Citta - das Geistfeld

Teil 10 der Serie 'Die menschliche Persönlichkeit verstehen' -
von Swami Veda Bharati

 

Wir kennen bereits die vier Funktionen des Geistes. Auf Sanskrit werden sie bezeichnet als manas, buddhi, citta und ahamkara. Zusammen bilden sie das 'innere Instrument' - antahkarana.

Wir kennen die Wahrnehmungsfähigkeiten (rezeptiven Sinne) und die Handlungsfähigkeiten (aktiven Sinne). Die aktiven Sinne tragen das Handeln vom Geist her nach außen - die rezeptiven, wahrnehmenden Sinne bringen die Information von außen nach innen zum Geist. Der Geist hat also aktive und rezeptive  Sinnesfähigkeiten. Doch der Geist reicht zugleich über sie hinaus, es gibt etwas jenseits von Wahrnehmung und Aktivität. Dazu später mehr.

Citta - das Geistfeld

Beginnen wir mit citta. Citta ist die gesamte Substanz des Geistes, das gesamte Geistfeld. Hier unterscheiden wir uns etwas von der gängigen Vorstellung von Geist. Die moderne Wissenschaft kann nicht klar sagen, was Geist ist; es gibt alle möglichen Definitionen. Hier wird der Geist als etwas betrachtet, das in einem neugeborenen Kind so gut wie nicht existiert und sich erst allmählich als Teil der Persönlichkeit entwickelt. Für Wissenschaftler ist der Geist ein Prozess von Ansammlungen - all die Wahrnehmungen, Erinnerungen, unterbewussten und bewussten Eindrücke zusammengenommen werden zum Geist. Das Yoga-Konzept des Geistes ist von anderer Art.

Im Yoga begreift man den Geist als ein definitives Energiefeld, das bei der Geburt nur geringen Umfang besitzt und erst mit dem Heranwachsen an Umfang zunimmt.

Citta, Reinkarnation und die Entwicklung des Geistes in einem Kind

In der Reinkarnationslehre nimmt man an, dass eine Person das citta aus dem vorhergehenden Leben in dieses neue Leben mitbringt. Es ist kein leeres Blatt. Warum erscheint es aber wie ein leeres Blatt? Es sind rein physiologische Gründe, warum das kindliche Gehirn, das Instrument von citta, noch nicht gut entwickelt ist. Doch nicht das Geistfeld des Kindes ist leer, das neue Gehirn ist noch leer. Als kleines Kind lernt man erst, den Strom mentaler Energie auf den Körper auszurichten. Doch der Geist ist anwesend, wenn auch noch relativ 'schlafend'.

Der kollektive Geist (samashti-citta) und der individuelle Geist (vyashti-citta)

Citta ist also das Geistfeld. Eines sollte man über dieses individuelle Geistfeld begreifen: individueller Geist ist nicht etwas rein Individuelles. Das individuelle citta ist verbunden mit dem kollektiven Geist, samashti-citta, dem universellen Geistfeld. Das ist natürlich für die meisten Menschen unwirklich. Man hält diese ganze Vorstellung eines kollektiven Geistes für eine Art Fabel, Fantasie oder Traum. Doch begibt man sich tiefer in die Praxis der Meditation, wirst du erkennen, dass so manches, das du für eine Fabel gehalten hast, eine Tatsache ist. Du erfährst sie als wirkliche Gegebenheiten.

Die Kunst der Meditationsanleitung

Hier ein Beispiel für die Beziehung von vyashti-citta mit samashti-citta, individuellem und kosmischen Geist: ein Meditationslehrer leitet eine Meditation an. Was macht ihn zu einem wirksamen Lehrer der Meditation? Wenn vor mir eine Gruppe von Leuten sitzt und ich bin mir dieser Gruppe oder der einzelnen Menschen in dieser Gruppe bewusst, kann ich kein guter Meditationslehrer sein.

Unsere momentane Kommunikation ist nicht zwischen mir und dir. Während ich jetzt gerade spreche, bin ich mir bewusst, dass ihr hier seid; doch wenn ich eine Meditation anleite, bin ich mir eurer Anwesenheit nicht bewusst. Je weniger ich mir dessen bewusst bin, umso besser wird eure Meditation sein. Das erscheint vielleicht paradox, doch so funktioniert es. Bin ich mir der einzelnen Individuen bewusst, dann kann das, was in der Meditation auf der kollektiven Ebene geschieht, nicht wirksam werden. Denn der individuelle Geist ist ein Hindernis für das Wirken des kosmischen Geistes. Er ist ein Hindernis dafür, den kosmischen Geist zu verstehen. Denn wenn du in einer Art Gefängniszelle lebst, hast du keine Ahnung davon, was im freien Bereich um diese Zelle geschieht. Die Verbindung von einer Zelle zu einer anderen verläuft durch diese freien Räume. Die Verbindung von einem Geist zu einem anderen Geist verläuft durch ein gemeinsames Geistfeld im Universum. Es gibt keine andere Möglichkeit der Verbindung. 

Die einzige Möglichkeit, Meditation zu lehren, besteht darin, sich selbst über dieses gemeinsame Feld mit den anderen individuellen Geistfeldern zu verbinden; man nimmt nicht einmal mehr die Existenz individueller Geistfelder wahr. Je tiefer man in seine eigene Meditation findet, desto besser meditiert man mit anderen und für andere.

Dieses unüberschaubar ausgedehnte Feld der Existenz um dich herum ist aufgrund deiner von Raum, Zeit und Linearität begrenzten Vorstellungen begrenzt. Richtest du deinen Geist auf deinen Körper aus und bewegst die Hand, sagst du, 'Ich bewege mich'. Was bewegst du in Wirklichkeit? Du bewegst einen Teil deines Geistes - und dieser bewegte Teil deines Geistes erzeugt Bewegung in der Hand. Du sendest einen Strom mentaler Energie in deine Hand, und die Hand bewegt sich. Bewegt sich dein Geist elegant, bewegt sich die Hand elegant. Bewegt sich dein Geist in einer sprunghaften Art, bewegt sich auch deine Hand ruckartig. Deine Körpersprache vermittelt also anderen sublime Botschaften, und es sind diese kleinen Dinge, die jemand an dir mag oder nicht mag.

Nehmen wir jetzt an, du gehst in einen tiefen Entspannungszustand.  In der Tiefe deiner Entspannung gibt es keine Bewusstheit deiner Hände, der Füße oder des Gesichts mehr. Und doch ist da Bewusstheit. Du schläfst nicht, sondern befindest dich in tiefer Entspannung. Und doch ist da etwas. Wessen bist du dir bewusst? Es ist das Feld des Geistes, citta, das Geistfeld.

Bindu-bhedana:
das Durchdringen des Punktes durch intensive Konzentration

Geist ist sich des Geistes bewusst - das ist in diesem Zustand das Verständnis von Meditation. Dann ziehst du dich allmählich von diesem Geistfeld zurück, so wie du zuvor dich aus dem Körpererleben zurückgezogen hast. In diesem Verlauf zieht sich der Bereich deiner Bewusstheit von Raum, Zeit und Linearität zunehmend zusammen. Sie bewegt sich in eine Art Zentrum. Daher bezeichnet man es als 'Kon-zentration'. 

Man erreicht in seiner Meditation einen Punkt - und dein gesamter Geist, deine gesamte Energie, prana, dein ganzes Wesen, alles, richtet sich auf diesen Punkt aus. Hat man diesen Punkt erreicht, beginnt die richtige Arbeit - bezeichnet als bindu-bhedana. Das bedeutet: das Hindurchbrechen durch einen geistigen Punkt. Man konzentriert seine gesamte Energie und richtet sie auf diesen einen Punkt, so als wollte man ein atomares Teilchen zertrümmern, um die darin verborgene Energie freizusetzen. Die gesamte Energie aller cakras, alle Bewusstseinszentren, alles, ist in der Meditation darauf ausgerichtet.

Die unermessliche Weite des Inneren Raumes

Die Texte besagen, dass dieser eine Punkt des Geistes eine Ausdehnung von einhundert Millionen Meilen hat. Es geht hier um eine symbolhafte Vorstellung jenseits unseres rationalen Begreifens. Aller Raum ist darin. Man kann das nur durch die Analogie eines atomaren Teilchens erklären. Wir wissen heute, dass in einem solchen Teilchen ungeheure Energien eingeschlossen sind. Beschießt man dieses Teilchen mit anderen Energien, vollzieht es einen Sprung von Masse zu Energie.

In unserem Geist gibt es ebenfalls solche Punkte.

Wenn man den Punkt erreicht, ahnt man, dass aus diesem Punkt Energien, Strahlen, Erweiterungen in alle Richtungen gehen. In der Tiefe der Meditation erreichst du diesen Punkt, aus dem du all diese Ausstrahlungen, Ausdehnungen hervortreten siehst. Überallhin - nicht nach oben oder unten, links oder rechts, vorne oder hinten - sondern in alles und in allem.

Swami Rama sagt, dass es in der Welt des Geistes keine Grenzen gibt. Es sagt, dass sich all die Millionen Meilen des gesamten Raumes im Geist befinden, und dass es im Geist keine Entfernungen gibt. Und um diese Entfernungen zu durchqueren, ist keine Zeit erforderlich.

Die Ursprünge des individuellen Geistfelds sind im kollektiven Geist.

Wir werden diese Thematik zu einem späteren Zeitpunkt weiter fortsetzen.

Fortsetzung:  Reinkarnation und karma.

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