Verfeinerung der Meditation (Teil II)

Praxis und Philosophie

von Swami Veda Bharati

 

Teil II:

Ebenen des Bewusstseins


So wie man sich die Verfeinerungen der Meditationspraxis leicht entgehen lässt, genauso entstehen auch viele Missverständnisse in Bezug auf die Subtilitäten der Meditations-Philosophie. Betrachten wir hier nur einen Aspekt dieser Philosophie.

Oft hört man Formulierungen wie 'Zustände des Bewusstseins' oder 'veränderter Bewusstseinszustand'. Bevor man die Gültigkeit dieser Formulierungen prüft, sollte man den Begriff Bewusstsein definieren.

Vom Standpunkt der Yoga-Tradition betrachtet ist der englische bzw. deutsche Begriff äußerst verwirrend. Es ist ein abstrakter Begriff, der einen Zustand oder eine Verfassung anzeigt, wie Wachsamkeit, Bedeutungslosigkeit, Dicksein, Dünnsein etc. Analysiert man den Begriff Bewusstsein auf diese Weise, entsteht die Frage: der Zustand oder die Verfassung welchen Objektes ist damit gemeint? Ganz offensichtlich ist es die Verfassung von etwas das man 'bewusst' nennt, doch dies ist ein Adjektiv, kein Substantiv. Was ist es, das mit dem Adjektiv 'bewusst' qualifiziert wird? Es gibt nichts Seiendes, das damit benannt wird.

Allein aus diesem Grunde ist die Anwendung dieses Begriffs im Englischen bzw. Deutschen zurückzuweisen, um dieses Wesen oder Seiende verstehen zu können, das sich selbst durch Yoga erkennt.

Im Sanskrit findet man viele verschiedene mit dem Begriff Bewusstsein verwandte Worte: cit, caitanya, cetana, cetanaa, citta. Cit ist allgemein bekannt als das Prinzip des absoluten Bewusstseins von Brahman, Teil des sat-cid-ananda, der drei-einigen Natur Brahmans. Dasselbe cit als Wesenheit, als lebendiges Wesen betrachtet, wird caitanya bezeichnet.

Das allererste Shiva-sutra sagt:

Caitanyam atma
Das Selbst ist caitanya, die Kraft die als Bewusstsein bezeichnet wird.

Caitanya ist hier kein Zustand, sondern eine Wesenheit, ein lebendiges Wesen. Cetana ist jemand, der mit caitanya ausgestattet ist, jemand, in dem caitanya manifest und wirksam ist. Cetanaa ist das Bewusstsein als Zustand, als Verfassung desjenigen, in dem caitanya, das atman ist, tätig ist und aus demjenigen cetana, eine bewusste Person macht.

Caitanya / citi-shakti

Weitere Begriffe die für caitanya, d.h. atman benutzt werden, oder purusha im Samkhya-Yoga, sind citi-shakti oder drshi-shakti. Diese beiden Begriffe können nur mit 'Erkenntnis'-Kraft oder 'Seh'-Kraft übersetzt werden. Die linguistische Wortgestaltung zeigt keinerlei Zeitform, Modus, Fall, Objekt, Subjekt, Instrument, Zweck oder Zustand an.

Tatsächlich kann solch ein Wort gemäß den Regeln der Paninischen Grammatik nicht gebildet werden, um eine Kraft oder Wesenheit zu bezeichnen, doch diese Wortbildungen werden in den Yoga-sutras von Patanjali und in den Kommentaren von Vyasa angewendet. Dort bezeichnen sie das dem Seher eigene Sein, drashtuh sva-rupa, das als kaivalya definiert wird (siehe drittes sutra des ersten Kapitels bzw. das letzte sutra des vierten Kapitels von Patanjali). Der große Kommentator Vyasa sagt zu YS 1.2:

Citi-shaktir a-pari-naminy a-prati-sankrama ... shuddha cananta ca.
Citi-shakti ist nicht wandelbar, nicht übertragbar ... rein und unendlich.9

Daher entsagen wir ab hier der Anwendung des Begriffs 'Bewusstsein', und verwenden das Wort citi-shakti, das nicht übersetzbar ist.

Citta

Dann kommen wir zu citta. Moderne Wissenschaftler, die mit dem neurocerebralen System befasst sind, diskutieren darüber, ob Bewusstsein die Gesamtsumme der Gehirnaktivität, oder ob es etwas darüber Hinausgehendes ist, das uns einen Sinn von Identität verleiht. Im Samkhya-Yoga ist citta nur ein Instrument der unwandelbaren, nicht übertragbaren citi-shakti, und alle Aktivitäten, vrittis, lösen sich daher auf, sobald das reine citi sich als dies erkennt.

So betrachtet folgert sich daraus, dass das Konzept von Zuständen des Bewusstseins irreführend ist. Bewusstsein, citi, unterliegt keinerlei Zuständen. Infolgedessen gibt es auch keine unterschiedlichen Bewusstseinszustände, da citi unwandelbar und unveränderbar ist.

Veränderliche Zustände treten allein im Feld von citta auf und sind als citta-vrittis bekannt. Deren Auflösung (sva-karane layah) wird im zweiten sutra des ersten Kapitels von Patanjali als Yoga definiert. Die Zustände wie Wachheit (jagrat), Traumzustand (svapna) und Schlaf (sushupti) sind Veränderungen, die in citta, dem Instrument des unwandelbaren citi, auftreten.

Die Yoga-Philosophie sieht citi (1) als dessen eigene reine Essenz, (2) als durch citta funktionierend - durch antahkarana, das innere Instrument. Die subtilste Ebene dieses inneren Instrumentes ist buddhi. Citi wirkt, oder anders gesagt, citi benutzt seinen Besitz wie den aktiven Geist, prana und den Körper, keineswegs direkt. In seiner Essenz kennt es keinerlei Neigungen und betätigt sich nicht (na pra-varttate). Die strahlende Sonne am Himmel kann von uns auf keine wie auch immer geartete Weise verfärbt werden. Ihre Strahlen können in einen gelben, roten oder blauen Spiegel reflektiert werden, und der Spiegel reflektiert dann die gefärbten Sonnenstrahlen auf andere Objekte. Doch die Sonne am Himmel ist nicht darin involviert. Die Reflektion tritt nur durch das Prinzip der Nähe und Kompatibilität auf.

buddhi - der Spiegel

So reflektiert die unmittelbare Gegenwart dieser Essenz ebenfalls in diese subtilste Form des Stoffes, in das sattva von buddhi. Dies ist pratibimba, die Reflektion von citi, die dann durch die verschiedenen Schichten der Persönlichkeit gefiltert deren Funktionen ermöglicht. Die jiva-shakti von citi verleiht das Lebensprinzip; cetanaa-shakti verleiht einen Anschein von Bewusstheit; prana-shakti verleiht die Vitalität des prana, das dann annamaya, die körperlichen Systeme mobilisiert.

Durch dieses Prinzip der Filterung und Durchdringung beginnen die Systeme des feinstofflichen Körpers und der koshas wirksam zu werden. Dadurch vermitteln sie den Eindruck vieler verschiedener Arten oder Ebenen des Bewusstseins. Doch die Wirkungsweisen dieses gefilterten Bewusstseins sollten nicht mit der Essenz verwechselt werden, das Bewusstsein ist. Die Reflektion ist nicht die Sonne.

Auf jeder Stufe der Filterung des Lichts aus citi in die Persönlichkeitssysteme, auf jeder ihrer Ebenen (bhumis), scheint das Bewusstsein unterschiedlich zu sein. Das Bewusstsein in annamaya-kosha wird anders empfunden als das Bewusstsein des nächsten, des pranamaya-kosha, usw. Wenn die reflektierten Strahlen von citi diese verschiedenen Schleier, Vorhänge, Lichtabschirmungen durchlaufen, erscheint es im übertragenen Sinne so, als hätten sie verschiedene Farbschattierungen. Dies ist der Prozess des Gebundenseins. Mit welchem der Schleier oder Verhüllungen man sich auch identifizieren mag, an eben diesen ist man gebunden. Es ist jene Verhüllung, die man glaubt zu sein, bis man diesen Zustand im fortschreitenden samadhi gänzlich meistert; dann heißt es: 'neti' - nicht dies; dies ist nicht, was ich bin.

bhumis

Wenn die Meditationsübungen tiefer in die Persönlichkeitssysteme eindringen, führen sie von den relativ grobstofflichen Ebenen in die zunehmend subtileren Schichten. Auf jeder dieser Ebenen macht das Gewahrsein einen Wandel durch und man erfährt eine andere Identität. Anfangs identifiziert man sich nur mit dem annamaya-Schleier; wenn die Übungen des pranamaya-kosha langsam beginnen, Früchte zu tragen, erkennt man sich als prana-Wesen. Und so geht es weiter.

In den Yoga-Texten bezieht man all diese Entwicklungen bis hin zur endgültigen Erleuchtung auf entsprechende Ebenen, bhumis. Sie alle sind verschiedene Abstufungen eines tieferen und subtileren Bewusstseins, bis man den Ort erreicht, an dem asmita, die falsche Identität oder 'Ich-Bin-heit', aus der Verbindung von buddhi mit den Strahlen von citi, die darin reflektiert werden, entstanden ist.

kaivalya

Unterscheidende Weisheit, viveka-khyati, besteht aus dem Erkennen der Getrenntheit, der Verschiedenheit der Reflektion und des kristallenen Spiegels des buddhi. Doch dies ist noch nicht die geheiligte Abgeschiedenheit, die Essenz des All-ein-seins, kevala. In kaivalya, gibt es keine bhumis mehr, keinen Spiegel und keine Reflektion. Nur cit, citi, caitanya das atman ist, das spirituelle Selbst. Dieses Bewusstsein kennt keine Zustände.


Möge wer immer dies liest, zu einer zustandslosen Nicht-Person werden;
nur eine Essenz.
Dies ist mein Gebet.
(Swami Veda Bharati)

Übersicht 'Grundlagen der Meditation'


9 siehe die Diskussion dieses Autors in seinem Kommentar, Band 1, Seiten 94 ff (englisch).