Zeit

Teil 3 der Serie 'Die menschliche Persönlichkeit verstehen' -
von Swami Veda Bharati


Um dieses Bild des Universums zu verstehen, ist die zyklische Theorie von Zeit sehr wichtig.

Vom Standpunkt der Meditation her betrachtet existiert keine gerade Zeitlinie. Man erkennt Zeit als Zyklus. Dann versteht man auch seine eigenen Rhythmen, sein Auf und Ab. Wenn Zeit eine gerade Linie ist, steckt man fest. Die Idee ist, dass dieses gewaltige kosmische Ei 'wirbelt' - und aus dieser Bewegung entstehen Galaxien, Sterne, planetare Systeme - und dann wir als kleine Einheiten von Materie, erfüllt mit Leben und Bewusstsein. (…)

Wenn man sich mit dieser Philosophie befasst, verändert sich die Vorstellung von Zeit. Üblicherweise denkt man vielleicht in einem maximalen Zeitrahmen von 70-80 Jahren. Das ist auch der Grund, warum es die Menschen in ihrem Leben so eilig haben und ständig aktiv sind. Hat man nur 70 Jahre zur Verfügung und ein Universum voller Erfahrungen zu erlangen, bleiben Geduld und wirkliches Auskosten von Erfahrung auf der Strecke. Die Menschen gehen selbst durch sexuelle Erfahrungen in Eile.

'Ich meditiere seit 2 Monaten - und bin noch immer nicht befreit!' Durch solche Einstellungen 'verbrennt' man sich selbst. Nichts geht jemals verloren. Selbst dieses Kalzium hat immer existiert - in irgendeiner Form. Es geht durch Transformationen, verändert seine Form, seine Eigenschaften, etwas weniger sattva, etwas mehr rajas. (…)

Wenn man sich mit dieser Philosophie befasst,
verändert sich die Vorstellung von Zeit. 

Auch wir verändern uns ständig. Wir sind nicht die Person, die wir bei unserer Geburt waren. Du identifizierst dich nicht mehr mit jener Form, warum sind wir also so ängstlich, weitere Schritte der Transformation zuzulassen. Die Schwächung körperlicher Kraft im Alter, der Verlust des Körpers beim Sterben, oder eine Wiedergeburt - warum sollte uns das Angst machen. Laufend finden körperliche Veränderungen statt.

Wir sprechen noch immer von der Vorstellung von Selbst, die der gewöhnliche Mensch hat - noch nicht vom Selbst der yogischen Sicht. Die meisten Menschen halten diese äußerliche Persönlichkeit, diese persönliche Materie, für ihr Selbst. Doch selbst von diesem Standpunkt - man denke nur an die gewaltige universelle Zeit, die uns zur Verfügung steht. Der Zyklus von Schöpfung und Auflösung ist unendlich. Es ist wie Räder innerhalb von Rädern. Ein Mensch mit Selbstverwirklichung verlässt das Rad. Doch davon später.

Wir sprechen von vier Ebenen der Zeit:

  • die makrokosmisch-subjektive Zeit (makrokosmische 'Ich'-Zeit) ® 'Ich': Selbst, das Subjektive -
  • die makrokosmisch-objektive Zeit (makrokosmische 'Es'-Zeit) -
  • die mikrokosmisch-subjektive Zeit (mikrokosmische 'Ich'-Zeit) -
  • die mikrokosmisch-objektive Zeit (mikrokosmische 'Es'-Zeit).

Zwischen diesen vier Arten von Zeit gibt es vielerlei Verbindungen.

Die mikrokosmisch-objektive Zeit ist identisch mit dem Zeitkonzept, wie es von der heutigen Wissenschaft genutzt wird - das Oszillieren (eine Schwingung) eines atomaren Partikels. Diese Definition findet man in alten Yoga-Texten des 6. Jahrhunderts v.C., obwohl die Vorstellung von Atom noch sehr unentwickelt war. Doch die Definition von Zeit war bereits sehr klar, eine Zeiteinheit ist eine einzelne Schwingung eines Partikels.

Die makrokosmisch-objektive Zeit kann auf vielerlei Weisen betrachtet werden. Eines ist der ewige zyklische Kreislauf - Zyklen folgen auf Zyklen. Nimmt man einen einzelnen Zyklus, ist das vom menschlichen Standpunkt aus betrachtet also ein einzelner Schöpfungsintervall. Wieviele 'kleine Zeiten' man innerhalb dieser 'großen Zeit' findet, ist eine andere Sache.

Die mikrokosmisch-subjektive Zeit oder persönliche 'Ich'-Zeit. Was ist das kürzeste Zeitintervall, das wir erfahren können? Als Beispiel eine sehr fortgeschrittene Meditationspraxis, von der ihr hoffentlich einen momentanen Geschmack bekommen könnt:

  • beobachte dein fortwährendes Bestehen -
  • beobachte das Fortbestehen deines Körpers -
  • beobachte das Fortbestehen deines Atems, so wie er innerhalb der Zeit abläuft -
  • beobachte das Fortbestehen eines winzigen Bestandteils irgendwo in deinem Körper. Reduziere diesen kleinen Teil auf einen Punkt im Raum. Er hat keine Größe oder Ausdehnung - wirklich klein - beobachte das Fortbestehen dieses Teils. Wieviel eines Mikromoments kannst du wahrnehmen ?
  • Du beobachtest eine halbe Stunde, eine Viertelstunde, eine Sekunde durch Blick auf deine Uhr - in deinem Bewusstsein. Wieviel dieses winzigen Abschnitts von Zeit kannst du als getrennt vom nächstfolgenden Mikromoment erleben ?
  • Verkleinere dein Gewahrsein auf diesen Punkt in der Zeit 

Das Wort Punkt kommt von 'bindu' - diese Übung wird als kala-bindu-bhedana bezeichnet - Durchbrechen des Punkts der Zeit. Wenn du diesen Zeit-Punkt durchbrechen kannst, findest du die Ewigkeit.

Das ist ziemlich schwierig, versuchen wir also etwas Einfacheres: der erste Vokal im Alphabet, 'a':

  • sprich diesen Vokal 'a' aus - und beobachte dabei die Zeit die es braucht von der ersten Bewegung deines Willens bis zum Klang 'a', der dein Ohr erreicht - beobachte die Länge der Zeit -
  • jetzt äußere das 'a' nicht mehr hörbar - nicht einmal mehr die Zunge oder die Stimmbänder aktivieren, äußere es allein im Geist - und beobachte die Länge der Zeit, die es benötigt, vom Willen bis zum Gehirn -
  • erkennst du den Unterschied - in der Zeitdauer die es braucht, es hörbar zu artikulieren - und der Zeitdauer die es braucht, um es allein als ein Aufblitzen im Gehirn aufscheinen zu lassen? Welche ist kürzer?

Natürlich jene im Geist. Wie lange braucht das wohl? Vielleicht 1/5 Sekunde oder was immer. Für dich ist das die kürzeste mikrokosmisch-subjektive Zeit. Wir bezeichnen es als eine 'einzelne Silbeneinheit von Zeit'. Die kürzeste Gedankenwelle, zu der du in der Lage bist. Es ist nicht ein oszillierendes atomares Teilchen, sondern eine einzelne Welle des Bewusstseins, deiner Bewusstheit.

Ein Yogi ist fähig, ein 512tel (1/512) deiner Silbeneinheit der Zeit bewusst zu erfahren. Ich habe das 1/512 nicht ausprobiert, aber doch viel feinere Silbeneinheiten als man gewöhnlicherweise erfährt. An diesem Punkt wird dein mantra eine Schwingung - es hört auf, ein Gedanke zu sein - es wird zu einer Schwingung des Bewusstseins. Wir nennen das die dritte Ebene des Klangs.

Es gibt also diesen kurzen Moment der Zeit. Wenn man sich dieser Mikromomente innerhalb der Zeit bewusst sein kann, wird deine Vorstellung von Zeit sehr viel grösser (umfassender). Wenn du dich wirklich auf einen einzelnen Moment in der Zeit konzentrieren kannst, dann erscheint eine Minute als sehr lang. Gewöhnlich ist für uns eine Minute nicht viel. Wenn du aber auf deine Uhr schaust und die Sekunden zählst, erscheint es schon viel länger. (...)

Wenn du diese Mikromomente der Zeit wirklich würdigen / auskosten kannst, wirst du feststellen, dass du das Leben mehr auskostest und würdigst. Du wirst alles auskosten - die Fahrt, das Essen, den Schlaf, den Sex - alles. Und in einer kürzeren Zeitspanne hast du eine größere Intensität an Erfahrung. Die Mehrzahl der Mensch ist heute hinter einer grossen Bandbreite an Erfahrungen her, die sie aber nicht völlig genießen und auskosten können. Man geht mit keinen Erfahrungen in die Tiefe, nimm als Beispiel Beziehungen.

Wenn man sich dieser zwei Dinge wirklich bewusst sein kann - der mikrokosmischen Zeit und der ausgedehnten makrokosmischen Zeit, wirst du alles auskosten und würdigen. In einer kleinen Zeitspanne wirst du die Intensität einer Erfahrung erleben können, nicht eine Vielfalt an (oberflächlichen) Erfahrungen.

Der Unterschied zwischen dem meditativen Leben, der meditativen Zeitspanne, und dem gewöhnlichen zerstreuten Leben liegt genau darin. Beim einen bist du hinter verschiedenartigen Erfahrungen her, beim anderen suchst du die Intensität einer Erfahrung. Im einen gibt es keinen zentralen Fokus - im anderen ist Kon-Zentration. Ich sage also nicht, genieße keinen Alkohol, sondern koste einen Schluck davon, und damit kannst du soviel von dem Geschmack genießen, für den andere 10 Flaschen benötigen. Also anstelle nach einer Vielfalt oberflächlicher Erfahrungen zu suchen, suche die Intensität einer einzelnen, tiefen Erfahrung. So wird dein Leben Richtung (Ausrichtung) bekommen.

Wir haben mit der Definition von Materie begonnen - und sind beim Genuss des Lebens gelandet.

Was ist die makrokosmisch-subjektive Zeit?

In der buddhistischen Meditation gibt es zwei Ziele: shamata, friedvolles Ruhen, und Weisheit, Erkenntnis. Erkenntnis ohne Friede ist keine Erkenntnis. Wissen, Erkenntnis, das dir keinen persönlichen Frieden vermittelt, ist kein wahres Wissen. Es ist nur Gehirnwellen, kein wirkliches Wissen. Der wirkliche Vergleichstest zwischen Information und Erkenntnis/Wissen/Weisheit ist: Information ist nur Gehirnwellen - Weisheit ist Friede, vermittelt persönlichen Frieden. Friede ohne Wissen / Weisheit ist tamas, Dunkelheit. Es ist der Unterschied zwischen Friede und Schlaf bzw. Unbewusstheit. Das größte Problem der heutigen Informationsmaschinerie ist, dass es nichts zum persönlichen Frieden beiträgt. Es fügt nur immer mehr Gehirnwellen hinzu.

Wenn wir über die Natur der Materie sprechen, seine Qualitäten, Eigenschaften und Wechselbeziehungen, kommt man immer zu dieser Frage zurück: Wo fügt es sich bei mir ein, wie steht es in Bezug zu meiner Suche nach wahrer Weisheit, Erkenntnis, Frieden und Ruhe? Du kannst alle Ernährungsexperten der Welt konsultieren, doch sie können dir nicht beibringen, das Essen zu genießen.

Wenn deine Weisheit, dein 'Wissen' anwächst, wird sich dein Zeitkonzept verändern. Du siehst nicht nur mehr von der Mikrozeit, sondern auch von der Makrozeit. Du siehst nicht nur mehr vom Feinen, sondern auch mehr vom Expansiven (Ausgedehnten).

Auf der einen Seite erfährst du dieses 1/512 einer Silbeneinheit der Zeit, und andererseits betrachtest du das Universum wie eine Gottheit - Zyklen auf Zyklen auf Zyklen, Billionen nach Billionen von Jahren, die dein ewiges, unbegrenztes Bewusstsein bereits durchlaufen hat und die noch vor einem liegen für eine ganze Unendlichkeit. Man hat soviel Zeit zu erfahren. Es gibt für mich keinerlei Zweifel mehr, dass es so etwas wie Tod nicht gibt, Tod ist nicht existent.

Wenn man sich also durch sein Leben, durch diese Welt bewegt, beobachte die mikrokosmische Zeit in jedem Handeln und beobachte die makrokosmische Zeit in jedem Handeln. Die Zeit dazwischen kümmert sich um sich selbst. Du bewegst dich weiter als ein meditatives Wesen. Man spricht heute viel über Meditation im Handeln. Es gibt viele verschiedene Wege und Arten der Meditation im Handeln.

Fortsetzung:  Das Selbst ...

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