Mantra und Geist

Teil 6 der Serie 'Anwendung und Bedeutung von mantras' -
von Swami Veda Bharati


Ein zentraler Unterschied zwischen westlichem und östlichem System der Psychologie besteht darin, dass die westliche Psychologie den Geist einfach nur als einen Prozess betrachtet. Irgendwie setzt sich der Geist aus all den Dingen zusammen, die wir erfahren haben. Im System der Yoga-Psychologie ist der Geist kein Prozess. Er wird als ein Energiefeld erkannt - und alle Prozesse ereignen sich in diesem Energiefeld. Doch beide Systeme, westlich wie östlich, stimmen darin überein, dass der rationale Geist nur ein sehr kleiner Teil des Geistes ist.

Rationaler und nicht-rationaler Geist

Das westliche Psychologiesystem erfasst bislang allerdings noch nicht viel vom nicht-rationalen Bereich des Geistes. Viele glauben, der rationale Geist sei der nützliche Teil des Geistes und der Rest ist zu wenig gut. Doch in der Yoga-Psychologie wird der rationale Teil des Geistes als der am wenigsten zuverlässige gesehen. Das soll nicht heißen, dass wir uns irrational verhalten sollen. Der rationale Bereich ist ein nützliches Instrument, sofern er in richtiger Weise eingesetzt wird. Doch er ist nur ein kleines Werkzeug neben vielen anderen Werkzeugen, die uns zur Verfügung stehen. Ein riesiger Bereich des Geistes liegt unerschlossen jenseits des Rationalen, jenseits des bewussten Geistes. Konzentrationen wie jene auf ein mantra dienen als Zugänge zu jenen Bereichen des Geistes, die wir auf der Ebene des rationalen Geistes gewöhnlich nicht erfahren.

Konzentration zum Zweck der Konzentration

Ein anderer fundamentaler Unterschied besteht darin, dass die westliche Psychologie der Konzentration um der Konzentration willen wenig Beachtung schenkt. Wenn man sich konzentriert, will man gewöhnlich etwas Bestimmtes bewerkstelligen, man will eine bestimmte Tätigkeit ausführen, man will malen, etwas lernen, etwas ausrechnen etc. Doch wir konzentrieren uns nicht um der Konzentration willen. Die Yoga-Psychologie begreift Konzentration rein um der Konzentration willen als die weitaus bedeutendste geistige Aktivität. Denn durch sie entsteht nicht nur die Entspannung von Gehirn, Nerven, Muskeln etc., durch diese Art Konzentration findet man Zugang zu den verborgenen Bereichen des Geistes, die der rationalen Ebene nicht zugänglich sind.

Durch die Übung der Konzentration wird die sonst vielfältige Aktivität des Geistes zu einem verbundenen, ausgerichteten Strom; der Geist wird zu einem gleichmäßigen Strom. Daraus resultieren verschiedene Dinge:

  • durch den gleichförmigen Fluss des bewussten Geistes kommen alle psycho-physiologischen Systeme zur Ruhe. Das ist ein Zweck der Praxis. Durch diese Art der Konzentration z.B. auf ein mantra, entsteht eine natürliche Entspannung des Gehirns, der Nerven, Muskeln und anderer psycho-physiologischer Systeme.
  • Durch diese Konzentration zentriert der Geist allmählich seine Energien. Ansonsten sind die Energien des Geistes verteilt, in viele Richtungen aktiv.
  • Wenn der Geist derart konzentriert ist, wird die Energie einpunktig - und was immer man wahrnimmt, wird in all seiner Subtilität wahrgenommen. Man sieht Dinge, die man zuvor nicht gesehen hat, erfährt Dinge, die man zuvor nicht erfahren hat. Was also wie ein Rückzug von der Welt der Sinne erscheint, ist in Wahrheit eine Sensibilisierung des Geistes. Was immer du wahrnimmst - innen oder außen, wird mit weitaus größerer Klarheit wahrgenommen, in all seinen Einzelheiten, vollständiger. Durch diese Konzentration des Geistes um der Konzentration willen, beispielsweise auf ein mantra, wird Energie gespeichert und steht für erweiterte Anwendungen zur Verfügung. Eine meditierende Person konserviert die mentale Energie durch Konzentration. Er/sie unterbricht täglich für eine gewisse Zeit die Zerstreutheit der Gedanken, Erfahrungen und Emotionen und überführt sie in ein Erleben eines völlig klaren Stroms. Wenn man diese Fähigkeit entwickelt hat, lernt man als nächstes, die gesamte Energie des Geistes auf einen Fokus zu bringen - und dieser Fokus kann in jeder Richtung zur Anwendung kommen. Wenn man etwas berührt, berührt man es mit größerer Tiefe. Wenn man liebt, liebt man vollständig - oder man bleibt zurückgezogen und neutral.

Wenn das geschieht, begreift man, dass der Geist ein weitaus größeres Potential hat, als man für möglich gehalten hat.

Der bedeutendste Beitrag der westlichen Psychologie in den vergangenen ein- oder zweihundert Jahren war die Entdeckung des unterbewussten Geistes. Doch der unterbewusste Geist ist ein derartiges Durcheinander, niemand versteht es wirklich. Und je tiefer wir uns in dieses Unterbewusste hineinbegeben, desto verwirrender wird es.

In der Meditation begeben wir uns nicht in den unterbewussten Geist. Doch sollte man diesen Bereich zwischen dem bewussten, aktiven Geist und dem überbewussten Geist gut verstehen. Wir wissen, dass alle Eindrücke, die über die Sinne den Geist erreichen, im unterbewussten Geist gespeichert werden. Ich nenne es die 'Sümpfe des Unterbewussten'. Und all der Morast dieser unterbewussten Sümpfe überschwemmt die klaren Quellen des überbewussten Geistes. Dieses Zentrum des Geistes, das immer ruhevoll, immer rein, immer weise, immer frei ist - dieser sattvische, reine Bereich des Geistes wird verdunkelt.

Möglichkeiten eines konzentrierten Geistes

Ein konzentrierter Geist, der nach außen in die Welt der Sinne gerichtet wird, besitzt natürlich größere Konzentrationskraft bezüglich aller äußeren Dinge. Eine meditative Person kann z.B. lange Zeit ohne Pause konzentriert arbeiten, ohne zu ermüden.

Man kann genauso diese Energie nach innen richten, um diese verdunkelnden Energien zu durchdringen, um die ruhigen und klaren Bereiche zu erreichen - jene Bereiche, aus denen wahre Intuition entsteht. Wenn man beginnt, diese Bereiche des Geistes zu berühren, ist es vergleichbar mit dem Eintauchen in kühles, klares Wasser, aus dem man vollständig gereinigt wieder auftaucht. Das ist der höchste und wichtigste Zweck der Konzentration um der Konzentration willen.

Anfangs bezieht sich die Konzentration auf ein äußeres Objekt, beispielsweise die Entspannung - man konzentriert sich auf seinen Körper; um noch ein wenig näher zu sich selbst zu finden, konzentriert man sich auf die Atmung. Da wir so an gedankliche Aktivität gewöhnt sind, erhält man einen bestimmten Gedanken - wie z.B. so'ham (das mantra des Atems). Dann kommt das individuelle mantra.

Der Geist umfasst viele verschiedene Energien - und alle diese Energien müssen fokussiert werden. Dieses gesamte Universum ist ein Spiel aus Licht und Klang. Die alten indischen Philosophen sagen, dass sich das Universum allein aus diesen beiden Energien zusammensetzt. Meditation ist die Kunst, die Energien des Geistes zu erschließen. Anfangs, wenn die Klangschwingung im bewussten Geist angewendet wird, wird das mantra zum Fokus der Konzentration - und dadurch wird die mentale Energie einpunktig. Die Absicht ist, dass das mantra so mit dem Geist eins wird, wie das Sehen eins ist mit den Augen. Hier wird auch verständlich, warum der Begriff mantra in Sanskrit von der gleichen Verbwurzel abgeleitet ist, wie die englischen Worte 'man' (Mensch) und 'mind' (Geist, das Mentale).

Warum Initiation?

Es wird häufig gefragt, warum es wichtig ist, ein mantra in einem initiatorischen Prozess zu erhalten. Meine Antwort ist, dass es einen Unterschied ausmacht, ob ein mantra übertragen wird oder ob man es nur mitgeteilt bekommt. Dies ist ein Punkt, an dem die Yogawissenschaft einen Bereich berührt, den manche vielleicht als Mystizismus betrachten. Doch sobald man es wirklich versteht, hat es nicht viel von Mystizismus an sich. Wenn man versteht, dass die Energien des Geistes verschiedenartig sind - manche Tage hast du einen klaren Geist, manche Tage fühlst du dich 'im Keller', manche Tage kannst du nicht klar denken und du glaubst es wäre gut, frische Luft zu schnuppern. Doch selbst diese frische Luft hilft nicht, da das Problem von anderer Art ist. Die Energie des Geistes ist geschwächt durch irgendeine negative Emotion, daher funktioniert dein Geist nur auf niedrigem Niveau. Sobald man wirklich begreift, dass der Geist ein Energiefeld ist, versteht man auch die Idee eine starken und eines geschwächten Geistes. Es gibt viele verschiedenartige Energiezustände.

Meditation energetisiert nicht nur den Körper: zuerst energetisiert sie den Geist, und der energetisierte Geist energetisiert dann den Körper. Alle anderen Aktivitäten des Lebens - die negativen Emotionen, die Sorgen, persönliche Belange, selbst Sport - erschöpfen uns. Doch durch Meditation baut man Kraft auf. Daher ist eine meditative Person nicht leicht zu erschüttern. Selbst wenn man Schmerzen hat, kann der Geist einer meditativen Person die Stärke dieser Empfindungen kontrollieren, denn der Geist ist der Meister des Körpers.

Wir kommen zum nächsten Punkt betreffend dieses reine Energiefeld:
was ist der Unterschied zwischen einem Magneten und einem Stück Eisen? Jedes Stück Eisen ist potentiell ein Magnet. So wie auch jedes menschliche Wesen potentiell ein Prophet, ein Heiliger ist. Es ist nur so, dass der Strom unserer Energie nicht mehr klar, sondern verzerrt und verkrümmt ist.

Ein Stück Eisen ist potentiell ein Magnet, und bleibt solange ein potentieller Magnet, bis es tatsächlich von einem Magneten magnetisiert wird. Welche magnetische Stärke wird dieses Stück Eisen haben? Das hängt von der Stärke des Magneten ab, der ihn magnetisiert, und von der Dauer, die das Stück Eisen dem Magneten nahe ist etc.

Yoga-Initiation ist diese Art von Prozess. Wenn du mit einem erfahrenen Lehrer Yoga studierst und praktizierst, wirst du feststellen, dass deine Meditation unter Anleitung des Lehrers tiefer ist, als wenn du für dich alleine meditierst. Warum ist das so? Weil der eine Geist etwas mehr meditiert hat als der andere Geist - und genau das nennt man Initiation. Das mantra, übertragen durch einen stärkeren Geist, hat eine stärkere Wirkung; es lässt sich im Geist nieder. Es ist als würde ein Partikel des überbewussten Geistes eingepflanzt, um dort zu wachsen. Und doch musst du es regelmäßig gießen; du musst das mantra in deinem Bewusstsein aufsteigen lassen; du musst dich hinsetzen und es aufsteigen lassen.

Dies ist auch der Grund, warum die Auswahl eines mantras aus einem Buch nicht wirklich funktioniert.

Ein mantra oder mehrere mantras?

Frage:
Wenn man sich mit seinem mantra spirituell entwickelt, erreicht man dann einen Punkt, an dem man für ein anderes mantra bereit ist? Praktiziert man im Leben mit verschiedenen mantras, oder erhält man nur eines?

Antwort:
Es gibt Zeiten, wenn ein mantra geändert wird. Es gibt Zeiten, in denen ein zusätzliches mantra für eine bestimmte Art Praxis übermittelt wird. Das höchste Ziel ist jedoch, dass nach Jahren der geistigen Wiederholung des mantras die Vibration so subtil wird, dass da kein mantra mehr ist, kein Gedanke eines äußeren Objekts, sondern völlige Stille. Stille ist nicht die Abwesenheit von Sprache - Stille ist die Mutter der Sprache. Wenn du aus dieser Stille sprichst, wird dich die ganze Welt hören. Dann hast du die Sprache der Stille gelernt.

Ja, die mantras werden manchmal abgeändert, manchmal erhält man ein anderes mantra, manchmal erhält man zusätzliche mantras. Aber das sollte dich nicht wirklich kümmern. Nimm dieses eine mantra und absorbiere es, absorbiere seine Energien wieder und wieder und wieder, und schau, wie weit du damit kommst. Die erste Regel lautet 'Praxis'. Die zweite Regel lautet 'Praxis'. Die dritte Regel lautet 'Praxis'. Es gibt keine vierte Regel.

Viele werden ungeduldig. Dies ist nichts für ungeduldige Menschen. Manche fragen: 'Täglich meditieren - wie lange muss ich das beibehalten?' Ich kann nur die Gegenfrage stellen: 'Wie lange noch benötigst du jede Nacht deinen Schlaf? Wie lange noch solltest du täglich deine Zähne putzen? Genauso lange solltest du täglich deinen Geist waschen. Die Wirkung sammelt sich an - über die Zeit.

Wir sprechen von drei Wirkungen der Meditation: shuddhi, buddhi und mukti. Shuddhi ist Reinigung. Buddhi bedeutet Erleuchtung, Weisheit. Mukti ist die Befreiung.

Die schmerzhaften Erfahrungen in unserem Leben sind das Ergebnis all der kleinen Unreinheiten, die wir angesammelt haben. Je reiner wir werden, desto weniger Schmerz erfahren wir. Und ich spreche hier nicht von physischem Schmerz; ich spreche von psychischem Leiden.

Wenn drei Personen verletzt werden, so mag die eine vor Schmerz schreien, die zweite mag vielleicht den Schrei unterdrücken, sich aber so fühlen, als wollte sie schreien. Die dritte Person erfährt vielleicht nicht dieselbe Stärke an Schmerz, trotz der Verletzung, da sie weiß, wie man den Geist benutzt, um mit dem Schmerz umzugehen. Das Schmerzsignal wird erfahren, und man weiß, dass etwas nicht in Ordnung ist. Doch man sagt in sich selbst, 'So ist es jetzt; doch Schmerz, bleib dort wo du bist; besetze nicht meinen Geist und mein Gehirn.' Man erlernt die Kunst, den Geist auf das Gewünschte zu richten, man sucht sich den Bereich seiner Ausrichtung selbst aus. Doch das ist nur möglich, wenn der Geist nicht von allen möglichen Abhängigkeiten usw. verdunkelt ist

Der Prozess der Reinigung verläuft langsam. Es ist ein langer Weg. Du beginnst damit und machst langsam Fortschritte. In deinem Leben begegnen dir neue Dinge, und du verstehst sie besser und kannst auf neue Weise mit ihnen umgehen. Schmerz und Vergnügen haben eine verminderte Wirkung auf dich, du bist weniger den Tendenzen der Anziehung und Aversion unterworfen.

Letztlich wirst du befreit sein. Doch Befreiung bedeutet hier nicht, Freisein von etwas. Wenn es sich um Freisein von etwas Bestimmten handeln würde, so würde es bedeuten, dass man daran gebunden ist. Immer wenn man von 'frei sein von' spricht, ist man abhängig von diesem 'von', und man versucht, etwas Bestimmtem zu entkommen.

Freiheit ist Freiheit. Das Vergnügen das dann entsteht, ist nicht abhängig von irgendwelchen äußeren Dingen. Dieses Vergnügen ist dauerhaft und frei von äußeren Quellen. Es ist reine Freude. Es gibt nichts, das dich deprimieren kann. Eine meditative Person ist eine glückliche Person.

Fortsetzung: Schrittweiser Aufstieg

Zurück zur Übersicht 'Über Mantra'