Reinkarnation und karma

Teil 11 der Serie 'Die menschliche Persönlichkeit verstehen' -
von Swami Veda Bharati

 

Es gibt viele Theorien über Reinkarnation. Eine davon ist die Evolutionstheorie. Sie wurde im 19. Jahrhundert von den Begründern der Thesophischen Gesellschaft, Colonel Alcott und Madame Blavatsky entwickelt. Zu dieser Zeit entdeckte der Westen gerade die Idee der Evolution - und zugleich die Idee der Reinkarnation. Diese beiden Ideen wurden kombiniert, und die Theosophen interpretierten im Westen Reinkarnation als einen Prozess der Evolution: demnach beginnt eine fokussierte Einheit der Lebensenergie von der niedrigsten Stufe des Bewusstseins, wie z.B. der Mineralebene, einer Amöbe etc., und entwickelt sich immer weiter, bis sie die menschliche Ebene erreicht. Von der menschlichen Ebene geht es weiter zur Ebene der Devas, und immer weiter bis zur Stufe der Meister. Dies kennt man jedoch so in keinem der alten Systeme des Ostens. (...)

In der jüdisch-christlichen Theologie sind menschliche Wesen etwas Einzigartiges, etwas sehr Besonderes. Nichts gleicht dem Menschen, und alles andere existiert zum Nutzen des Menschen, zu seinem Gebrauch. In den indischen Systemen ist der Mensch ebenfalls einzigartig, doch in einem etwas anderen Verständnis. Im hindu-buddhistischen System ist der Mensch insofern einzigartig, dass man ein menschliches Wesen sein muss, um (spirituelle) Befreiung erlangen zu können. Doch das menschliche Geschöpf ist nicht in der Weise einzigartig, dass ihm alles gehört, ihm alles unterworfen ist.

Im jüdisch-christlichen System ist dem Menschen alles 'untertan', ist sein Besitz. So besitzt er eine Kuh; mit einem Wolf kann er tun, was er tun möchte; die Pflanzen existieren für ihn. Alles ist für sein Leben bestimmt. In den indischen Systemen - und das schließt auch die Sicht des Yoga mit ein - ist der Mensch einzigartig, doch nur in einem Sinn: dass der freie Wille durch einen Menschen in einer Weise genutzt werden kann, wie es niederen Tierarten nicht möglich ist. Doch die niederen Tierarten sind nicht Besitz des Menschen, sie sind nicht dazu bestimmt, dass der Mensch mit ihnen tun kann, was er tun möchte. Sie sind gleicherart Lebewesen, wie es die Menschen sind. Es ist äußerst wichtig, gegenüber allen lebenden Wesen sensitiv, einfühlsam zu bleiben. Der Mensch mag in mancher Hinsicht das Erste unter Gleichen sein. Doch wenn ein Mensch sich nicht in Richtung Selbstverwirklichung entwickelt, ist er nicht besser als ein Tier.

Ein Wolf geht auf die Jagd nach Beute. Ein Mensch geht auf die Jagd nach Brot, Geld oder Job. Der Jagdinstinkt ist derselbe.

Das 'Gesetzbuch des Manu' (ein sehr alter Text der indischen Kultur) besagt: das Bedürfnis nach Essen, Schlaf, Sex und die Angst (sie schließt Kampf mit ein) - diese vier Antriebe hat das menschliche Wesen mit allen Tieren gemeinsam. Bezogen auf diese vier Dinge ist der Mensch also nichts Einzigartiges oder Besonderes. Ein Wolf geht auf die Jagd nach Beute; ein Mensch geht auf die Jagd nach Brot, Geld oder Job. Der Jagdinstinkt ist derselbe. Bezogen auf diese vier Bedürfnisse existiert also kein Unterschied zwischen Mensch und anderen Wesen. (...)

Die indischen Systeme beruhen auf der Ansicht, dass Leben heilig ist. Eine Einheit der Lebensenergie kann verschiedene Erscheinungsformen durchlaufen. Eine Lichtquelle kann von einem blauen oder einem gelben Lampenschirm umgeben sein, ich kann einen kristallenen oder einen einfachen gläsernen Kronleuchter verwenden, doch das Licht bleibt immer das Licht. So ist die Lebenskraft in einer Kuh, in einem Menschen oder in einem Schaf nicht verschiedenartig - es ist dieselbe Lebenskraft. Es sind allein die äußeren Erscheinungsformen, die sich unterscheiden. Das physische, materielle Instrument ist von verschiedener Art. Die Form und die Größe des Gehirns mag verschieden sein, doch das Gehirn ist nicht die Lebenskraft. Ich kann einen kleinen oder einen großen Hammer benutzen, doch ich bleibe ich. Mit einem kleinen Hammer kann ich nicht dasselbe erreichen wie mit einem großen Hammer. Der Körper ist ein Instrument. Die Form und Größe der Körperorgane einschließlich des Gehirns mögen sich unterscheiden, doch die Lebenskraft unterscheidet sich nicht. Ich bleibe ich.

Ein Mensch, der von seiner 75-jährigen Lebensspanne 74 ½ damit verbringt, nur jenen Antrieben nachzugehen, die er mit Tieren gemeinsam hat - Essen, Schlafen, Überleben, Sex, ein solcher Mensch hat keinen Grund, sich selbst in irgendeiner Weise als einzigartig, großartig, anders oder höherstehend anzusehen. Er hat nur schärfere geistige Sinne, das ist alles.

Im indischen System kennen wir nicht diese Ablehnung der Idee, dass ein spirituelles Wesen, eine Seele von einer niederen zu einer höheren oder von einer höheren zu einer niederen Ebene der Bewusstheit und Funktionalität wandern kann. Es versetzt unserem anthropozentrischen Stolz einen Schlag. Besonders in diesem wissenschaftlichen Zeitalter, in dem wir einen anderen Blick auf das  Leben gewinnen, sollte dieser falsche Stolz verschwinden. (...)

Dieser Körper wird sterben, er wird verbrannt oder beerdigt. Er wird entsorgt, doch ich bestehe weiter.

Wir verstehen jetzt, dass die menschliche Persönlichkeit eine Hülle der spirituellen Lebensenergie ist. Die Energie verändert sich nicht, die Hüllen ändern sich. Daher wurde ich nie geboren, daher werde ich nie sterben. Was wirklich geschieht ist, dass ich in einen neuen Körper komme, reinkarniere. Ich nehme eine neue fleischliche Hülle an: Re-inkarnation. Doch ich wurde nie geboren, ich werde niemals sterben. Es gibt keine Zeit, in der ich nicht war oder in der ich nicht sein werde. Ich fand in ein winziges Etwas aus Same und Eizelle und sie wurden fruchtbar. Ich blieb dort, daher wuchsen sie. Ich gab ihnen mein Leben, strahlte es durch diesen Körper. So wurde es zu einem Fötus, zu einem Kind, zu einer Frau oder einem Mann. Ich gehe meinen Weg. Dieser Körper wird sterben, er wird verbrannt oder beerdigt. Er wird entsorgt, doch ich bestehe weiter. Ich nehme jetzt eine mentale Hülle an. Diese mentale Persönlichkeit ruht in meinem Subtilkörper (sukshma-sharira).

Wir verstehen inzwischen, was der Subtilkörper ist. Er ist nicht geformt wie dieser sichtbare Körper. Es ist vielmehr eine Verbindung verschiedener Kräfte, die mein Bewusstsein, meine pranas, mein Geist, meine Funktion der Intelligenz und Unterscheidung, all das was subtiler ist als der physische Körper, jedoch dichter als das reine spirituelle Wesen.

In diesem Subtilkörper finden wir das sogenannte Lagerhaus der karmas, karmashaya. Dies ist jener Aspekt, in dem all unsere Handlungen, alle Erfahrungen als Eindrücke, als Hinterlassenschaften der Erfahrung eingelagert sind.

Wir verstehen inzwischen, dass wir jeden Moment eine neue Persönlichkeit formen. In genau diesem Moment, während du hier sitzt, fügst du dieser Persönlichkeit bestimmte Faktoren, gewisse Elemente hinzu. Während du hier zuhörst, vollziehst du dein karma. Wenn du dich hinlegst und schläfst, vollziehst du dein karma. Welches karma sollte das sein? Es ist tamasisches karma. Alles Handeln, karma, wird dort im karmashaya angesammelt.

Das was du bist, das ziehst du an Erfahrungen an.

Nun, wie wirkt sich dieses karma aus? Ich wiederhole, was ich bereits zuvor gesagt habe. Als die Art Person, die du bist, wirst du entsprechende Arten von Umständen anziehen - du wirst zu dieser spezifischen Art Magnet. Willst du deine Lebensbedingungen verändern, so verändere deine Persönlichkeit. Wenn du deine Situationen im Leben verändern willst, so verändere deine Persönlichkeit. Die äußeren Bedingungen zu verändern, wird nichts nützen. Es erfordert eine völlige Umgestaltung deiner Persönlichkeit. Du wirst nicht geliebt, werde also liebenswert. Es ist so einfach. Wie wird man liebenswert? Indem du dein karma veränderst. Indem du die Gesamtsumme deiner Persönlichkeit veränderst - deine Gedanken, Worte und Handlungen, dessen was du aufnimmst und dessen was du nach außen vermittelst. Das was du bist, das wirst du anziehen.

Wie geschieht das? Hier unterscheidet sich die karma-Philosophie vom System der Belohnung und Bestrafung. Die Yoga-Philosophie glaubt nicht an Belohnung und Bestrafung. Wir benutzen den Begriff des 'Reifens' (vipaka) der Samen und der Früchte. Die Samen, die du im Boden deiner Persönlichkeit ausgesät hast, reifen und bringen bestimmte Früchte hervor. Das ist, was in der Bhagavad-gita mit der Aussage gemeint ist, 'So wie deine Gedanken beschaffen sind, genau das bist du.'

Wie ziehen wir bestimmte Bedingungen an? Eine der Funktionen unseres Geistes ist buddhi - die Funktion der Unterscheidung. Sie hat zwei Seiten: eine intellektuelle Seite, die nach außen gerichtet ist, und eine intuitive Seite, die nach innen gerichtet ist. Wenn ich nun diesen Spiegel meines Geistes mit schwarzem Ruß bedecke, kann er dann das Licht reflektieren? Nein. Wenn ich ihn mit tamas überdecke, wird er mir dann klare Anweisungen vermitteln können. Das wird nicht möglich sein. Ist der Spiegel des Geistes durch rajas rot gefärbt, werden die Hinweise von rajasischer Art sein. Ist es bedeckt mit sattva, werden sattvische Orientierungen möglich.

Das bedeutet: man tendiert entsprechend seinem karma in eine bestimmte Richtung. Erreicht man einen Kreuzungspunkt, d.h. hat man eine Entscheidung zu treffen, wird dein gefärbtes buddhi den Färbungen entsprechende Hinweise geben. Du findest zu den entsprechenden Schlussfolgerungen und Entscheidungen.

Eine sattvische, eine rajasische und eine tamasische Person, die denselben Bedingungen unterworfen sind, werden zu jeweils verschiedenen Entscheidungen finden und verschiedene Richtungen einschlagen. Die Ausrichtung der sattvischen Person wird sie zu Zufriedenheit, Freude, Erfolg und Liebe führen. Die Richtung, die eine rajasische Person einschlägt, wird zu Aufregung, Unruhe, Konflikt, Spaltung, Trennung und Entzweiung führen, mit einer Menge an Streit, Intrige und so fort. Für eine tamasische Person wird nichts entstehen. Sie wird einfach dasitzen, schwerfällig und dumpf, und sagen, 'Was kann ich denn tun? Ich kann nichts tun. Ich stecke fest und kann mich nicht bewegen. Ich bin deprimiert. Ich finde keine Richtung.'

Welche Art Persönlichkeit bist du? Du bist, was immer du zu deiner Persönlichkeit durch deine Art Handlungen hinzugefügt hast.

Buddhi ist also der Schlüssel zu deinen Lebensumständen. Halte dein buddhi klar und hell. Füge der Gesamtsumme deiner Persönlichkeit jene Dinge hinzu, die dich zu einer sattvischen Persönlichkeit werden lassen, einer klaren, reinen Persönlichkeit. Damit die richtigen Dinge darin reflektieren können und dir den richtigen Weg aufzeigen.

Wir sagen zwar, 'Ich treffe eine freie Wahl'; doch die Wahl ist nicht so frei wie du annimmst. Sie ist ein Resultat der Gesamtdynamik, der Tendenz deiner Persönlichkeit. (...)

So wird die Wahl deiner Beziehungen von der Art deiner Persönlichkeit bestimmt. Und welche Art Persönlichkeit bist du? Du bist, was immer du zu deiner Persönlichkeit durch deine Art Handlungen hinzugefügt hast. Das ist der ganze karma-Mechanismus. Karma ist also nicht Schicksal. Viele Leute verwenden den Begriff karma so, als handele es sich um Vorbestimmung, um ein Schicksal - 'Was kann ich schon tun, es ist mein Schicksal.'

Vorbestimmung bedeutet, dass du nichts gegen dein Schicksal tun kannst. Laut der Karma-Lehre hingegen kannst du deine Persönlichkeit verändern. Was du bisher getan hast, wird bestehen bleiben, doch du kannst, von diesem Moment an, die Gesamtsumme verändern.

Wir sprechen von drei Arten des karma: prarabdha, sancita, kriyamana. Prarabdha-Handlungen sind jene, die bereits in einem früheren Leben angestoßen wurden. Betrachten wir es so: dieses gegenwärtige Leben ist ein Leben nach dem Tod. Ich werde gefragt, 'Glaubst du an Leben nach dem Tod?' Natürlich, ich befinde mich in einem Leben nach dem Tod. Und ich bin ebenfalls in einem Leben vor der Geburt - meiner nächsten Geburt.

Es gibt dieses Prinzip: für jede Handlung in einer Richtung gibt es eine Reaktion in die entgegengesetzte Richtung. Es ist Newton's drittes Bewegungsgesetz: für jede Bewegung in eine Richtung gibt es eine gleichwertige Bewegung in die Gegenrichtung. Spirituell bedeutet das, dass für jede Handlung in einer Richtung eine entgegengesetzte Reaktion entsteht. Es gibt Gesetze, die für alle Wissenschaften gelten. Ich nenne sie kosmische Gesetze. Und dies ist eines der kosmischen Gesetze. (...)

Was bestimmt mein nächstes Leben?

Nehmen wir an, ich bin diesmal ein sehr schlechter Mensch und handle grausam. Ich verletze jemanden so, dass er dadurch erblindet. Doch hier bin ich, gesund und wohlauf. Doch diese Handlung kommt zurück wie ein Bumerang. Wie erzeugt sie diese Reaktion? Sollte ich dann nicht unmittelbar selbst erblinden? Die karma-Lehre verneint das, denn es existiert eine vorhergehende Dynamik anderer Handlungen, aufgrund derer mein Augenlicht weiter gut funktioniert. Und diese Eigendynamik muss sich erst erschöpfen, dieses karma kann nicht einfach aufgehoben werden. Also werde ich weiterhin gut sehen. Doch ich habe ebenfalls einen neuen Zyklus des karma in Bewegung gesetzt und habe dem karmischen Rad eine neue Richtung gegeben. Ich habe einen neuen verdunkelnden Faktor meiner Persönlichkeit hinzugefügt, ich habe mein spirituelles Seh-Bewusstsein blockiert.

In der Stunde des Todes taucht dein gesamtes Leben vor dir auf, wie auf einer Kinoleinwand.

Was geschieht, wenn ein Mensch stirbt? Er zieht aus seinem Haus aus. Angenommen, du hast fünfundzwanzig Jahre lang in einem Haus gelebt, und jetzt ziehst du aus - was geschieht? Du beginnst das Haus auszuräumen und findest z.B. eine zerbrochene alte Puppe. Du findest ein Tuch, das du vor zehn Jahren verloren glaubtest. Du findest einen Schal, von dem du annahmst, dass du ihn weggegeben hast. Du siehst Stühle mit drei Beinen und wunderst dich, 'Oh je, ich wusste nicht, dass all diese Dinge hier in meinem Keller und Dachboden herumlagen.'

Im Keller und Dachboden deines Unterbewussten, im Keller und Dachboden deines karmashaya, dem Lagerhaus der karmas, liegen all diese Dinge eines ganzen Lebens herum. Man erlebt es manchmal bei sterbenden Personen, dass sie eigenartige Dinge sagen. Andere glauben dann, 'Nun, seine Sinne sind verwirrt, er spricht Unsinn.' Doch für ihn macht es sehr wohl Sinn. In der Stunde des Todes taucht dein gesamtes Leben vor dir auf, wie auf einer Kinoleinwand kommt die Gesamtsumme deines Lebens zum Vorschein. Alles, was verborgen war, erscheint jetzt vor dir. Die Art von Leben, die du gelebt hast, die Art von Tod, die dir bevorsteht. Und die Art des Todes steht in Zusammenhang mit der Art deiner nächsten Wiedergeburt. Die Hülle deines physischen Körpers wird zurückgelassen, doch der Subtilkörper geht mit dir, zusammen mit all den angesammelten karmas, die darin enthalten sind.

Karma wird bereits in Gang gesetzt, bevor du in dieses Leben geboren wirst.

Es gibt diesen Spruch, dass der letzte Gedanke eines Menschen die nächste Geburt bestimmt. Die Frage ist jedoch, was bestimmt diesen letzten Gedanken? Dein letzter Gedanke ist diese Gesamtsumme deines Lebens, es ist der Akt des Einpackens und Ausziehens.

Durch diese Gesamtsumme deines Lebens werden jetzt drei Faktoren deines nächsten Lebens bestimmt. Diese drei Faktoren werden als jati, ayus und bhoga bezeichnet. Die Gattung, in die du geboren wirst, ist jati. Ayus ist die Lebensspanne, die du in dieser Gattung haben wirst, gezählt in der Anzahl von Atemzügen. Und bhoga ist die Art von Schmerz und Vergnügen, die dir während dieser Lebensspanne in dieser Spezies begegnen werden. Nehmen wir beispielsweise an, die Gesamtsumme meines karmas in meinem letzten Leben war zur Hälfte gut und zur Hälfte bösartig, dann habe ich eine gute Chance, als menschliches Wesen geboren zu werden. Nicht als ein sehr entwickeltes menschliches Wesen, nicht sehr weise, aber geboren als menschliches Wesen. Wie lange ich leben werde und welche Art von Schmerz und Vergnügen und welche Art Bedingungen ich erfahre, wird bestimmt von der Dynamik meiner vergangenen karmas. Wir kennen das als prarabdha-karma - es wurde bereits in Gang gesetzt, bevor du in dieses Leben geboren wirst. Es ist der Schwung, die Dynamik dessen, was du aus deinem vergangenen Leben in dieses Leben mitbringst. (...)

Es ist also bereits etwas in Gang gesetzt, sobald du geboren wirst. Die Art von Familie, in die du geboren wirst, welche Art Eltern du haben wirst, welche Art karma dein Bruder oder deine Schwester hat, die Art karma, die du selbst hast - die Kombination all dieser Faktoren macht eine Familie aus. Eine Familie ist das kollektive, aufeinander abgestimmte karma einer Anzahl von Seelen. Unter diesen Umständen wird dein Bruder durch dich die Erfüllung seines karma erfahren, und durch ihn wirst du selbst die Erfüllung deines karma erfahren. All dieses Umstände und Bedingungen kommen zusammen - das ist prarabdha.

Einige Menschen werden blind geboren - warum? Wissenschaftler würden sagen, aufgrund erblicher Bedingungen, etwas in den Chromosomen. Ich meine, das beantwortet nur das Wie, aber nicht das Warum. (...)

Reinkarnation ist auch eine Reinigung. Man sollte den Schwung, die Dynamik des karma sich erschöpfen lassen, jedoch keine neuen Erinnerungen erzeugen. Denn jede Erinnerung erzeugt eine neue Dynamik. Versucht also nicht, eure vergangenen Leben zu erinnern. Es gibt keinen guten Grund dafür, mediale Menschen aufzusuchen, um herauszufinden, was im letzten Leben war, wer dein Ehemann war, was er dir angetan hat und warum du das Leben mit ihm erdulden musstest etc. Denn jedes Mal, wenn du eine Erinnerung weckst, erzeugst du neues Momentum. Das Auslöschen der bewussten Erinnerung im Prozess der Reinkarnation ist ein karmischer Segen.

Jeder hat die Freiheit, sein karma und dadurch sich zu verändern

Falls du dich fragst, 'Habe ich dann keine andere Möglichkeit als die Dinge zu erdulden und mein früheres karma dafür verantwortlich zu machen?' Die Antwort darauf ist die zweite Kategorie des karma, sancita - das karma, das du in diesem Leben bisher angesammelt hast. Und die dritte Kategorie, kriyamana - jenes karma, über das du vollständige Kontrolle besitzt, indem du eine Wahl hast. Du bringst also karma aus dem vergangenen Leben, du hast karma in diesem Leben angesammelt, und anderes karma kannst du jetzt in diesem Moment beginnen, anzusammeln. Jetzt, während ich diese Worte spreche, sammle ich karma an. Dieses kriyamana-karma steht mir vollständig frei. Ich könnte aufstehen und weggehen.

Ihr habt dieselbe Wahl. Du möchtest in deinem Leben bestimmte Dinge erreichen - dann reguliere deine Persönlichkeit dementsprechend. Wenn du wissen möchtest, wie dein Leben sein wird, überprüfe dein sancita-karma. Was habe ich bisher angesammelt? Falls mir das, was ich bisher in diesem Leben angesammelt habe, nicht gefällt, kannst du auf kriyamana-karma zurückgreifen. Du kannst die Entscheidung treffen, von diesem Moment an bestimmte Dinge der Gesamtsumme deiner karmas hinzuzufügen. Erarbeite dir einen Fünf-Jahres-Entwicklungsplan: 'Von jetzt an in fünf Jahren möchte ich diese Art von Person sein, und ich möchte in dieser und jener Art von Bedingungen leben.'

Füge diese Art von Dingen zur Gesamtsumme deiner Persönlichkeit hinzu, plane es, plane deine Handlungen, plane deine Gedanken, deine Worte, deine Tendenzen, deine Einstellungen. Plane deine Art und Weise, wie du mit bestimmten Umständen umgehen möchtest, nimm die Kontrolle selbst in die Hand - und du wirst die Dynamik verändern können.

Die Natur hat die Eigenschaft, immer wieder in ein Gleichgewicht finden zu wollen. Genau jene Handlungen, durch die der Mensch die Existenz anderer Arten gefährdet und sie auszulöschen droht, bedrohen auch seine eigene Existenz und beschwören die Gefahr der Reduzierung seiner eigenen Spezies. Irgendwo wird der Ausgleich stattfinden. Wenn du dich nicht selbst steuerst und regulierst, werden andere Kräfte beginnen, dein Leben zu kontrollieren.

Es gibt in der Natur diesen Mechanismus: eine bestimmte Tierart benötigt für jedes Einzeltier soundso viele Morgen Land, um zu überleben. Sobald die Anzahl der Tiere darüber steigt, hören sie entweder auf, sich zu reproduzieren, oder sie töten die Schwachen, oder irgendetwas sonst geschieht. Man sieht das auch in der menschlichen Geschichte. Zivilisationen wurden durch Ursachen zerstört, die diesen Zivilisationen nicht bewusst wurden. Hätten Augustus oder Julius Cäsar geglaubt, dass das Römische Imperium jemals untergehen würde? Wenn du nicht deine eigenen Kräfte kontrollierst, werden Kräfte außerhalb deiner Kontrolle einen Ausgleich erzwingen. (...)

Kann man sein vergangenes karma verändern?

Kann man sein vergangenes karma verändern? Für den durchschnittlichen Menschen ist das sehr schwierig, doch du kannst einige Dinge tun. Du kannst die Kraft bestimmter karmas verringern, indem du deine Erfahrungen als Gelegenheit ergreifst, deine innere Einstellung zu verändern und die Situation als eine Möglichkeit für eigene Entwicklung nutzt.

Du kannst dir freiwillig selbst bestimmte Sühnemaßnahmen auferlegen, so dass du dieses karma nicht unfreiwillig durchleben musst. Es gibt auch bestimmte mantras, manchmal erhält man ein solches mantra und du durchlebst dann beispielsweise eine Reihe von Unfällen, ohne dabei verletzt zu werden. Es gibt viele verschiedene Möglichkeiten, karma zu handhaben - bestimmte mantras, bestimmte Sühnemaßnahmen und andere Wege. Und langsam, ähnlich wie es durch deine Meditation entsteht, entwickelst du die innere Stärke, die es dir möglich macht, die unheilsamen Wirkungen negativer karmas bewusst anzunehmen und zu ertragen.

Fortsetzung:  Das System der fünf Hüllen (koshas)

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