Verfeinerung der Meditation (Teil I)

Praxis und Philosophie

von Swami Veda Bharati

 

Teil I:

Feinheiten im Atemgewahrsein


SVBteach5-250rtViele ungeduldige Schüler suchen nach fortgeschrittenen Atem- und Meditationstechniken. Sie möchten die nächsthöhere Stufe möglichst schnell erklimmen, ohne jedoch die von ihrem Meditationslehrer gegenwärtig empfohlene Praxisebene gemeistert zu haben.

In den authentischen Traditionen eilt man nicht zur nächsten höhergelegenen Ebene, man trachtet vielmehr danach, eine stabile Grundlage zu errichten; dabei wird die Geduld und Ausdauer des Schülers über einen langen Zeitraum auf die Probe gestellt. Das zentrale Prinzip ist Disziplin, anu-shasana, ohne die man kein Schüler, shishya, werden kann.

In den Yoga-sutras von Patanjali heißt es:

Sa tu dirgha-kala-nairantarya-satkara-asevito drdha-bhumih

Die Praxis steht erst dann auf fester Grundlage, wenn sie über einen langen Zeitraum, unablässig und voll Aufmerksamkeit, ohne Unterbrechung und mit positiver und inniger Einstellung verfolgt und aufrechterhalten wird.
YS.1.14 1


Die Tests der Meisterschaft

Hat man eine solche Übung für ein oder zwei Jahrzehnte oder gar ein Leben lang befolgt, bedeutet das noch nicht zwangsläufig die Meisterschaft. Die Maßstäbe für deren Meisterung sind folgende:

(1)
Die Technik selbst, kriya, ist vervollkommnet. Das bedeutet beispielsweise in der Praxis des Atemgewahrseins, dass man auch nicht für einen kleinen Moment vergisst, sämtliche folgende Grundsätze einzuhalten:

  • keine Atemgeräusche;
  • keine sprunghafte, unregelmäßige Atmung;
  • gleiche Länge in der Aus- und Einatmung;
  • in gleicher Stärke aus- und einatmen;
  • während der Einatmung keine Spannungen aufbauen
    (was bei den meisten noch ungeübten Anfängern die Regel ist);
  • größere Aufmerksamkeit auf den Ausatemvorgang legen als auf die Einatmung;
  • gegen Ende eines jeden Atemzuges den Geist darauf vorbereiten, den Übergang zum nächsten Atemzug zu beobachten, und so die Pause, die sonst auftritt, konsequent ausschalten bzw. meistern;
  • absolut keine Unterbrechung in der Atemführung sowie im Gewahrsein des Atems während der gesamten Dauer der Meditation.

(2)
Hat man die nächst höheren Übungsstufen des Atemgewahrseins erreicht, wie:

  • gleichmäßige Atemstärke in beiden Nasengängen, oder
  • Einatmung und Ausatmung im Verhältnis 1:2,

dann wird dieselbe ununterbrochene Vollkommenheit im Atemfluß und im Beobachten während der ganzen Meditationssitzung aufrechterhalten.

(3)
Die Fähigkeit, ohne jede Vorbereitung, zu jeder Zeit, wo immer man möchte, in die Tiefe dieser Praxis einzutreten, egal in welcher Umgebung, Gesellschaft oder Situation, und in durchgehend vollendeter Weise.

(4)
Die Fähigkeit, diese Übung vollkommen und ohne jede Unterbrechung durchzuführen, unabhängig vom körperlichen und mentalen Befinden, von Umständen und Umgebung, und so lange wie man möchte.

(5)
Stets ohne besondere Bemühung und mit Gewissheit in den höchsten / tiefsten Zustand heiterer Gelassenheit, der Stille und der Ruhe einzutreten, den das jeweilige kriya vermitteln kann; die Praxis wird ungezwungen und natürlich.

(6)
Die Fähigkeit, in diesem höchsten/tiefsten Zustand ohne Unterbrechung zu verweilen, so lange man möchte, ohne oberflächlich zu werden - unabhängig von äußeren oder inneren Begleitumständen.

(7)
Dieser Zustand wird zur regulären Grundlage des Gewahrseins, zur natürlichen Grundlage seines Bewusstseins. Früher musste man in diesen Zustand finden und ist dann wieder daraus herausgekommen. Nun gibt es keine Rückkehr mehr in die niedrigeren Zustände des Bewusstseins, die früher das gewöhnliche Fundament gebildet haben - man hat sie hinter sich gelassen. Man hat jetzt bildlich gesprochen seine Meditationshütte auf einer höheren Ebene, bhumi, erbaut.

Von diesem Zeitpunkt an ist man fähig, andere in der Meditation bis zu dieser bestimmten Stufe zu führen, ohne jedoch aus Gründen der Egobestätigung, Reklame, Bekanntheit, höherer Kursgebühren etc. von sich zu behaupten, weitergehende Fähigkeiten zu besitzen. Geleitete Gruppenmeditationen stellen keine Einweihung in einen höheren Zustand dar; sie dienen lediglich dazu, den Schülern in der Gruppe einen Eindruck davon zu vermitteln, was es zu erreichen gilt und was sie durch ihre eigene Praxis auch erreichen können, sofern sie sich wirklich bemühen. Schüler zu sein ist ein langfristiges spirituelles Unterfangen.

Man hat sich nun dafür qualifiziert, das adhikara erreicht, bis zu dieser Stufe Einweihung zu erteilen. Dies bedeutet, dass man diesen Zustand auf einen qualifizierten Schüler übertragen kann und dadurch seine/ihre Bewusstseinsebene verändern kann.

Dann und nur dann darf der nächstfeinere Schritt der Praxis vermittelt werden. Es beginnt erneut der Prozess des Aufstiegs in die nächsthöhere Ebene, des Eintretens in die nächst tiefere Ebene der Ruhe und Gelassenheit, bis alle oben angeführten Schritte nacheinander durchlaufen sind. Dann wiederum wird diese höhere Ebene zur natürlichen Grundlage seines Bewusstseins. Und so schreitet man fort, bis der höchste Gipfel erreicht ist.


Die Schritte zur Meisterschaft

Meisterschaft wird nicht erreicht, indem man eine fortgeschrittene Technik nach der anderen ausprobiert, sondern indem man sich um Verfeinerung bemüht. Hier einige der wichtigsten Verfeinerungen in der Praxis des Atemgewahrseins.

Man beginnt das praktische Üben nach:
  • Lockerung der hauptsächlichen Spannungsknoten des Körpers, Atems und Geistes durch Gelenk- und Drüsenübungen, elementare asanas (Yoga-Haltungen), so wie vorgegeben und für den Einzelnen durchführbar.
  • Vollständigen Entspannungsübungen, wie beispielsweise jene in shavasana.
  • Etablieren der Zwerchfellatmung,
    - in makarasana (Krokodilstellung)
    - in shavasana (Totenstellung)
    - bzw. im Sitzen.
    Die Zwerchfellatmung ist nicht allein für die Meditationspraxis gedacht; sie sollte zur allgemeinen, gewöhnlichen Atemweise werden.
Die wichtigsten Regeln der richtigen Sitzhaltung müssen beachtet werden:
  • eine aufrechte Wirbelsäule: Kopf, Nacken und Rumpf aufrecht ausgerichtet. Eine aufgerichtete Wirbelsäule ist keine gerade Linie, sie bildet vielmehr eine leichte S-Kurve.
  • Die Knie sollten nicht höher als die Taille positioniert sein, und beide Knie sollten den gleichen Abstand zum Boden aufweisen.
  • Beide Schultern ausgeglichen.
  • Der Nacken sollte nicht nach vorn, hinten oder zur Seite geneigt sowie das Kinn nicht angehoben sein.
  • Keine Anspannung der Augen, um sie in irgendeiner bestimmten Position zu halten.
  • Weder lächeln noch grimmig dreinschauen.2
  • Keine Anspannung der Wirbelsäule und des Nackens. Wenn solche Anspannungen auftreten, verändert man die Höhe des Kissens, auf dem man sitzt, um das Becken anzuheben, und man überprüft nochmals die Haltung der Wirbelsäule.
Überprüfe den Grad deiner Entspannung.

Es ist nicht immer erforderlich, den gesamten Entspannungsprozess zu durchlaufen. Hat man bereits längere Zeit Entspannungsübungen durchgeführt, sollte der entspannte Zustand des neuromuskulären Systems zur Gewohnheit geworden sein. Dann kann eine abgekürzte Form fortgeschrittener Entspannung ausreichend sein:

  • Entspanne die Stirn. Wenn die Stirn entspannt ist, können im Geist keine Sorgen, Ängste, Befürchtungen, Aggressionen aufzusteigen. Dies ist ein zuverlässiger Ansatz, den Geist von derartigen negativen Gedanken freizuhalten, die sonst den Meditationsfluss beeinträchtigen.
  • Entspanne die Kiefergelenke. Dies verhindert die Neigung, die geistige Stille durch Worte zu stören. Es entstehen dann keine unbewussten und subtilen Lautbildungen.
  • Entspanne das Kehlzentrum. Dadurch verstärkt man auf einer feineren Ebene, was bereits durch die Entspannung der Kiefergelenke auf einer leichter erfahrbaren Ebene erreicht wurde.
  • Entspanne die Schultern. Dadurch entspannt man die Aktionsbereitschaft der Hände.
  • Entspanne das Herzzentrum. Dadurch werden störende und negative Emotionen durch sanfte und heitere Empfindungen ersetzt; das Herz wird dann den Geist nicht weiter mit störenden Gedanken füttern. Allmählich entwickelt sich das gefühlte Erleben eines inneren Raumes, dahara-akasha.
  • Entspanne die Nabelregion. Dies beugt der Neigung vor, sich das einverleiben zu wollen, was sich im Außen präsentiert. Zudem lösen sich die Blockaden der prana-Energien, prana kann ungehindert fließen und unterstützt so den gleichmäßigen Fluss des Atem-Geist-Stromes.
  • Entspanne die Hüftgelenke. Hierdurch wird die Neigung zur Fortbewegung ausgeschaltet.
  • Man wiederholt dann nochmals die einzelnen Entspannungspunkte in umgekehrter Reihenfolge und findet zurück zur entspannten Stirn.

Diesen entspannten Zustand hält man fortwährend aufrecht.

Ein derart entspannter Körper wird in einen Zustand natürlicher Ruhe finden. Es werden keine Gefühle des Schwankens etc. auftreten, noch wird der Körper unkontrolliert zucken oder sich bewegen.

An diesem Punkt beginnt die eigentliche Praxis des Atemgewahrseins.
  • Beobachte einfach nur das sanfte Heben und Senken der Nabel- und der Magengegend im ruhigen Atemrhythmus. Hier kann man sich, verbunden mit dem Atem, sein mantra, ein heiliges Wort oder einen Namen des Göttlichen aus seiner eigenen Tradition ins Gedächtnis rufen: verbinde diesen Gedanken (weder stimmlich noch subverbal) mit dem Atemfluss. Diese Phase behält man bei, solange man möchte. Gewöhnlich wählt man ein Wort, das problemlos mit dem Atem fließen kann, wie so'ham (identisch mit hamso).
  • Dann beobachte den Weg des Atemflusses vom Nabel bis zu den Nasenflügeln, weiter verbunden mit dem heiligen Wort. Es ist ein sehr subtiler, feingebündelter Energiestrom, wie eine dünne Lichtspur, wie die Schneide eines Schwertes, jedoch ohne Schwert. In weiter fortgeschrittenen Stadien der Verfeinerung wird dies mit dem Zehntausendstel der Dicke eines Haares beschrieben. Behalte diese Phase bei solange du möchtest.
  • (a) Spüre für die Dauer einer festgelegten Anzahl von Atemzügen - 3, 7, 11 oder wie viele Atemzüge immer - das Fließen des Atems in deinem passiveren Nasenflügel.
    (b) Spüre das Fließen des Atems für die gleiche Anzahl von Atemzügen im aktiveren Nasenloch.
  • Spüre dann das Fließen und die Berührung des Atems in beiden Nasenflügeln, zusammen mit dem heiligen Wort-Gedanken. Spüre dabei, wie der Atem die Schleimhäute berührt. Bleibe in dieser Phase solange du möchtest.
  • Beobachte, wie Atem, gedachtes Wort und Geist gemeinsam als ein verbundener Strom fließen. Behalte dieses Beobachten bei solange du möchtest.
  • Beobachte, wie der Geist als Ganzes und das gesamte Bewusstsein einen gleichmäßig fließenden Strom bilden.
  • Diese Phase scheint anfangs schwer fassbar zu sein, doch allmählich beginnt man, flüchtige Eindrücke dieses Geiststroms zu erleben, ohne weiter am Atemfluss festzuhalten. Hier beginnt wahre Meditation.

Viele andere, mögliche Schritte sind in dieser Auflistung nicht enthalten, beispielsweise die 96 Grundvarianten der 'Reinigung der Energiebahnen' oder wechselseitigen Atmung, nadi-shodhana.


Verfeinerungen

Ohne den Körper zu entspannen und die Entspannung aufrecht zu erhalten,
ohne das Etablieren der freien Zwerchfellatmung,
ohne die emotionalen Zustände des Herzens zu beruhigen,
und ohne die ständige Beobachtung des Zustands des Atems,
wird der Atem nicht gleichmäßig fließen.

Normalerweise hat jeder die Angewohnheit, beim Einatmen Spannung aufzubauen. Man sollte auf diese unfreiwilligen Anspannungen, die sich beim Einatmen bilden, achten und bewusst beim Einatmen entspannen, bis diese Gewohnheit der Anspannung beim Einatmen aufhört.

Vermeide Geräusche im Atemfluss. Lass den Atem gleichmäßig fließen, entsprechend dieser drei Kriterien:

  • keine Sprünge oder Wellen im Atemverlauf;
  • die Dauer der Ausatmung und der Einatmung ist gleich lang;
  • die Stärke der Ausatmung und Einatmung ist gleich.

Es gibt verschiedene Methoden, um die Dauer der Ausatmung und Einatmung gleich lang zu halten. Hier sind zwei davon:

  • Man legt eine bestimmte Zahl in einem bestimmten Rhythmus fest. In diesem gleichbleibenden Rhythmus zählt man geistig mit jedem Atemzug. Wenn beispielsweise in der Ausatmung die Atemkapazität ein rhythmisches Zählen bis fünf zulässt, sollte die Einatmung von gleicher Dauer sein.
  • Anstelle des Zählens kann auch ein mantra oder ein heiliges Wort benutzt werden, ebenfalls fortlaufend im selben Rhythmus.

Es gibt weitere Möglichkeiten, den gleichmäßigen Fluss des Atems zu erreichen, wie z.B. den Herzschlag zu zählen, doch das würde bei Anfängern Unregelmäßigkeiten der Atmung verursachen.

Es ist wichtig, seine eigene Kapazität sorgfältig zu beobachten. Stellt man z.B. fest, dass man mit einem Atemzug bis zehn zählen kann, ist man vielleicht begeistert davon und versucht, diesen Rhythmus ständig zu erzwingen. Dies kann jedoch nach einigen Atemzügen dazu führen, dass Atemnot entsteht und die Atmung unregelmäßig wird. Daher sollte man nichts forcieren. Man setzt, entsprechend seiner Kapazität, einen Durchschnittswert fest.

  • Atme sanft, langsam, gleichmäßig und nicht sprunghaft. Ein unruhiger, sprunghafter Geist bewirkt auch einen unruhigen, sprunghaften Atem. Ein unruhiger Atem wird wiederum einen unruhigen Geist hervorrufen.
  • Das Gewahrsein des Fließens und der Berührung des Atems sollte fortlaufend und frei von Unterbrechungen sein.
  • Lass zwischen den Atemzügen keine Unterbrechung, keine Pause zu. Jemand, der diese Pause beherrscht, wird zum Meister der Kräfte der Zeit und des Todes.

Die Pause zwischen den Atemzügen ist wie ein Tor zur Außenwelt, vor der eine Horde von Unruhestiftern wartet.


Weitere Verfeinerungsschritte

Wenn die Länge eines Atemzuges mit Hilfe des Zählen oder einer bestimmten Anzahl mantras ruhig, entspannt und natürlich geworden ist und keinerlei Bemühung mehr erfordert, kann man die Atemlänge ein Stück weit ausdehnen. Dabei folgt man erneut dem Prinzip: 'frei von Zwang' und 'keine übertriebene Begeisterung'.

Irgendwann wird das Zählen der Atemzüge nicht mehr notwendig sein. Der gleichmäßige Atem stellt sich dann von selbst ein. Erst wenn man diesen Punkt erreicht hat, nicht eher, kann man mit der Atemlänge im 1:2-Verhältnis zu experimentieren beginnen. Das bedeutet: reicht der Zählrhythmus beim Einatmen z.B. bis vier, atmet man bis acht aus.

Anfangs bleibt man für den Großteil seiner Meditation bei der Praxis der gleichen Länge in Ein- und Ausatmung, und man experimentiert mit dem 1:2-Verhältnis nur für kurze Phasen. Wenn man dabei einen stockenden oder ruckartigen Atemfluss bemerkt, so ist man noch nicht soweit.

Erhöhe langsam die Dauer dieser neuen Praktik; sobald sie mühelos und selbstverständlich geworden ist, vergiss die vorangegangene Definition der gleichen Zeitdauer.

Um die Pause auszuschalten, kann man zwei Kunstgriffe anwenden:

(1)
Das Zählen der Atemzüge (nicht zu verwechseln mit dem Zählen, das die Dauer der Ein- und Ausatmung reguliert). Hier kann man wiederum drei Methoden anwenden:

  • beginne das Zählen mit der Ausatmung als eins; Einatmung als zwei; die darauf folgende Ausatmung als drei; Einatmung vier; Ausatmung fünf; die nächste Einatmung ist fünf; Ausatmung vier; Einatmung drei; Ausatmung zwei; Einatmung eins. Die nächste Ausatmung eins ... etc. Man fährt so fort von eins bis fünf und von fünf bis eins, solange man möchte. Dies ist die für Anfänger geeignetste Zählweise, damit der Geist ruhig und von äußeren Gedanken weitgehend ungestört fließen kann.
  • Allmählich kann man damit experimentieren, die Anzahl bis zehn zu erweitern: von eins bis zehn; von zehn bis eins.
  • Wenn man Letzteres beherrscht, kann man die Zahlenreihe beliebig vergrößern. Oder man entscheidet sich, nur vorwärts und nicht rückwärts zu zählen, doch man gibt Acht auf den Geist, sowie er beginnen will, zu wandern.

(2)
Richte den Geist darauf aus, gegen Ende jedes Atemzuges den Übergang zum nächsten Atemzug zu beobachten. Beobachte den Übergang zum nächsten Atemzug.

Um das Atemgewahrsein weiter zu vertiefen, eignet man sich zwei weitere Methoden an:

  • Wie bereits oben angemerkt, lass während der Einatmung keine Anspannung des Körpers zu, was aufgrund der Aktivierung des sympathischen Nervensystems eine verbreitete Gewohnheit ist. Lass dich weiter entspannen, und bleibe beim Einatmen entspannt.
  • Lege besonderes Augenmerk auf die Ausatmung; beobachte sie mit vertiefter Achtsamkeit.
Beherrschung der Atempause

Bislang hat man versucht, die Pause auszuschalten. Doch als erstes Ergebnis der Beherrschung der Pause treten spontan Pausen in der Atmung auf; diese sind nicht zu verwechseln mit dem lebensbedrohenden unwillkürlichen Atemstillstand (Apnoe). Dafür verwenden wir auch nicht den Begriff des 'Anhaltens', denn dies wäre gleichbedeutend mit Einatmen und Anhalten, wie in abhyantara-kumbhaka. Das ist hier nicht gemeint.

Die Praxis bewirkt eine spontane Abschwächung des Atems, bis zu einem Grad, dass der Atemprozess ohne vorhergehende oder nachfolgende Voraussetzung zur Ruhe kommt.3 In diesem Zustand:

  • wird der Geist eine Kammer der Stille, und
  • es entsteht eine noch nie dagewesene Beherrschung der autonomen Prozesse, die schließlich zu den ersten Stadien der Enstase (Dr. Feuerstein's Begriff) führt, samadhi.4

Im Yoga und in der Atem-Astrologie5 ist der Atem die grundlegende Zeiteinheit. Wer die Pause zwischen den Atemzügen beherrscht, wird zum Meister über die Kräfte der Zeit, kala-shakti.

Der Tod ist eine lange Pause zwischen zwei Atemzügen, zwischen dem letzten Atemzug im derzeitigen Körper und dem nächsten Atemzug im nächsten Körper. Jemand, der die Pause zwischen den Atemzügen beherrscht, wird zum Bezwinger des Todes, mrtyun-jaya.

Solch ein Mensch hat die Kunst der Langlebigkeit erlernt. Er/sie kann den eigenen Tod hinausschieben, und sogar den Tod eines geliebten Schülers, wenn dieser für weitergehende spirituelle Lehren oder für das Fortschreiten in höhere Entwicklungsstufen noch in diesem Körper würdig erachtet wird. Ein solcher Bezwinger des Todes legt selbst die Zeit für das Verlassen des Körpers fest.6

Was ist Meditation?

Die Definition der Meditation ändert sich mit jedem Schritt, den man jeweils von einer zur nächsthöheren Ebene macht. Die Definition der Anfängerstadien findet man häufig wiederholt in den Yoga-sutras und auch in den Texten der Bhagavad-gita sowie der Brahma-sutras. Sie lautet einfach:

samana-pratyaya-pravahah:
das ununterbrochene Fließen ein und derselben Wahrnehmung;
anya-pratyaya-anantaritah:
unbeeinträchtigt von einer äußeren Wahrnehmung.

Der Geist braucht ein Objekt der Konzentration. Der Begriff 'Objekt' weist auf etwas Ontologisches hin, etwas außen Befindliches, während Meditation doch ein nach innen gerichteter Prozess ist. 'Objekt' ist ein nur unzureichender Ersatz für den Sanskrit-Begriff 'alambana', der nicht allein das Objekt (vishaya) meint, sondern jedwede Wahrnehmung oder jeden Zustand, an denen der Geist innerlich 'festhalten' kann.

'Daran festhaltend' soll die geistige Aufmerksamkeit beständig und ohne Unterbrechung fließen. Dasselbe vritti, die gleiche Aktivität und Welle des Geistes setzt sich fort, wobei jede folgende Wahrnehmungseinheit mit der vorhergehenden identisch ist. So wie die Aneinanderreihung von Punkten eine Linie ergibt, fließt auch der Geist in einen geradlinigen Strom.

Für die menschliche Persönlichkeit ist die am einfachsten zugängliche Wahrnehmung eines fließenden Zustands das Fließen des Atems. Der Geist nimmt gewohnheitsmäßig die Gestalt und Form jedes sich ihm bietenden Objekts an. Präsentiert man dem Geist etwas, das wie ein Strom fließt, wird der Geist ebenfalls beginnen, wie ein Strom zu fließen.

Das Atemgewahrsein selbst stellt noch keine Meditation dar. Man nutzt das Atemgewahrsein dazu, den Geist zu überlisten, in einen Zustand der Meditation einzufließen. Man bindet den Geist in die Erfahrung des Atemgewahrseins ein, und der Geist wird beginnen zu fließen.

Beobachtung

Beobachtung ist eine wichtige Komponente der Meditationspraxis. Die verschiedenen Bestandteile der menschlichen Persönlichkeit führen unzählige Funktionen aus. Ist man sich dieser nicht bewusst, befindet man sich in einem nicht-meditativen Zustand. Die Beobachtung einer Funktion oder eines Ablaufs wird zu einem Stadium der Meditation. Beispielsweise atmen wir fortwährend. Beobachtet man das Fließen des Atems, wird dies zur Meditation. Ständig steigen Gedanken auf; nur wenn wir sie beobachten, wird es zu einem Teil der Meditation.

  • Man sollte nicht nur einen innerhalb der Persönlichkeit ablaufenden Prozess und den meditativen Prozess selbst beobachten,
  • sondern unterscheiden, ob Funktion und Prozess innerhalb der Persönlichkeit und der meditative Prozess selbst in richtiger Weise und vollkommen ablaufen, oder auf falsche Weise und unvollkommen, sowie
  • erkennen, auf genau welcher Ebene der Meditation sich das Bewusstsein befindet.

In Kommentaren der Yoga-sutras wird diese Übung als uha bezeichnet, Beobachten und Unterscheiden. Im 'Sechsgliedrigen Yoga' (shad-anga-yoga) der Tantras wird es als tarka bezeichnet, Beobachtung und Analyse7. Es ist auch in den Übungen der Achtsamkeit, anu-smriti in den sutras, und anussati in der buddhistischen Meditationstradition ein äußerst wichtiger Bestandteil.

Der letzte Schritt vor Erreichen des 'Geistfreien Yoga' (a-manaska-yoga), in dem der Geist zurückgelassen wird und nur 'Reines Bewusstsein' bestehen bleibt, besteht darin, dass der Geist den Geist in seiner Gesamtheit beobachtet.

Mehr zu diesen Verfeinerungen zu einer anderen Zeit.

Die Präsenz des mantras

Die Präsenz des mantras ersetzt die Tendenz des Geistes, zufällige Gedankengebilde zu produzieren. Für detaillierte Erläuterungen sollte man die Arbeiten von Swami Rama, Swami Veda Bharati und anderen studieren.

Fließen des Geistes und Beobachtung

Wie bereits erwähnt, entsteht durch das auf den Atem ausgerichtete Gewahrsein noch keine Meditation im eigentlichen Sinn. Erst wenn der Geist, sitzend am Ufer des Atemstroms, zu fließen beginnt, tritt er in einen Zustand der Meditation ein. Auf dieser Stufe:

beobachte, wie Atem, Geist und mantra (oder heiliges Wort) gemeinsam als ein verbundener Strom fließen.

Beachte das Wort 'Beobachte'. Innerhalb der menschlichen Persönlichkeit laufen alle möglichen Tätigkeiten, Funktionen, Aktivitäten und Erfahrungen ab. Nur weil wir uns selbst zu einem dauerhaft komatösen Zustand verdammt haben (mudha), können wir diese nicht wahrnehmen. Wenn man zu erwachen beginnt, beginnt man auch, dieses Geschehen wahrzunehmen. Mit diesem Beobachten beginnt Meditation.

Das Fließen des Geistes in einer bestimmten Wahrnehmung
das Beobachten dieser Wahrnehmung, sowie
das Beobachten des Fließens des Geistes in dieser Wahrnehmung

begründen daher die Meditation auf dieser Ebene. Nochmals:

beobachte, wie Geist, Atem und mantra gemeinsam als ein verbundener Strom fließen. Versinke in dieser Beobachtung, und achte darauf, dass der Körper während der Einatmung entspannt bleibt, lass keine Unterbrechungen zu, und achte auf den Übergang zwischen den Atemzügen.

Auf der nächsten Ebene der Verfeinerung (eine Qualifikation, die erst nach intensiver und konzentrierter Bemühung, abhyasa und tapas, erlangt wird),

achte nicht mehr auf das Fließen des Atems;
beobachte allein das Fließen des Geistes und wie der Geist zu einem gleichmäßig fließenden Strom wird.

Hier ist das alambana allein das Fließen des Geistes, das beobachtet wird. Man betrachtet, wie der gesamte Geist zu einem gleichmäßig fließenden Strom wird. Anfänglich mag es einem Aspiranten nur für ein oder zwei Atemzüge möglich sein, dieses Beobachten aufrechtzuerhalten. Wenn das der Fall ist, kehrt man zum alambana des Atemflusses zurück. Und nach einer kurzen Weile versucht man erneut, das reine Fließen des Geistes wahrzunehmen. Wenn dies wiederholt geübt wird, bildet man die Gewohnheit aus, den subtilsten Zustand, den man kennt, zu betreten -

mühelos, sogar ohne eine Methode zu benutzen, geht man direkt in diese subtile Ebene - jederzeit, überall, selbst inmitten von Aktivitäten.

Während du diese Beobachtung des ununterbrochenen Fließens des Geistes praktizierst,

sprich nur, wenn du dich in Stille befindest,
iss nur während du fastest,
meditiere inmitten eines Tumults.

Eintreten in sushumna

Beherrscht man das Beobachten des gleichmäßig fließenden Atemstroms gemäß der oben genannten Richtlinien einigermaßen gut, geht man weiter zu den nächsten Stufen.

Die Stärke (des Atemstroms) in beiden Nasenlöchern wird angeglichen, so dass

  • kein Nasenloch aktiv oder passiv ist,
  • beide Gehirnhälften werden ausgeglichen aufgeladen oder gleichmäßig friedvoll, wodurch ein einheitliches, vollständig ausgeglichenes Geistfeld entsteht. Alle Kräfte der Persönlichkeit, pinda, und im Universum, brahmanda, die Gegensätze zu sein schienen, erscheinen nun als Ergänzungen und einheitlich.

An diesem Punkt ist die Empfindung des Atemflusses nicht nur in beiden Nasenöffnungen gleichmäßig, sondern es erscheint dem Übenden so, als wären beide Seiten miteinander verschmolzen. Der Energiefluß vereint sich. Man hat das Gefühl, als würde der einheitlich verbundene Atem durch einen zentralen Kanal fließen.

Die Konzentration verlagert sich dadurch natürlich zum zentralen Strom. Die Aufmerksamkeit wird zu einen Punkt vor und zwischen den Naseneingängen gezogen, nasagra.8 Hierbei handelt es sich um einen Punkt an der Vorderseite des Septums, wo Nasensteg und Oberlippe zusammentreffen und die Nasenscheidewand beginnt. Hier liegt der Eingangs- und Ausgangspunkt von sushumna. Dieses Wort kann übersetzt werden mit 'sanft fließende Kontemplation in reinem, schönem, harmonischem Fluss'.

Man atmet ein, als würde der Energiefluss, dessen äußere Manifestation der Atem ist, durch diesen Punkt eingeatmet und durch diesen Punkt ausgeatmet.

Für Anfänger wird diese Erfahrung ohne entsprechende Einweihung nicht auftreten können.

Dieser Weg, in den sushumna-Strom einzutreten (als einer von tausend Möglichkeiten, wie u.a. das kriya des spinalen Atems), ist eine Abkürzung; in einigen Fällen kann er sich spontan öffnen, während in vielen anderen Fällen die notwendigen Vorbereitungen erforderlich sind.

Häufigkeit der Meditation

Lange Meditationssitzungen sind nicht erforderlich. Kurze, achtsam, entschlossen und wiederholt durchgeführte Meditationen sind für eine Person im geschäftigen Alltagsleben förderlicher. Versuche im Tagesverlauf immer wieder dir zwei oder drei entschlossen achtsame Minuten Zeit zu nehmen:

  • sobald du morgens die Augen öffnest;
  • während du duschst oder ein Bad nimmst;
  • vor dem Frühstück;
  • bevor du zur Arbeit gehst;
  • nachdem die Kinder zur Schule gegangen sind;
  • vor dem Mittagessen;
  • nach der Arbeit;
  • bevor du zum Einkaufen gehst;
  • wenn du vom Einkaufen zurückkommst;
  • bevor du mit deinem Auto losfährst;
  • bevor du an einer Party teilnimmst;
  • vor einem Bewerbungsgespräch;
  • bevor du eine geschäftliche, familiäre oder persönliche Entscheidung triffst;
  • während einer Management-Sitzung, während andere diskutieren;
  • während einer Prüfung, wenn der Geist alles vergessen hat;
  • beim Warten auf das Taxi;
  • in der Warteschlange an der Supermarktkasse;
  • beim Warten auf die Sicherheitsüberprüfung im Flughafen oder am Abflugschalter;
  • bevor du einer Woge der Emotion nachgibst;
  • während des Einschlafens.

Diese Auflistung ist unvollständig. Keine Zeit zu haben ist keine Entschuldigung. Diese Zeitabschnitte haben wir immer zu unserer Verfügung. Der Geist hat immer ausreichend Zeit; es hängt allein davon ab, wofür du dich entscheidest, was dein Geist mit dieser stets verfügbaren Zeit tun soll.

Übergänge in den Schlaf

Um sein Leben mit einer meditativen Einstellung in Harmonie zu bringen, kann noch eine weitere Verfeinerung eingeführt werden.

Gehe aus dem Wachzustand nicht in den Schlaf durch eine Periode der Träumereien und Phantasien, oder durch eine Zeit des sich Hin- und Herwälzens im Bett, sondern durch Meditation. Geh vom Wachzustand in die Meditation und dann in den Schlaf. Und genauso morgens, geh vom Schlaf direkt in die Meditation und dann weiter in den Wachzustand.

Neue Gewohnheit - nächste Ebene

Was immer der Geist wiederholt tut, wird zur Gewohnheit und dann zu seinem Naturell. Da wir so häufig Zustände der Unruhe zulassen, wurden sie zum gewöhnlichen Zustand des Geistes.

Wird der Geist durch die beschriebenen Übungsansätze immer wieder zur Ruhe gebracht, wird diese Ruhe zu seinem natürlichen Zustand. Von dieser Ebene des anfangs Erreichten beginnt man dann, zu einer höheren Ebene aufzusteigen. Und dann zu einer noch höheren. Wie lange geht das? Bis das Bewusstsein vollständig eingetreten ist in die Einzigartigkeit der Grenzenlosigkeit.

Nichts weniger als grenzenlose Unendlichkeit ist das Ziel.

Sei ambitioniert.

Teil II - Grundlagen des Bewusstseins

Übersicht 'Grundlagen der Meditation'


1
Eine detaillierte Diskussion darüber ist zu finden im vollständigen Kommentar dieses Autors über die Yoga-sutras von Patanjali, Band I, erhältlich durch SRSG Publications (englisch).

2
In den Ajanta-Höhlen in West-Indien findet man eine Statue des Buddha in Meditation. Wenn man seine linke Seite beleuchtet, erscheint das Gesicht traurig. Richtet man das Licht auf seine rechte Seite, erscheint es freudvoll. Wird das Licht gerade auf das Gesicht ausgerichtet, erscheint es gelassen. Das ist, was wahre Meditation ausmacht.

3
Siehe Swami Veda's Diskussion über sutra II.51 in seinem Kommentar der Yoga-sutras von Patanjali, Band II, Sutra 51, speziell Seite 624

4
Kevala-kumbhaka wird in Swami Veda's Kommentar der Yoga-Sutras von Patanjali, Band II, sutras 49-51, detailliert diskutiert.

5
Atem-Astrologie ist, gemeinsam mit phonetischer Astrologie, ein geheimer Zweig der Astrologie, der nur Yogis bekannt ist.

6
Siehe auch 'Meditation and the Art of Dying' von Swami Veda Bharati, erhältlich durch SRSG Publications.

Ebenfalls von ihm stammt 'Introducing Mahabharata - Bhishma', mit dem Bericht über den Tod eines Yogi:
'der Tod erwartet deinen Befehl, wie ein Diener mit gebeugtem Haupt '.

7
Siehe o.a. Kommentar über die Yoga-Sutras von Patanjali, Band 2, Appendix 1, Seiten 655-665 (englisch).

8
Auswärts-orientierte Hatha-Yogis glauben irrigerweise, dass sich dieser Punkt an der Nasenspitze befindet. Die Dhyana-Yogis haben spezifisch und ausdrücklich diese falsche Ansicht korrigiert, um die Aufmerksamkeit nach innen zu orientieren.