Das materielle Prinzip

Teil 2 der Serie 'Die menschliche Persönlichkeit verstehen' -
von Swami Veda Bharati


Wir interagieren mit Materie auf zweierlei Weise:  personell und universell. Persönlich: die Teile der Materie, die mit meiner Persönlichkeit verbunden sind und die sie bilden. So ist z.B. das Kalzium in meinen Knochen Teil meines Persönlichkeitsapparats, obwohl dieses Kalzium sich nicht vom Kalzium irgendwo anders unterscheidet. Es ist irgendwie mit dem Körper verbunden.

Hier bin also ich mit meiner persönlichen Materie. Doch: Wer bin ich? Bin ich diese Kombination von Geweben, Blut, Knochen etc., mit ein paar Vitaminen etc., und mit elektrischen Impulsströmen, die durch das System laufen? Mehr oder weniger scheint diese Persönlichkeit eine Art Roboter zu sein. Es hat auch eine Art Datenspeicher (Erinnerung), hat einen funktionierenden Computer (Zentrales Nervensystem). Alles was sich mit diesem Computer verbindet wird Teil der Erinnerung und bildet den Speicher des Unterbewussten, Träume etc. Diese Persönlichkeit - wie auch der Computer - reinkarniert. Ein Computer reinkarniert, indem man die Daten von einem PC auf einen neuen PC transferiert und die Daten auf dem alten PC löscht. Es ist im Grunde dasselbe wie Reinkarnation!

Das ist eine Sichtweise auf 'Persönlichkeit'.

Was geschieht in Meditation? Können Computer meditieren?
Es gibt viele Versuche, Meditation etc. von einem solchen strikt wissenschaftlichen Standpunkt zu erklären. Das traditionelle Verständnis der meditativen Philosophie von 'Persönlichkeit' ist ein anderes. 
Wenn wir hier versuchen, Persönlichkeit zu verstehen, versucht man als erstes  zu verstehen: Was ist Materie? Ich kann Persönlichkeit und persönliche Materie nicht definieren, wenn ich nicht zuerst 'Materie' klar definiere.
Was ist die Beziehung der persönlichen zur universellen Materie. Wenn beide dasselbe sind, woher entsteht dann eine Beziehung beider?
Wenn diese Persönlichkeit Materie ist, wie kann dann dieses 'ich' verschieden sein von z.B. dieser Tür?

Persönlichkeit beruht auf Identifikation. Womit immer man sich identifiziert, davon sagt man, 'Das bin ich'.

Der Körper einschließlich Nerven und Gehirnzellen sind aus materiellen Stoffen aufgebaut. Warum sage ich also, 'Das bin ich' - und nicht das dort.

  • Wenn ich mit mit einer Nadel in den Finger steche, bin ich verletzt.
  • Wenn mich jemand einen dummen Idioten nennt, bin ich verletzt.
  • Wenn jemand sagt, 'Du bist hässlich', bin ich verletzt.
  • Wenn jemand sagt, 'Dein Land ist schlecht', so bin ich verletzt -
    das Land etc. ist nicht Teil meines Körpers, ich bin kein Land - warum bin ich also verletzt?
  • Jemand schimpft auf meine Religion, ich bin verletzt.

 

Meditation ist der Prozess, diese begrenzenden Identifikationen zu durchbrechen.

Persönlichkeit beruht auf Identifikation. Womit immer man sich identifiziert, davon sagt man, 'Das bin ich'. Meditation ist der Prozess, diese begrenzenden Identifikationen zu durchbrechen.

Materie interessiert uns hier nicht im streng wissenschaftlichen Sinn, als Masse, Energie etc., sondern von einem rein philosophischen Standpunkt her. Der Sanskrit-Begriff für Materie ist prakriti; dieser Begriff hat viele Bedeutungsebenen. Es bedeutet auch 'Natur' - nicht allein die sichtbare Natur, sondern die ursprüngliche 'Natur der Dinge'.

Hier kommen drei Begriffe herein:  sattva - rajas - tamas -

  • sattva - die Eigenschaft der Harmonie, des Friedens, Licht - symbolisiert durch Farbe weiß;
  • rajas - Energie, Bewegung, Aktivität - rot;
  • tamas - Dunkelheit, Trägheit - auch Stagnation bzw. Stabilität (das ist vom Prinzip her dasselbe; es ist nur eine Sache des Standpunkts) - schwarz bzw. dunkelblau.

Kapitel 14, 15, 17, 18 der Bhagavad-gita beinhalten eine Reihe Beschreibungen dieser drei gunas.

So ist eine Person mit einem friedvollen, harmonischen Charakter eine sattvische Person. Eine Person mit auffälligem Charakter, grellen Krawatten, unruhigen Händen, viel gestikulierend, die die Stadt rot anmalen möchte, ist eine rajasische Person. Eine träge, nicht sehr intelligente Person und dgl. ist eine tamasische Person.

Die Absicht in der Meditation ist, sich selbst zu verfeinern.

Indische Texte über Tanz und theatralische Künste beschreiben beispielsweise Persönlichkeitstypen unter Alkoholeinfluss (betrunken):

  • eine sattvische Person schläft ein -
  • eine rajasische Person wird sehr gesellig bis rüpelhaft -
  • eine tamasische Person weiß nicht mehr, was sie tut und redet unklar.

Die gesamte Materie - personell wie universell - ist eine Kombination dieser drei Faktoren. Im Universum siehst du an manchen Orten mehr Licht - an anderen mehr Stagnation und Schwere. Das Erdelement ist das am meisten Tamasische - Wasser ist mehr rajasisch und sattvisch - Feuer ist nur sehr wenig tamasisch, jedoch sattvisch und rajasisch - etc. In dieser Weise werden alle Bestandteile des Universums von diesen drei Qualitäten her betrachtet, als verschiedenartige Kombinationen dieser drei Qualitäten.

Und so ist es auch mit der Persönlichkeit:

  • es gibt Dinge im Körper, die tamasisch sind - andere sind rajasisch bzw. sattvisch -
  • und auch im Geist bzw. den Einstellungen -
  • oder auch in der Art, wie wir sprechen; man kann sehr sattvisch sprechen, z.B. wenn man Meditation anleitet, sollte es sattvisch sein -
  • wenn man unterrichtet, sollte es rajasisch sein -
  • wenn man mit seiner Frau / seinem Mann im Streit liegt, verhält man sich gewöhnlich sehr tamasisch.

Die Absicht in der Meditation ist, sich selbst zu verfeinern, sich allmählich vom Tamasischen und Rajasischen zum mehr Sattvischen zu bewegen, und schließlich darüber hinaus.

Prakriti's ursprüngliche Form vor der schöpferischen Manifestation, also bevor das Universum entsteht, wird als ein Zustand vollkommener Ausgeglichenheit beschrieben. Die Yoga-Philosophie besagt: am Anfang war Ausgeglichenheit, und dann kam das Chaos. Das Chaos ist dieses Universum.

Der Zustand, in dem prakriti ein reines Energiefeld ist - wird in den Texten beschrieben als: 'Es gab keine Existenz oder Nichtexistenz, kein Licht und keine Dunkelheit' - etc.

Um etwas messen zu können, z.B. Licht versus Dunkelheit, muss ein Ungleichgewicht bestehen. Der ursprüngliche Zustand ist ein Zustand des Gleichgewichts, der völligen Ausgeglichenheit, in dem sattva, rajas und tamas einander neutralisieren. Wenn sich diese drei Qualitäten also nicht zeigen, wird es als nichtmanifester Zustand der Materie bezeichnet.

Gemäß der Yoga-Philosophie wird durch 'das Eine Bewusste' (Gott, Bewusstseinsenergie - wie immer man es nennen möchte) prakriti in Bewegung versetzt. Die gunas geraten in einen Zustand des Ungleichgewichts. Diese erste Bewegung bildet den Keim für alle Bewegungen innerhalb des Universums - prakriti 'erwacht'. Diese erste Bewegung wird als das 'goldene Ei' (Hiranya-garbha) bezeichnet.

Doch nicht alle Materie wird manifest und bildet das Universum. In der Sicht der Tradition kommt nur ein winziger Bruchteil in Manifestation. Das, was 'jenseits', im Zustand des Gleichgewichts, verbleibt, dient der Freude der befreiten Seelen - was immer sie damit tun wollen. (…)

Aus dieser Ur-prakriti wird also ein kleiner Teil in Bewegung versetzt, und daraus formt sich das Universum. Eine erste Reihe von Bewegungen kommt in Gang. Ein gewaltiges 'kosmisches Ei' entsteht. 

Die indische Theorie spricht von Zyklen der Schöpfung und Auflösung. Man sagt nicht 'Gott erschuf das Universum', sondern 'Gott erschafft das Universum - und löst es auf'.

Um dieses Bild des Universums zu verstehen, ist die zyklische Theorie von Zeit sehr wichtig.

Fortsetzung:  Zeit ...

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