Das System der kundalini

Teil 13 der Serie 'Die menschliche Persönlichkeit verstehen' -
von Swami Veda Bharati

 

Wir haben bereits das vitalisierende spirituelle Prinzip angesprochen, durch das prana und Geist entstehen und das Bewusstsein sich ausdehnt. Die Strahlen des spirituellen Prinzips, die in das System der Persönlichkeit fließen, werden als kundalini bezeichnet. Es wird auch als Devatma-shakti bezeichnet, die Energie des göttlichen Selbst. Der Begriff 'deva' bedeutet 'das Scheinende'. Es ist also das Hinausscheinen der spirituellen Macht, eine Ausstrahlung des reinen Selbst.

Kundalini in dir ist ein Strahl der leuchtenden Sonne. Ein winziger Teil dieser Ausstrahlung genügt, um all diese Systeme der Persönlichkeit am Funktionieren zu halten. Ein Yogi, der der Selbstverwirklichung näher kommt, steigert die Intensität dieser Ausstrahlung. Dadurch werden alle seine Kräfte in einer Weise gesteigert, die man sich gewöhnlich nicht vorstellen kann. Durch diese gesteigerte Energie ist er in allem was er tut, weitaus effektiver und schneller. So hat z.B. das was er spricht, mehr Gewicht.

Diese kundalini ist wie die elektrische Energie in einer Leitung, an die man einen Ventilator anschließt. Die Energie ist unsichtbar, doch sobald man das Gerät einsteckt, wird die Magnetspule aktiv. Das Wort 'kundala' bedeutet, 'das, was aufgespult oder gewunden ist'. Es ist wie die Magnetspule in einem Ventilator, der sich dadurch in Bewegung setzt, so wie wir unsere Hände, Füße etc. in Bewegung setzen.

Nadis - die Energieströme

Wo befindet sich der zentrale Ort der kundalini? Es ist das Rückenmark - von der Basis der Wirbelsäule bis zum oberen Kopfbereich. Man spricht von 72.000 Energieströmen (nadis), die von dieser kundalini in das gesamte System hinausgehen. Andere Schulen sprechen von 325.000 solcher Ströme, die den Geist, die pranas, alle unsere Funktionen 'magnetisieren'.

Kundalini wird in drei hauptsächliche Ströme unterteilt. Der zentrale Strom ist sushumna, die beiden anderen stehen für das Prinzip der Dualität und kontrollieren dieses Prinzip: ida auf der linken, pingala auf der rechten Seite. Die linke Seite wird als das lunare, mondhafte, passive, feminine, intuitive und aufnehmende Prinzip beschrieben, die rechte Seite als das aktive, solare, männliche und auswärtsorientierte Prinzip.

Dualität überwinden

Solange sich diese beiden seitlichen Ströme nicht in einem gleichmäßigen, ausgewogenen Fluss befinden, bleibt man in der Welt der Dualität. Wenn z.B. der Atemfluss im rechten und linken Nasenflügel unausgewogen ist, oder wenn man sich vom
Vergnüglichen angezogen fühlt und das Schmerzhafte vermeidet. Oder wenn in dir das Männliche und Weibliche voneinander getrennt bleiben. Oder wenn in dir die Vorstellung von Leben und Tod weiter bestehen. Solange man diese Zweiheiten, Gegensätze findet, solange es in deinem Leben 'zwei' gibt - dies gegen das, bleiben ida und pingala unausgewogen. Einmal fließt der Atem im linken Nasenflügel stärker, dann der Atem im rechten Nasenflügel; einmal bist du mehr rational, dann bist du wieder mehr intuitiv oder emotional; manchmal mehr passiv, manchmal mehr aktiv, etc.

Solange dieses Dualitätsprinzip vorherrscht, bleiben Konflikte und die Idee von anderen Möglichkeiten erhalten. Die Veränderung, der Wechsel, die Abwandlung, die Anpassung - all das bleibt solange bestehen, bis die beiden in einen vereinten Strom verbunden werden, der als sushumna bezeichnet wird, was völlige Ausgewogenheit des Geistes bedeutet. In dieser vollständigen Ausgewogenheit gibt es keine Gegensätze mehr, keine Dualität, keine Alternativen, keine Konflikte. Wo immer Alternativen bestehen, gibt es auch Konflikte.

Sushumna ist ein völlig geradliniger, beständiger Strom des Lebens. Darin sammeln sich alle Kräfte, die zuvor im linken oder rechten Strom wirksam waren; in richtig oder falsch; im Männlichen oder Weiblichen; in Anziehung und Abneigung; im Streben nach dem Vergnügen, um dem Schmerzlichen zu entgehen; in Konflikten; im Versuch, überlegen zu sein, um nicht zu unterliegen. All das endet dann.

Diese völlige Ausgewogenheit entsteht, weil es keine Identifikation mehr gibt mit all diesen alternierenden Prinzipien, die die Systeme innerhalb der Persönlichkeit bilden. Das Erwachen der kundalini bedeutet also automatisch die Desidentifikation mit
diesen Systemen der Persönlichkeit. Es bedeutet, dass Ich, das Selbst, sie mit Leben durchdringe, nicht umgekehrt.

Das Licht des sushumna-Stroms strahlt derart, dass entweder alle Eindrücke, samskaras, völlig 'verbrannt' werden - oder wenn sushumna nur eine Weile aktiv ist, kommen dann wieder die samskaras zum Vorschein. Was ihr zu lernen habt ist, den sushumna-Fluss immer länger und länger auszudehnen, bis er beständig bleibt.

Fortsetzung:  Das System der Cakras.

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