Prana, Körperfunktionen und Tod

Teil 9 der Serie 'Die menschliche Persönlichkeit verstehen' -
von Swami Veda Bharati

Die fünf Unterteilungen von prana - jede hat ihre eigene Lokalisierung innerhalb der Persönlichkeit und spezifische Funktion.

  • prana (spezifisch) - oberhalb des Herzens
  • apana - unterhalb des Nabels
  • samana - zwischen Nabel und Herz
  • vyana - durchzieht den ganzen Körper - jede Zelle, jeden Nerv, jede Kapillare …
  • udana - oberhalb der Kehle. 

Es ist ein und dasselbe Feld des prana, doch wird es entsprechend der Funktion unterteilt. Beobachtet man, was in einem bestimmten physiologischen Bereich geschieht, so sind es Funktionen des spezifischen prana-Aspekts.

Prana und Kontrolle der Körperfunktionen

Für einen Yogi sind diese verschiedenen prana-Funktionen von erheblicher Bedeutung, denn er beschäftigt sich mit den sog. 'autonomen' Funktionen. Was für uns eine unwillkürliche physiologische Funktion darstellt, ist für einen Yogi eine willkürlich steuerbare Funktion. Ein Yogi kennt keine unwillkürliche Funktion in sich, alles ist unter seiner bewussten Kontrolle. Er kann seinen Verdauungsprozess beschleunigen oder verlangsamen.

Auch wir können es beschleunigen, z.B. durch bestimmte Übungen, Atempraktiken. Durch sie kann man bestimmte pranas gezielt stimulieren, um bestimmte Wirkungen zu entfalten. Auch durch bestimmte Konzentrationen lassen sich viele Dinge verändern. Wenn z.B. der Magen nach einer Mahlzeit schwer ist, doch man muss z.B. unterrichten:  setz dich für fünf Minuten hin, den Atem ruhig fließen lassen, lass die Aufmerksamkeit ganz ruhig im Nabelbereich gesammelt. Du wirst feststellen, dass die Mahlzeit viel schneller verdaut wird.

Durch Konzentration auf die Höhlung/Kuhle unterhalb des Kehlkopfs kann Hunger und Durst kontrolliert werden. Das kann eine sinnvolle Übung sein z.B. für jene, die zu viel essen: sich beim Essen auf diese Stelle konzentrieren.

Ein Yogi, der die Bewegung seiner Lunge und seine Atmung kontrolliert, kann seinen Herzschlag verlangsamen oder beschleunigen. Ein Yogi schläft und bleibt dabei doch wach. Er kann das gesamte Verdauungssystem vollständig reinigen. Doch dazu muss man die Aktivität und die Funktionen dieser fünf pranas genau kennen.

Wozu sollte das alles gut sein? Wenn man die Funktionen der fünf pranas wirklich kennt, führt man ein gesünderes Leben. Und auch wenn man nicht völlige Meisterung anstrebt, manche dieser Dinge werden in den höheren Stadien der Meditation notwendig. So wird ein Yogi, der mit all den Energiefelder seiner Persönlichkeit gut vertraut ist, z.B. sehr sensitiv für vorhandene Schlacken in seinem System. Er erfährt die Schlacken im Körpersystem als Beeinträchtigungen, als Störungen für bestimmte Praktiken. Völlige Entschlackung  des Körpers ist tatsächlich wichtig und notwendig.

Yogis und der Tod

Sterben ist eine Kunst, bei der es um mehr geht, als das Sterben zu akzeptieren und mit dem Prozess möglichst bewusst umzugehen.

Udana, der Energieaspekt mit Wirkungsbereich oberhalb der Kehle, ist jener prana-Aspekt, den Yogis beim Sterbeprozess benutzen. Es gibt einen erheblichen Unterschied zwischen dem gewöhnlichen Tod eines Menschen und dem Tod eines Yogi. Ein Yogi stirbt bewusst, Tod ist ein Prozess, der unter seiner bewussten Kontrolle steht. Er trennt sein prana von seinem Körper. Er sammelt es durch seinen Willen, führt es sorgfältig durch den sushumna-Strom, den kundalini-Strom, und er sammelt seine gesamte Energie im Bereich von brahmarandhra (bei der Fontanelle des Kopfes), der sogenannten 'zehnten Öffnung' des Körpers - und von dort verlässt er den Körper.

Ein großer Yogi stirbt nicht unbeabsichtigt. Wenn seine Arbeit getan, seine Mission erfüllt ist, wird er bewusst seinen Körper aufgeben. Sterben ist eine Kunst, bei der es um mehr geht, als das Sterben zu akzeptieren und mit dem Prozess möglichst bewusst umzugehen.

Es gibt einige Texte, die man in diesem Zusammenhang studieren sollte: die Katha-upanishad, das Tibetische Totenbuch, bestimmte Teile des Ägyptischen Totenbuchs, die Garuda-purana.

Meditation ist ein tägliches Sterben. Täglich meditieren bedeutet freiwillig sterben. Man löst seinen Körper von seinem Geist, man löst seinen Geist von seiner Seele. Durch tägliche Meditation, konsequent und über lange Zeit beibehalten, meistert man diesen Prozess, und man verliert alle Angst vor dem Tod.

Entwickelt man also diese Gewohnheit, täglich zu meditieren, entwickelt man nicht nur vollständige Kontrolle über die pranas, der Geist kennt keine Furcht mehr. Man besitzt völlige willentliche Kontrolle über alle Körperfunktionen, einschließlich des Todes, denn der Tod ist nichts als eine Körperfunktion.

Kontrolle des prana ist der erste Schritt in Richtung solcher Kontrolle. Das wird möglich durch richtige Ernährung, richtiges Atmen, rechte Geisteshaltung. Die Essenz der physischen Energie ist prana. Die Essenz der pranischen Energie ist das Energiefeld des Geistes.

Fortsetzung:  Citta - das Geistfeld ...

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