Das System der fünf koshas ('Hüllen')

Teil 12 der Serie 'Die menschliche Persönlichkeit verstehen' -
von Swami Veda Bharati

 

Das System der fünf Hüllen oder koshas und das System der drei Körper (siehe System der drei Körper) stehen in Zusammenhang. Diese fünf Hüllen sind: anandamaya-kosha, vijnanamaya-kosha, manomaya-kosha, pranamaya-kosha, annamaya-kosha (die Hülle bestehend aus 'anna', Nahrung). Vijnanamaya, manomaya und der subtilere Anteil von pranamaya bilden gemeinsam den sogenannten Subtilkörper (sukshma-sharira).

Anandamaya-kosha

Die Hülle aus ananda, eingegrenzte Seligkeit oder Wonne, ist identisch mit dem Kausalkörper im System der drei Körper. Es ist die erste, subtilste Verhüllung, die das reine Selbst überdeckt. Sie besteht aus Mahat - dem kosmischen Geist und aus dem individuellen citta - der gewaltigen Ausdehnung des unbewussten Geistes. Anandamaya ist die erste Verwerfung oder Verzerrung der reinen transzendenten Freude und Seligkeit des Selbst. Das reine Selbst ist jenseits von Schmerz und Vergnügen; diese erste Hülle ist der 'Behälter' des Prinzips von Vergnügen (Lust) und Schmerz. Das Individuum beginnt hier zu glauben, 'Ich habe Vergnügen, ich habe Schmerz, ich kenne das Angenehme und Unangenehme.'

Vijnanamaya-kosha

Die Hülle, die aus begrenzter Erkenntnis besteht. Sie umfasst Ego (ahamkara) und Intelligenz (buddhi). Durch diese Hülle wird das Selbst, das nie handelt und daher nie Genießer der Erfahrungen ist, so erfahren, als würde es Gut und Böse kennen, Handlungen ausführen und deren Resultate 'genießen'.

Ihr kennt die biblische Metapher der völligen Nacktheit (im Garten Eden). Jetzt, mit einem Körper, glaubt man, man sei ein Kenner von Gut und Böse, jetzt gibt es den Gegensatz von richtig und falsch. Hier kommt das Dualitätsprinzip zum Tragen. Hier in vijnanamaya-kosha findet man den 'Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen'. Der Zustand der Unschuld ist verloren.

Jetzt glaubt man, dass das reine, transzendente Selbst handelt und daher die Folgen des Handelns erleidet oder genießt. Vijnana bedeutet hier begrenzte Erkenntnis. Das Selbst besitzt ewige, unbegrenzte und reine Weisheit - durch vijnana wird Erkenntnis begrenzt und daher bedeutet es begrenztes Handeln.

Manomaya-kosha

Die Hülle des aktiven Geistes (manas) und der kognitiven Sinne. Das, was keine Zweifel kannte, kennt jetzt Zweifel. Das, was keine Sorgen und Täuschungen kannte, kennt jetzt Sorgen und Illusionen. Das Selbst identifiziert sich jetzt mit den Augen, Ohren etc. - und begrenzt dadurch seine unbegrenzte Kapazität.

Zuvor konnte es alles wahrnehmen, jetzt sieht es nur noch ein Objekt und glaubt 'Ich sehe'. Diese Hülle des aktiven Geistes und der kognitiven Sinnesfähigkeiten macht aus dem Selbst, das keine Zweifel kennt, ein zweifelndes, begrenztes Wesen, das in die Welt der äußeren Objekte gezogen wird.

Pranamaya-kosha

Die prana-Hülle - die fünf pranas kontrollieren die fünf subtilen Handlungsfähigkeiten (aktiven Sinne); sie bilden den subtileren Teil der prana-Hülle. Jetzt erscheint es so, als würde das Selbst körperlich handeln. Das was keinen Hunger
kennt, erfährt jetzt Hunger; das, was immer in Stille ist, spricht jetzt; das Selbst scheint zu gehen etc. Das alles sind falsche Identifikationen.

Annamaya-kosha

Der grobstoffliche, physische Körper einschließlich der physiologischen Atmung. Die physiologische Atmung ist der grobstoffliche Teil von pranamaya-kosha - daher wird die Hälfte des prana dem grobstofflichen Körper zugerechnet. Der physische Körper, der aus Nahrung besteht - das ist annamaya.

Wenn sich das Selbst mit dieser Hülle identifiziert, dann erscheint es so, als würde das, was nie atmet, jetzt atmen; das was unsterblich ist, stirbt; das was nie geboren wird, wird geboren; das was kein Alter kennt, kennt jetzt aufgrund dieses Körpers Alter, Geburt, Kindheit, Jugend, Verfall und Tod. In Wirklichkeit ist es nicht so, doch aufgrund der Identifikation mit dieser dichtesten Hülle erlebt es jetzt die Vorstellungen von Geburt und Tod und all dem Anderen.

Hier jetzt noch ein Zusatz: die drei Klänge des Om - A, U, M - und was diese drei repräsentieren. Sie stehen für den Wachzustand, den Traumzustand, den Schlafzustand. Die drei Begrenzungen, die dem Selbst auferlegt sind: Begrenzungen des Handelns, der Erkenntnis, des Willens. Das Selbst, das unbegrenzte Handlungsfähigkeit besitzt, unbegrenzte Erkenntnis, unbegrenzten Willen, erfährt jetzt durch diese fünf Hüllen oder drei Körper, durch das A-U-M, Wachzustand, Traumzustand und Schlaf, nur noch begrenzte Handlungsfähigkeit, begrenzte Erkenntnis, begrenzte Willenskraft.

Der Haupttext über dieses Thema ist die Mandukya-upanishad. Dort ist all das genau definiert; Gaudapada's Kommentar über die Mandukya-upanishad ist der Standardtext der Meditation des Höchsten Bewusstseins (engl. 'superconscious meditation').

Kosmische Gebundenheit

Es gibt noch eine weitere Abteilung in dieser Übersicht: vishva, taijasa und prajna. Sie repräsentieren die kosmische Gebundenheit, das kosmische Wesen, das sich selbst mit begrenzter Handlungsfähigkeit erlebt, und dadurch zum Universum wird, das den Körper des kosmischen Wesens darstellt. Es erfährt sich ebenso durch den physischen Körper einer individuellen Person. Dieses subtile Prinzip sollte man verstehen. Was auf der physischen Ebene geschieht, geschieht zuerst auf der kosmischen Ebene. Das, was wir als transzendentes Brahman bezeichnen, nimmt einen Körper an. Dieser Körper ist das Universum. Daher sollte man den Begriff 'kosmisches Bewusstsein' nicht synonym für Erleuchtung verwenden. Kosmisches Bewusstsein ist nichts Höheres als unser gewöhnliches Körperbewusstsein, es ist einfach nur das Bewusstsein eines sehr großen Körpers.

All diese kosmischen Dinge, die Erde, Planeten, Sonne usf., sie alle setzten sich aus derselben Materie zusammen, aus denen dieser Körper besteht. Die Räume zwischen den Planeten sind die Räume zwischen den Zellen. Und kosmisches Bewusstsein zu verwirklichen ist keine Befreiung. Es ist eine große kosmische Bindung, ein langer, großer kosmischer Traum.

Wenn also das kosmische Wesen einen universellen Körper annimmt, sich selbst als 'vishva' erlebt, ist es dasselbe Universum, das wir in unserem Wachzustand erleben - das ist der Klang 'A' in Om (Aum).

Der kosmische Traum, begrenztes Licht - taijasa. Von diesem kosmischen Traum beziehen wir ein kleines Teilchen in unseren individuellen Träumen. In diesen Träumen verweilen wir in diesen 2 ½ Hüllen - das halbe prana, manomaya und vijnanamaya. Wir beziehen alle Elemente unseres individuellen Traums aus diesem großen kosmischen Traum. Von daher sagt Carl Jung, dass die mythologischen Symbole überall im Universum, überall in der Welt, oftmals identisch sind, denn wir beziehen sie aus diese kosmischen Traum. Das ist als das begrenzte Wissen, der Klang 'U', das begrenzte Licht, taijasa.

Die subtilste Hülle, anandamaya, der Kausalkörper, begrenzter Wille, Schlafzustand - auf der kosmischen Ebene wird es als prajna bezeichnet, begrenztes Bewusstsein, begrenzter Wille - der Klang 'M'. Aus diesem kosmischen Schlaf beziehen wir unseren persönlichen Schlaf, aufgrund des vierten, nichthörbaren Klanges, in den sich das Om auflöst und zu dem das Om führt. Dieser vierte Klang ist die höchste Stille. Und jenseits dieser Stille befindet sich eine Stille, die nur ein Yogi erfährt.

Andererseits verbindet man durch diesen Klang den individuellen mit dem kosmischen Wachzustand, Traum und Schlaf - um sie zu überwinden. Es ist der Punkt auf dem Om, der vierte Klang, bindu - der Punkt. Er repräsentiert das vierte, nicht aussprechbare und nicht hörbare Prinzip, die Transzendenz, in die alles sich vereinigt.

Vom Groben zum Subtilen: der Weg der Meditation

In der Praxis der Meditation gehen wir vom Gröberen zum Feineren. Wir entwickeln sie vom Groben zum immer Subtileren, bis schließlich die feinste Hülle transzendiert wird und man das reine Selbst erreicht. Samadhi ist eine Art Tod, doch es ist
nicht dasselbe wie die völlige Auflösung des Körpers. In samadhi wird der Körper lebendig erhalten, um motiviert von Mitgefühl weiter für andere zu handeln.

Ein Yogi, der diese Selbstverwirklichung erlangt hat, ist nicht weiter an diese Hüllen gebunden. Er mag sie aufrechterhalten, um in der Gesellschaft zum Wohl anderer zu wirken; um einen Vortrag zu halten, braucht er das Sprechorgan. Doch er ist nicht mehr daran gebunden, er identifiziert sich nicht mehr mit dieser begrenzten Ausdrucksweise. Wenn er also stirbt, trägt er nicht mehr dieses Instrument bezeichnet als Subtilkörper mit sich. Er trägt dieses Instrument der Früchte des Handelns (karma) nicht weiter mit sich. Von daher ist Tod und sein Handeln unter seiner vollständigen Kontrolle. Er sammelt keine weiteren samskaras (Eindrücke) mehr an, sein Handeln hinterlässt keine Spuren mehr.

Falls nötig, wird er auch aus Mitgefühl wiederkehren.

Fortsetzung:  Das System der Kundalini.

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