Mantra - Was und Wozu?

von Swami Veda Bharati


Dieser Beitrag ist eine Übersetzung von Swami Vedas Schrift 'Mantra - What and Why'.
Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung von Ahymsin Publishers / Himalayan Yoga Publications Trust (HYPT).

 

'Von Kindheit an sind wir darin trainiert, die Dinge der äußeren Welt wahrzunehmen, zu untersuchen und zu überprüfen. Initiation, wenn man ein mantra erhält, ist ein Schritt, nach innen zu schauen und in sich wahrzunehmen. 

Es ist keine religiöse Zeremonie. Man sollte mantra oder Meditation nicht mit Religion verwechseln. Das sind völlig verschiedene Dinge.

Ein mantra ist ein Klang, eine Silbe oder eine Reihe von Klängen. Man versteht ein mantra nicht durch Kenntnis seiner Bedeutung, sondern durch seine Schwingungen. Es gibt dem Geist einen Fokus und hilft, sich seiner inneren Zustände bewusst zu werden. Es ist ein Weg, sich selbst verstehen zu lernen und seine äußere und innere Welt in Übereinstimmung zu bringen.

Das mantra ist wie ein Freund - es unterstützt in der Entwicklung eines einpunktigen Geistes und führt allmählich in einen Zustand tiefer innerer Stille, zum Zentrum des Bewusstseins im eigenen Inneren. Es ist ein spiritueller Same, eingepflanzt in den Geist des Schülers. Es ist ein therapeutischer Führer, es führt dich durch die verschiedenen Ebenen deines Wesens und letztendlich zur Einheit des individuellen und kosmischen Bewusstseins. 

Das mantra ist ein wichtiges Instrument auf dem Weg der Selbstverwirklichung. Man sollte regelmäßig meditieren, sein mantra erinnern und es zu einem Teil seines Lebens machen.

In der Meditation wende das mantra still und bewusst an. Außerhalb der Meditation kannst du es bewusst oder unbewusst verwenden. Im Lauf der Zeit wirst du feststellen, dass dein mantra dich im täglichen Leben begleitet und leitet.'

(Swami Rama)


Raja-yoga, der königliche Pfad, ist jener vollständige Yoga, wie er in den Yoga-sutras des Patanjali gelehrt wird. Selbst die herausragenden Autoren des Hatha-yoga, wie z.B. Svatmarama, nehmen auf sie Bezug. Die Yogis der Himalayas haben sie interpretiert, in der Praxis entwickelt und als lebendigen Erfahrungsweg und durch initiatorische Anleitung überliefert. Dies bezeichnet man als die Himalaya-Tradition. Ohne diese lebendige Übertragung kann Patanjali nicht wirklich verstanden werden.

Die erste Transmission, die Übende dieses Weges erhalten, ist ein mantra - ein spezifischer Klang als Mittel zur Sammlung des Geistes.

Der Begriff 'mantra'

Das Wort 'mantra' steht in Verbindung mit den englischen Worten 'man', 'mind' (dt. 'Geist', das 'Mentale', Verstand) und 'mental'; sie sind vom lateinischen Wort 'mens' abgeleitet. Das Wort 'mens' wiederum geht auf das griechische Wort 'menos' zurück. 'Menos', 'mens', 'mental', 'mind' und das englische Wort 'man' (wie auch im Deutschen 'mental', 'Mensch', das unpersönliche 'man') - sie alle sind abgeleitet von der Wurzel des Sanskritverbs 'man', das wörtlich 'meditieren' bedeutet. Der 'Mensch' ist somit sprachlich gesehen ein Wesen, das 'meditieren' kann. Er hat einen Geist (mind), mit dem er meditiert, und zum Zweck der 'Meditation' fokussiert er sich auf ein Wort, ein 'mantra'.

In Indien und anderen Teilen Asiens ist ein mantra in der gesamten Kultur so zentral und für das persönliche Leben derart bedeutsam, dass jemand ohne mantra mit Dal ohne Salz verglichen wird (Dal: ein beliebtes indisches Linsengericht). Irgendetwas fehlt. Ein Mensch ohne mantra ist unvollständig.

Was ist ein mantra?

Ein mantra ist ein Wort oder eine Reihe von Wörtern, es ist ein Gedanke, ein Gebet, jedoch nicht in dem Sinn, in dem das Wort Gebet im Allgemeinen benutzt wird. Es ist eher eine Art Bindeglied zwischen dem gewöhnlichen und dem höheren Bewusstsein (auch bezeichnet als göttliches Bewusstsein oder göttliche Lebenskraft). Ein mantra ist eine Klang- bzw. Gedankeneinheit. Es ist ein Klang oder eine Folge von Klängen, die einem Schüler mit einer besonderen spirituellen Absicht gegeben werden. Die Bewusstseinsenergie erscheint in unserem inneren Netzwerk des Bewusstseins in zwei Formen: als Klang und als Licht. Auf einer bestimmten Ebene sind Klang- und Lichtenergie verbunden bzw. vereinigt. Auf unserer gegenwärtigen Entwicklungsstufe nehmen wir sie als voneinander verschieden wahr. Daher beginnen wir hier mit dem Klang eines mantras. Initiation in das Licht folgt später.

Anfangs sollten zwei Aspekte über mantra verstanden werden. Zum einen stellt es eine Kombination von Silben dar; sie bilden einen Klang, der eine bestimmte Wirkung auf den Geist ausübt, vor allem wenn das mantra mental wiederholt wird. Der andere Aspekt ist die Bedeutung des mantras.

Die Wirkung wiederholten Klangs

Die Theorie vom mantra beruht auf dem Prinzip, dass die Klänge, die Buchstaben, die Silben des Alphabets in sich den Brennpunkt bestimmter psychischer oder mentaler Schwingungen tragen. Jede Silbe ist der Träger eines besonderen Strahls des Bewusstseins. Denkt man an bestimmte Buchstaben oder an Kombinationen dieser Buchstaben, so erzeugen sie bestimmte Gedanken, bestimmte mentale Schwingungen. Der Klang hat eine bestimmte Beschaffenheit oder Aroma. Der Gedanke eines Wortes ist eine Schwingung des Geistes, doch nicht alle Schwingungen sind von gleicher Art.

Unterschiedliche Silben beinhalten das Kraftpotential unterschiedlicher Schwingungen. Dies kann man auf einfache Weise durch bestimmte Wortklänge erfahren. Nehmen wir beispielsweise an, ich befinde mich in einem fremden Land, in dem niemand Englisch spricht. Ich gehe die Straße entlang und sehe eine Person, die auf mich zukommt. Er kann kein Englisch, und ich gehe auf ihn zu und sage in barschem Ton: 'Thud!' (deutsch ugs. 'Bums!', wie bei einem Zusammenstoß). Nur 'Thud!' Er weiß nicht, was es bedeutet, doch der Klang hat eine gewisse Wirkung auf seinen Geist.

Am nächsten Tag fühle ich mich unwohl damit, den armen Burschen mit diesem Klang erschreckt zu haben und möchte das wieder gut machen. Ich gehe wieder die Straße entlang und nähere mich dem ersten Menschen, der mir begegnet und der ebenfalls kein Englisch versteht, und sage mit sanfter Stimme: 'Lull!' (deutsch in etwa: 'Ruhe!').

Was unterscheidet die beiden Klänge? Die Klänge 'thud' und 'lull' haben verschiedene Qualität. Dichter und geübte Schriftsteller sind sich dessen bewusst, und in ihren Werken nutzen sie Klänge mit Geschick. Der Klang für sich allein hat also eine Wirkung, ungeachtet seiner Bedeutung. Er erzeugt einen Eindruck im Geist. In gleicher Weise hat jedes der mantras seine eigene Klangschwingung.

Das mantra als energetische Kraft

Gehen wir etwas weiter. Dieses gesamte Universum wird durch bewusste Kräfte am Laufen gehalten. Manche bezeichnen sie als Engel, Götter, Inkarnationen oder Manifestationen des Göttlichen usw. Die Klänge der mantras sind Ausdrucksformen dieser spezifischen Aspekte des Bewusstseins. In der Tradition begreifen wir die mantras als die Klangformen der Kräfte des Göttlichen. In der christlichen Religion, unter den Sufis oder in der jüdischen Kabbala-Tradition gibt es bestimmte Schulen, die den Klang des Namens Gottes als Gott selbst auffassen.

Genauer ausgedrückt: jeder individuelle Geist hat seine spezifische Struktur. Im Geist sind die Eindrücke aus vielen Lebensspannen gespeichert. Wir bezeichnen diese Eindrücke als samskaras. Die Art von Handlungen die wir ausführen, die Art von Wünschen die wir empfinden, die Art von Impulsen die in uns aufsteigen, sie alle werden ausgelöst von diesen Eindrücken. Die Gesamtheit dieser vergangenen Eindrücke formt unsere Persönlichkeit.

Um uns selbst weiter zu entwickeln, müssen wir lernen, die Struktur dieser Eindrücke zu verändern. Wenn ich in ein Glas, das zur Hälfte mit kaltem Wasser gefüllt ist, heißes Wasser gieße, verändert sich die Eigenschaft des Wassers. Wenn in mir Eindrücke vorhanden sind, die bittere Gedanken hervorrufen und ich füge einen spezifischen Gedanken, einen den Geist harmonisierenden Klang hinzu, jeden Tag, immer wieder - und wenn ich das zehn, fünfzehn oder zwanzig Jahre lang mache, dann bildet sich im Geist ein starker Eindruck davon, und er wird sich verändern. Auf diese Weise verändert das mantra unser Wesen, verfeinert es, macht uns sanfter und ruhiger. Wenn die Gesamtheit der Eindrücke einer Person in ihr verwirrte Gedanken hervorbringt, erhält sie ein beruhigendes mantra. Erzeugen sie zu viel Passivität, dann erhält sie ein aktivierendes mantra. Wird dieses mantra wieder und wieder erinnert, werden die Eindrücke dieses mantras bestimmte erwünschte Veränderungen in der Persönlichkeit hervorrufen.

Da ein mantra einen Namen und Klangkörper des Göttlichen darstellt, prägt sich das mantra in den tieferen Schichten des Geistes ein. Das 'Menschliche' überlässt sich und öffnet sich auf diese Weise der Gegenwart des Göttlichen. Meditation mit einem mantra ist die Erfahrung wortlosen Gebets, der subtilsten Empfindungen und der Praxis der Hingabe. Es ist die Vollendung des Ausdrucks: 'Nicht meines, alles ist Dein'. Die gesamte Persönlichkeit kann so zu einer Wohnstätte des Göttlichen werden, ein Instrument des Göttlichen, eine Form, durch die allein das Göttliche handelt.

Doch langsam, alles zu seiner Zeit. Diese Praxis beginnt, wenn man das mantra nicht mehr 'macht', wenn man es allein aus den inneren Tiefen aufsteigen lässt und ihm innerlich lauscht.

Mantras für bestimmte Persönlichkeiten und Zwecke

Hier könnte man einwenden: 'Hey, ich mag mich selbst so wie ich bin. Ich möchte meine Persönlichkeit nicht ändern, und ich möchte nicht, dass sich jemand einmischt.' Auch wenn du kein mantra erhalten möchtest, so wird doch allein die einfache Meditation des Atemgewahrseins verbunden mit 'so-ham' bereits Veränderungen bewirken. Sie sind jedoch nicht so tiefgreifend wie mit einem persönlichen mantra. Erhält man ein persönliches mantra (bezeichnet als diksha- oder guru-mantra), dann ist das vergleichbar mit dem Einpflanzen eines Tropfens oder Saatkorns des universellen Geistes der Tradition in den Geist des Initiierten. Dies wird als Initiation bezeichnet, denn es wird eine Energieform, wie klein sie auch immer sein mag, in der Überlieferungslinie von Schüler zu Schüler zu Schüler bis zum Empfänger übermittelt.

Die Brhadaranyaka-upanishad, sie wird ungefähr auf das 14. Jh. v.C. datiert, enthält eine Liste von Lehrern der Tradition: wer wen in welcher Abfolge gelehrt hat. So werden achtundsechzig Generationen von Lehrern aufgelistet, einer nach dem anderen; sie reichen zurück bis zum ersten Lehrer, Svyambhu-Brahman, dem selbst-existenten Höchsten Sein. 'Huldigung diesem selbst-existenten Höchsten Sein', heißt es in der Upanishad. Mantras sind Klänge, Gedanken, Wörter, die als Offenbarung von den rishis (Weisen) alter Zeit im höchsten samadhi, im Zustand höchster Meditation im Bewusstsein empfangen wurden. Die mantras werden durch Offenbarung in der Seele erweckt und dann in der Traditionslinie überliefert.

Es gibt verschiedene mantras für verschiedene Menschen. Wie funktioniert das? Hier sollten wir uns erst ein wenig mit der Geschichte der Yoga-Tradition befassen. Manchmal wird die Frage gestellt: 'Wie ist das mit der Transzendentalen Meditation - inwiefern gehört sie zur Yoga-Tradition?' Das Wort 'transzendental' ist ein heute gebräuchlicher Ausdruck. Doch es ist gewiss kein Sanskritbegriff. Es ist die Übersetzung für etwas anderes. Andere fragen: 'Was hat es mit der Zen-Meditation auf sich? Ist sie mit der Yoga-Meditation vergleichbar?'

Ca. 3000 v.C. war Indien ein Land der Pioniere, ähnlich wie Amerika im 18. Jh. Aus allen Himmelsrichtungen wanderten Menschen ein, rodeten Wälder, ließen sich nieder und begründeten Städte und Religionen. Einige tief philosophische Menschen zogen sich aus all dem zurück und errichteten Einsiedeleien in den Wäldern und in den Höhlen der Berge. Sie unterzogen sich einem Prozess der Selbsterziehung und Selbsterforschung. Andere Menschen, die vom Leben in den Dörfern und Städten genug hatten und die sich nach innerem Frieden sehnten, suchten diese Einsiedler auf, diesen großen Meister. Sie blieben einige Zeit bei ihnen, um etwas inneren Frieden, etwas Anleitung und etwas Weisheit zu erhalten, um anschließend wieder in ihre Dörfer und Städte zurückzukehren, um ihr normales Leben zu führen.

Einige dieser Einsiedeleien entwickelten sich zu großen Universitäten. Beispielsweise kam Alexander der Große während seiner Eroberung Indiens nahe an das Gebiet der Universität von Taksha-shila heran. Sie hatte zu der Zeit über zwanzigtausend dort ansässige Schüler. Das Studium war damals nicht von Spiritualität abgetrennt. Es schloss immer auch Charakterbildung mit ein. Im Lebensabschnitt eines Schülers (der Phase eines brahmacarya) wurden alle in der Art Verhalten belehrt, die der gesamten Gesellschaft dienlich ist, und darin, wie man seinen menschlichen Lebenszweck erfüllt und sich spirituell entwickelt.

Die großen Meister der Himalayas, haben durch ihr intuitives Wissen und ihre Weisheit das Yoga-System begründet; ihre Lehren werden bis zum heutigen Tag überliefert. Sie haben als Ergänzung zu ihrem intuitiven Wissen mit sich selbst Experimente durchgeführt. Die Art von Gedanken, die wir denken, erzeugen unsere Persönlichkeiten. Gewöhnlich halten wir nicht einen einzelnen Gedanken aufrecht. Wir haben kein beständiges Denken. Unser Denken ist wahllos und wechselhaft. Die Praxis eines mantras ist die Praxis des beständigen Verweilens bei einem einzelnen Gedanken, um damit eine bestimmte Wirkung auf den Geist auszuüben.

So würden möglicherweisen die großen Meister der Yoga-Tradition sagen: 'In dir ist nicht genug Feuer. Wir geben dir ein Feuer-mantra. Setze dich vor eine Kerzenflamme, halte den Blick auf sie fokussiert und zusammen mit dem Fließen deines Atems erinnere geistig dieses besondere Feuer-mantra oder lausche innerlich seinem Klang. Innerhalb von sechs Monaten werden sich in deiner Persönlichkeit einige sehr positive Veränderungen zeigen.' Einem anderen Schüler wird evtl. mitgeteilt: 'Was du benötigst ist die Kühle, das Fließende von Wasser, daher erhältst du ein Wasser-mantra; meditiere damit an einem fließenden Gewässer.' Nach einiger Zeit wird dieser visuelle Eindruck wie auch dieser beständig und konzentriert erinnerte Gedanke in der Persönlichkeit des Schülers subtile Veränderungen bewirken.

Allmähliche Veränderungen der Persönlichkeit

Veränderungen in der menschlichen Persönlichkeit entstehen nicht über Nacht. Bevor du abends zu Bett gehst, schau in den Spiegel und betrachte dein Gesicht. Wenn du am nächsten Morgen aufwachst und überprüfst: hat sich dein Gesicht über Nacht verändert? Nein, es ist dasselbe Gesicht. Schau es dir am folgenden Abend erneut an. Jeden Morgen und jeden Abend ist es dasselbe Gesicht. Wenn du in fünf oder zehn Jahren ein heute aufgenommenes Foto von dir hervorholst und das Gesicht vergleichst: in welcher Nacht ist es passiert, dass du am Morgen mit einem veränderten Gesicht aufgewacht bist?

Veränderungen innerhalb der menschlichen Persönlichkeit sind sehr fein und nicht wahrnehmbar. Manche Menschen, die eine Praxis wie Meditation beginnen und ein mantra erhalten, werden ungeduldig, da sich der Geist nur langsam ändert. Ich erhielt einmal einen Anruf, jemand sagte: 'Vor drei Monaten habe ich mein mantra erhalten. Wann werde ich erleuchtet?'

Spiritueller Fortschritts durch das Befolgen einer spezifischen, regelmäßig durchgeführten Praxis (sadhana) ist im Allgemeinen ein langsamer, behutsam fortschreitender, allmählicher Prozess. Er kann nicht beschleunigt werden, da es so viel zu integrieren gibt. Doch viele Menschen sind ungeduldig.

Verschiedene Möglichkeiten der Anwendung von mantras

Es gibt viele verschiedene Wege zum Zentrum deines Bewusstseins. Dies ist, worum es in der Meditation eigentlich geht. Es gibt viele verschiedene Wege zum wahren Selbst, es gibt viele verschiedene Methoden und Techniken der Meditation, die für unterschiedliche Persönlichkeiten geeignet und empfohlen sind. Einige konzentrieren sich auf eine Kerzenflamme. Einige benutzen die eine Art von Atemübung, andere üben mit einer anderen. Einige lauschen auf den Klang des mantras. Andere konzentrieren sich auf ein mantra mit einem bestimmten Ton. Einige erhalten Anweisung, sich auf ein bestimmtes Bewusstseinszentrum zu konzentrieren, verbunden mit dem mantra. Und so weiter.

Heutzutage wird den meisten Menschen empfohlen, mit einfachen mantras zu beginnen; später erhalten sie komplexere mantras als Praxis für eine bestimmte Zeitspanne. Um bestimmte spirituelle Ergebnisse zu ermöglichen, kann das mantra manchmal verbunden mit einer bestimmten inneren Konzentration oder mit einem Feuerritual durchgeführt werden, wodurch sich die Wirkung des mantras verzehnfacht. Es geht darum, dem Geist einen bestimmten Gedanken einzuprägen. Durch dieses Einprägen wird sich irgendwo eine Tür öffnen, und wo immer ein Suchender sich auf seinem Weg befindet, man kommt dem nächsten Entwicklungsschritt ein wenig näher.

Raja-yoga und seine abzweigenden Wege

Die großen Meister, die Begründer der Himalaya-Tradition des Yoga, waren Meister all der verschiedenen Wege der Selbsterziehung, der Selbsterforschung, der Wege zum Zentrum des höchsten Bewusstseins. Doch nicht alle Schüler, die sie trainierten, waren dazu fähig, all die verschiedenen Bereiche der Meditation zu meistern. Manche sind losgezogen, um über lange Zeit nur physischen Yoga zu praktizieren. Andere waren erfolgreich mit der Konzentration auf Licht. Sie wurden zu Meistern spezifischer Teile des gesamten Systems und errichteten ihre eigenen Akademien und Ashrams.

Aus diesem Grund gibt es heute verschiede Zweige des Yoga: Hatha-yoga, Nada-yoga, Laya-yoga und so weiter. Und Schüler suchen bestimmte Ashrams auf und beschäftigen sich einige Zeit mit einem dieser spezifischen Wege. Dabei geschieht es leicht, dass ein Schüler meint: 'Dies ist der beste Weg.' Wie kommt es dazu? Weil es ihnen gut tut, es hilft ihnen, sie ziehen großen Nutzen daraus. Jemand anderer kommt aber zu dem Schluss: 'Ich war dort, ich habe es versucht, und es hat sich für mich nichts getan.'

Schüler der großen Meister waren und sind oftmals nur Meister bestimmter Teilsysteme. Nur sehr, sehr wenige hatten die Kapazität, das gesamte System des Raja-yoga, des königlichen Pfads, zu meistern. Er umfasst in einem größeren Rahmen alle diese Systeme. Raja-yoga umfasst eine große Vielfalt an Methoden und spezifischen Systemen. Sie alle sind einbezogen in den größeren Rahmen des ursprünglichen Systems, das viele Systeme, Methoden und mantras umfasst, die geeignet sind für jeweils verschiedene Individuen. Daher beginnt man in unserer Tradition mit Raja-yoga, dem königlichen Pfad des Yoga.

In vielen Städten und Ländern wurde ich gefragt: 'Wie kann man ihr System mit dem Zen-System vergleichen?' Wie soll ich diese Frage beantworten? Ich sage daher in aller Bescheidenheit, dass alles, was im Zen bekannt ist ebenfalls im Yoga bekannt ist, dass aber nicht notwendigerweise alles, das man im Yoga findet, auch im Zen zu finden ist.

Ein anderes Beispiel: TM (Transzendentale Meditation). Ein bestimmtes mantra auszuwählen und es in einer bestimmter Weise anzuwenden, ist einer der möglichen Wege, mit einem mantra zu meditieren. Als Maharishi Mahesh Yogi die Vereinigten Staaten und Europa besuchte und so viel zu geben hatte, müssen die für Öffentlichkeitsarbeit Zuständigen ihm wohl gesagt haben: 'Hör mal, Yogi, dieses Überfluten mit Weisheit und Philosophie wird hier nicht funktionieren. Du musst es auf nette Art präsentieren. Nimm ein kleines Stück, gibt ihm eine schöne Verpackung, hänge ein hübsches Preisschild dran, füge noch ein paar andere nette Dinge bei, und teile den Leuten mit, dass sie im Zeitraum von drei Jahren oder wie lange immer erleuchtet sein werden, oder dass auf irgend eine andere Weise Nutzen daraus ziehen können'. Doch all das ist nur ein kleines Fragment des gesamten Yoga-Systems.

Was Vipassana betrifft: die meisten Vipassana-Schüler, die ich getroffen habe, bleiben auf auf die Körperwahrnehmung beschränkt. Manche von ihnen haben 25 Jahre lang meditiert und sind nicht über die Körperwahrnehmung hinaus gelangt. Sie wären dazu fähig, doch viele ihrer Lehrer besitzen nicht das Wissen, wie man sie darüber hinaus führen kann, über nama-rupa (Name und Form) hinaus. Ähnlich ist es im Zen; obwohl man im Zen Schulen findet, die ein mantra zulassen, haben viele Zen-Schüler Probleme damit, über die Gedanken hinaus zu gehen. Alle diese Systeme sollten in die vedantische Kontemplation der mahavakyas und der Meditation mit einem mantra eingebunden werden.

Es gibt einen Ort, wo beides vereint ist; diesen Ort kann man nur erfahren. Die besondere Schönheit der Himalaya-Tradition besteht darin, dass sie all die verschiedenen Systeme einbezieht. Sie sind nicht voneinander getrennt und man muss sie nicht künstlich integrieren. Vielmehr sind sie alle aus einem System hervorgegangen, haben sich abgezweigt, und jedes spezifische System hat sich in seiner eigenen Weise entwickelt.

Wie werden in der Initiation die mantras ausgewählt?

Ein mantra ist eine Silbe oder eine Serie von Silben, geeignet für eine individuelle Person. Nun könnte ein Initiator zu hören bekommen: 'Mein Name ist dir kaum bekannt. Wie kannst du so das passende mantra für mich finden?'

Es gibt zwei verschiedene Prozesse, um zu Erkenntnis zu finden: den rationalen Prozess und den intuitiven Prozess.

Doch beginnen wir erst einmal mit der Frage: wer bist du? Viele Menschen identifizieren sich mit ihren Namen, sie glauben ihr Name zu sein. Doch du bist nicht dein Name. Woher ist dein Name entstanden? Wenn du geboren wirst, kommst du nicht aus dem Mutterleib und sagst: 'Ich bin Maria.' Möglicherweise würdest du im Alter von eineinhalb oder zwei Jahren denken: 'Sie schauen mich an und sagen dieses Wort 'Maria' - 'Maria, komm her; Maria, mach dies; Maria, mach das!' - Mein Name muss also Maria sein.'
'Kleines Mädchen, wie heißt Du?' - 'Maria'.
Es ist ein konditionierter Reflex. Du bist nicht dein Name!

Es gibt bestimmte Persönlichkeitstypen. Diese Tatsache an sich stellt eine Wissenschaft dar. Jede Person hat einige Stärken und Schwächen. Jene, die die Wissenschaft des Yoga verstehen, sind darin geschult, den Persönlichkeitstyp zu erkennen, denn das mantra wird angepasst für einen bestimmten Persönlichkeitstyp gegeben. Ein Initiator ist in der mantra-Wissenschaft und den Aspekten der menschlichen Persönlichkeit ausgebildet.

Der Prozess der Initiation selbst geht jedoch weit darüber hinaus. Das mantra wird vom Initiator intuitiv empfangen. Die Person, die dich initiiert, ist jemand mit einem sehr reinen, ungetrübten, offenen Geist. In der Meditation kann sie genau das mantra empfangen und übermitteln, das zu deinem Persönlichkeitstyp passt. Das ist jetzt allerdings ein Bereich, den viele Menschen nicht akzeptieren können. Manche mögen es ein Mysterium nennen. Allen steht frei, es zu glauben oder abzuweisen. Viele können nicht anerkennen, dass eine solche Gnade möglich sein soll und fragen daher auch nicht nach einem persönlichen mantra. Sie nehmen für sich das mit, was sie bisher über Meditation gelernt haben. Sie können damit weiter praktizieren. Doch in unserer Tradition wird fortgeschrittene Meditationspraxis nicht vermittelt, wenn man nicht zuvor ein persönliches mantra erhalten hat.

Der Lehrer, der Initiator, wird nur selten von sich aus sagen: 'Ich möchte dir ein mantra geben.' Dieser Wunsch sollte aus dir selbst heraus entstehen. Wenn das Bedürfnis aufsteigt, fragst du danach. Dann wird eine Zeit festgesetzt und eine sehr einfache Form der Initiation durchgeführt. Doch der Wunsch muss aus dem Bewusstsein der Person entstehen, die initiiert werden möchte. Es muss der eigene innere Impuls sein. Und wenn in dir der Impuls dazu nicht entsteht, dann lege für dich selbst zumindest eine regelmäßige Meditationszeit fest. Allein diese Festlegung einer bestimmten Meditationszeit wird dich mit der Quelle der Gnade verbunden halten.

Der Prozess der Initiation

Die Initiationszeremonie der Himalaya-Tradition ist ein traditionell festgelegter Ablauf. Da es sich um einen Meilenstein handelt, einen Wendepunkt im Leben eines Schülers, wird er/sie gebeten, sich zumindest einen Tag vor der Initiation zu 'reinigen'. Das geschieht durch sattvische (reine) vegetarische Ernährung, dem Vermeiden emotional aufwühlender Aktivitäten und dem Kultivieren heiterer Gelassenheit des Geistes. Um das mantra zu erhalten, kommt man frisch gebadet und in sauberer Kleidung.

Der Schüler wird zuvor gebeten, ein kleines Geschenk mitzubringen in Form von Früchten oder Blumen zusammen mit dem traditionellen dakshina (finanzielle Spende für die Guru-Tradition, die spezifischen Zwecken gewidmet ist). Dieses Präsent steht symbolisch für die fünf Sinne: rupa (Sehen), rasa (Geschmack), gandha (Geruch), sparsha (Berührung), shabda (Klang). Sie stehen für die aufrichtige Absicht des Schülers, sinnlichen Freuden nicht zu entsagen, sondern sie dem höheren Nutzen der spirituellen Entfaltung unterzuordnen.

Am Ort der Initiationszeremonie wird man gebeten, für einige Zeit still zu sitzen und zu meditieren. Dann wird man in den Raum geführt, in dem der Initiator in Meditation sitzt. Initiator und Schüler meditieren eine kurze Weile gemeinsam, dann wird das mantra übermittelt.

Das mantra wird üblicherweise in das rechte Ohr des Schülers geflüstert, und anschließend setzt man die gemeinsame Meditation noch einige Minuten fort. Die Zeremonie endet mit einem Segen für den Schüler. Es ist ein Prozess des Gebens und Teilens auf höchster Ebene. Der Schüler bekundet sein Vertrauen und willigt ein, die Wahrheit zu suchen und sich auf die Reise der Selbsterkenntnis (sadhana) zu begeben. Aus der Gnade aus der Guru-Tradition übermittelt der Lehrer das mantra und gibt das Versprechen, dem Schüler auf seinem Weg spirituellen Wachstums zu unterstützen.

Mantra als stabile Kraft in unserem Leben

Ein mantra ist dafür gedacht, ein besonderes Wort in seinem Inneren zu haben. Einige Schulen sagen, man solle das mantra täglich nur 20 Minuten lang nutzen. Doch durch die Methode, die von Swami Rama in der Raja-yoga-Tradition übermittelt wurde, wird dein mantra zu deinem persönlichen Freund. Du behältst dein mantra möglichst beständig im Geist: wenn du an der Bushaltestelle stehst oder auf eine Verabredung wartest, wenn du Auto fährst oder wann immer du dich zentrieren musst. Dein mantra gehört zu dir und ist mit dir. Es ist ein Wort oder Ausdruck, das immer mit dir sein sollte. Derzeit sind viele zufällige Gedanken und Eindrücke in deinem Geist präsent, all die Dinge, die du von außen aufgenommen hast. Manches von außen mag dich evtl. aufregen, reizen, stören oder ängstigen. Das mantra aber ist in dir präsent. Es ist etwas in deinem Inneren. Während also die ganze Welt dich mit störenden Eindrücken eindeckt, gibt es etwas in dir, das dein beständiger Fokus bleibt, von dem du dich nicht wegbewegen solltest.

Es braucht einige Zeit, das zu üben und in dieser Weise zu meistern. Doch es wird zu einem stillen Freund, bei dem du Zuflucht findest, um all den Aufregungen und der Unruhe widerstehen zu können. Lässt du dein mantra oft genug im Geist aufsteigen, wird es zu einem Teil deines unterbewussten Geistes. Das mantra kann dein Zugang zur Meditation werden, denn es ist dein Konzentrationspunkt. Die mantra-Praxis wird zu deiner Meditation.

Sofern man in Verbindung bleibt, kann im Prozess der Anwendung seines mantras auch die Methode geändert werden, um weiteren Fortschritt zu ermöglichen: 'Du hast bisher auf diese Weise geübt. Jetzt solltest du zu dieser anderen übergehen.' Manchmal ändert sich jahrelang nichts. Doch vergleiche dich nicht mit anderen. Wenn jemand andere eine neue Methode erhält, glaube nicht, dass du ebenfalls eine andere Methode erhalten solltest. Die Methode, mit der du jetzt arbeitest, mag für dich sehr wirkungsvoll sein. Es hängt vom einzelnen Individuum ab wie auch von der Art der Beziehung, die man zur Tradition und zur Quelle der Lehren pflegen möchte.

Hüte dein mantra als Geheimnis

Hat man ein mantra erhalten, hütet man es als sein Geheimnis. Halte dein mantra geheim und übe, übe, übe. Es gibt viele zunehmend feinere Stufen der mentalen mantra-Praxis; sie werden nach und nach vermittelt. Die Geheimhaltung ist eine Form von mauna, der Praxis des Schweigens. Das mantra dient allein der inneren Vertiefung. Ein gesprochenes Wort ist verausgabte Kraft, daher soll das mantra allein im Geist erinnert werden. Halte es in deinem Herzen, in deinem Geist. Lass es zu deinem stillen Freund werden, beim Spazierengehen, wenn du schlafen gehst oder aufwachst, im Bad oder auch in den Armen deines/deiner Geliebten. Das mantra wird zur wahren Essenz deines Geistes. Manchmal bist du dir seiner bewusst, manchmal bist du dir seiner nicht bewusst.

Ein Initiator, ein Lehrer, ist verpflichtet, dich zu begleiten, anzuleiten und dir die nächsten Schritte zu vermitteln, sobald du bereit bist. Wenn die Tradition des Lehrers eine authentische Himalaya-Tradition ist, wird Initiation oder Anleitung gegeben in das innere Licht oder in die cakras, die Zentren des Bewusstseins, oder in die kundalini, sofern der Schüler bereit ist.

Als Schüler ist man aufgefordert, Kontakt zu halten. Der Kontakt muss nicht durch Briefe, Fax oder E-mail erhalten werden, sondern indem man sich täglich stets zur gleichen Zeit zur Meditation setzt. Du wirst dann entdecken, wie eine sehr subtile, nicht greifbare Verbindung spürbar wird. Manchmal gibt der Initiator jemandem ein mantra. Die initiierte Person bleibt einige Jahre in Kontakt und verliert sich dann in den Wellen und Strömungen des Lebens. Fünfzehn oder zwanzig Jahre später entsteht dann das erneute Bedürfnis, sich wieder mit dem Lehrer und der Tradition zu verbinden. Möglicherweise schreibt er oder sie einen Brief oder sagt: 'Du wirst mich wohl vergessen haben, doch das mantra ist immer bei mir geblieben.' Das mantra wird zum Samen, aus dem der Baum deiner Spiritualität wächst.

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