Shri-vidya

Eine erste Einführung
von Swami Veda Bharati


Dieser Beitrag ist eine Übersetzung von Swami Vedas Schrift 'Shri-vidya'.
Diese Version ist erstellt aus zwei Schriften Swami Veda's über Shri-vidya.
Beide Texte wurden 2011 in einer neuen Edition zusammengefasst.
Quelle: swamivedablog.org
Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung von Ahymsin Publishers / Himalayan Yoga Publications Trust (HYPT)

Shri in traditioneller Kultur

Von den spirituell Suchenden Indiens und den Freunden des Yoga wird Shri-vidya oftmals als eine geheimnisvolle Reihe von Philosophien und Praktiken bezeichnet. Es gibt zahlreiche alte und sehr komplexe Sanskrit-Texte über Shri-vidya, die verschiedene Strömungen dieser Wissenschaft darlegen. Es gibt auch eine Anzahl von Werken in Hindi, Tamil, Englisch, Französisch und andere Sprachen, einige von ihnen sind sehr fundiert. Doch allein durch das Lesen dieser alten und modernen Ressourcen wird man nicht die Tiefe dieses Wissens erfassen können. Es ist die Absicht, hier eine elementare Einführung zu präsentieren, verfasst aus dem Blickwinkel eines Praktizierenden des dhyana-yoga (Yoga der Meditation).

Was ist Shri-vidya? Diese Frage möchte ich in der einzig möglichen Weise beantworten, auf Umwegen. Am Ende diese Abhandlung bekommen Sie hoffentlich eine Idee davon, wie Ihre Art des Denkens sich verändern muss, bevor Shri-vidya verstanden werden kann - die Wissenschaft von Shri - die göttliche Wissenschaft des Universums.

Zuerst: definieren bedeutet begrenzen. Wir müssen über den Bereich unserer Definitionen hinausgehen. Wer 'fuzzy logic' (unscharfe Logik) oder die Chaos-Theorie zu schätzen weiß, kann in etwa verstehen was es bedeutet, über offensichtliche Logik hinauszugehen und etwas allumfassend und alles einbeziehend zu erfassen. Darin ist die Ordnung nicht so einfach sichtbar, nicht so leicht erkennbar wie in wohldefinierten Lehrsätzen oder auf unumstößlicher Logik basierenden Aussagen wie 'S' ist 'P' oder 'S' ist nicht 'P'. Shri-vidya - die Wissenschaft von Shri - die göttliche Wissenschaft des Universums, funktioniert anders.

Das Konzept von Shri prägt direkt oder indirekt die gesamte Zivilisation der Hindus, Buddhisten, Jainas - häufig in kleinen Abschnitten. Jedoch selbst in dieser Region alter Zivilisationen versteht mit Ausnahme einer Handvoll Leute niemand was Shri-vidya wirklich ist, denn Shri-vidya zu studieren ist nicht dasselbe wie das Beherrschen einer der Wissenschaftszweige. Es geht um Meisterung seines eigenen Selbst. Es ist Gottes Wissenschaft der Selbsterkenntnis, genau jener Selbsterkenntnis, durch die SIE, das Göttliche in uns, sich selbst erkennt.

Bali, eine der Inseln Indonesiens, gehört zu den Ländern, in denen das Wort 'Shri' sehr populär ist. Die in alter Zeit aus Indien stammenden Rishis (die Weisen, durch die viele Wissenschaften offenbart und begründet wurden) überquerten den Ozean und begründeten die heute alten Zivilisationen. Auf Bali hört man häufig von 'Bhu Devi' und 'Shri Devi'. 'Bhu Devi' ist die Gottheit, die die Erde ist. Ich habe an anderer Stelle über das 'Gaia'-Konzept gesprochen, heutzutage sehr bekannt. Es steht in Beziehung mit dem Sanskrit-Begriff 'Gauh', wovon auch das Hindi-Wort 'gaiyaa' abstammt. 'Shri Devi', die Muttergottheit des Wohlstands. Nein, nicht Wohlstand, sondern Wachstum. Nein, ich spiele den modernen Anthropologen: Fruchtbarkeit, jetzt ist es richtig! Ist es leider nicht.

Es geht darum, sich selbst neu zu definieren. 

Um die alten östlichen Wissenschaften zu verstehen, müssen wir einige der populären Definitionen vergessen lernen, wie sie in den höheren Kreisen der Gelehrten moderner Systeme ausgeprägt werden. Man kann erst aus den reduktionistischen Wissenschaftsschulen heraus- und in die ganzheitliche Wissenschaft hineinfinden, wenn man aus den Begrenzungen dieser Definitionen aussteigt. Es geht darum, sich selbst neu zu definieren. Indem du dich neu definierst, definierst du das neu, was dein Selbst weiß, zu wissen wünscht, wissen wird, ebenso wie die Saat dieses Wissens und die Grundlage dessen, was wir zu wissen wünschen bzw. wissen, beides. Im Selbst zu sein, innerhalb dessen all diese Arten des Wissens auftauchen, ist eines der grundlegenden Prinzipien des Shri-vidya.

Und was 'Shri Devi' angeht: in jedem Reisfeld Bali's steht ein kleiner Schrein, der Shri Devi gewidmet ist, durch deren Präsenz der Reis wächst. Nun, das ist offensichtlich ein Fruchtbarkeitskult, sagen die Experten westlicher Zivilisationen (die allwissend ist und alle Kenntnis besitzt darüber, was Leute denken und fühlen, und wie sie in äußerst unwissenschaftlicher Weise all diese abergläubischen Ansichten entwickeln, wie jene, dass eine Göttin den Reis wachsen lässt!). Jedes Dorf auf Bali hat seine Priester, die die entsprechenden Rituale durchführen. Es gibt für die Insel Bali einen Hauptpriester, der mittels Methoden innerer Koordination das gesamte Landwirtschaftskonzept der Insel festlegt: zu welchem Zeitpunkt die Bewohner verschiedener Regionen anpflanzen sollten, wann sie bewässern sollten, wann sie ernten sollten etc. Doch dann kommt die Weltbank und der Internationale Währungsfond samt all den großen Wissenschaftlern der Welt, die diese rückständigen Leute aus ihren unwissenschaftlichen, priesterlich-abergläubischen Ansichten befreien wollen, um erforschte landwirtschaftliche Modelle einzuführen, durch die der Anbau verbessert werden kann. (Das ist in vielen Gesellschaften so geschehen, wodurch das gesamte etablierte Gefüge zerstört und die Auslöschung der breiten Vielfalt lebender Dinge durch diese 'wissenschaftlichen' Methoden nahezu sichergestellt wurde.)

Es gibt einige Soziologen und Wissenschaftler, die eine Ausnahme darstellen und die alte Weisheit respektieren. Sie entwickelten ein Computermodell, um die Frage zu beantworten, wie man in verschiedenen Gegenden und Topographien der Insel das Anpflanzen, die Bewässerung und die Ernte zur jeweils richtigen Zeit am Besten gewährleisten kann. Es stellte sich heraus, dass diese so entwickelten Modelle nahezu exakt mit dem übereinstimmten, was die Hauptpriester der Bhu Devi und Shri Devi in den vergangenen zehn oder zwanzig Jahrhunderten getan haben, um das gesamte Land in landwirtschaftlichen Angelegenheiten anzuleiten. Details darüber findet man in Stephen Lansing's Buch 'Priests and Programmers: Technologies of Power in the Engineered Landscape of Bali' (Princeton University Press, 1991).

Es ist ermutigend zu erleben, dass jemand den Versuch unternommen hat, die Herangehensweise jener nachzuvollziehen, die die Landwirtschaft eines Landes durch intuitiv erfasste wissenschaftliche Methoden planen. Nicht durch reines Vermuten, Intuition ist kein bloßes Vermuten. Dieser Trend in Ost und West, Intuition mit Mutmaßung gleichzusetzen, sollte berichtigt werden. Shri-vidya ist die Wissenschaft der intuitiven Meisterschaft exakter Wissenschaften.

So wie man in den westlichen Ländern die Anrede Herr oder Frau verwenden, ist in Indien der allgemeine Ausdruck für einen Mann Shriman, für eine Frau Shrimati, für eine unverheiratete Frau Su-Shri und so weiter. Der Name der Königin von Thailand, Sirikit, stammt von dem Sanskritbegriff Shrikirti, die 'Herrlichkeit von Shri'. So tragen also alle 1,3 Milliarden Inder den Titel Shri, Shriman, Shrimati, Su-Shri - jemand, der mit Shri ausgestattet ist. In alter Zeit war dieser Titel reserviert für jene, die in Shri-vidya eingeweiht waren, in denen also die göttliche Herrlichkeit des Universums ihren Wohnsitz gefunden hat, für jene, die ausgestattet sind mit dem Wissen, erfüllt von der Energie und der Energie  und Intuition der Mutter Shri. Der grundlegende Text des Shri-vidya besagt: jemand, der Mutter Shri erkennt und versteht, kann niemals zum Waisen werden. Wenn in den rituellen Zeremonien der indischen Tradition geheiligtes Wasser getrunken wird, sagt man:

'Mayi Shrih Shrayataam' - Möge Shri in mir wohnen.

Der Sanskritbegriff für 'Zuflucht' ist 'ashraya' - eins mit Shri zu sein.

'Mögen viele Zuflucht bei mir suchen, möge ich Zuflucht bei niemandem suchen.'

So lautet das Gebet jener, die diese Fähigkeit des Zuflucht Gebens zu entwickeln wünschen. Die Kapazität des Zuflucht Gebens ist Shri. Shri-vidya könnte daher übersetzt werden als die Wissenschaft der Kapazitäten, Fähigkeiten, Potentiale, die Wissenschaft der Möglichkeiten.

Was ist Shri-vidya

Eines der wichtigsten Shri-vidya Prinzipien besagt, dass das individuelle Selbst niemals von den universellen Prinzipien getrennt sein kann. Um die allgemeinen, universellen Prinzipien irgendeiner Wissenschaft zu studieren, muss man zuerst sich selbst studieren. Diese Prinzipien sollten zuerst auf sich selbst angewendet werden, d.h. man kann weder Physik oder Chemie studieren, ohne zuvor sich selbst zu erforschen. Das macht für das herkömmliche Studium der Physik oder Chemie wenig Sinn, doch wie ist es mit Biochemie? Es gibt eine Beziehung zwischen dem, was man allgemein als sein individuelles Selbst ansieht, diesem Körper, und den Bestandteilen dieser Welt. Zumindest kann man die Verbindung erkennen zwischen dem Geschehen in dir selbst mit dem im Reagenzglas. Ohne diese Verbindung zu verstehen, gibt es weder Biochemie noch Pharmakologie. Shri-vidya ist also die Wissenschaft der Verbindungen zwischen dir selbst und dem Universum. Diese 'Verbindungen'  werden nicht dadurch erkannt, dass man neue Definitionen oder Forschungsberichte darüber präsentiert, sondern durch das Internalisieren dieser Prinzipien und durch Angleichung des Universums und seiner selbst durch den Prozess der Konzentration, Kontemplation und Meditation.

Shri-vidya ist also die göttliche Wissenschaft des Universums. Ich wiederhole hier, was oft in Darlegungen über Shri-vidya gelehrt wird. Die göttliche Energie, Kapazität, Potentialität ist dreifach:
Iccha, Jnana, Kriya. Es sind drei shaktis (Energien): Iccha-shakti, Jnana-shakti, Kriya-shakti - die Energie des 'Willens', die Energie der 'Erkenntnis', die Energie der 'Handlung'.

Wodurch du dich als Selbst erkennst;
wodurch du das Selbst, das göttlich ist, erkennst;
wodurch du dich als das Universum, das göttlich ist, das im Göttlichen ist, erkennst.
Im Göttlichen, das das Universum ist,
das Göttliche, das im Universum ist,
das Göttliche, das in dir ist,
das Göttliche, das du bist.

Diese Sätze sollten nicht als eine Abfolge verstanden werden. Ist man von einer Abfolge von Gedanken abhängig, wird man niemals jene Erkenntnis erreichen, die in den Yoga-sutras als 'a-krama' bezeichnet wird, Erkenntnis frei von Aufeinanderfolge. Es ist ein simultanes Aufblitzen des Lichts, von Wahrheit, als eine Erkenntnis, in der diese Prinzipien nicht in einer logischen Abfolge studiert werden, nicht durch einen intellektuellen Prozess. Vielmehr scheint alles davon in einer einzigen blitzartigen Erkenntnis auf (siehe Yoga-sutras III.54).1

Wenn ein Yogi diese göttliche Wissenschaft des Erschaffens, des Erhaltens und der Auflösung durch die Kräfte des Willens, der Erkenntnis und der Handlung absorbiert, assimiliert und vollständig realisiert, dann ist er/sie Meister des Shri-vidya. Doch selbst diese Worte bilden eine Abfolge, da Sprache hier versagt.

Weiter: Shri-vidya ist die Wissenschaft der Energiefelder - der Energiefelder des physikalischen Universums und der Energiefelder des metaphysischen Universums; diese beiden können nicht klar voneinander unterschieden werden. Sie enthalten:

  • nicht-empfindungsfähige Energiefelder,
  • empfindungsfähige Energiefelder,
  • Energiefelder, die sich selbst als empfindungsfähig erkennen,
  • Energiefelder, die sich selbst nicht als seiend erkennen oder deren Grad der Erkenntnis in gewissem Maß eingeschränkt ist.

Wenn man diese Energiefelder als Teile eines einzigen assimilierten Gesamten erkennt, beginnt man, Shri-vidya zu verstehen. Dann beginnt man zu verstehen, dass

  • der Mikrokosmus und der Makrokosmos, pinda und brahmanda,
  • die Gestalt und Form einerseits, sowie linga, dein subtiler Körper andererseits,
  • dein wirkendes Selbst sowie das göttliche Ei - das Ei, das dieses Universum ist,
  • all dies und vieles mehr,

nicht voneinander getrennt sind.

Schöpfungsmythen

Ein Artikel im Newsweek Magazine (Ausgabe vom 4. Mai 1992) mit der Überschrift 'Die Handschrift Gottes' beginnt mit diesen Worten:

'Es mangelt nicht an Schöpfungsmythen, vom Vogelgott der Osterinsel, der ein Weltenei legt,
bis zu den sechs Tagen der Schöpfung im alten Testament.'

Diese Vorstellung des Universums als Ei ist für die indische Tradition der Kosmologie elementar. Häufig ist die Form des 'linga' (das Zeichen der Präsenz des Lichts), das in den Tempeln Indiens verehrt wird, mehr oder weniger oval. Er repräsentiert das Universum, das sich innerhalb eines eiförmigen Raumes ausdehnt. Lässt man den menschlichen physischen Körper beiseite, bleibt allein das Oval des Lichts.

Shri-vidya beginnt dort, wo die Quantenphysik endet. Die heutigen Wissenschaftsphilosophen sind in einer Sackgasse gelandet und scheinen nicht zu wissen, wohin sie sich weiterbewegen sollen, denn sie sind mit Rätseln, mit majestätischen Koans konfrontiert - den Mysterien des Universums.

Als Wegweiser in diesen Fragen verweist uns Shri-vidya auf den 'Moment' der Schöpfung, auf den Punkt des Beginns des Universums. Die Wissenschaft und Philosophie des Shri-vidya, wie in den Tantras dargelegt, sieht den Beginn des Universums in einem 'jyotir-bindu' (auch: 'tejo-bindu'), einem unendlich kleinen Lichtpunkt, der explodiert und sich ausdehnt. Dieser unendlich kleine Lichtpunkt ist zugleich 'nada-bindu', der Punkt des Klanges. Unendlich klein, da 'Raum' noch nicht entstanden ist. Daher hat dieser Lichtpunkt keine Position, denn alle Positionen sind innerhalb des Raums.

Die Frage, wo dieser Lichtpunkt war oder ist, ist daher wie die Frage, was mit der Seele nach dem Tod geschieht, wohin sie geht. Nun, wohin geht sie? Wohin kann sie denn gehen? Wir sprechen über die Seele, als wäre sie etwas, das in Raum und Zeit begrenzt ist; daher sprechen wir von 'nach dem Tod' und 'vor der Geburt' und von der Seele, die zu irgendeinem Ort geht, als hätte sie einen Reisepass zu den Galaxien oder etwas derartiges. 'Was geschieht nach dem Tod?', 'Was geschieht vor der Geburt?' - dies sind unzutreffende Fragen. Wir sind allerdings derart konditioniert darauf, innerhalb von Raum zu existieren, dass wir uns keine Bedingung vorstellen können, in der Raum noch nicht entstanden ist. Bezieht man sich auf die Frage, wo dieser Lichtpunkt ist oder war, der nach Ansicht einiger in einem 'Big Bang' explodiert - diese Frage nach dem 'wo' kann nicht entstehen. Denn wenn das Universum noch nicht entstanden ist, ist auch noch kein Raum entstanden. Ich versuche hier nicht, einen Ausgleich zwischen moderner Wissenschaft und alten Traditionen herzustellen. Ich verwende hier allein die Terminologie alter Zeit.

An anderer Stelle habe ich die Herkunft des Wortes 'bindu' aufgezeigt - das, was man durchbrechen muss; das, was explodieren muss; das, was bersten muss; und, ich wiederhole, das was man durchbrechen muss. Dies ist die Bedeutung des Wortes 'Punkt'. Es ist verwandt bzw. abgeleitet vom Wort 'bindu'. Das Wort 'bindu' stammt von der Verbwurzel 'bhid' oder 'bhind' - bersten, durchbrechen. Es bedeutet explodieren, wie die Explosion eines Atoms. Man durchbricht das atomare Partikel und erreicht die nächste Dimension der Energie.

Unter den vielen Upanishaden (die frühen Quellen der 'inneren' oder 'mystischen' Lehren) findet man vier Upanishaden, in deren Titel man das Wort 'bindu' findet:

  • Brahma-bindu upanishad - die Upanishad von Brahman als bindu - oder Brahman als Punkt; das große transzendente 'Sein' als der Punkt
  • Tejo-bindu upanishad - der 'Punkt des Glanzes' oder 'Punkt des Lichts' Upanishad
  • Nada-bindu upanishad - die 'Punkt des Klanges' Upanishad
  • Dhyana-bindu upanishad - die Upanishad des 'Punktes der Meditation'.

Kommst du auf den Punkt?

Hier noch einmal: verstehe diese Sätze, 'Punkt des Lichts', 'Punkt des Klanges', 'Licht als Punkt', 'Klang als Punkt', 'Meditation als Punkt' oder 'Punkt der Meditation, 'Brahman als Punkt' oder 'Punkt des Brahman', nicht als Abfolge. Bevor du nicht aufhörst, in Abfolgen zu denken, kannst du die Verbindungen nicht erkennen. Du kannst den zentralen Punkt nicht verstehen, den bindu, um den Shri-yantra, das psycho-kosmische Diagramm von Shri, sich aufbaut.

Gibt es kein Denken in Abfolgen mehr, ist jyotir-bindu, jener Lichtpunkt, der das Licht ist, zugleich nada-bindu, der Punkt des Klanges. Daher der 'Big Bang', der aus dem Lichtpunkt hervorgeht. In unserer Tradition wird gelehrt, dass nada und jyoti, Klang und Licht, eines sind. Das Licht erzeugt den Klang, der Klang erzeugt das Licht. In meinem Buch 'Blessings' habe ich das so formuliert:

Mögest du das Licht sehen, das auf seinem Weg durch den Raum den Klang hervorbringt.
Mögest du den Klang hören, der auf seinem Weg durch den Raum das Licht hervorbringt.

So ist die Explosion des Lichts, die Explosion des Klangs wie auch die Explosion dessen, was später als 'Materie' im Raum bezeichnet wird, ein und dasselbe. Das alte System des Tantra sagt aus, dass Raum selbst mit Klang und Licht identisch ist. Diese im Raum auftretenden Wellen werden zu den 'Winden des Universums'. Diese 'Winde' werden zu den galaktischen und solaren Formen, zu 'Feuerwelten', die später zu 'Erd-' und 'Wasserwelten' werden. Auf diese Weise werden die ananta-koti-brahmandas geformt, unzählbare Billionen von Universen.

Ich habe einen anderen Artikel vorliegen aus dem Asia Week Magazine, Asiens Gegenstück zu Newsweek und Time, vom 8. Mai 1992. Die Überschrift des Artikels lautet 'Wellen im Wind'. Auf Seite 26 heißt es:

'Jede Kultur hat ihre Schöpfungsmythen. Bis man es durch ein Teleskop sieht, ist es ein Mythos. Doch du kannst diesen Lichtpunkt, von dem die heutigen Theoretiker sagen, er sei explodiert und zum Universum geworden, nicht sehen. Wenn du ihn nicht sehen kannst, muss es ebenfalls ein Mythos sein.'

Nun, wo zieht man die Linie zwischen Wirklichkeit und Mythos? Der Artikel fährt fort:

'Jede Kultur hat ihre Schöpfungsmythen. Die alten Tibeter glaubten, dass am Anfang eine große Leere war, ohne Ursache und ohne Ende. Daraus stiegen schwache Winde auf, die über die Äonen stärker wurden und letztlich die Welt formten. Die moderne Wissenschaft hat ihre eigenen Schöpfungsmythen, die sie als Big-Bang-Theorie bezeichnen. Wie die tibetische Legende geht sie davon aus, dass am Anfang eine große Leerheit war. Dann, vor 15 Milliarden Jahren, schleuderte eine kataklysmische Explosion Materie in alle Richtungen, aus der schließlich die Planeten und Sterne entstanden. Die meisten Wissenschaftler wären aufgebracht zu hören, dass die Big-Bang-Theorie als Mythos beschrieben wird. Für sie ist es eine seriöse Theorie, gestützt durch Beobachtung, Berechnung und der ganzen Palette wissenschaftlichen Denkens.'

'Jetzt ist ihre Neugier entfacht durch die Entdeckung von Materiewellen. Sie sagen, dass es ihre Theorie bestätigt und das Entstehen von Sternen und Galaxien besser erklärt. Diese riesigen Wellen werden von Wissenschaftlern als 'zarte Materiewolken' beschrieben, die vom Big Bang in Bewegung gesetzt wurden und sich seither ausbreiten. Die Wissenschaftler sind berechtigterweise stolz darauf, dass ihre hochentwickelten und teuren Instrumente ihnen ermöglicht haben, Echos dieser Wellen über Milliarden von Lichtjahren Entfernung im Raum aufzuzeichnen. Ihre Schlussfolgerung weist keine großen Unterschiede von jener der alten Tibeter auf.'

Ein Hurra auf den Herausgeber. Ich hätte es nicht besser ausdrücken können. So weit, so gut; doch nicht ganz so gut. Die Frage betrifft nicht nur den Ursprung des Universums und seine Ausdehnung, sondern auch die Frage des Bewusstseins. Woher kommt 'Bewusstsein'? Können wir in einem Forschungslabor 'Bewusstsein' erzeugen? Auch hier: solange wir keinen ganzheitlichen, 'assimilierenden' Standpunkt einnehmen können, können wir diese Frage nicht beantworten.

Tantra geht davon aus, dass die ursprüngliche Energie dieses ersten Lichtpunkts 'bewusste' Energie ist - jene Kraft, die Bewusstsein ist. 

Tantra ist die Erweiterung und Erläuterung des Shri-vidya. Tantra geht davon aus, dass die ursprüngliche Energie dieses ersten Lichtpunkts 'bewusste' Energie ist - jene Kraft, die Bewusstsein ist. Bewusstsein entsteht also nicht irgendwo im Prozess der Ausdehnung, wenn all die Chemikalien gebildet sind und dann interagieren.

Die Tantras nehmen sogar an, dass der Prozess der Schöpfung einen Vorgang der Einschränkung dieses ursprünglichen Bewusstseins darstellt. Es gibt also keinen evolutionären Prozess des Bewusstseins, es handelt sich vielmehr um eine Devolution des Bewusstseins. Die unbegrenzte Macht des 'Einen' jenseits von Raum und Zeit wird auf begrenzte, in Raum und Zeit gebundene Kräfte und Formen reduziert. Da dieser Schöpfungsvorgang ein Prozess der Devolution ist, ein Prozess der Reduktion und Verteilung von Kraft (Macht), verfügt er über eine 'immanente Entropie' (ein bekanntes Prinzip der modernen Wissenschaft). Alles bewegt sich auf diese Entropie zu, antaka, das Prinzip des Ausgleichs bzw. der Auflösung.

Eine der entscheidenden Fragen der modernen Wissenschaftsphilosophie ist: wird dieses Universum sich weiterhin ausdehnen? Was wird mit ihm geschehen? Wohin oder in was dehnt es sich aus?

So wie die Frage nach dem 'Wo war der Punkt des Lichts?' bedeutungslos ist, weil das 'wo' sich auf einen Punkt im Raum bezieht, doch Raum ist noch nicht entstanden, so ist die Frage 'Wohin dehnt sich das Universum aus?' genauso bedeutungslos. Denn wenn das Universum nicht existiert, gibt es kein solches 'wo' oder 'dort'. Damit etwas als 'dort' bezeichnet werden kann, braucht es eine existierende Beziehung von Zeit, Raum und Punkten im Raum. Eine solche Frage entsteht nicht in der elementaren Philosophie. Durch Ausdehnung erzeugt das Universum 'Raum'; es ist nicht so, dass sich in eine Art vorhandenen 'leeren Raum' ausdehnt.

In diese Zusammenhang ist das Konzept der 'Leerheit' eines der wichtigsten philosophischen Prinzipien. Es ist dasselbe Prinzip, shunya, das die Buddhisten als 'Höchste Wirklichkeit' bezeichnen.  Es ist dasselbe Prinzip, von dem die indische Zivilisation das Konzept der 'Null' abgeleitet hat. Der Begriff 'shunya' ist auch heute noch die allgemeine Bezeichnung für die Null an indischen Schulen. Dieses shunya ist nicht einfach ein Nichts; es ist jene Leere, die alle Leere aufhebt. Shunya ist die Leerheit, die die 'Höchste Wirklichkeit' ist.

Die alte indische Philosophie der Physik, Vaisheshika, spricht von akuñcana und prasarana, Kontraktion und Ausdehnung als miteinander verbundenen Prinzipien. Die Sanskrit-Texte, die im 6. bis 7. Jahrhundert (v.C.) die Anziehung der Gravitation und die darin enthaltenen grundlegenden Prinzipien diskutierten, besaßen nicht die Technologie, um sie zu messen. Doch in dieser Diskussion haben sie sich auch mit der Frage der Anziehung und Kontraktion, wie auch der zentripetalen und zentrifugalen Kräfte auseinander gesetzt. Sie fanden zu ihrer Zeit zu dem Schluss, dass das kleinste atomare Partikel einfach nur ein Punkt im Raum sein muss. Das bringt uns zurück zu bindu, dem Punkt im Zentrum des Raumes.

Wir diskutieren hier den bindu, den Punkt im Zentrum von Shri-yantra, dem Punkt, von dem aus die Ausdehnung in einen Kreis oder ein Dreieck entsteht und in den der Kreis sich wieder zusammenzieht. Von meinem begrenzten Verständnis tantrischer Prinzipien her würde ich die modernen Wissenschaftsphilosophen gerne dazu anzuregen, in ihren theoretischen Auseinandersetzungen nicht mehr so 'einseitig ausgerichtet' zu denken. Die Vorstellung, dass die Ausdehnung des Universums in eine Art 'leeren Raum' hinein erfolgt, sollte aufgegeben werden. Sie können bis heute nicht das Vorhandensein jenes 'Raumes' außerhalb des Universums nachweisen. Stattdessen sollten die 'Winde im Raum' (vayu), von denen die alten Weisen sprachen, viel genauer betrachtet werden. Nochmals, es heißt, dass Licht und Klang eines sind, Klang und Licht sind eines. Die Frage nach dem 'wo' der Existenz dieses ursprünglichen Lichtpunkts vor der Schöpfung und nach der letztendlichen Auflösung, ist nicht zutreffend. Denn 'Raum' ist die erste Schöpfung, und der letzte Aspekt in der Auflösung. 'Vor' Existenz des Raumes gibt es keine Frage des 'wo'. Raum ist der Ort von Licht und Klang. Die alten Texte sagen:

akasha-deshah shabdah
Der Ort des Klanges ist der Raum.

Einer der Begriffe für Raum ist akasha, 'das, was vollständig mit Licht erfüllt ist', obwohl Astronauten uns berichten, dass dort draußen alles dunkel ist. Nur weil es für unsere Augen dunkel erscheint, bedeutet das nicht, dass der Raum nicht mit Licht angefüllt ist.

Nochmals: eines der primären Prinzipien ist, dass Ausdehnung (Expansion) und Kontraktion im Raum identische Prozesse sind, so wie Kreativität und Entropie miteinander verwoben sind. Die Grenzen zwischen Evolution und Devolution lassen sich nicht festlegen. Sie sind zwei Seiten derselben Münze. Daher hat diese Frage keine Relevanz: 'Wenn das Universum sich weiter ausdehnt, was dann?' Werden sich die Atome und subatomaren Partikel sich soweit voneinander entfernen, dass sie sich einfach auflösen? Nein. Die alten Philosophen des Tantra sprachen von Licht, das sich ausdehnt und zu Raum wird; Raum erfüllt mit Licht. Alles um uns herum ist verbunden, eins mit Licht, akasha. Denn es gibt keinen Teil des Raums, der nicht Licht ist, der nicht 'Energie' ist.

Anders ausgedrückt: akasha, Raum, ist eine Form der Energie, die erste Form der Energie. Nur wenn wir das verstehen, können wir verstehen, was die heutige Theorie aussagt: dass die in der Bildung dieses Universums ablaufenden Prozesse wie 'Wellen im Raum' sind. Es sind 'Wellen' in diesem enormen Energiefeld, das als das Feld des Lichts, als akasha bezeichnet wird.

Ich zitiere wieder aus dem Artikel 'Die Handschrift Gottes' (Newsweek vom 4. Mai 1992):

'Man stelle sich das wahrhaft Sonderbare vor, den Big-Bang: eine Explosion des Raumes, jedoch nicht im Raum. Ein Same des Kosmos, der sich schneller als ein Lidschlag von einem Bläschen kleiner als ein Proton zum gesamten heute sichtbaren Universum aufbläht. Diese junge Welt entwickelt Energiewellen im Raumgefüge.  Diese Wellen dehnen sich aus mit dem sich ausbreitenden Universum und bringen die glitzernden Bänder der Sterne und die Feuerräder der Galaxien hervor, die den Nachthimmel erfüllen.

Einer der Wissenschaftler in Berkeley gab bekannt, dass sie: '… die allerersten Wellen entdeckt haben, die sich am äußersten Ende des Raums und am Beginn der Zeit bewegen. Sie sind wie zarte Ranken, doch sie umfassen bis zu 59 Milliarden Billionen Meilen im Querschnitt. Es sind die größten und ältesten Strukturen, die je entdeckt wurden.'

Carl Sagan meint:

'Die Hindu-Religion ist das einzige der großen Glaubenssysteme, das sich die Idee zu Eigen gemacht hat, dass der Kosmos unübersehbare, ja unendliche Tode und Wiedergeburten durchläuft. Sie ist die einzige Religion, in der die Zeitrahmen (wohl zufällig) mit denen der modernen wissenschaftlichen Kosmologie übereinstimmen. Ihre Zyklen beginnen beim gewöhnlichen Tag-Nacht-Zyklus bis zu Tag und Nacht Brahma's, die 8.64 Milliarden Jahre umfasst, länger als das Alter der Erde oder der Sonne und in etwa die halbe Zeitspanne seit dem Big-Bang. Und es gibt noch weitaus längere Zeitskalen.'
(Carl Sagan, Cosmos - S. 285 der englischen Ausgabe)

Es lohnt sich, den Rest von Carl Sagan's Feststellungen auf diesen Seiten zu lesen.2

Der einzige Unterschied besteht darin, dass die moderne Kosmologie die sich ausdehnenden Felder des Universums noch immer von den Feldern des Bewusstseins trennt. Daher hat sie keine Bedeutung für die Regeln, nach denen wir unser Leben gestalten, unser individuelles Leben ordnen und für die spirituelle Verehrung. Der Begriff spirituelle Verehrung (engl. worship) findet hier sehr präzise Anwendung; gemeint ist die Einstellung, durch die man die Natur und die Außenwelt als heilig verehrt. Dementsprechend ist das 'Bewusstsein' in mir nicht in mir; vielmehr bin ich dieses Feld, das als Bewusstsein bezeichnet wird. Daher ist auch das, worauf wir uns als 'Natur' beziehen, ein Feld dieses 'Bewusstseins'.

Zurück zu der Aussage, dass Ausdehnung und Kontraktion keine entgegengesetzten Prinzipien sind. Man sollte sie nicht als eine Abfolge studieren. So wie Evolution zugleich Devolution ist, Schöpfung zugleich Auflösung ist, oder Kreativität zugleich Entropie (Auflösung, Ausgleich) ist. Der Anfang ist das Ende in jedem Kreislauf, und das Universum ist nichts als ein Kreislauf. Es existiert im Universum nichts, das nicht einen Kreislauf darstellt, ein cakra, ein Rad, auf dem man nicht zu dessen Ursprüngen zurückkehrt.

Um es anders auszudrücken: wann immer man in der Natur einer bestimmten Richtung folgt, muss man zugleich der entgegengesetzten Richtung folgen, um das entfernte Ziel zu erreichen wie auch um zum Ursprung zurückzukommen. Denn das letzte Ziel ist der Anfang. Der Anfang ist das höchste Ziel. In dieser Weise wird Schöpfung zu einem Prozess, der zu Auflösung führt, und Auflösung wird zum Prozess, der zu Schöpfung führt.

Ein Student des Shri-vidya, ob Anfänger oder Meister, hört auf, Gegensätze zu sehen oder Verneinungen von etwas anzuerkennen. Er/sie sieht stattdessen Standpunkte als Negationen und Negationen als Standpunkte. Nicht als entgegengesetzte Prinzipien, sondern als ein einzelnes verbundenes Prinzip. Wo immer er/sie zuvor Gegensätze erkannt hat, erkennt er/sie jetzt einander ergänzende verbundene Prinzipien.

Indem die alten Texte Gegensätze als zusammengehörig sehen, sagen sie:

Tasmad va etasmad atmana akashah sambhutah -

von diesem weit ausgedehnten Selbst (Sanskrit: Atman, der unendlich kleine Lichtpunkt) geht akasha hervor - die Energie, die Raum ist, das Licht, das Raum ist, und das zugleich der Ort aller Klänge ist. So kommt das akasha-Prinzip ins Sein.

Ausgehend von diesem Prinzip fanden die alten Philosophen des Vaisheshika heraus, dass wenn immer etwas in etwas Distanz zu uns herunterfällt, wir diesen Klang als eine Welle in unseren Ohren hören. In dieser Energie akasha's entsteht vayu (Wind), der alle Bewegungsprinzipien im Universum in sich beinhaltet. Das schließt die Bewegung der Sterne und Planeten wie auch all die Bewegungen in unseren psycho-physiologischen Systemen mit ein, seien es neuronale Reize, die Bewegungen der Nahrung und der Flüssigkeiten oder die Bewegung des Atems. Es ist dasselbe Prinzip.

Aus vayu entsteht Feuer, eine andere Ausdrucksform des Lichts. Die sichtbaren Lichter der Welt, das Feuer, das im Universum brennt wie beispielsweise im Inneren der Sonnen, oder auch das Licht der Edelsteine; auf alle trifft dasselbe Prinzip zu. Das Feuerprinzip schließt auch alle Lichter dazwischen ein, die Blitze in den Wolken oder das Feuer, das wir anzünden. Dem folgt der Zustand des Fließens, Wasser. Es beinhaltet alle Prinzipien der Fluidität (des Flüssigseins). Erreicht das Fließen seinen entgegengesetzten Zustand der Trägheit, entsteht prithivi, das Prinzip der Festigkeit und Solidität. Dem folgt die Entfaltung der biologischen Vielfalt.

Der Prozess der Auflösung ist dementsprechend umgekehrt. Die soliden Anteile in uns beginnen zu fließen, das Fließende wird zu den Feuern, die Feuer werden zu den Winden, zu Wellen im Raum, und der Raum kehrt zurück in das weit ausgedehnte bewusste Selbst, das der unendlich kleine Lichtpunkt ist, tejo-bindu, der auch nada-bindu ist, der Punkt des Klangs. Um das erfassen zu können, muss man durch den Prozess des dhyana-bindu gehen, dem Punkt, der Meditation ist: der Punkt der Konzentration (oder die einpunktige Konzentration) auf das Prinzip des Bewusstseins.

Shri-vidya und die Wissenschaften

Also noch einmal: die Diskussion darüber, ob das Universum sich ausdehnt und sich weiterhin ausdehnt und in was es sich ausdehnt, ist formal unzutreffend. Die Frage selbst ist hinfällig. Jede darauf bezogene Argumentation wird sich letztlich als unhaltbar erweisen, da das Universum im Prozess der Ausdehnung sich zugleich zusammenzieht. Das akuñcana and prasarana, das ich zuvor angeführt habe, findet simultan statt. Während das Universum sich ausdehnt, kehrt es zurück in diesen einen Punkt des Lichts.

Nicht dass der eine Prozess die Umkehrung des anderen darstellt, sondern diese für uns als zwei erscheinenden Prinzipien bilden einen einzigen, verbundenen Prozess. Daher beginnt Shri-vidya dort, wo das herkömmliche Verständnis der Quantenphysik endet. Es ist die Wissenschaft der Wissenschaften, die Megawissenschaft oder Metawissenschaft. Wo immer man Punkte, Linien, Konfigurationen, Grafiken, Diagramme studiert - es ist ein Teil von Shri-vidya. Wo immer wir Formen als Energiefelder studieren - es ist Shri-vidya.

Doch dies kann nur zur Erfahrung werden, indem man diese Prinzipien in sein Bewusstsein assimiliert, in sein eigentliches Wesen, in seine wirkliche 'Essenz' - jedoch nicht durch einen intellektuellen Prozess. Unsere 'Essenz' kann nicht getrennt von dem stets sich ausdehnenden und sich zusammenziehenden Universum betrachtet werden. Shri-vidya kann man nicht erfassen allein durch eine Serie von Zeichnungen, der Zeichnung eines yantra. Es muss erlernt werden durch Konzentration auf die inneren Punkte.

Shri-vidya ist die Wissenschaft,
in der alle Energiefelder zu einem verbundenen Feld werden.

Nimmt man die Diagramme der cakras innerhalb unserer Persönlichkeit und legst sie übereinander, wird es zum inneren Shri-yantra. Shri-yantra kann nicht erlernt werden, indem man es auf Papier aufzeichnet. Es geschieht durch inneres Zeichnen. Daher ist es ein so langer Prozess. Die Meisterschaft der Punkte, der Ausdehnungen und Kontraktionen im Netzwerk des Bewusstseins kann hunderte von Lebensspannen erfordern. Die Meister teilen uns mit, dass in jedem Vers des 'Saundarya-lahari'-Texts einhundert siddhis zu finden sind, einhundert spirituelle Errungenschaften und Realisationen.

Shri-vidya ist daher die Wissenschaft der inneren Energiefelder, in der alle Felder zu einem verbundenen Feld werden. Dieses gesamte Feld wird in einen einzelnen Punkt der Konzentration zusammengefasst. Dieser Punkt wird zum Zentrum - nicht zum Zentrum von etwas, sondern von sich selbst in sich selbst, wie auch zum Punkt, aus dem die Ausdehnung entsteht. An diesen Punkten im Zentrum der cakras treffen und verbinden sich in uns die Kräfte des Universums, die vom ursprünglichen Lichtpunkt emittiert wurden.

Wo ist das Zentrum des Universums? Es ist in den bindus, den Mittelpunkten unserer cakras des Bewusstseins. Indem man mit seinem gesamten Geist in diese Punkte eindringt und sie durchbricht, wie in einer atomaren Implosion, wird man eins mit der Ausdehnung des Universums. Das wird als kosmisches Bewusstsein bezeichnet. Es ist die Bewusstheit des Virat - jener Vision, die Arjuna in der Erzählung der Bhagavad-gita von Krishna gewährt wurde, jener Vision, die Naciketas in der Katha-upanishad im zweiten Segen durch Yama gewährt wird.

In gleicher Weise ist beispielsweise die gesamte ayurvedische Wissenschaft der marmas ein Teil des Shri-vidya. Marmas sind jene Punkte im Körper, vergleichbar den Akupunkturpunkten, wo durch ein wenig Druck Krankheit, Tod oder Heilung verursacht werden kann. Sie können, wie die Zeichnungen der Akupunkturlinien, alle als Teil von Shri-vidya betrachtet werden.

Ein Tantra-Text besagt, dass Musik nicht erlernt werden kann ohne das Studium des Tanzes. Tanz kann nicht erlernt werden ohne die Bildhauerkunst, Bildhauerkunst nicht ohne Architektur. Architektur wiederum kann nicht erlernt werden ohne Musik. Und Musik kann nicht ohne Architektur erlernt werden, Architektur nicht ohne Bildhauerei, Bildhauerei nicht ohne Tanz, Tanz nicht ohne Musik.

Die Tempel Indiens sind erbaut als dreidimensionale Erweiterungen von yantras oder mandalas, den 'mystischen' Zeichnungen, die alle Teile des Shri-yantra bilden. Ein Meister des Shri-vidya, mein Gurudeva Swami Rama von den Himalayas, hat ein modernes Hotel entworfen, das Hyatt Regency in Delhi. Wenn du das Hotel betrittst, achte auf das Zentrum der Lobby. Dort befindet sich ein ganapati-yantra3 (yantra von Ganesha). Wenn du mit deinen Augen den bindu fixierst, den zentralen Punkt des yantra, und dann deine Sicht immer weiter in den dreidimensionalen Raum um dich herum ausdehnst, wirst du die gesamte Planung des Hotels verstehen. Das ist nur ein kleines Beispiel dafür, wie umfangreich Shri-vidya ist.

Architektur ist Form, Architektur ist festgefügte Musik, Musik in fester Form, Musik in Würfeln4. Der deutsche Philosoph Friedrich von Schelling sagt in seiner 'Philosophie der Kunst' (ca. 1802):

Architektur im Allgemeinen ist gefrorene Musik.

Derselbe Gedanke wird aufgenommen von Johann Wolfgang von Goethe in seinen 'Gesprächen mit Eckermann (1836):

Ich bezeichne Architektur als gefrorene Musik.

Musik verläuft in Form von Diagrammen. Das Steigen und Fallen der Linien und Energien lässt es zu dreidimensionalen Körpern werden, die zu Architektur wird. Der Körper der Architektur ist Tanz. Die Beziehung zwischen Tanz und Architektur ist in Bildhauerei zu finden. Daher wurden manche der bedeutendsten Bauwerke Indiens aus Bergen herausgemeißelt. Man kann noch immer diese zwei- bis dreistöckigen Klöster finden, die in einem einzigen Stück Steinmetzkunst aus den Bergen herausgearbeitet wurden, mit tanzenden Figuren als Säulen, die Teile dieser Skulptur bilden. Diese verbindende Vision von Kunst ist ein Teil von Shri-vidya - man sieht das gesamte Universum als Architektur, man sieht Gott als den Architekten (Vishvakarman der Vedas); man sieht das gesamte Universum als Musik und Tanz, den 'Tanz Shiva's'. All das sind Teile von Shri-vidya. Es ist grandiose Vision; nein, nicht Vision, nicht Imagination, sondern das Bild der Wirklichkeit.

Die Formen der Berge und ihre Gipfel, die Spitze der Pyramiden, die Turmspitzen der Kirchen, die shikharas der Tempel Indiens, alle sind gezeichnete Linien aus Musik, Linien, entlang derer die Energie der Ausdehnung und der Zusammenziehung unseres Universums fließt.

Wie ist es möglich, dass in all den Kulturen die Vorzüge so vieler Kräuter so genau festgestellt wurde. Durch welche Versuche wurden die Tausenden Kräuter der Indischen Arzneibücher als geeignet oder ungeeignet für bestimmte Erkrankungen und für bestimmte Heilprozesse definiert? Ich versichere euch, auch das ist Teil des Shri-vidya. Tatsächlich wurden manche der Kräuter allein durch ihre Form oder Zeichnung, die Ähnlichkeit mit einem bestimmten Organ aufweist, als geeignet für bestimmte Heilprozesse identifiziert. Das bedeutet nicht, dass ein Blatt mit der Form einer Hand geeignet ist für die Heilung von Händen. Man muss viel tiefer gehen als das, man muss beobachten und experimentieren.

Im yantra-mandala-System der spirituellen psycho-kosmischen Diagramme gibt es den Grundbegriff 'bhu-pura' (Erd-Bereich, Erd-Stadt). Es handelt sich um das Viereck, in dem das yantra gezeichnet wird. So ist auch das gewöhnliche Schachbrett ein yantra, ein Teil des Shri-yantra. In der Yoga-Tradition spricht man von 64 Yoginis, Bewusstseinsprinzipien, die Energieverbindungen herstellen. Man lernt also, Beziehungen zwischen Quadraten und Würfeln herzustellen, Beziehungen sowohl zwischen arithmetischen Quadraten und Würfeln wie auch geometrischen Quadraten und Würfeln.

Das Schachbrett als Teil des Shri-vidya wird begreifbar durch die Anwendung der bija-ganita, Saat-Mathematik (der Sanskrit Begriff bija-ganita ist bis heute die im indischen Schulsystem verwendete Bezeichnung für Algebra). Sie trägt dazu bei, die Mathematik des Universums als Architektur zu verstehen. Was ist beispielsweise die Beziehung zwischen den vier Ecken eines Quadrats und der Zahl '64'? Wer in diesem Aspekt des Shri-vidya ausgebildet ist, kann simultan die Beziehungen zwischen den verschiedenen Segmenten des Schachbretts erkennen und dieses Wissen auf andere Bereiche anwenden. Wie viele Bereiche sind wir in der Lage, simultan zu erfassen und ihre Beziehungen zu erkennen?

In einer der Geschichten des Ursprungs des Schachbretts war in alter Zeit ein König seinem Priester und Mathematiker für die Erfindung des Schachspiels so dankbar, dass er ihm einen Wunsch frei stellte. Der Priester bat darum, auf das erste der Schachbrettfelder ein Reiskorn zu legen. Die Anzahl der Reiskörner sollte Feld für Feld jeweils verdoppelt und die Gesamtzahl der Reiskörner dem Priester überlassen werden. Der König gab seinem Vorratshalter die Anweisung, genügend Reis zu bringen und wie zugesagt auf dem Schachbrett zu platzieren. Der König konnte jedoch sein Versprechen nicht erfüllen, denn auf Feld 64 müssten es über neun Trillionen (9,223,372,036,854,775,810) Reiskörner sein. Das war mehr, als das ganze Land in Jahrhunderten hätte produzieren können.

Eine andere Version der Geschichte erzählt, dass die Anzahl der Reiskörner auf jedem weiteren Feld jeweils zum Quadrat vervielfältigt werden sollten. In dieser geometrischen Progression (2², 4², 16², 256² etc.) würde bereits ungefähr beim zwölften Feld die Anzahl der Reiskörner die Anzahl aller Atome im Universum übersteigen.

Wie hat man diese Kalkulationen angestellt? Auf einem quadratischen Brett, das in 64 Quadrate unterteilt ist? Nochmals die Frage: worin besteht die Beziehung zwischen den vier Ecken eines Quadrats und der Zahl '64'?

Wenn man diese Beziehungen zu erkennen beginnt, wird man sie unmittelbar aufgeben, denn Beziehungen bestehen zwischen zwei Aspekten. Solange man die Zahl zwei nicht aufgibt, kann keine Einheit entstehen. Ohne diese Einheit, dem Aufgehen des Bewusstseins im Lichtpunkt, wird man nicht verstehen können, dass das Universum tatsächlich nicht nur eine Ausdehnung des Lichtpunkts ist, sondern vielmehr eine Replikation dieses Lichtpunkts. Derselbe Punkt, der wieder und wieder und wieder entsteht. Derselbe eine Punkt! Und dieser Punkt, der sich selbst so vielfach repliziert, identisch mit dem ursprünglichen Punkt, wird ein Licht, wird ein Strahl, wird eine Linie, wird eine Welle, wird zu multidimensionalen Wellen, wird zu einer Gestalt und Form, wird zum Kosmos.

Zieht man die Linien des Shri-yantra im menschlichen Körper, durchläuft man denselben Prozess. Die Ausdehnung nach unten wie nach oben. Die Kontraktion der Kräfte in einen Punkt. Ausdehnung der Kräfte aus diesem Punkt. Ausdehnung und Kontraktion , die sich in denselben Ursprungspunkt zurück krümmen.

Nimmt man als Beispiel die geistige Praxis der 61 Punkte, die in fortgeschrittenen Stadien von shavasana (Totenstellung) durchgeführt wird. In dieser Übung visualisiert man einen blauen Stern an 61 unterschiedlichen Punkten des Körpers in einem vorgegebenen Ablauf. Die Meditierenden der Tradition der Himalaya-Yogis kennen diese Praxis. Sie skizziert die Peripherie von bhu-pura, der Stadt, die die Erde ist. Die Erde, die diese Stadt ist, die in diesem spezifischen Fall der Körper ist. Wenn du die Verbindungen zwischen diesen 61 Punkten erkennst, wie viele Linien man ziehen kann von einem Punkt zu den anderen 60 Punkten, wie man diese 61 Punkte verbinden kann, dann ist der sadhaka, Schüler, darüber erstaunt, wie viele Energiefelder in uns tanzen. Benutzt man irgendeinen dieser 61 Punkte als Eintrittspunkt in den linga, in den Subtilkörper, wird man herausfinden, dass man durch bestimmte zentrale Punkte gehen muss, um sich von dort auszudehnen und den gesamten Körper zu durchdringen.

Dasselbe Prinzip der Bewusstheit, die durch bestimmte zentrale Punkte geht und sich von dort ausdehnt, trifft auf die Praxis der nyasas zu. Hier werden die Silben des Alphabets als mantras genutzt, die man in verschiedenen Teilen des Körpers mental rezitiert, visualisiert und hört.  Dies alles gehört zu der Persönlichkeitstheorie, die auf der experimentellen Erkenntnislehre namens Yoga beruht.

Um die Persönlichkeit als Shri-yantra zu erkennen um schließlich das Universum als Shri-yantra zu erkennen, geht man vorbereitend durch den Prozess von bhuta-shuddhi5 (Reinigung der Bestandteile der Persönlichkeit). Bhuta-shuddhi umfasst verschiedene Ebenen. Sobald die Reinigung vollständig ist, wird die Persönlichkeit zu einem Shri-yantra.

samaya150Zeichnet man das interne Shri-yantra, geht man durch denselben Prozess der Ausdehnung und Kontraktion. Im Fall eines cakra wird man möglicherweise darin unterwiesen, zuerst sein bhu-pura zu zeichnen, den Grenzverlauf, die äußere Befestigung dieser spezifischen Stadt. Dann findet man den Eintrittspunkt, dann entdeckt man, wo sich die Energieströme treffen, man fließt mit den Energieströmen, um zum zentralen Punkt zu finden. Oder man beginnt beim innersten Punkt und dehnt sich nach außen aus zur äußeren Grenze, zum bhu-pura. Noch besser ist es, beide Prozesse im selben Augenblick als einen einzigen zu erkennen. Das ist der Grund, warum mich der Satz im oben zitierten Newsweek-Artikel so berührt hat: 'schneller als ein Augenblick'. Es hieß:

'Ein Same des Kosmos, der sich schneller als ein Lidschlag von einem Bläschen kleiner als ein Proton zum gesamten heute sichtbaren Universum aufbläht.'

In meinen Vorträgen über 'Meditationen der Tantras' habe ich über 'unmesha' (Öffnen der Augen) und 'nimesha' (Schließen der Augen) gesprochen. Ein Augenblick ist ein Zeitmaß in vielen indo-europäischen Systemen. Augenblick ist ein Zeitmaß der deutschen Sprache, augenblickje auf Holländisch; er repräsentiert das Zeitmaß, das für einen Lidschlag benötigt wird. Das englische 'in the blink of an eye' ist der kürzest mögliche Moment. Diese Idee ist abgeleitet von dem Konzept von unmesha und nimeshaUnmesha - das Öffnen, nimesha - das Schließen des Auges. Über dieses Öffnen und Schließen können wir lesen:

yasyonmesha-nimeshabhyam jagatah pralayodayau;
tam shakti-cakra-vibhava-prabhavam shankaram numah.

Wir verehren Ihn, den Schöpfer von Harmonie und Frieden,
den Ursprung der vielfältigen Herrlichkeit der Wirbel (cakras) der Energie,
den Einen, durch dessen Öffnen und Schließen der Augen
das Hervortreten und die Auflösung des Universums entsteht.
(Spanda-nirnaya von Kshemaraja)

Dies stammt von einem der Texte der Kashmir-Shaiva Philosophie. Sie hat sich im Zeitraum vom 7. bis zum 17. Jahrhundert n.C. entwickelt und war in dieser Zeit vorherrschend. Alle ihre Texte sagen, dass unmesha nimesha ist - und nimesha unmesha ist. Das Öffnen ist das Schließen; das Schließen ist das Öffnen.

Im Zusammenhang mit diesem Öffnen und Schließen verstehen die meisten Sucher nicht, was in Bezug auf ihre Praxis das Öffnen der cakras wirklich bedeutet. Das Öffnen der cakras bedeutet das Schließen der cakras. Das Ziel der Konzentration ist, das Energierad des cakras in seinen zentralsten Punkt zu ziehen. Wer so praktiziert, wird das, was andere 'Ausdehnung' nennen als Verausgabung begreifen, als das Schwächen der Energien im Streben nach sinnlichem Verlangen. Um das cakra wirklich zu 'öffnen', müssen die sinnlichen Gedanken und sinnlichen Emotionen aufhören, man folgt dem Prinzip des Bewahrens der Energie. Hierdurch wird die Energie in den zentralen Punkt gezogen, von dem aus sie fortwährend als spanda (spontane Vibration oder Welle) ausstrahlt.

Es gibt neben anderen v.a. zwei Prozesse, die für die Praxis der inneren Konzentrationen in Shri-vidya wie für das Erlernen der Zeichnung des Shri-yantra gelten. Das Zeichnen beginnend von bhu-pura, der äußeren Befestigung, nach innen zum zentralen Punkt, zum Palast der Großen Mutter, zum bindu. Und den umgekehrten Weg, vom inneren 'Punkt' nach außen zur äußeren Grenze.

Surya-vijñana - die Solare Wissenschaft

Einer der Zweige des Shri-vidya ist die Solare Wissenschaft, surya-vijñana. Die Solare Wissenschaft etabliert eine Verbindung zwischen den Strahlen des Geistes und den Strahlen, die sich verdichten, um zu Formen zu werden. Als Kind las ich einen Artikel über surya-vijñana in der Yoga-Ausgabe des bekannten Hindi-Magazins Kalyana. Der Artikel war verfasst vom damals bekanntesten Gelehrten des Tantra, Gopinath Kaviraj. Nach fünfzig Jahren fand ich in meiner Bibliothek das Buch wieder und war überrascht, wieviel ich davon in Erinnerung behalten habe. Dieser Artikel hat in mir als Kind etwas ausgelöst, uns seither war ich vom Wunsch beseelt, einen Meister zu treffen, der mir die solaren Strahlen des Geistes zeigen kann.

sarvam sarvatmakam
Alles ist alles.

Wäre es eine so einfache Angelegenheit wie sich hinzusetzen und ein Diagramm zu zeichnen, nun, jeder kann ein Diagramm zeichnen. Alles was ich kann, ist eine mehr oder weniger gerade Linie zu ziehen. Ich lerne noch immer, eine Linie zu ziehen, ein wenig von den Dreiecken zu verstehen, darüber, wie die Dreiecke in die Punkte verschmelzen und wie die Punkte sich in Dreiecke ausdehnen. Die Linien dieser Energie, die von jedem der 61 Punkte im Körper zu den anderen 60 verlaufen und wie sie sich verknüpfen. Ich habe noch ziemlich zu tun, um mir all das vollständig zu vergegenwärtigen. Mein Eindruck ist, dass man ohne 24-stündige Konzentration diese Wissenschaften nicht erlernen kann. Nehmen wir als Beispiel die Demonstrationen über die Wirksamkeit der solaren Wissenschaft. Der Verfasser des Artikels erzählte von seinem Guru, der sagte, dass alles im Universum aus Energiestrahlen besteht. Der Geist ist ebenfalls ein Energiestrahl. Oder anders, die Energiestrahlen entspringen dem Geist, und man verbindet diese Strahlen der Energie, um jede Form hervorzubringen. Die Tantras besagen:

sarvam sarvatmakam - Alles ist alles.

Gold ist Blei, Blei ist Sauerstoff, Sauerstoff ist Wasserstoff, Wasserstoff ist Uran. Denn in ihrer grundlegenden Essenz der Energie ist alles eines. Es ist allein eine Sache der Handhabung der Energien. Die alten Alchemisten des Westens oder die arabischen Meister der 'Al Kimia' glaubten daran. Die Meister der 'Al Kimia' der arabischen Zivilisation und die indischen Meister des rasayana sprachen vom 'Feuer', das in allem liegt. Sie erklären, dass wir alle Dinge beliebig in etwas anderes verwandeln können, wenn wir lernen, das 'Feuer' in allem richtig zu handhaben. Sie besaßen nicht die Instrumente der modernen Wissenschaft, aber die Vision der subtilen Wirklichkeitsbereiche. Wie haben sie diese Vision erlangt ohne derartige Instrumente? Diese Frage kann nur ein Meister der Meditation beantworten.

Ein Meister der Solaren Wissenschaft, der dies seinen Schülern demonstrieren möchte, könnte zu erst einen sichtbaren Schimmer in der Luft hervorrufen. Dieser Schimmer entwickelt Umrisse, die Linien werden zu einer Form, und dann wird eine Lotusblüte manifest. Swami Vishuddhananda, der Guru von Gopinath Kaviraj, hat dies demonstriert.

Anders betrachtet: wir haben von Licht und Klang als einem gesprochen. Mein Meister, Swami Rama, erzählte von den Experimenten, die sie in den Höhlenklöster durchführten. Sie verstreuten Sandelholzpulver auf einem quadratischen Brett und erzeugten durch die passend intonierte Rezitation eines Keim-mantras Klangschwingungen. Dadurch erzeugten sie in dieser Schicht Sandelholzpulver das Shri-yantra Diagramm.

Wer von uns besitzt die Art geistige Konzentration, um derartige Resultate hervorzurufen? Wir verstehen nicht einmal, was mit 'Strahlen des Geistes' gemeint ist, geschweige denn wie man sie überträgt und mit jenen Strahlen verbindet, die sich in Formen verfestigen.

Viele Städte Indiens sind in der Gestalt von Shri-yantra oder vereinfachten Aspekten davon erbaut worden. Die alten Tempel wurden als dreidimensionale Projektionen von yantras errichtet. Das Buch der berühmten Gelehrten Stella Kramrisch, 'Hindu Tempel', ist ein Klassiker. Es erklärt einige der großartigen Wunder der Architektur, die auf der Grundlage von Teilen des Shri-yantra-Prinzips erbaut wurde. Gleiches gilt für die Pyramiden.

Ein yantra, das dreidimensionale Form annimmt, wird als meru bezeichnet. Meru ist der zentrale Berg des Universums, die Wirbelsäule. Das Eintreten in die innere Höhle der Persönlichkeit zum Zweck der Meditation entspricht demselben Prinzip wie das Aufsuchen einer Berghöhle, um zu meditieren. Die Projektion dieses zweifachen Prinzips des Eintretens in die Höhle wurde zu Architektur. Betritt man einen Tempel oder eine Kathedrale, betritt man eine Höhle im Berg, die 'Höhle des Herzens', die 'Höhle des Schädels'. Daher beziehen wir uns manchmal auf den Schädel als einen Dom.

In Indien gibt es wenigstens zwei Städte, die nach Shri benannt wurden. Shri Nagar, die Hauptstadt von Kashmir. Ein weiteres Shri Nagar befindet sich in den Garhwal-Bergen. Man kommt dort vorbei, wenn man auf Pilgerfahrt zu den großen Heiligtümern geht. Letztere wurde erbaut um ein Shri-yantra, das Shankaracarya auf einem Felsen in der Mitte des Alakhnanda, einem Teil des Ganges-Systems, gezeichnet hat. Leider hören die Leute im Lauf der Zeit damit auf, sich mit dem Energiefeld der Stadt zu identifizieren und sind damit kein Teil des Energiefelds mehr. Die Orte der Shri-yantras sind verloren gegangen. Unter den Menschen entstehen vielfach Streitereien, da dieses Energiefeld zerstört wurde, oder weil es durch ihre Streitereien verzerrt wurde.

Shakti - das göttlich feminine Prinzip

Eine der Dimensionen des Shri-vidya ist die Verehrung der shakti (der heiligen weiblichen Energie) in lebenden menschlichen Wesen; besonders das Anerkennen oder Wiedererkennen der Mutter-shakti in Frauen. Ein wesentlicher Aspekt von Shri-vidya ist, dass Frauen sich selbst als shakti erkennen, als geheiligte Energie. Für Männer gilt, dass sie Frauen als Verkörperung, als Inkarnation der shakti wahrnehmen. Shakti, die geheiligte Energie des Bewusstseins, die Fleisch geworden ist.

Für die entsprechend Qualifizierten bedeutet es auch brahmacarya, die Praxis der Enthaltsamkeit, die nur eine Frau kennen: das kosmisch Weibliche, das in ihnen selbst wohnt. Gemeint ist nicht die Praxis des Zölibats als eine psychologisch schädigende Unterdrückung, sondern die Assimilation der aufwärts und einwärts fließenden Energien. Wer in Shri-vidya initiiert ist, wird früher oder später auf ganz natürliche Weise enthaltsam, denn die Gewohnheit der Verausgabung der Energie über svadishthana-cakra (das zweite Bewusstseinszentrum im Körper) wird sich ändern in die Art Ausdehnung der Energie, die sich nach innen konzentriert und zurückzieht. Es ist das Schließen der äußeren und das Öffnen der inneren Schleusen. Dieses innere Öffnen ist gleichbedeutend mit dem Öffnen des sechsten Zentrums. Diese zwei Zentren sind nahezu identisch. Solange im Mann der Wunsch nach dem Weiblichen, in der Frau der Wunsch nach dem Männlichen gegeben ist, als äußerlich anziehende Prinzipien, kann sich Enthaltsamkeit nicht entwickeln. Solche Enthaltsamkeit wäre nur Unterdrückung, nicht ein abgeklärtes, ruhevolles Alleinsein. Letzteres ist historisch betrachtet eine sehr seltene Erscheinung.

Eine der Voraussetzungen für Initiation in Shri-vidya ist die Verehrung des weiblichen Prinzips und aller Frauen. Solange man diese Qualifikation nicht aufweist, sollte man nicht um Initiation in Shri-vidya bitten.

Deshalb gibt es auch so viele Devi gewidmete Tempel in Indien, Tempel des 'Göttlich Femininen'. Es gibt an bestimmten Tagen spezielle Feierlichkeiten, an denen in besonderen Tempeln kumari-puja zelebriert wird, wobei ein oder neun minderjährige Mädchen verehrt werden. Zweimal jährlich nehme ich an solchen Feierlichkeiten in unserem Ashram teil, wasche die Füße der neun Mädchen und verneige mich vor ihnen in Verehrung. In manchen Shakti-Tempeln wird an jedem Vollmondtag Shri verehrt in Form von su-vasini, einer lebenden Frau. Man kann diese puja sogar in New Delhi verfolgen, in einem Tempel gerade außerhalb der Jawaharlal Nehru University.

Man mag möglicherweise sagen, 'Was? Ich soll ein menschliches Wesen, eine Frau verehren?' Es handelt sich nicht um die Verehrung eines menschlichen Wesens. Ich weiche hier etwas vom Thema ab. Manchmal, wenn ich meinem Meister Respekt erweise oder ihn anspreche, kommt unfreiwillig das Wort Mataji aus meinem Mund, eine respektvolle Art der Anrede für seine eigene Mutter. Als das zum ersten Mal geschah, habe ich mich bei Swamiji für diesen Versprecher entschuldigt. Doch er meinte, 'Oh, das ist schon richtig.' Denn man kann das Mutterprinzip selbst in einem männlichen Körper verehren. Jenen, die Schwierigkeiten damit haben, das Mutterprinzip in Frauen wahrzunehmen, wird es sehr schwer fallen, diese Form der Verehrung des Göttlichen zu verstehen.

Intellektuell kann man das nicht verstehen. Es ist entweder ein verinnerlichtes Prinzip, oder es zeigt sich überhaupt nicht. Ich konnte erleben, dass in solchen Verehrungszeremonien die verehrte Person, in der Shri invoziert und verehrt wird, sich verändert. Es entsteht eine Vergöttlichung. Wenn Christus in einem Stück Brot gegenwärtig sein kann, warum sollte Shakti nicht in einer lebenden Frau präsent sein und geehrt und verehrt werden?

Man mag einwenden: 'Ich will ein menschliches Wesen nicht vergöttlichen.' Vergöttlichen bedeutet, jemanden in etwas Göttliches, deva, zu verwandeln. Es sind nicht die Verehrenden, die sie 'göttlich' machen. Es sind nicht die Verehrenden, die diese Vereinigung oder Verwandlung hervorrufen. Es entsteht durch Gnade. Die Person wird durch eine innere Gegenwart vergöttlicht. Von diesem Moment an hat diese Person keinen persönlichen Namen mehr, keine personale Form. Die Verehrung gilt nicht der Person mit ihrem Namen, ihrer Gestalt und Form, sondern dem sich manifestierenden göttlichen Prinzip. Ich habe erlebt, wie derartige Veränderungen auftreten. Man kann erleben, wie die Haltung, der gesamte Körper, eine Transformation durchlaufen. Man sieht die Augen und weiß, dass man nicht in der Gegenwart einer Person ist. Die innere, universelle Schönheit, 'Mutter Lalita' hat diese Form zu ihren Wohnsitz gemacht, um die Opfer ihrer Verehrer anzunehmen. Wir nennen sie tripura-sundari. 'Tri' bedeutet drei, 'pura' bedeutet Stadt, 'sundari' bedeutet Schönheit. Die 'dreifache Miss Universe'. Die Schönheit der drei Universen. Sie erscheint und nimmt Aufenthalt in dieser Person.

Es ist dasselbe wie die primäre Kraft des Bewusstseins als das Licht in allen Wesen. Manchmal wird dieses Licht zu Shiva, oder es wird zu Shakti, und strahlt durch dich aus. Du nimmst diese Emanation an. Die göttliche Hochzeit, die ein christlicher Mönch oder eine Nonne eingehen, ist dieselbe wie die Hochzeit von Shiva und Shakti, die Hochzeit von Krishna und Radha, die Hochzeit von Rama und Sita, die Hochzeit von dir und deinem inneren Licht.

In diesem Zusammenspiel von Halter der Macht und Energie werden beide eines. Darauf bezieht sich der erste Vers der Saundarya-lahari: 

Shivah shaktya yuktah
das (All-)Mächtige Eine verbunden mit der Energie.

In dieser inneren Hochzeit der Macht mit der Energie findet der gesamte Tanz des Universums statt. Die Erde im ersten cakra, die Wasser im zweiten, die Feuer im dritten, die Winde im vierten, der Raum, akasha, im fünften, der Geist im sechsten. Herrscher und Herrscherin in ewiger Umarmung im siebten. Über all dem residiert die große Shri oder Lalita, das Prinzip der Ewigen Schönheit. Nicht die Schönheit der Formen, es ist vielmehr das Bewusstseinsprinzip, das in allen Gestalten und Formen wohnt und sie von innen verschönt, ausgleicht, harmonische Proportionen verleiht. Diese ausstrahlenden und reabsorbierenden Formen sind in ständiger Interaktion in Form der 43 Dreiecke des Shri-yantra.

Ich habe über den Prozess der fünffachen Devolution geschrieben, Raum zu Wind, Wind zu Feuer, Feuer zum Fließenden, Wasser zu festen Formen. Diese fünf finden ihre Entsprechungen in den fünf cakras. Vers 14 der Saundarya-lahari sagt aus:

das Erdprinzip, das im ersten Zentrum weilt, hat 56 austretende Strahlen;
das fließende Prinzip im zweiten Zentrum hat 52 Strahlen;
das Feuerprinzip im dritten Zentrum hat 62 Strahlen;
die Wellen des Windprinzips im Herzzentrum umfassen 54 Strahlen;
das Kehlzentrum, das akasha enthält, das Prinzip von Klang und Raum und ihre Einheit, hat 72 Strahlen;
der Sitz des Geistes, ajna-cakra, hat 64 Strahlen, die von ihm emanieren.

Über all diesen Strahlen deine Füße, oh Mutter.

Shri-vidya - Studium und Praxis

Wir kommen zu der Frage: wie kann ich vorgehen?

Du kontemplierst diese Prinzipien, schaffst Zeit für die Kontemplation dieser Prinzipien. Verändere deine Sicht auf die Beziehungen im Universum, wie auch deine Sicht und Einstellung bezüglich der Beziehung zwischen Mann und Frau.

Im Prozess der Initiation in Shri-vidya gibt es viele verschiedene Schritte. Einige davon können hier in vereinfachter Form beschrieben werden. Sie werden nicht notwendigerweise in der angegebenen Reihenfolge gegeben; sie wird für jeden Initiierten vom Meister des Shri-vidya festgelegt.

  • Initiation in das Bala-mantra und Shyama-mantra als Vorbereitung für die Initiation in weiter fortschreitende mantras
  • Anwendungen des Atems und anderer Meditationsmethoden zusammen mit dem mantra
  • das mantra, das als Shri-vidya bekannt ist (feminine mantras werden als vidyas bezeichnet); erst die Version mit 15 Silben, später wird die 16. Silbe hinzugefügt (shodashi-mantra)
  • Einführung in Meditation in den cakras und granthis (den 'Knoten' zwischen den cakras) mit Anwendung der Silben der geeigneten bija-mantras
  • Zeichnen einfacher yantras
  • Initiation in bestimmte Verse des Texts Saundarya-lahari, mit der Anweisung, ein bestimmte Anzahl eines yantras zu zeichnen, verbunden mit der mentalen Rezitation des entsprechenden Verses
  • die Zeichnung eines Shri-yantra mit den 43 vernetzten Dreiecken; Kenntnis der mantras aller 43 Dreiecke wie auch der konas (Winkel)
  • Erlernen der Verehrung der nava-avaranas (neun Verhüllungen); entweder von bhu-pura nach innen (wenn man ein Haushälter ist, grihastha) oder von bindu auswärts (wenn man ein Mönch, sanyasin, oder fortgeschrittener Yogi ist)
  • Initiation in die Praktiken des shava-yatra ('Reise durch den Leichnam'), bei denen man durch verschiedene Teile des Körpers geht, gefolgt von yoga-nidra, 'bewusstem Schlaf'
  • Erlernen der Linien, Zeichnungen, Energiewirbel in der Persönlichkeit, um die gesamte Körper-Person als ein Shri-yantra zu erfahren.

In unserem Ashram lehren wir dies einigen Wenigen in dieser Abfolge:

  • Praxis der 21.600 Atemzüge
  • Bhuta-shuddhi (Reinigung der Bestandteile der Persönlichkeit)
  • Bahish-cakra-nyasa (Etablieren von Teilen des Shri-yantra auf die äußere Form der Persönlichkeit)
  • Antash-cakra-nyasa (Etablieren von Teilen des Shri-yantra in den inneren Energien)

und weiterführende Praktiken.

Ein Nobelpreisträger der Wissenschaftsphilosophie würde wohl Schwierigkeiten haben, die angesprochenen Verbindungen nachzuvollziehen. Er/sie würde es wohl als Sammelsurium linguistischer Verwirrungen bezeichnen. Was sollte denn die Beziehung sein zwischen subatomaren Partikeln, der Ausdehnung des Universums und der Verehrung einer Frau in einem Tempel! Guter Gott! Wahrscheinlich würde die gesamte Thematik als 'primitiv', 'irrational', 'unlogisch' usw. bezeichnet.

Ich würde gerne eine Konferenz besuchen, auf der westliche Wissenschaftler und die Praktizierenden der alten östlichen Wissenschaften zusammentreffen. Wir könnten zumindest ein paar theoretische Antworten anbieten, die manche Probleme der modernen Wissenschaftsphilosophie lösen könnten. Wir könnten aufzeigen, wie das Bewusstsein, das in einem Lichtpunkt im Herzzentrum ruht, derselbe Lichtpunkt des Bewusstseins ist, der im Big-Bang explodiert ist und zu maha-nada wurde, dem Mega-Klang.

Wie oben festgestellt, gibt es zwei Möglichkeiten, Shri-yantra oder jedes der cakras in uns selbst zu betrachten. Man betritt es von den Außengrenzen der Erd-Stadt, um dann die zentralen Quadrate des Schachbretts zu erobern. Oder durch Ausdehnung vom zentralen Punkt nach außen. Das eine wie das andere sind nicht zwei Prozesse, sondern einer. Die Ausdehnung des Universums und seine Kontraktion und Auflösung in den zentralen Lichtpunkt ist ein und dasselbe. Letztlich müssen auch die zwei Hauptsysteme des Aufzeichnens des Shri-yantra ebenfalls angeglichen werden. Sind sie assimiliert, wird es als samayacara bezeichnet. Wenn der Geist des Guru und der Geist des Schülers untrennbar werden, wenn der individuelle Geist und der universelle Geist nicht mehr voneinander abgegrenzt werden können und die Gesamtheit des universellen Geistes zum Geist eines aufwärtsstrebenden Übenden wird - das wird als samayacara bezeichnet.

Halte Ausschau nach dem zentralen inneren Punkt, es ist der Punkt, aus dem das Universum entstanden ist und in den es zurückkehrt. 

Nochmals zu der Frage: wie kann ich vorgehen?

Nimm dir Zeit für die Kontemplation. Das Auswendiglernen des gesamten Saundarya-lahari Textes und das Studium einer poetischen Übersetzung davon wird nicht ausreichen. Es gibt großartige übersetzte Sanskrit-Kommentare, die die Diagramme für die Konzentration mit jedem Vers aufzeigen. Kontempliere sie. Vertiefe die Praxis. Versuche, deine Meditation auf einen Punkt zu bringen. Deine Entschlossenheit sollte nur darauf gerichtet sein, doch keine deiner Bemühungen wird die Tore des bhu-pura öffnen, die äußere Befestigung der Erd-Stadt. Dies geschieht nur durch Gnade, nur durch Gnade.

Eine Upanishad besagt:

Wen immer er auswählt, der wird finden.

Ja, du klopfst weiterhin an, doch es erfordert ein Element der Selbsthingabe und eine innere Entscheidung, dich so gut wie nur möglich vorzubereiten. Ist dein Geist bereit, gibt es keinerlei Grund, dass ein Meister des Shri-vidya dich nicht in das einführen wird, das du fassen, lernen, meistern kannst. Hat man dir einen Vers der Saundarya-Lahari als Praxis gegeben, dann praktiziere es.

Halte Ausschau nach dem zentralen inneren Punkt, es ist der Punkt, aus dem das Universum entstanden ist und in den es zurückkehrt. Es ist der Punkt in deinem Zentrum, in den das Universum zurückkehrt, durch seine Ausdehnung. Es ist dieser Punkt, dessen Ausdehnung das gesamte Shri-yantra bildet, die yantras all deiner cakras übereinandergelegt, mit einem einzelnen Stamm, der durch sie alle verläuft und schließlich zum tausendblättrigen Schutzbaum in deinem Schädel wird. Doch selbst diese tausend Blütenblätter müssen fallengelassen werden. Es bleibt nur eine vertikale Linie, und diese vertikale Linie kontrahiert und wird wieder zu einem Punkt.

Diese konstante Evolution-Devolution, Expansion-Kontraktion, dieses Verschmelzen in der Einheit des Zentripetalen und Zentrifugalen, geschieht fortlaufend als ein einzelner Prozess. Verstehe das. Beobachte es in dir selbst. Integriere es und bleib beständig in deiner Praxis. Wofür immer du vorbereitet bist, das wird sich mit Bestimmtheit einstellen.

Alles oben Dargestellte beginnt noch nicht einmal, an der Oberfläche der Meta-Wissenschaft des Shri-vidya zu kratzen. Es gibt zahlreiche Bücher in Englisch, Sanskrit, Hindi, Tamil und in anderen Sprachen, die die Prinzipien des Shri-vidya darlegen. Ergänzend bilden die Audioaufzeichnungen von Swami Rama von den Himalayas einen guten Einstieg in die Theorie.6

 

Fußnoten:

1)

Empfehlungen für ein tiefgründigeres Studium der Yoga-sutras:
- Der Kommentar von Hariharananda Aranya, S.U.N.Y Press;
- Der Kommentar von Swami Veda Bharati, erhältlich durch Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!;
- Audiomaterial erhältlich über Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!.

2)
Cosmos von Carl Sagan; Abacus (A Division of Little Brown and Co.), London. 1998.

3)
Ganesha, oftmals respektlos als 'Elefantengott' bezeichnet; einer seiner Namen ist ganapati.

4)
Ich sprach über Architektur als Musik in vielen meiner Vorträge, u.a. in einem Vortrag an der X’ian Universität für Architektur in China, 2006.

5)
Die Audioaufnahme mit der Anleitung der bhuta-shuddhi-Praxis kann bei  Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! bezogen werden.

6)
Man kann bei Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! auch nach Audio-Aufnahmen des Autors anfragen.

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