Kundalini (Teil II)

Teil 16 der Serie 'Die menschliche Persönlichkeit verstehen' -
von Swami Veda Bharati


Im kundalini-yoga gibt es zwei wichtige Begriffe: kundala und mandala. Kundala bedeutet 'aufgerollt'; mandala bedeutet Bereich, Feld, ein Energiefeld.

Kundalini, die 'aufgerollte Energie', geht durch verschiedene mandalas bzw. cakras - die Felder oder Zentren des Bewusstseins.

Der Körper ist nur Fassade

Um es noch einmal zu verdeutlichen: in der Yoga-Philosophie verstehen wir den Menschen nicht als ein physisches Wesen. Die Persönlichkeit ist nur äußerliche Erscheinung, nur eine Fassade. Was wirklich zählt ist das, was dahinter steht.

Der Wohnsitz der kundalini reicht von der Basis der Wirbelsäule bis zum oberen Ende des Kopfes. Deine körperliche Form ist entlang der Linien eines Energiefelds angeordnet. So wie die Rotorblätter eines Ventilators sich nicht von selbst bewegen können, so hat auch dein Körper oder dein Geist nicht die Kraft, sich selbst zu bewegen. Was bewegt, ist die Energie. Diese Energie solltest du verstehen.

Nimmt man einen Magneten, darüber ein Blatt Papier - und verteilt kleine Eisenspäne auf diesem Blatt Papier - was geschieht? Die Eisenspäne arrangieren sich entlang der Linien des Energiefelds. Alles in deiner Persönlichkeit ist in gleicher Weise entlang der Linien des Energiefelds der Lebenskraft und Bewusstseinskraft angeordnet. Die Art Feld, die deine 'Seele' durch seine Ausstrahlung erzeugt, umfasst deinen Geist, dein Gehirn, dein Nervensystem, deine Sinne, deine Knochen, Muskeln, Knochenmark, Blut etc. Entlang der Linien dieses Energiefelds ist dein Körper aufgebaut.

Kennt ihr den Spruch, dass jemand 'Nabelschau betreibt', dass jemand, der nur dasitzt und nichts tut, 'Nabelschau betreibt'? Dieser Begriff stammt von den nichtmeditativen Christen, die sich über die meditativen Christen lustig machen wollten.

Meditationslehrer wie der Hl. Gregor Palamas sprachen von fünf Bewusstseinszentren - mit dem Nabel als unterstem Zentrum. Dieselbe Lehre findet man auch bei den Hopis. Es gibt einen Grund dafür. Indische Meister lehren jenen Schülern, mit denen sie ständig in Kontakt sind, sieben Zentren, sie beziehen die zwei unteren cakras mit ein. Wenn sie aber wissen, dass ein bestimmter Schüler oder alle Schüler nicht in ständigem direktem Kontakt mit ihm stehen, beziehen sie die beiden unteren Zentren nicht mit ein, denn sie sind nur schwer zu kontrollieren.

Eine der Übungen der christlichen Meditierenden war also die Konzentration auf das Nabelzentrum als dem untersten Bewusstseinszentrum, verbunden mit einem Gebet, das im Rhythmus der Aus- und Einatmung praktiziert wurde.

Ida, pingala und sushumna

Hier im Nabelzentrum entspringen die 72.000 Energieströme. Von diesen 72.000 Energieströmen des Lebens und Bewusstseins im Menschen werden am Beginn der Belehrungen die drei Hauptströme behandelt. Man kennt diese drei als ida, pingala und sushumna.

Wie bereits gesagt sehen wir den Menschen nicht als ein physisches Wesen, sondern als ein Energiewesen. Es kommt also nicht auf die äußere Erscheinungsform an, sondern darauf, was dahinter steht.

Wir weisen immer darauf hin, die Wirbelsäule aufgerichtet zu halten. Der Grund dafür ist, dass dadurch der ungestörte, reine Energiefluss gefördert wird. Alles in unserer Physiologie beruht darauf. Hier im Rückenmark sind wir verbunden mit der kosmischen Quelle der Energie.

Man kann sich von der Basis der Wirbelsäule bis zum oberen Ende des Kopfes eine Art Kanal vorstellen. Dieser zentrale Energiekanal wird als sushumna bezeichnet. Der linke Energiestrom ist ida, der rechte Strom ist pingala. Diese drei Energieströme zusammengenommen werden als kundalini bezeichnet. Kundalini bedeutet 'die Eingerollte'.

Diese göttliche Energie, die durch dich fließt, ist von dreifacher Art: cit - die Bewusstseinskraft; jiva - die Lebenskraft; prana, die Vitalität. Du bist angeschlossen an Bewusstsein, Leben und Vitalität des gesamten Kosmos. Es gibt daher nichts, das für dich unerreichbar ist. Alle Erkenntnisse stehen dir offen, wenn du diese dreifache Energie verstehst, wenn du die kundalini verstehst, wenn sie nicht mehr 'schläft' sondern erwacht ist.

Lebenskraft, jiva, ist nichts als reine Lebenskraft. Eine ihrer Funktionen ist, das Nichtlebendige lebendig zu machen, es zu vitalisieren. Sobald diese Energie in Bewegung kommt und eine vitale Funktion erfüllt, wird sie zu prana.

Wenn die linke Seite, ida, aktiv ist, ist der Atem- und prana-Fluss im linken Nasenflügel aktiv. Wenn pingala aktiv ist, so ist der Fluss im rechten Nasenflügel aktiv. In der 'höchsten' oder 'tiefsten' Meditation sind beide Nasenflügel gleich aktiv, da hier sushumna, der zentrale Energiestrom aktiv wird. Sushumna wird aktiv, wenn man diese beiden Polaritäten des Lebens in einen einzigen mentalen Strom verbindet, wenn man also nicht länger in einer Welt der Gegensätze lebt.

Erfahrung in der Meditation

In den meisten von uns ist dieser Energiestrom inaktiv, schlafend. Wenn du in deiner Meditation Fortschritte machst, wirst du diese Energieströme in der einen oder anderen Form deutlich erfahren - manchmal als eine innere Empfindung, manchmal als eine Vibration, manchmal als eine Bewegung. Manche erfahren sie als Wärme oder Hitze. Andere erfahren es möglicherweise in Form von Klang.

Du wirst allmählich auch beginnen, die zehn Energieströme zu erleben: von den Augen nach innen - es ist wie ein Ziehen von den Augen her; von den Ohren nach innen; von den Füßen aufwärts; von den Händen aufwärts; vom Mund nach innen und unten; vom Genitalbereich aufwärts zusammen mit dem Wurzelverschluss (mula-bandha); die Ströme in den Nasenflügeln und von der Mitte zwischen den Augenbrauen zum Ort, wo der Nasensteg und die Oberlippe zusammentreffen - und so weiter.

Sobald du echte derartige Erfahrungen der Energie machst, wird allmählich dein Bewusstsein, das noch mit der körperlichen Identität verschmolzen ist, sich mit der Energie-Identität verbinden. Dann lebst du nicht mehr in dieser Körperidentität, sondern in dem was wir als cid-akasha bezeichnen, im inneren Raum des Bewusstseins - in einem anderen Raum. Es ist ein unbegrenzter Raum.

Die Auszüge aus der Serie 'Systeme der Persönlichkeit - die menschliche Persönlichkeit verstehen' - enden hier.

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