alles, was immer sich als Kreativität, innerer Frieden und Ruhe zeigt, entsteht nur zufällig.

Wir alle empfinden eine gewisse Inhaltslosigkeit, denn wir sind von Vollständigkeit noch weit entfernt. Wir alle erkennen in uns eine gewisse Unvollkommenheit und Unvollständigkeit, eine Art geistige Leere.

Jener Teil von uns, der im Bauch zuhause ist, sagt beispielsweise: 'Ich bin leer'. Daher füllen wir den Magen in der Hoffnung, dass dadurch der Geist gefüllt wird. Doch diese Nahrung kann den Geist nicht wirklich füllen. Und da wir nicht wissen, wie bzw. womit wir ihn wirklich füllen können, füllen wir weiterhin nur unseren Magen.

Aus seinem inneren Zentrum handeln

Meditation ist eine Möglichkeit, ein inneres Zentrum in sich zu finden, von dem aus man bewusst nach außen geht und handelt - und dabei weiß: 'Dies bin ich, so'ham.'

Wenn ich sage: 'Ich' - woher entsteht dieser Gedanke 'Ich'? Schau nach innen und suche nach diesem Wesen, das du als 'Ich' bezeichnest. Sobald du es wiedererkennst, die Quelle allen Lichts im Universum, die Quelle allen Friedens und der Stille, dann erkennst du auch, 'Ich bin. Ich bin dies - so'ham.'

Veränderung geschieht allmählich

Wenn man mit Meditationspraxis beginnt, wird man als erstes bemerken, dass sich die gesamte Lebensweise ein wenig verändert.

Wenn du heute Abend nach Hause kommst, schau in welcher Ecke deiner Wohnung du dich am meisten in Harmonie und Frieden fühlst. Richte dir an diesem Platz einen bequemen und stabilen Sitz ein. Wenigstens einmal täglich führe dort deine Meditation durch. Als ein Anfang probiere es drei Monate lang aus - mit der Einstellung eines Forschers.

Falls du dann meinst, 'Nichts tut sich. Drei Monate lang habe ich es nun versucht. Wann werde ich erleuchtet?' Die Veränderungen, die sich in deiner Persönlichkeit einstellen, sind immer unmerklich, doch ständig finden sie statt. Absolut nichts in der Welt ist statisch, nicht einmal für den Bruchteil einer Sekunde. Selbst der Teppich, auf dem du sitzt, verändert sich in jedem Moment.

Der innere Zeuge

Man sollte lernen, zu beobachten - Zeuge seiner eigenen Handlungen zu sein. Diesen Ausdruck, Zeuge, benutzt man in der Philosophie der Meditation. Ein Bereich deines Geistes beobachtet, wie sich deine Hand bewegt. Dieser Bereich deines Geistes beobachtet die geäußerten Worte, er beobachtet, wie die Augen die Welt sehen. Kannst du dich selber beobachten beim Sehen, beim Hören? Du meinst: 'Aber ja, ich höre doch zu.' Doch wie findet der Prozess des Hörens statt? Beobachte dich beim Entscheiden, beim Bewegen, im Handeln. Sei einfach Zeuge. Dadurch findest du in einen Zustand höherer Bewusstheit verglichen mit deinem gewöhnlichen Bewusstseinszustand.

Swami Rama kommt manchmal hierher. Er wird immer wieder gefragt: 'Nichts passiert in meiner Meditation. Ich mache keine Erfahrungen.'
Er fragt dann: 'Seit wann meditierst du?' - 'Seit sechs Monaten.' - 'Und wie lange sitzt du?' - '30 Minuten.' - 'Sitzt du ruhig und gesammelt?' - 'Ja, mehr oder weniger.'
'Sag, wenn vor sechs Monaten jemand zu dir gesagt hätte: sitze für 30 Minuten ruhig und gesammelt, hättest du das gekonnt?' -'Nein' - 'Wie kannst du also meinen, dass nichts passiert? Du bist zumindest in der Lage, für 30 Minuten still zu sitzen. Wenn dein Körper 30 Minuten lang ruhig sitzen kann, so bedeutet das, dass auch dein Geist zu mehr Ruhe findet. Es tut sich also etwas.'

Wahre Freude findet man in der Stille

Dieser sprunghafte Geist verändert sich ständig, fortlaufend bewegt er sich zu anderen Inhalten. Wenn dieser schwankende Geist zur Ruhe findet, gibt es kein größeres Vergnügen, keine größere Freude als diese Stille des Geistes. Wenn du an wahrer Freude interessiert bist, solltest du lernen, wie der Geist in diese Stille findet.

Manche bezeichnen es als Frieden. Manche nennen es Freude, manche Licht. Das alles sind Synonyme für Meditation. Ist der Geist frei von Dingen, die ihn beschäftigen, entsteht Vollständigkeit - vollständiges Bewusstsein.

Die Yoga-Philosophie definiert Vergnügen oder Freude als Konzentration. Worauf immer man sich konzentriert, ist etwas Vergnügliches. Das, wovon man sich abwendet, ist Schmerz.

Ausrichtung auf den Atem

Meditation gibt deinem Geist und deinem Atem eine Ausrichtung. Vom Moment deiner Geburt an bis zu deinem Tod atmest du. Wie oft in deinem Leben hast du deinen Atem beobachtet? Nimmst Du Deinen Atem wahr?

So ist beispielsweise der Atemfluss in einer Nasenöffnung aktiver als in der anderen. Beobachte und spüre deinen Atem - du wirst herausfinden, dass eine Nasenöffnung aktiver ist als die andere. In 2 Stunden wird die andere Seite aktiver sein. Gewöhnlich wechselt die aktive Seite alle 2 Stunden, außer man ist sehr müde und führt ein sehr unregelmäßiges Leben. Und nur sehr selten sind beide Nasenöffnungen gleich aktiv - so z.B. bei einem plötzlichen Schrecken, einem Schock und im Moment des Orgasmus. Doch auch im Zustand der höchsten Meditation sind beide Nasenöffnungen für einen langen Zeitraum gleich aktiv.

Von dem abgesehen leben wir in einer Welt der Gegensätze. Da gibt es links und rechts, richtig und falsch, angenehm und unangenehm. Da gibt es immer Vorlieben, Auf und Ab. Im persönlichen Leben gibt es nicht einen Moment, in dem wirklich alles ruhig und frei von Gegensätzen fließt. Gemäß der Yogaphilosophie ist das Merkmal perfekter Meditation - wie die eines Christus, Buddha oder Krishna, dass sie völlig frei von Gegensätzen ist. In wahrer Meditation gibt es keine Gegensätze und Konflikte, rechts und links sind gleich - man ist jenseits aller Gegensätze und Dualitäten.

Begrenztes und unbegrenztes Bewusstsein

Beschäftigt man sich mit dem Thema Meditation, so beschäftigt man sich mit dem unbegrenzten Bewusstsein. Unser Bewusstsein kennt keine Grenzen. Das Universum ist begrenzt, das Bewusstsein ist unbegrenzt - 'so'ham - ich bin dieses Bewusstsein'. Nicht 'ich bin lebendig' - ich bin vielmehr die Lebenskraft, die in diesem Körper für eine bestimmte Zeit wohnt. Nicht 'ich bin bewusst' - ich bin die Bewusstseinskraft. Ich bin das Prinzip, die Kraft, das Energiefeld bezeichnet als Bewusstsein. Daher bin ich eine Ausstrahlung des göttlichen Bewusstseins - daher bin ich immer rein, immer weise, immer frei. Wenn ich das erkenne, so bin ich rein, weise, frei und erleuchtet. Durch diese Erfahrung der wahren Wesensnatur in der Meditation erreicht man den Punkt, an dem es keine äußeren Reize, keine Objekte und keine Begrenzungen mehr gibt.

Jedes Objekt an das man denkt, erzeugt eine Begrenzung. In der Meditation ist man frei davon - man ist ein Wesen voller Leben, ein Lichtwesen, ein Wesen reinen Bewusstseins. Irgendwo auf unserem Weg haben wir begonnen, uns mit diesem Instrument zu identifizieren und zu glauben: 'Ich bin dieser Körper - und jenseits dieses Körpers gibt es mich nicht.'

Wenn sich dein Körper verletzt, sagst du daher 'Ich bin verletzt'. Wenn der Körper hungrig ist, 'Ich bin hungrig'. Doch dieses innerste 'Ich', dieses 'so-ham Ich', ist niemals hungrig oder durstig, niemals jung oder alt; es ist niemals geboren und wird niemals sterben. Es hat keinen Namen, keine Form oder Gestalt. Es kann von nichts beeinträchtigt werden und es bindet sich an nichts. Es ist von nichts getrennt. Es ist Vollständigkeit - in Vollständigkeit. Und ein meditativer Mensch, ein Meister, der in der Welt lebt, lebt in dieser Welt der Freude, die wir gewöhnlichen Menschen nicht kennen. Diese Welt der Freude ist weit jenseits von aller Freude, die wir uns vorstellen können.

Fortsetzung: So'ham - Dies bin Ich

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