Die Energie des Bewusstseins in der menschlichen Persönlichkeit

von Swami Rama
Aus 'Inspired Thoughts of Swami Rama' (vergriffen), ISBN 8190100491


Das Universum ist ein Tanz von Energien, die auf vielen unterschiedlichen Frequenzen vibrieren. Sie verebben, fließen, verschmelzen und teilen sich, bilden Wellen, Gezeiten, Strömungen, Wirbel und Strudel. Sie werden zu Einheiten aller Größen, sie reichen von Atomen bis zu Sternen, von individuellen Seelen bis zu kosmischen Wesen, und lösen sich erneut ineinander auf. Als Strahlen, Ströme, Flüsse und Ozeane des Lichts fließen sie ineinander und trennen sich wieder; sie ändern ihre Frequenz und werden dadurch zu Sonnen, Galaxien, Räumen, Winden, Feuern, Flüssigkeiten und festen Stoffen. Sie werden zu den Körpern menschlicher Wesen, in die sich die als Bewusstsein bezeichnete Energie verkörpert.

Von allen Energien des Universums ist Bewusstsein die alles beherrschende Energie. Sie ist jene Energie, aus der alle anderen hervorgehen und in die sie alle wieder verschmelzen. In alten Texte wird häufiger der Ausdruck 'vom Bewusstsein bis hinunter zur festen Erde' benutzt, denn all dies ist ein zusammenhängendes System, eine Matrix, ein tantra (Faden) der Energie, in dem Myriaden von Systemen gewebt und miteinander verbunden sind. Die menschliche Form ist eines dieser Energiesysteme, in wirbelnden Frequenzen fließend, die von jenen der festen Knochen bis zu den subtilsten Wellen des Bewusstseins reichen. Jene, die diese Persönlichkeitsmatrix verstehen können, verstehen das gesamte Universum.

Betrachtet man beispielsweise das Entstehen einer menschlichen Persönlichkeit: zwei menschliche Bewusstseinsströme lieben einander, die Kraft ihrer Liebe lädt einen dritten Bewusstseinsstrom ein, dem sie einen winzigen Körper zur Verfügung stellen. Dieser dritte Strom trägt eine Energiematrix in sich, entlang deren Energielinien der Körper heranwächst. Der Fötus ist über sein Nabelzentrum mit der Mutter verbunden, und durch dieses Nabelzentrum erstrecken sich 72.000 Energieströme, nadis, in das Persönlichkeitssystem. Da die Energiemuster in symmetrischer Weise angeordnet sind, wächst der Körper wunderbar symmetrisch heran. Selbst der Haarstrich ist entlang dieser symmetrischen Ströme der Energien angeordnet.

Die Persönlichkeit des Fötus oder jene eines voll herangewachsenen menschlichen Wesens ist nicht getrennt vom universalen Tanz der Energien. Man sieht es beispielsweise an der Vielzahl von Kräften, die mit der Biosphäre interagieren. Pausenlos dringen zahllose Energien in sie ein und gehen aus ihr hervor. Man kann es in der Reaktion der Körperuhr auf solare, lunare und kosmische Zyklen beobachten; oder wie das Blut auf die Gezeiten der Ozeane anspricht. Trotzdem es so erscheint, als würden all diese Zeiten, Gezeiten und Kräfte einzeln für sich funktionieren und im eigenen Rhythmus schwingen, sind ihre Muster allesamt vibrierende Subsysteme innerhalb eines Gesamtsystems des Bewusstseins, sie sind der Tanz dieses Bewusstseins.

Indem die ausgedehnte, allesdurchdringende ozeanische Energie des Bewusstseins uns sanft mit seinem äußeren Saum berührt, werden wir lebendig und zu Personen. Die Schwingungsfrequenzen in uns, die zu dicht und nicht subtil genug sind, im Einklang mit dem Bewusstsein zu fließen, werden zu unserem materiellen Körper, dem Nicht-Ich. Die so verdichtete Energie wird zu einer Zelle, diese Zelle ist erfüllt von vitaler Energie, prana, die durch die Energie des Geistes gesteuert wird.

Das Ich im Inneren ist reines Bewusstsein. Es besitzt und steuert dieses Körperinstrument und lenkt den Geist. Es ist die reinste und am feinsten vibrierende Energie.

Die Matrix des Lebens

So wie das gesamte Universum bestehen auch wir aus vielen Schichten der Energie bzw. des Lichts, die komplexe Muster formen. Die subtileren Schichten sind sich der dichteren Ebenen bewusst, umgekehrt ist das jedoch nicht der Fall (daher besteht hier eine Art Hierarchie). Durch Meditation und Selbstwahrnehmung ist es uns jedoch möglich, uns auf diese Energieprozesse einzustimmen. Alle Information darüber stammt aus den Erfahrungen der großen Meister der Meditation, die in mündlicher Tradition übermittelt werden.

Jene, die dem Pfad der Selbstwahrnehmung folgen, erkennen irgendwann diesen Tanz, den die Persönlichkeit, das Universum und all die Energien, die zwischen und in ihnen fließen, tanzen. Es gibt keine größere Freude als die des plötzlichen Erkennens, dass der universelle Ozean des prana durch uns selbst fließt, und dass alles, das zu sein ich beanspruchen kann, einfach eine 'Anregung' ist, die vom universellen Bewusstsein in diese Person übertragen wird. Dieser einzelne Punkt dynamischer Erregung breitet sich aus, seine unzähligen Funken strömen wie ein unvorstellbares Feuerwerk in ein ausgedehntes Netzwerk von Energiebahnen, die meine gesamte Person durchziehen, um sie zu beleben, mich mental und physisch in ein lebendes Wesen zu gestalten, mich mit Licht zu erfüllen, um fähig zu sein, 'Ich' zu sagen.

Jene, deren Bewusstheit an die irdischen Frequenzebenen gebunden ist, begreifen allein ihren physischen Körper als die reale Person. Andere, deren Selbstidentifikation auf feinere Frequenzen abgestimmt ist, wissen um das unsterbliche Bewusstsein. Das zu erkennen bedeutet zu erkennen, dass wir unsterblich sind. Doch bevor man diesen Punkt erreicht, an dem man die Unsterblichkeit seines universellen Bewusstseins erfasst, ist es notwendig, die Beziehungen zwischen den verschiedenen hierarchischen Ebenen der Energie zu begreifen. Dieses Verständnis ist kein intellektueller Prozess. Es entsteht, indem man mit seinem inneren Gewahrsein die Linien der Energiemuster entlang reist. Nur so kann man tatsächlich all die Zustände der Kraft und alle ihre Funktionen wahrnehmen, so wie ein Yogi es erfährt. Ein Yogi sendet sein Gewahrsein auf diese unvorstellbare innere Reise und kehrt von ihr zurück, um für andere die Landkarten des Bewusstseins aufzuzeichnen. Um zu erfassen, was Bewusstsein ist und welche Rolle sie für das Funktionieren unserer Persönlichkeiten spielt, gibt keine andere Möglichkeit.

Ein Yogi entdeckt, wie all die Energien verschiedenster Ebenen miteinander in vielerlei Form interagieren. Er entdeckt, dass die Beziehung zwischen den dichteren und feineren Energien eine der Wechselbeziehungen ist. Die dichteren Energien beeinflussen die feineren auf mehr unmittelbare Weise, während die feineren Energien sich auf lange Sicht als die wahren Meister erweisen. Betrachten wir beispielsweise unseren dichten Körper: seine schlechte Haltung hat ungünstige Auswirkungen auf den Atemfluss. Doch wenn der Wille in unserem Bewusstsein entscheidet, dass der Atemfluss perfekt gestaltet werden soll, muss der Körper eine Haltung einnehmen, die diesen freien Fluss ermöglicht.

Die Beziehung zwischen Körper und prana kann auf gleiche Weise gesehen werden. Eine schlechte Haltung hemmt die Wege des prana. Doch Praktizierende der subtileren Formen des Hatha-yoga können erfahren, wie der prana selbst dem Körper derartige Energieanregungen vermittelt, durch die er sich von selbst in eine korrekte Haltung begibt. Diese Erfahrung entsteht, sobald durch die Praxis der Haltungen die Blockaden der prana-Ströme beseitigt wurden. Darüber hinaus berichten viele Praktizierende des Kundalini-yoga, dass als Resultat ihrer Übungen eine unbeabsichtigte Reinigung der inneren Systeme entsteht, die auf die prana-Matrix Einfluss hat und dadurch auch den Körper beeinflusst.

Die Beziehung zwischen prana und den Energien des Geistes funktioniert nicht anders. Ein verminderter prana-Zustand kann den Geist vernebeln. Doch es ist auch hier der Wille des Bewusstseins, das den Geist auf bestimmte Weise erhellt, wodurch prana zwangsläufig dieser Vorgabe des Geistes folgen muss. So kann durch tiefe Meditation der Geist dazu benutzt werden, die Intensität des prana zu steigern.

Wie angedeutet ist der Schlüssel zu den Beziehungen der verschiedenen Energien der Wille, der dem Bewusstsein innewohnt. Wille sollte jedoch nicht mit dem häufig benutzen Begriff der Willensstärke verwechselt werden, ein Wort, das heute fast so etwas wie Gewaltsamkeit impliziert. Willensstärke ist eine angespannte Anstrengung des niederen Geistes. Doch Wille ist einfach eine natürliche Qualität des Bewusstseins, durch die das Bewusstsein all seine Aktivitäten ausführt. Diese Aktivitäten beeinflussen dann das äußere Umfeld und werden zu unseren Handlungen. Wer Selbstgewahrsein kultiviert kann das beobachten und, mit Hilfe des Willens, alle Funktionen des Geistes, des prana und des Körpers kontrollieren.

Die höherschwingenden Energien beinhalten all die Kräfte der niederen Frequenzen, doch nicht umgekehrt (denn zur Erinnerung: sie sind hierarchischer Natur). Daraus leitet sich ab, dass der Geist alle Kräfte des Körpers und der Sinne erfassen kann, doch umgekehrt können diese nicht viel von der geistigen Kraft erfassen. Aus diesem Grund können moderne wissenschaftliche Instrumente die physiologischen Anzeichen bestimmter geistiger Zustände messen, doch sie können nicht den Zustand selbst messen. Anders ausgedrückt: man kann Delta-Gehirnwellen messen, doch ein Messgerät, das die tatsächliche Erfahrung des Schlafs selbst messen kann, ist noch nicht erfunden.

Das bringt uns zu einigen interessanten Beobachtungen betreffend den Zustand des Schlafs. Ein Überprüfen des Körpers zeigt klarerweise an, dass sich jemand im Schlafzustand befindet. Doch stellt sich dann die Frage, ob die Anzeichen des Körpers uns alles über den mentalen Zustand des Schlafs mitteilen können. Natürlich lautet die Antwort nein. Die Yogis stellen fest, dass sich nur ein sehr oberflächlicher Teil des Geistes in Schlaf befindet und ein Großteil des Geistes niemals schläft. Würde der ganze Geist schlafen, was würde denn in dieser Zeit den Verdauungsprozess aufrechterhalten? Was würde die Lungen weiter atmen und das Herz weiter pumpen lassen? Wäre der ganze Geist im Schlafzustand, wer oder was würde uns wieder aufwecken? Da der Körper (der durch den Geist am Funktionieren gehalten wird) einige seiner Funktionen während des Schlafs aufrecht hält, können wir also annehmen, dass ein Teil des Geistes wach bleibt. Doch wir können diesen wachen Teil des Geistes im Schlaf nicht erfahren, wenn wir allein vom Körpergewahrsein abhängig sind. Da wir wissen, dass der Wille des Bewusstseins weiter im Geist wirksam ist, um die Körperfunktionen aufrecht zu erhalten und uns wieder aufzuwecken, wird auch klar, dass die feineren Energien nicht in den dichteren Energien enthalten sein oder durch sie gemessen werden können. Doch umgekehrt ist das möglich.

Ebenen der Selbst-Identifikation

Das wichtigste Anliegen im Studium der Beziehungen zwischen den Energien der menschlichen Persönlichkeit liegt in der Frage der Selbst-Identifikation (Sanskrit: abhimana). Im durchschnittlichen Individuum hat sich das Bewusstsein zusammengezogen und identifiziert sich mit der dichtesten Energieebene, dem Körper; jedenfalls scheint es so zu sein. Doch tatsächlich kann sich das Bewusstsein mit jeder der Energieformen identifizieren und sie als 'Ich' bezeichnen. Nehmen wir z.B. folgende vier Aussagen:

'Er ist mein Vater, ich bin sein Sohn. Sie ist meine Schwester, ich bin ihr Bruder. Sie ist meine Frau, ich bin ihr Ehemann. Sie ist meine Tochter, ich bin ihr Vater.' Das gemeinsame an jeder der vier Aussagen ist das 'ich', doch die Beziehungen sind verschiedenartig. Die Person, die 'ich' sagt, erfährt sich in allen vier Rollen - des Sohnes, des Bruders, des Ehemanns, des Vaters. Doch jeder einzelne Angehörige kann nur eine einzelne Funktion zu ihm einnehmen. Die Frau kennt ihn nicht als Sohn, die Schwester kann sich nicht mit seiner Vaterrolle identifizieren. Und doch ist er in allen vier Zuständen er selbst. Und er ist zugleich getrennt von ihnen und nur 'er selbst', wenn er ein Gedicht über die göttliche Liebe verfasst. Zu diesem Zeitpunkt ist er von allen menschlichen Beziehungen frei und dabei doch seiner wahren Identität weitaus näher. Mit dem Bewusstsein verhält es sich ebenso. Auf der Körperebene identifizieren wir das Bewusstsein mit dem Körper, 'Ja, dieser Körper ist aus meinem Sein gemacht, doch ich atme auch im Atem, belebe den Körper durch prana, und ich denke wenn ich der Geist bin. Und zugleich verweile ich ständig in meiner eigenen Natur, losgelöst von all dem. Sie sind meine Seinsweisen, doch sie sind nicht mein Sein. Sie sind Variationen von mir, doch ich bin der Grundklang.'

Selbst wenn die meisten menschlichen Wesen scheinbar allein mit der Oberfläche ihrer Körper identifiziert sind, ist das Bewusstsein doch hellwach und in anderen Bereichen ebenfalls aktiv. Denn wäre ihre Identifikation tatsächlich nur auf den Oberfläche des Körpers begrenzt, wie könnten sie mit den Lungen atmen, mit den inneren Organen verdauen, und Gedankenwellen aussenden? Oder auf tieferer Ebene: wie könnten sie Emotionen und andere Gedankenformen bilden? Offensichtlich ist das Bewusstsein in allen diesen Energieformen wirksam und damit identifiziert, auch wenn es so aussieht, als wäre ihre hauptsächliche Identifikation auf den oberflächlichen Körpers begrenzt. Wenn man meditatives Selbstgewahrsein kultiviert, schreiten wir allmählich fort von der äußeren zu den inneren Selbstidentifikationen des Bewusstseins: erst mit dem Körper, dann mit dem prana, dann nacheinander mit vielen Ebenen des Geistes, und schließlich allein mit dem reinen Bewusstsein.

Eine häufig gestellte Frage ist, 'Wie hat das reine Bewusstsein dann seine ursprüngliche Reinheit verloren?' Die Antwort darauf ist, dass das niemals der Fall war. So wie niemals die Gesamtheit des Geistes schläft, selbst wenn der schlafende Teil sich nicht des stets wachen Teils bewusst ist; so wie jemandes Schwester ihn nicht als den Vater seiner Tochter kennt; so ist auch die Identifikation mit dem Körperbewusstsein erheblich andersartig von der Identifikation mit dem reinen Bewusstsein, dem Einen. Doch das vollständige und reine Bewusstsein besteht weiter, und es kümmert sich um all seine Kinder, all die niederen Frequenzen, die unfähig sind, es zu erfassen.

Bezüglich dieser Frage nach der Reinheit des Bewusstseins kommen die alten Texte wiederholt auf diesen Punkt: 'Wer bist du, der diese Frage stellt?' Bist du ein Wesen, das sich mit dem Bewusstsein identifiziert, wie es sich in den Körper ausdehnt? Dann beweg dich auf dem Spektrum etwas weiter und bleib in Bewegung. All diese verschiedenen Farben reflektieren dasselbe Licht. Wann hat Licht jemals aufgehört, Licht zu sein? Das Grüne ist grün und das Rote ist rot, doch das Licht ist immer das Licht. Nur wenn du dich mit einem seiner Zustände identifizierst, siehst du blau oder rot. Betrachte die Gesamtheit deines Bewusstseins, dann ist dein Körper mit einbezogen.

Gibt es spezifische Abläufe oder Verbindungen, denen das Bewusstsein im Betreiben unserer Persönlichkeiten folgt? Das universelle Bewusstseinsprinzip kann man hier mit Strom vergleichen, an den viele verschiedene elektrische Geräte angeschlossen sind. Derselbe Strom ermöglicht die Kälte des Kühlgeräts, die Erwärmung im Heizgerät, ermöglicht einem Radio, Klänge zu erzeugen und dem Fernseher visuelle Bilder zu empfangen und darzustellen. Auf gleiche Weise ist das Bewusstseinsprinzip (die ursprüngliche Kraft, aus der alle anderen Energien hervorgehen) an alle lebenden Wesen angeschlossen und versorgt sie alle mit seiner/ihrer Kraft des Willens, des Wissens und des Handelns.

Zentren des Bewusstseins

In menschlichen Wesen wird dieses ursprüngliche Bewusstsein durch ein System psychophysiologischer Zentren wirksam. Wir wissen jetzt um diese feinen Ströme, doch jetzt betrachten wir es von der grobstofflichen Seite her, dem physischen Körper. Dieser Körper mit all seinen Zellen funktioniert, wie bereits zuvor gesagt, durch prana. Prana wird gelenkt durch den Geist, und der Geist wird angeleitet durch das Bewusstsein. Innerhalb der menschlichen Persönlichkeit gibt es Bereiche, in denen diese verschiedenen Energien in engem Gleichklang miteinander verbunden sind und mit den Vibrationen aller anderen mitschwingen. Sie alle beziehen ihre Kraft vom Bewusstsein, das jedoch für sich selbst absolut ist und mit nichts anderem mitschwingt. In diesen spezifischen Bereichen wird die Schwingung vom Bewusstsein in das Geist-prana-Körper-System übertragen, und von diesen Bereichen wird die Energie in die Gesamtheit der Persönlichkeit verteilt. Es handelt sich hier um die psychophysiologischen Zentren, die an den Strom des Bewusstseins angeschlossen sind und auf seine universellen Rhythmen ansprechen.

Betrachten wir beispielsweise den Atemprozess: worin liegt der Ursprung des Atems, der rein physisch betrachtet nichts weiter als Lufteinschlüsse in bestimmten Hohlräumen ist? Was veranlasst diese Luft dazu, als Atem zu fließen? Der Rhythmus der Bewegung bestimmter Organe. Was bewegt diese Organe? Der prana. Was veranlasst prana dazu, zu schwingen, damit die Organe in ihren spezifischen Bereichen sich rhythmisch bewegen? Natürlich der Geist. Und der Geist wird bewegt durch Bewusstsein.

Auf noch andere Weise betrachtet:
das universelle Bewusstsein, das die Welt durch seine Kraft zu ihrem Tanz animiert, sendet einen winzigen Funken der Anregung (spanda, kreative Vibration) durch den Geist in unsere psychophysiologischen Zentren in Bereichen wie dem Nabel, dem Herzzentrum, Kehle und Zirbeldrüsenbereich. Diese Anregung erzeugt ein Pulsieren im System des prana, wodurch wiederum bestimmte  rhythmische Bewegungen in den jeweils damit verbundenen Organen entstehen. Dieser Rhythmus ist abgestimmt, synchronisiert, denn er entsteht durch eben diese ursprüngliche Anregung. Durch diesen Prozess wird die Luft, die sonst weiter in den Hohlräumen gefangen wäre (wie es in einem toten Körper der Fall ist), beginnen, als gleichmäßiger Strom zu fließen; wir sagen dann, dass das Kind zu atmen begonnen hat. Andererseits wird die Atemluft zu eingeschlossener Luft, sobald die Anregung durch das Bewusstsein zurückgezogen wird; ein Arzt sagt dann, dass diese Person tot ist. Wer den Ursprung dieser Anregung begreift, wird ebenso erkennen, dass der Rhythmus seines Atems auf dieselben Schwingungen anspricht, die auch das Pulsieren in den Herzen der Sonnen hervorrufen. Hierin liegt der Grund, dass die Yogis einigen ihrer Atempraktiken Bezeichnungen geben wie das 'Durchbohren der Sonne', surya-vedhana.

Wir müssen noch begreifen, wie Bewusstsein in der Persönlichkeit wirksam wird. Bewusstsein in seiner vollständigen universellen Identifikation unterliegt keinen Begrenzungen des Raums, der Zeit, der Dimensionen oder der Persönlichkeiten. Es wird ausgesandt in unser Sein, das aus niederen, dichteren Frequenzen besteht, so wie ein gerader Lichtstrahl eine felsige Höhle durchdringt. Da die niedriger schwingenden Energien in einem Raum-Zeit-Bezugsrahmen schwingen und so einen physischen Körper erzeugen, benötigt darin dieses alle Orte transzendierende Licht einen physischen Ort. Die Yogis teilen uns mit, dass dieser immense, intensive Energiestrahl des Bewusstsein, kundalini, in uns in einer Art Kanal lokalisiert ist, der sich von der Basis der Wirbelsäule nach oben bis zum Gehirn erstreckt und die gesamte Gehirnregion mit einschließt. Obwohl diese Energie nichtphysisch und daher nicht greifbar ist, wird sie von den Yogis in tiefer Meditation als ein nichtendendes Leuchten eines stabförmigen Blitzes erfahren, leuchtend in einer Intensität wie der von zehntausend Sonnen und dabei doch so schmal wie ein Zehntausendstel einer Haaresbreite. Sie durchläuft sieben vibrierende, dynamische psychophysiologische Stellen bzw. Zentren, in die es seine Funken aussendet und wodurch diese Zentren und die Persönlichkeit funktionsfähig werden. Auf diese Weise berührt uns das Bewusstsein und wir werden lebendig, wir werden zu Personen.

Diese Zentren des Bewusstseins oder cakras zu lokalisieren ist nicht schwierig. Sie alle sind auf die eine oder andere Weise markant. Diese Orte sind:

  • die Basis der Wirbelsäule und das Perineum (Dammbereich)
  • der Ursprung der Genitalien
  • der Nabel
  • die Herzregion im Brustbereich
  • die Kehlmulde
  • zwischen den Augenbrauen
  • am obersten Ende des Kopfes.

Es wird häufiger gefragt, ob das Bewusstsein und die Energie dieser Zentren oder cakras in der Wirbelsäule oder an der Vorderseite des Körpers fließt. Die Antwort darauf lautet, dass diese Unterscheidung unbegründet ist und nur auf Vorstellungen beruht. Vorder- und Rückseiten existieren allein bezogen auf den materiellen, dichten Körper. Doch das Feld der feineren Energien durchdringt die gesamte Region und es stimmt nicht mit den Dimensionen überein, die bezogen auf Raum und Zeit gelten und in die der Körper eingebunden ist.

Sich auf die höheren Ebenen einstimmen

Das Bewusstsein, das als kundalini in uns herabgestiegen ist, trägt in sich sowohl Leben wie Bewusstheit. Man kann es als die Lebenskraft (jiva-shakti) oder die Bewusstseinskraft (cit-shakti) bezeichnen. Über die cakras kommt es zur Teilung dieser zwei Kräfte, denn damit die Persönlichkeit funktionieren kann, ist eine gewisse Spezialisierung der Energien notwendig. Der Energie bezeichnet als Geist wird ein Anflug von Bewusstheit vermittelt; und die Lebendigkeit und Vitalität der Zellen, der Organe und Sinne entsteht durch prana, der Infusion der Lebensenergie aus der kundalini. Auf diese Weise gehen die zwei Kräfte der kundalini auf Geist und prana über, und durch sie auf die gesamte Persönlichkeit. Diese Anregung von Leben und Bewusstheit, die durch die psychophysiologischen Zentren in die Persönlichkeit einströmt, ist jedoch verglichen mit der tatsächlichen Macht des Bewusstseins so winzig, dass die Yogis wiederholt betonen, dass das wahre Bewusstsein in uns schlafend liegt.

Alles, was die Menschheit je erreicht oder geschaffen hat und alles, das jemals durch ein individuelles menschliches Wesen entstanden ist, ist nichts als ein winziger Bruchteil des universellen Bewusstseins. Doch der Großteil der Menschen ist unfähig, selbst diese winzige Anregung in ihrem vollem Ausmaß zu erfahren, da die niedrig schwingenden Energien unfähig sind, die höherschwingenden Energien zu erfassen. Es verhält sich damit genauso wie mit jedem Energiesystem, das überlädt und durchbrennt, wenn eine zu hohe Stromspannung durch es geleitet wird. Wir haben eine derart starke Identifikation mit den niedrig schwingenden Energien entwickelt (mit dem Körper, den Emotionen etc.), dass unser Energiesystem geschwächt und unfähig ist, eine höhere Dosis dieser Anregung zu erhalten. Daher ist es notwendig, das Persönlichkeitsbewusstsein zu reinigen und schrittweise auf die höherschwingenden Energien einzustimmen, bis das System kräftig genug dafür ist, ihre vollständige Pracht zu erwecken, die selbst jetzt in diesem Moment in uns einfließt. Jene, die versucht haben, mit dem kundalini-Bewusstsein ohne solche vorherige Reinigung und ohne fachkundige Anleitung zu experimentieren, haben psychischen und körperlichen Schaden erlitten.

Die Tore der cakras in uns sind daher nur soviel geöffnet, dass eine sanfte Infusion des Bewusstseins möglich ist. Doch betrachtet man die intensive Bewusstheit, die in diesen Zentren gegeben ist: selbst diese schwache Infusion schlafender Energie lässt in jedem der Zentren Unruhe entstehen. Man muss sich nur anschauen, was in diesen Bereichen geschieht: im Perineum und in den Genitalbereichen können die Empfindungen manchmal unkontrollierbar erscheinen; im Nabelbereich kann der Hunger nicht gestillt werden; das Ziehen der Emotionen im Herzbereich hält tausende von Psychiatern beschäftigt; und all die Worte, die wir je durch unser Kehlzentrum geäußert haben, scheinen nicht auszureichen. Und was Stirnzentrum und Gehirn betrifft - sie sind der Arbeitsraum des Teufels. Die Energie, die durch jedes dieser Zentren wirkt erscheint uns oftmals exzessiv zu sein. Dann sagen wir, 'Ich weiß nicht, wie ich mit meiner Unruhe umgehen soll.' Dieses Empfinden von Überladung, als würde in uns eine Sicherung durchbrennen, ist eine allgemeine Erfahrung. Dies ist so, weil die niedrigschwingenden Energien (wie z.B. wirksam in körperlichen und sinnlichen Erfahrungen) nicht die Kapazität haben, all die Energie zu absorbieren, die vom das Bewusstsein her in uns einströmt.

Der Weg nach innen

Ein Yogi begibt sich auf einen anderen Weg - dem Weg nach innen. Und hier kommen wir jetzt auch zum Unterschied zwischen offenen und geschlossenen Zentren. Die Texte über kundalini besagen, dass eine durchschnittliche Person mit geschlossenen cakras lebt, die darauf warten, geöffnet zu werden. Viele, die nicht in diese Wissenschaft initiiert sind, glauben fälschlicherweise, dass mit dem Öffnen eines cakras die auswärts gerichtete Aktivität in diesem Bewusstseinszentrum zunehmen wird, und dass dadurch beispielsweise eine sexuell anziehende Person noch anziehender wird oder eine wortgewandte Person noch redegewandter wird. Doch eine derart auswärts gerichtete Aktivität zerstreut die Energie auf ihren niedrigsten Frequenzen. Es hat nichts zu tun mit einem hochverfeinerten inneren Bewusstsein.

Das Pulsieren, das wir im gewöhnlichen Leben in den verschiedenen psychophysiologischen Bereichen erleben, ist nur das Erinnern an eine höhere innere Präsenz. Sie sind wie Leuchttürme, die der Orientierung von Schiffen dienen. Jedes Pulsieren teilt dem niederen Energiebewusstsein mit: 'Komm, hier entlang. Hier ist ein Tor, durch das du nach innen findest zum höchsten Bewusstsein.' Es führt zu dem Platz, von dem dieses kleine Licht ausgesendet wird. Wenn wir jedes Pulsieren in unserer Persönlichkeit als solch eine Erinnerung begreifen, beginnen wir eine innere Musik wahrzunehmen, und wir können dann jedes derartige Pulsieren erst als einen Konzentrationspunkt und schließlich als einen nach innen führenden Faden nutzen.

Nehmen wir als Beispiel die sexuelle Erregung im zweiten Zentrum. Es macht einen durchschnittlichen Menschen ruhelos, da die Anregung der Energie von innen so machtvoll ist, dass kein Ausmaß sexueller Aktivität völlige Befriedigung vermitteln kann (und das obwohl diese Energie verglichen mit der Energie des Bewusstseins unendlich gering ist). Ein Yogi betrachtet jedoch dieses Zentrum allein als einen Zugang zur höherschwingenden Bewusstseinsenergie. Dessen Pulsieren wird allein als Erinnerung an die inneren Quellen verstanden. Er schließt den Fluss der Energie nach außen - und das wird als Öffnen des cakras bezeichnet. Dann endet alle äußere Ruhelosigkeit. Die niederfrequente Energie kehrt zurück zur höherschwingenden Energie.

Anders ausgedrückt wird ein Yogi jedes sexuelle Pulsieren, das er in sich wahrnimmt, als eine Erinnerung an das reine Bewusstsein begreifen, und er nutzt es als den Faden, der ihn nach innen zum reinen Bewusstsein führt. Er kehrt den Energiefluss um. Verglichen mit der Ekstase, die aus diesem Fluss des persönlichen Bewusstseins in das universelle Bewusstsein entsteht, ist der nach außen gerichtete sexuelle Energiefluss eine nutzlose Entladung; all dieses intensive sexuelle Vergnügen kann man vergleichen mit dem Auspressen von Orangen, um dann an der ausgepressten Orangenschale zu saugen, während man den Orangensaft fortwirft. Genauso wird ein Yogi, wenn sich sein Kehlzentrum zu öffnen beginnt, die Stille suchen. Wenn er dann ein Wort äußert, ist es derart energiegeladen, dass es als ein heiliger Text aufgezeichnet wird und für Jahrtausende rund um die Welt wiederholt wird. Von solcher Art sind die Worte, die von Menschen wie Christus, Buddha etc. geäußert wurden.

Wir können die menschlichen Wesen unterteilen in jene mit innenorientiertem Bewusstsein (antar-vritti) und jene mit auswärtsorientiertem Bewusstsein (bahir-vritti). Jene in der ersten Kategorie leben und wirken im Gewahrsein ihrer kosmischen Verbindung. Sie sind sich unaufhörlich und fortwährend der Anregung des universellen göttlichen Bewusstseins bewusst, das durch sie strömt. Sie nutzen nichts von ihren Energien als Persönlichkeiten, sondern dienen als Kanäle für diesen kosmischen Strom. Sie sind unabhängig von allem Äußeren, doch andere brauchen sie für Beistand, Trost, Wissen und Heilung.

Jene in der zweiten Kategorie sind davon überzeugt, dass allein die Informationen, die sie durch die Sinne und das Gehirn erreichen, ihre Persönlichkeit und Bewusstsein ausmachen. Ihre Aktivitäten entstehen nicht aus dieser inneren Anregung, sondern aus dem Kontakt der niederen Sinne mit äußeren Objekten. Psychologisch betrachtet sind sie abhängige Personen, gleichgültig wie sehr sie individuelle Freiheiten beanspruchen und sich als unabhängig ansehen.

Jene in der ersten Kategorie, diese Wenigen in der Geschichte der Menschheit, widmen sich der Orientierung der Wahrnehmung nach innen, um sich von der Abhängigkeit der begrenzten äußeren Erfahrungen freizumachen und um den unbegrenzten Strom der kosmischen Energien zu erfahren, der ihnen dann zur Verfügung steht.

Wir sollten verstehen, wie das bewerkstelligt wird, wie der nach außen gehende Fluss des Gewahrseins umorientiert werden kann, damit der komplexe Tanz der inneren Energien zu wirklicher Erfahrung wird. Wir sollten verstehen, dass wir durch die Anwendung des Willens den Entschluss entwickeln können, unsere Selbstidentifikation zu verändern: von den niedrig schwingenden zu den höherschwingenden Energien. Daraus entsteht Unsterblichkeit. Diese Freiheit des Bewusstseins von den Begrenzungen des Raums, der Zeit, des karma und der Verursachung ist der Tanz der Freiheit der Energien.

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