Schweigen - die Praxis innerer Stille

von Swami Veda Bharati

Übersetzung eines Auszugs aus Swami Vedas Schrift 'Silence'.
Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung von Ahymsin Publishers / Himalayan Yoga Publications Trust (HYPT).

Schweigen sollte nicht nur die Abwesenheit des Sprechens sein. Ist es nur die Abwesenheit von Sprache, kann es emotionell und spirituell sogar schaden. Solange man nicht innerlich erfüllt ist, gibt es kein Schweigen. Erfüllt euch deshalb mit Meditation, mit Kontemplation, mit eurem mantra. Macht das Schweigen zu einer Gelegenheit, in die tieferen Schichten des Bewusstseins einzutauchen.

'Die tieferen Schichten des Bewusstseins' - dieser Ausdruck lässt Viele glauben, dass man sich dabei in die Launen, die Ansammlungen, Verwirrungen und Düsternisse des Unbewussten begibt. Der Weg zum Überbewussten ist jedoch ein anderer. Der Geist ist ein Ozean, in dem man, ähnlich einem Taucher, viele Temperaturschichten und viele unterschiedliche Druckebenen vorfindet. In jeder Schicht des Geistes findet sich eine veränderte Frequenz des Kraftfeldes.

Auf der Sprachebene schwingt es in seiner niedrigsten Frequenz. Auf der Ebene des reinen Gedankens ist die Frequenz etwas höher. Auf der Ebene des mantras ist sie wiederum etwas höher. Wenn dein Körper entspannt ist und du dich in Meditation begibst, dann wiederholt sich das mantra schneller, da es sich mit einer höheren Frequenz verbindet. Es geht hier nicht darum, zu versuchen, es schneller zu machen, das führt nur zu Anspannung. Wenn man sich von dort zu den tieferen, stillen Schichten bewegt, sind sie von noch höherer Frequenz, einer so hohen Frequenz, dass sie auf der Stufe des niedrig schwingenden Geistes kaum noch wahrnehmbar sind. Wir sollten lernen, diesen Ort aufzusuchen.

Die Zeit des Schweigens sollte eine Zeit der Bereinigung der vergangenen Eindrücke sein. Es sollte eine Zeit sein, in der keine neuen Eindrücke aufgenommen werden, damit der Geist seine eigenen höherfrequenten Zustände wahrnehmen und verwirklichen kann.

Dies scheint ein langer Tauchgang zu werden. Es ist tatsächlich ein langer Tauchgang aufgrund all der Hindernisse auf dem Weg. Welche Hindernisse? Es sind die samskaras aus vergangenen Leben, also die Eindrücke von Erfahrungen, denen wir in vergangenen Leben ausgesetzt waren und denen wir uns in diesem Leben aussetzen. Die Zeit des Schweigens sollte eine Zeit der Bereinigung dieser vergangenen Eindrücke sein. Es sollte eine Zeit sein, in der keine neuen Eindrücke aufgenommen werden, damit der Geist seine eigenen höherfrequenten Zustände wahrnehmen und verwirklichen kann. Setzt man sich derartigen Eindrücken aus, bildet man Gewohnheiten bezüglich der Art und Weise, wie man die Dinge betrachtet - z.B. die Gewohnheit, sich selbst als Menschen aus dem Westen oder aus dem Osten zu bezeichnen; die Gewohnheit, sich selbst als Deutschen oder Chinesen zu bezeichnen; die Gewohnheit, sich als Ehefrau oder Ehemann zu bezeichnen, als Tochter, Selbständigen, Arbeitgeber, Arbeitnehmer; sich als verbitterte, wütende, deprimierte, traurige oder kranke Person zu bezeichnen. Oder wenn wir etwas auf die stets gleiche Weise tun. Auf diese Weise konditionieren wir unseren Geist und ketten ihn an Gewohnheiten. Und solange wir den Geist nicht wieder davon lösen, gibt es keine Freiheit.

Die Praxis des Schweigens wird in den Yoga-sutras unter der Bezeichnung tapas (Askese, wörtlich: spirituelle Übung) gelehrt. An einigen Stellen heißt es, dass es keine größere Askese als pranayama gibt. Andere Stellen besagen, dass es keine größere Askese gibt als mauna (Schweigen). Und was bedeutet tapas wirklich? Tapas wird als dvandva-sahana (der Dualität, den Gegensatzpaaren widerstehen) beschrieben. Wer Schweigen übt, bewegt sich wie jene, die auf heißen Kohlen gehen oder über längere Zeit in der Kälte bleiben können. Doch es ist besser, mit jener Hitze und Kälte zu beginnen, die in unserem Geist weht. 'Titiksha' ist das Wort dafür - eines der shat-sampat (sechs Kostbarkeiten, sechs Schätze), der Vorbedingungen für die Befreiung. Das bedeutet, wenn dich jemand anschreit, perlen diese Schreie und Flüche von dir ab wie Wassertropfen von einem Lotusblatt. Jemand lobt dich in den Himmel und auch diese Belobigungen fallen von dir ab, weil du nicht das Lob anderer benötigst, um Selbstvertrauen zu haben, da dein Selbstvertrauen aus jener Freiheit aufsteigt, die um so größer ist, je mehr euer Schweigen sie euch hat erfahren lassen.

Diese Askese kann einen Punkt erreichen, an dem man die Praxis des kashtha-mauna (hölzernes Schweigen) vermittelt bekommt. Hölzernes Schweigen ist jenes Schweigen, in dem man nichts mehr ausdrückt, nicht mit den Augen, nicht einmal mehr mit der Färbung der Wangen. Und wenn die Gurus, die mit ihren Schülern in den Höhlen leben, in diesen Zustand des kashtha-mauna eintreten, ist die Zeit gekommen, in der der Schüler die wahre Kunst der Sensitivität erlernen, die zum 'Lesen' einer Person nötig ist. In dieser Zeit lernt er den Guru 'lesen'. Wenn er dann die Höhen der Himalayas verlässt, wörtlich oder im übertragenen Sinn, kann er seine Schüler 'lesen' und sie dadurch anleiten. Es handelt sich also um das Schweigen der Emotionen, das Schweigen des Verlangens; es handelt sich also um Enthaltsamkeit, innerhalb deines persönlichen Rahmens, innerhalb der Rahmenbedingungen deiner Kultur. Es handelt sich beispielsweise um die Kontrolle der Zunge, die Kontrolle der Verführungen und Verhaltensmuster betreffend den Geschmack. Du erhebst dich über die Sinne und öffnest deine Sinne nach innen, dorthin, wo alle Aromen ihren Ursprung haben. Dort können sie in solcher Tiefe ausgekostet werden, dass sie dich in innere Ekstase führen. Zu diesem Ort begibst du dich.

Es geht nicht allein um das Nicht-Sprechen, es ist etwas anderes, das dich erfüllt, energetisiert, erweckt, das die Energie in dir ansteigen lässt. Durch das Üben des Schweigens lernt man, in das einzutauchen, was wir theoretisch als den kollektiven oder universellen Geist bezeichnen. Es gibt keinen anderen Zugang zum kollektiven Unbewussten (wie immer man es bezeichnen möchte) als diesen. Man kann die Existenz eines solchen kollektiven Unbewussten nicht nachweisen, ohne in diese Stille zu gehen. In dieser Stille wird alles, das sich in anderen Bereichen dieses kollektiven Bewusstseins abspielt, in dir zu reflektieren beginnen. So wirst du das, was jemand anderes entdeckt, ebenfalls entdecken. Und das ist noch lange nicht alles. (...)

Letztlich ist Sprache nutzlos. Nimm irgendeinen der Sätze, die du sprichst. Er ist bedeutungslos - ob es nun eine theologische, philosophische oder alltägliche Aussage ist. Untersucht man die Wirklichkeit der Objekte und analysiert sie von der molekularen Zusammensetzung über die atomaren Partikel, die subatomaren Partikel bis schließlich zu den virtuellen Teilchen (die heute in der Wissenschaftstheorie so in Mode sind), dann verschwindet am Ende das Objekt. Dasselbe geschieht mit der Sprache, die dieses Objekt ausdrückt. Ein Wissenschaftler zerlegt Raum, Zeit und Masse - und die Realität des Objekts löst sich auf. Das Gleiche gilt für die Sprache.

Ein Beispiel dafür wäre die Frage, die so oft gestellt wird: 'Wohin geht die Seele nach dem Tod?'  'Wo' bezieht sich auf den Raum, einen Ort oder Bezugspunkt im Raum. 'Nach' bezieht sich auf Zeit. 'Geht' bezieht sich auf Bewegung in Raum und Zeit. 'Seele' ist ein Wesen jenseits des Materiellen, ist kein Subjekt von Raum oder Zeit oder von Bewegung in Raum und Zeit. Um welche Art Frage handelt es sich also? Wenn man diese Frage sehr sorgfältig untersucht, bleibt am Ende nur Schweigen. Dies gilt für alle Fragen - sie enden in Schweigen. Und erst in dieser Stille werden diese Fragen, die du aufgehört hast zu stellen, beantwortet.

Für einen Menschen, der sein Leben der Meditation gewidmet hat -
wir nennen das antar-mukha - ist die Orientierung der Sinne nach innen sehr wichtig.
Um die Sinne nach innen auszurichten, schließt man die Augen,
man lässt Hände und Körper zur Ruhe kommen - und man beendet das Sprechen.
Swami Veda Bharati in 'An Intangible Beauty' 

Auszüge aus Swami Veda's Vortragsreihe 'Silence'

Die Absicht zur Stille

Wird ein Kraftfluss durch einen bestimmten Auslasspunkt blockiert, wird er an den anderen Austrittsstellen mit erhöhter Geschwindigkeit austreten. Das ist ein bekanntes wissenschaftliches Prinzip.

Das Gleiche gilt für unsere Sinne. Sobald wir einen unserer Sinne schließen, wird die derart konservierte Energie nach einiger Zeit die Erfahrung anderer Sinne verstärken. Findet man in die Stille des Geistes, in der auch die emotionale Unruhe abflaut, wird die enorme Energie, die man durch Worte verausgabt, konserviert.

Die Praxis der Stille besteht nicht allein darin, mit dem Sprechen aufzuhören; vielmehr ist es das Aufgeben der Absicht, des Wunsches zu sprechen. Man hat experimentell festgestellt, dass bereits die Absicht zu sprechen den Blutdruck erhöht. Diese Absicht sollte aufgegeben werden. Man gibt sie auf, um die innere Fülle zu erfahren, die durch das Konservieren der Energie entsteht.

In die Stille einzutreten, ist kein Fluchtversuch. Es ist auch nicht der Versuch, seine innere Unruhe zu unterdrücken. Wäre es ein Unterdrücken, würde man den Zweck der Stille verfehlen. In Stille einzutreten bedeutet, in eine innere Fülle einzutreten.

Niemanden um sich zu haben, mit dem man sprechen kann, macht noch keine Stille aus. Stille gründet auf der Absicht.

pratyahara - das 'Ruhen der Sinne'

Was ist pratyahara? In spirituellen Kreisen aller Traditionen ist häufig von Meisterschaft über die Sinne die Rede. Pratyahara ist jener Zustand, in dem der Geist natürlich friedvoll ist, wodurch die Sinne, die ja nur den Zustand des Geistes reflektieren, ebenfalls in diesen mentalen Zustand der Ruhe eintreten. Die Sinne werden dadurch so still wie es der Geist selbst ist. Dieser Zustand der Integration von Geist und Sinnen in einen gemeinsamen Zustand der Stille wird als pratyahara bezeichnet.

Der Zweck von japa ist, alle Gedanken und Emotionen durch einen einzelnen Gedanken, oder anders gesagt, durch eine einzelne Empfindung der Zuwendung und Hingabe zu ersetzen, um schließlich selbst diesen einen Gedanken bzw. diese eine Empfindung aufzugeben, um die tiefste Stille zu erreichen.

Stille und Emotionen

Wie gesagt, Stille ist das Loslassen der Absicht zu sprechen. Doch woher entsteht diese Absicht zu sprechen, worin liegt der Ursprung dieser Tendenz des Kommunizierens? Man findet den Ursprung in den Emotionen.

Und was ist eine Emotion? Emotionen entstehen an der Grenzlinie der samskaras (latente Tendenzen im unbewussten Geist) und vrittis (mentale Aktivität des Geistes). Samskaras liegen im Unbewussten verborgen; unbewusst ist etwas, dessen sich der bewusste Geist und unser Neokortex nicht bewusst ist. Wird ein samskara zu einem vritti, findet man eine Art Grundgedanken, der noch nicht in seine einzelnen untergeordneten Emotionen, Gedankenformen und Wortbildungen unterteilt ist. Dieser Grundgedanke ist die Emotion. Sie versucht, zum Ausdruck zu kommen und all jene Anzeichen und Symptome dessen auszudrücken, was unausgedrückt im eigenen Inneren verborgen liegt.

Die Intention nach Ausdruck dieses Grundgedankens, dieser Emotion, kann nur dann aufgegeben werden, wenn diese Ebene des noch unausgedrückten Grundgedanken gereinigt ist. Erst dann hat die Absicht zu sprechen keine Bedeutung mehr und treibt uns nicht mehr an. Sie bildet dann nicht weiter die hauptsächliche Antriebskraft in unseren Beziehungen und in unserer Kommunikation.

Hier beginnt man dann, eine andere Art der Kommunikation zu entwickeln, wahre Kommunikation. Mahavira (Begründer der Jaina-Tradition) und Buddha begegneten sich einst auf ihren Wanderungen und verbrachten einige Zeit im selben Haus, doch sie sprachen niemals ein Wort miteinander. Es war auch nicht notwendig. Die Stille war ihnen genug.

Die Leere füllen

Gibt es eine spezifische Übung, um dem inneren Drang zu sprechen entgegenzuwirken?

Das ist die gleiche Art Frage wie jene, ob es eine Übung gegen die Esssucht gibt. Zu viel reden und zu viel essen sind Ausdrucksformen einer inneren Leere.

Ja, es gibt eine Möglichkeit, dem entgegenzuwirken. Fülle deinen Geist. Ist der Geist erfüllt, wird man nicht versucht sein, ersatzweise den Magen zu überfüllen. Ist der Geist nicht erfüllt, wirst du stattdessen den Magen füllen. Das Reden nicht sein lassen zu können zeigt an, dass man nicht genug Liebe erfahren hat.

Was kann man also tun? Gibt es eine Art Bettelschale, die du bei dir trägst, damit andere sie mit Liebe füllen, nur weil du soviel redest? Glaubst du, auf diese Weise wird dir wird Aufmerksamkeit zuteil? Man wird sich von dir sehr bald abwenden, und du wirst nicht die gewünschte Aufmerksamkeit erhalten. Und warum? Weil du allein dem Aufmerksamkeit schenkst, was in deinem oberflächlich bewussten, redseligen Geist vorhanden ist.

Fülle deinen Geist. Doch wie gesagt, auf das Sprechen zu verzichten ist noch keine Stille. Japa ist Stille. Erfülle deinen Geist mit Meditation, mit Kontemplation, mit Beobachtung, mit Selbstwahrnehmung. Erfülle deinen Geist mit den höherschwingenden Energien und Kräften, bis sie überfließen und sich in Liebe verwandeln, die von dir ausströmt und die Schalen anderer füllt.

Lebendige Stille

Stille ist eine derart tiefgründige Erfahrung menschlicher Existenz, dass man erst diese Stille verstehen muss, bevor man auch die Inspiration verstehen kann, die der Menschheit durch die großen Rishis, Weisen und Propheten seit langer Zeit zuströmt.

Der Sanskrit-Begriff für Stille ist mauna. Es bezeichnet die Natur und Veranlagung eines muni, eines in Stille lebenden, meditierenden, kontemplativen Menschen.

Stille kann eine todesähnliche Stille sein. Das ist es nicht, wonach wir streben. Stille kann eine lebendige Stille sein. Das ist, was wir wirklich zu erreichen suchen, eine lebendige, kreative Stille.

Siehe auch:

Mantra und Stille (Swami Rama)

Übersicht 'Grundlagen der Meditation'