Karma verstehen

Teil 8 der Serie 'Die menschliche Persönlichkeit verstehen' -
von Swami Veda Bharati

Drei Arten des Handelns

Die Persönlichkeit führt Handlungen aus - karma. Das reine Selbst vollzieht keine Handlungen. Allein die Persönlichkeit mit all ihren Systemen handelt. Das Selbst bleibt immer rein. Jedes Vergnügen und jeder Schmerz, den man erfährt, ist innerhalb der Persönlichkeit, nicht im Selbst. Durch ahamkara, durch das Ego, identifizieren wir uns mit der Handlung und den daraus entstehenden Ergebnissen wie Vergnügen oder Schmerz. Das reine Selbst kennt keine Konflikte. Ein Meister kennt keinen Konflikt - das ist die Definition einer befreiten Seele. Alle anderen sind zu einem bestimmten Grad neurotisch, denn sie stehen in einem gewissen Grad von Konflikt, es besteht kein vollständiges Gleichgewicht.

Was immer du geistig tust, was immer du im Geist fühlst oder denkst -
darauf kommt es an.

Es gibt drei Arten von Handlungen:  Handlungen des Denkens, des Sprechens, des Körpers. Von diesen drei Arten ist das Denken die vorrangige Art des Handelns. Was immer du geistig tust, was immer du im Geist fühlst oder denkst - darauf kommt es an.

Wenn dein Geist wirklich rein ist, kannst du mittels Körper und Sprechen alles Mögliche tun, du wirst kein karma ansammeln. Das ist jedoch keine Entschuldigung für unethisches Handeln. Ein Beispiel dafür:  ein Guru, der dich in schmerzhafte Situationen bringt, um deinen Reinigungsprozess zu fördern; er handelt dadurch nicht verletzend. Es zählt immer die Einstellung, das Handeln des Geistes. Daher sollte man die geistigen Handlungen beobachten - alles andere kann man dem gegenüber vernachlässigen.

Es gibt zwei Arten von Handlungen des Geistes: Handeln und Erfahren. Erfahrung ist ebenfalls Handeln. Denn es geschieht im Geist und du entscheidest dich dafür. Erfahren bedeutet Handeln. Erinnerung ist ebenfalls eine geistige Erfahrung. Ein Yogi beschäftigt sich mit den Handlungen des Geistes, 'Was bewirkt diese Erfahrung oder diese Handlung in meinem Geist? Stärkt oder schwächt es das Ego? Bringt es mich der Reinheit des Selbst näher oder nicht?' Er beschäftigt sich nicht mit Moralität oder Immoralität, Legalität oder Illegalität von diesem oder jenem. Gesetze, soziale Regeln wie staatliche Gesetze etc., sind insofern für ihn nicht von Belang.

Jede wiederholte Erfahrung bzw. Erinnerung einer Erfahrung hinterlässt Eindrücke und verstärkt die Kraft der ursprünglichen Erfahrung.

Ein anderer Punkt: egal welche Handlung wir vollziehen oder welche Art Erfahrung wir machen - es hinterlässt etwas im Geist. Jede wiederholte Erfahrung bzw. Erinnerung einer Erfahrung hinterlässt Eindrücke und verstärkt die Kraft der ursprünglichen Erfahrung.

Nehmen wir als Beispiel einen Alkoholiker: er trinkt. Später erinnert er sich, dass er beim Trinken bestimmte belastende oder schmerzhafte Dinge vergessen kann. Diese Erinnerung bestärkt die bereits gemachte Erfahrung. Und es ist dieses Bestärken, das ihn erneut zu entsprechendem Handeln antreibt. Man kann ihn nicht davon abhalten, erneut zu trinken, solange man ihm nicht lehrt, nicht mehr in die Kette der Erinnerungen der ursprünglichen Erfahrung einzutauchen.

Meditation ist das Aussetzen dieser Art von Erinnerungsprozessen, das Aussetzen der Erinnerung, dadurch der Erfahrung und dadurch der Handlung.

samskaras

Die geistigen 'Rückstände' (Eindrücke) aller Handlungen einschließlich der geistigen Handlungen (dazu gehören auch Emotionen, emotionale Gedanken etc.) werden als samskaras bezeichnet. Diese samskaras bleiben in dem Bereich von citta, der als karmashaya bezeichnet wird - Ruheort der karmas.

Der karmische Prozess: das Reifen des karma 

Wann immer man eine negative Handlung ausführt, hinterlässt es einen entsprechenden Eindruck in citta. Wenn ich jemanden verletze, verletze ich einen bestimmten Bereich in meinem citta, denn dort entsteht das Handeln. Der Glaube, dass man den Folgen solcher Handlungen entgehen könnte, ist falsch, denn jede Handlung, jede Erfahrung, jede Erinnerung wird sich in dir einnisten, in deinem citta - und bleibt bei dir. Diese negativen Hinterlassenschaften trüben und überdecken buddhi, die Instanz der Unterscheidung.

Durch diese Trübung neigt man in bestimmten Situationen zu falschen Entscheidungen, und erzeugt dadurch seine eigenen schmerzhaften Erfahrungen. Der Schmerz, den du also selbst erzeugst und erfährst, ist eine direkte Folge des ursprünglichen Handelns. Beispielsweise: die physische Verletzung einer anderen Person (die dadurch z.B. ins Krankenhaus muss) ist nur das äußerliche, manifeste Ergebnis deines Handelns. Doch es ist nicht die wirklich wesentliche Folge deines Handelns. Verletzendes Handeln hinterlässt eine Schuld, die man zurückzuzahlen hat. Wenn du also z.B. eine nötige Augenuntersuchung immer wieder hinausschiebst, obwohl deine Sehschärfe immer schlechter wird und du eine Sehhilfe bräuchtest, und du gehst auf der Strasse, stolperst und verletzt dir die Nase, das ist die Folge, das Ergebnis des ursprünglichen Handelns. Das ist allerdings ein stark vereinfachtes und sehr äußerliches Beispiel.

Nochmals: ein bestimmtes Handeln hinterlässt Eindrücke in citta, die die Unterscheidungsfähigkeit des Geistes, buddhi, trüben. Früher oder später trifft man Entscheidungen in einer anderen, sich selbst betreffenden Angelegenheit in einer Weise, dass das ursprüngliche Handeln zur Geltung kommt und erfüllt wird.

Das ist alles, was an 'göttlicher Gerechtigkeit' dran ist. Alles was wir erfahren, ist göttliche Gerechtigkeit. Alles Vergnügen und aller Schmerz ist göttliche Gerechtigkeit. Wir nennen es karma. Es ist nicht so, dass Gott ein Notizbuch über das führt, was ihr z.B. gerade tut. Doch der Geist, citta, notiert alles was du tust. Und diese Notizen werden irgendwann auftauchen, in den dafür passenden Umständen, und sie werden zu entsprechenden Entscheidungen und dadurch Erfahrungen führen. Das nennt man die Erfüllung von karma.

Reinkarnation

Wir haben von jiva gesprochen, dem Selbst, immer rein, weise und frei. Laut der Yoga-Philosophie ist atman, jiva, niemals geboren, stirbt niemals, hat kein Alter, kein Geschlecht, keine Nationalität, keinen Namen. Das ist, was wir sind.

Tod ist die Trennung des reinen Selbst von der Persönlichkeit. Doch nicht der gesamten Persönlichkeit. Der subtile Körper geht mit dem Selbst mit. Im Prozess des Sterbens wird die Gesamtsumme der Eindrücke sämtlicher Handlungen des gesamten vergangenen Lebens gesammelt und taucht in der inneren Vision auf. Die Gesamtsumme aller Handlungen, aller Emotionen, alles taucht auf - und geht mit dir fort. Dieser 'letzte Moment' bestimmt deinen nächsten Schritt. Drei Dinge werden durch diese Gesamtsumme aller Handlungen bestimmt: 

  • die Spezies (Gattung), in die man geboren wird
  • die Lebensspanne in dieser Spezies
  • und die Gesamtsumme an Vergnügen und Schmerz, die du in dieser Lebensspanne erfahren wirst.


Drei Arten von karma

Es gibt drei weitere Unterteilungen von karma: prarabdha - sancita - kriyamana:

  • prarabdha - Handlungen, die du im früheren Leben ausgeführt hast, dessen Gesamtsumme dein gegenwärtiges Leben bestimmt -
  • sancita - Handlungen, die du in diesem Leben ausgeführt hast, die aber noch nicht zu einem Abschluss gekommen sind, noch keine Folgen erzeugt haben -
  • kriyamana - Handlungen, die du jetzt gerade ausführst - über sie hast du völlige Kontrolle.

Obwohl also Vieles für dieses Leben festgelegt war, Familie etc. - im aktuellen Leben hast du diese Tendenzen entweder weiter gestärkt oder du hast sie geschwächt. Jetzt, in diesem Moment, hast du die völlige Freiheit zu wählen, in welche Richtung du gehen willst, welche Art Handlungen du vollziehst. Statt ein Seminar zu besuchen könntet ihr ins Kino gehen. Du kannst jetzt in diesem Moment zwischen diesem und jenem wählen.

Welche Wahl treffe ich?
Welche Wahl würde welche Eindrücke in meinem Geist hinterlassen -
und zu welcher Art Folgen würde sie führen?

Fortsetzung:  Prana, Körperfunktionen und Tod ...

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