Mantra - nach der Initiation

von Swami Veda Bharati

Dieser Beitrag ist eine Übersetzung des ersten Teils von Swami Vedas Schrift 'Mantra - After Initiation'.
Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung von Ahymsin Publishers / Himalayan Yoga Publications Trust (HYPT).

Vor Studium dieses Artikels ist die Lektüre folgender Beiträge empfohlen:
'Der Einstieg in Meditation' und 'Mantra - Was und Wozu?'


Die Quelle der mantras

Mantras sind Klangeinheiten in Form kombinierter Silben oder Worte. Das Universum besteht aus der einen Energie, die sowohl als Klang wie auch als Licht erscheint. Die eine Form der Energie kann nicht ohne die andere aktiv werden. Das gilt insbesondere für den inneren, spirituellen Raum. Das, was von Mund zu Ohr übermittelt wird, sind nicht die Klangeinheiten, die man als mantras bezeichnet; das sind nur ihre physischen Ausdrucksformen.

Im höchsten Zustand der Meditation ist das spirituelle Selbst in völliger Übereinstimmung mit dem Göttlichen, das die Quelle allen Wissens und des 'Wortes' ist. Indische Sprach-Philosophen haben es in alter Zeit als shabda-brahman bezeichnet - 'das Wort, das Gott ist'. Zu diesem göttlichen Wissen hat das spirituelle Selbst offenen Zugang.

Dieser nicht geoffenbarte Zustand wird als para bezeichnet, die transzendente Sprache.

Wenn dieses Wissen in Form der wortlosen Worte in das individuelle spirituelle Selbst einfließt, erhält es die Bezeichnung pashyanti - 'die Sehende'.

Von dort geht ein Strahl des Bewusstseins hervor und berührt die nach innen gerichtete Oberfläche des Geistes; sie ist allein dem spirituellen Selbst zugewandt und nicht mit den Sinnen und der Welt befasst. Dieser innere Spiegel ist antahkarana - die intuitive Instanz des Geistes. Der Bewusstseinsstrahl, der durch das spirituelle Selbst fließt erzeugt hier eine mentale Schwingung. Der Geist wird durch das Erleben eines blitzartigen Aufleuchtens angeregt. So kann beispielsweise in einem Mikro-Moment das gesamte Wissen der Veden oder können alle 330 Millionen mantras offenbart werden. Diese Erfahrung ist wie ein Same (bija) oder ein einzelner Punkt (bindu), in dem alle Details bereits enthalten sind. Dieser Punkt muss sich erst noch entfalten, damit das ganze Bild in all seinen Details sichtbar wird. Es wird manchmal verglichen mit der Farbenvielfalt der Pfauenfedern, die bereits im Ei der Pfauhenne enthalten sind. Dieses Stadium bezeichnet man als madhyama - die 'mittlere Sprache'.

Wenn dieses Wissen aus den Tiefen von buddhi in die äußeren Bereiche des rationalen Geistes aufsteigt, verwandelt es sich in verbale Gedanken. Worte sind das Resultat eines Manifestationsvorgangs, sie sind eine niedriger schwingende Frequenz als die vorhergehenden Stadien. Dieser verbale Gedanke wird von den alten Grammatikern und Philosophen als vaikhari bezeichnet, unterscheidbarer und rauer Klang.

Doch dies ist erst das erste Stadium von vaikhari. Diese Schwingung aus buddhi, des Geistes und die relativ niedere Frequenz der verbalen Gedanken erzeugt eine Anregung im Feld der Lebensenergie eines Yogi, durch das prana werden die Sprechorgane aktiviert - und ein artikulierter Klang kommt zum Vorschein: der Klang, der das Ohr eines Schülers erreicht im Prozess der Transmission, Initiation und Belehrung.

Was wir gewöhnlich als 'Offenbartes Wort' bezeichnen, ist tatsächlich das verschleierte Wort auf der niedrigsten Schwingungsebene der Erkenntnis - verhüllt durch die Schichten des individuierten Geistes. Wahre Offenbarung findet man allein im Zustand höchster Meditation - sie ist ein wortloser Dialog zwischen dem Göttlichen und der Seele.

Es ist vergleichbar damit, sich im tiefsten, innersten Raum einer Höhle zu befinden, einer Schatzkammer des Lichts. Um aus diesem innersten Raum nach außen zu finden, entrollt man einen Faden, er dient als Wegmarkierung. Erreicht man den Eingang der Höhle, reicht der Yogi das Ende des Fadens dem Schüler und empfiehlt ihm, dem Faden nach innen zu folgen, bis er die Schatzkammer entdeckt, das goldene Ei, hiranya-garbha, den ersten und einzigen guru. Der Schüler, der den Faden, den mantra-Klang erhält, nutzt es, um schrittweise in die Höhle einzudringen, bis er die Kammer des reinen Bewusstseins erreicht.

Verschiedene Arten von Klängen haben verschiedenartige Auswirkungen auf das Geistfeld und prana-Feld. Sie haben daher verschiedene Wirkungen auf die diversen psycho-physiologischen Systeme. Um also einen bestimmten Bewusstseinszustand auszulösen, hält man sich an die dementsprechende Klangfolge eines bestimmten mantras. Über viele Jahre der Praxis hinweg versucht der Student, diese Klangfolge zu ihrer ursprünglichen Schwingung im prana-Feld und weiter im Geistfeld zurückzuverfolgen. Im Verlauf dieses Prozesses verändert das mantra die samskaras, die Zustände des Geistes, und befreit die blockierten Bereiche des prana und selbst jene der physischen Zentren.

Was ist japa?

Japa ist mentale Rezitation, oder besser ausgedrückt, die Erinnerung eines mantras, das allmählich Energieschwingungen im Geistfeld erweckt. Die Praxis der Meditation beginnt erst wirklich mit mantra-diksha, dem Prozess, in dem man durch einen dazu qualifizierten Lehrer einer Traditionslinie ein mantra erhält. Alles andere ist Vorbereitung.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, japa zu praktizieren. Manche rezitieren das mantra laut; Kirtan oder Singen ist ebenfalls eine Form von japa. Für absolute Beginner gibt es sogar eine Form von japa, in der man sein mantra 125.000 mal schreibt, doch das wird in unserer Tradition nur sehr selten empfohlen.

Nur ein mantra zu haben, reicht allerdings nicht aus. Es gibt verschiedene Schritte der mantra-Praxis - anfängliche bis weit fortgeschrittene Ebenen der japa-Praxis.

Die höchste Form von japa ist rein mentales japa, in der man vollständig in die Stille des Geistes eintaucht. Es folgt hier die Beschreibung der vier Phasen der Praxis und der Erfahrung geistiger japa-Praxis.

Mentales japa - Phase Eins

Man sitzt mit korrekter Körperhaltung,
man entspannt den Körper,
man etabliert die Zwerchfellatmung,
man übt für eine angemessene Zeit die wechselseitige Atmung (nadi-shodhana)
und verbindet sich dann mit der Empfindung des Fließens des Atems.

Diesen Atemfluss kann man dem Weg der Atmung zwischen Nabel und den Nasenflügeln folgend spüren, oder man spürt ihn allein in den Nasenflügeln. Man spürt das Fließen des Atems und folgt dabei denselben Hinweisen, die für die Praxis des universellen mantras, so'ham, gelten: keine Sprünge, keine Unterbrechungen im Atemfluss, sondern ruhiges und gleichmäßiges Fließen des Atems, ohne Pausen zwischen den Atemzügen. Diese Pause zwischen den Atemzügen ist der schwierigste Teil des ganzen Ablaufs, denn diese Pausen sind das Tor, durch das äußerliche Gedanken hereinkommen. Daher atmet man aus und gleich wieder ein, ruhig, langsam und entspannt.

Man erlebt das mantra zusammen mit der Empfindung des Atems. Hierbei stellen kurze mantras oder bija-mantras (Saat-Worte) kein Problem dar. Doch es gibt längere mantras, mit fünf, zwölf oder mehr Silben. Wer damit nicht von vornherein vertraut ist, wird möglicherweise mit diesen mittellangen mantras Probleme haben. Daher wird empfohlen, sich des Fließens des Atems bewusst zu bleiben und dabei das mantra so entstehen zu lassen, wie es mit dem Atem entsteht. Es kann beispielsweise in mehrere Atemzüge aufgeteilt werden. Man versucht also nicht, es zu synchronisieren.

Angenommen das mantra lautet 'om namo bhagavate vasudevaya': man kann 'namo' mit dem Ausatem, 'bhagavate' mit dem Einatem, 'vasudevaya' mit dem Ausatem verbinden. Auf diese Weise lässt man es fließen, ein Wort fließt über in das nächste zusammen mit dem Atemgewahrsein. Das mantra wird mental rezitiert, jedoch verbunden mit dem Empfinden des Fließens und der Berührung des Atems in den Nasenflügeln oder entlang des Pfades des Atems zwischen Nabel und Nasenflügeln, außer man hat von seinem Lehrer eine andere Methode erhalten.

Mentales japa - Phase Zwei

Als nächstes wird das mantra allein als ein verbaler Gedanke erlebt. Im mantra-Konzept der Himalaya-Tradition soll das mantra als Wort in den Hintergrund treten und in reine Schwingung verwandelt werden.

  • Als erstes lernt man, seine Lippen zu versiegeln,
  • und als zweites, die Zunge unbewegt zu halten, während man japa übt.
  • Als drittes lernt man, auch die anderen Sprechorgane wie z.B. die Kehle ruhig zu halten.

Das mantra tendiert dazu, die Sprachorgane mit zu bewegen, sobald man den Zustand der Entspannung verliert und wenn dann andere Gedanken dazwischentreten.

Man lässt dann weiter den verbalen Gedanken des mantras im Geist aufsteigen, in der Geschwindigkeit oder Frequenz, die sich für den Geist einfach und natürlich anfühlt. Man achtet jetzt nicht weiter auf den Atem. Hat man vor seiner Initiation seine Atmung gut geübt, so wird die Zwerchfellatmung weiter erhalten bleiben und der Atem wird weiter ruhig, frei von Unregelmäßigkeiten und Unterbrechungen fließen. Sollte das nicht der Fall sein, so ist das Atemtraining noch unvollständig und erfordert weitere Arbeit daran.

Man beobachtet den Atemfluss nur noch gelegentlich, um festzustellen, ob man wirklich konzentriert ist oder nicht.

Im japa-Ablauf entsteht eine subtile Veränderung, sobald man aufhört, das mantra zu machen. Das mantra ist nicht etwas, das man selbst macht, ist nicht 'mein' Gedanke. Das mantra ist der Tropfen des Guru-Geistes, der in das Geistfeld eingepflanzt wurde. Durch dieses mantra ist man mit der gesamten Überlieferungslinie verbunden, und die Traditionslinie kümmert sich daher auch um das mantra.

Nach der ersten, aktiven Phase des verbalen mantra-Gedankens lässt man das mantra einfach nur aufsteigen und beobachtet seine Gegenwart; man lässt es da sein. Hält man es willentlich aufrecht, 'macht' man japa, so blockiert man die göttliche Kraft oder Kraft des Guru, die innerlich wirksam werden will. Man lässt also das mantra entstehen und beobachtet einfach nur seine Gegenwart. Dieses Gewahrsein der Gegenwart des mantra wird zu echtem japa.

Phase Drei: das mantra vertiefen

Hier sollte man verstehen, was 'Geist' (englisch: mind) ist. Allgemein assoziiert man mit diesem Begriff nur das Instrument der oberflächlichen, aktiven Gedanken. Doch der Geist hat viele verschiedene Schichten, die auf unterschiedlichen Frequenzen vibrieren. Das Kraftfeld 'Geist' wird immer feiner und subtiler, je tiefer man in diese Schichten eindringt.

Ein kleines Kind, das am Strand spielt, kennt vom Ozean nur die Wellen, die an den Strand schlagen. Die oberflächlichste Ebene des Geistes sind diese wenigen Wellen am Strand. Die allgemeine Vorstellung vom 'Ozean des Geistes' beschränkt sich auf diese lauten Wellen artikulierter Gedanken. Doch der Ozean ist weitaus tiefer.

Taucher kennen die unterschiedlichen Temperaturen verschiedener Wasserschichten aus eigener Erfahrung. Wenn man die Grenze solcher Temperaturschichten durchtaucht, befindet sich der halbe Körper in kälterem und die andere Hälfte in wärmerem Wasser.

Dasselbe erlebt man, wenn man im Ozean des Geistes tauchen geht. Auf tieferen Schichten des Geistes wird die Schwingungsfrequenz zunehmend feiner und feiner. Jeder Gedanke oder jedes Wort wird auf dieser Ebene mit dieser Frequenz schwingen. Taucht man also auf eine tiefere, höhere Ebene des Geistes, wird auch das mantra automatisch eine höhere Frequenz annehmen. Man beobachtet daher die Ebene, auf der man sich befindet und dringt von dort in die nächstfeinere Ebene vor.

In allen Stadien der Meditation ist das Beobachten des Zustands, in dem man sich befindet, oder der Ebene, auf der man sich befindet, ein sehr machtvolles Geheimnis. Jetzt gerade bist du wach, doch du bist dir nicht bewusst, 'Ich bin wach'. Wenn du träumst oder tief schläfst, so bist du dir dessen nicht bewusst. Doch verbindet man diese Zustände mit Gewahrsein, werden sie zu Schritten zum göttlichen Bewusstsein.

Hier verfeinert man seine Praxis wiederum: erst das mantra 'machen', dann das mantra erinnern, dann dem mantra lauschen. Auf jeder dieser Stufen scheinen andere Gedanken und Bilder zusammen mit dem mantra aufzutauchen. Durch genaues Beobachten des Geistes lassen sich zwei unterscheidbare Erscheinungen feststellen:

1)
Das mantra und andere Gedanken scheinen zusammen abzulaufen, doch in Wirklichkeit sind sie unterbrochen und wechseln sich ab: 'mantra; meine Flugzeiten; mantra; den Rasenmäher des Nachbarn hören; mantra; warum ist es hier so laut; mantra;' etc.

Da sich aber der Geist sehr schnell bewegt, nehmen wir nicht wahr, dass sich die Gedanken tatsächlich abwechseln und sie nicht zusammen ablaufen. Die Lösung hierfür ist, die Lücke zwischen den Atemzügen zu schließen und den Entschluss zu fassen, die Lücke zwischen mantra, mantra, mantra zu schließen. Man kann beispielsweise den Entschluss fassen, dass man für die nächste Minute keinem anderen Gedanken folgt außer seinem mantra.

Probiere es aus. Genau jetzt, sitz einfach, entspanne den Körper, lass den Atem zur Ruhe kommen - und fasse den Entschluss, eine Minute lang nur beim mantra zu bleiben. Anschließend lass das mantra weiter in deinem Geist präsent sein und öffne sanft die Augen.

Auf diese Weise übt man den Geist jedes Mal für eine Minute. Ist die Konzentration wirklich tief, erzielt man in dieser einen Minute den Wert von 10 Minuten Meditation. Das Geheimnis der Meditation ist nicht die Dauer, sondern die Intensität und Tiefe der Meditation. Man schließt die Lücke zwischen den Atemzügen und eliminiert die Pause zwischen den mantras. Dazu nutzt man den Entschluss zu einer oder zwei Minuten derartigen Übens.

2)
Mantra und andere Gedanken laufen tatsächlich simultan ab. Auf einer Ebene des Geistes laufen Gedanken ab, während das mantra auf einer anderen Ebene pulsiert. An der Oberfläche des Geistes schlagen die Wellen an den Strand und erzeugen Geräusche, doch drei Meter tiefer ist alles völlig still. Man verlagert also seine Aufmerksamkeit von der Oberfläche zu dieser tieferen Ebene. Dazu wendet man das Prinzip des Beobachtens an, denn wenn man diese tiefere Ebene beobachtet, so hören die Wellen an der Oberfläche zwar nicht auf, doch sie hören allmählich auf, von Bedeutung zu sein.

Auf jeder Ebene begegnet man neuartigen Störungen. Wenn Gedanken auftauchen, tauchen auch Bilder auf. Hören die Bilder auf, so tauchen bestimmte Gefühle und Emotionen auf. Manche beginnen zu weinen, andere möchten lachen, einige fühlen sich ärgerlich, andere wiederum ängstlich oder sexuell erregt. Für jedes dieser Gefühle sollte man den Rat seines Lehrers suchen, denn hier kann man leicht vom Weg abkommen. So sagen beispielsweise einige, 'An diesem bestimmten Punkt meiner Meditation entsteht Angst, und dann beende ich meine Meditation.' Für diese Art Erfahrungen kann die Tradition Hinweise geben; ein gut geschulter Lehrer kann dich durch diese Phasen leiten.

Mentales japa - Phase Vier

Als vierte Phase der Meditation sollte man eine Phase völliger Stille des Geistes zulassen, sofern möglich anfangs vielleicht fünf Sekunden. Die meisten Menschen können nicht mehr als eine Sekunde solcher absoluten Stille zulassen. Man betritt die Kammer der Stille, dabei wird der Geist wie ein See ohne eine einzige Welle. Und aus dieser Stille lässt man dann wieder eine einzelne Welle aufsteigen - die Welle seines mantras. Man hält es in dieser hohen Frequenz, in der es kaum noch ein Wort und nur noch Schwingung ist. Ein langes mantra erfordert dann nicht mehr viel Zeit. Richtig verstandenes japa ist eine sehr subtile, feine Kunst.

Menschen machen in dieser Stille verschiedene Erfahrungen. Der Geist wird erlebt als:

  • ein weit ausgedehntes Energiefeld,
  • oder man vergisst sich selbst,
  • oder man weiß nicht mehr, wie lange man so in Meditation gesessen ist, da die Zeit einfach vergeht.

Manche mögen auch glauben, 'Oh, ich habe den höchsten Frieden gefunden', doch diese Stille ist noch nicht die höchste Stille. Nur die Wellen an der Oberfläche haben aufgehört, an den Strand zu schlagen. Die untergründigen Strömungen der samskaras sind weiterhin aktiv.

Sobald Stille entsteht, tauchen Erfahrungen aus den subtileren Bereichen unseres Wesens auf. Man sieht vielleicht Licht, doch nicht jedes Licht ist ein spirituelles Licht. Es kann sich um ein prana-Licht handeln oder eine physische Energie, die zu einer inneren Erfahrung wird. Nicht alles ist wirklich von Bedeutung.

Zentren des Bewusstseins

Manchmal kann es sein, dass man bereits bei der ersten Initiation vom Lehrer die Anweisung erhält, bestimmte Silben des mantras verschiedenen Bewusstseinszentren zuzuordnen. Hat man beispielsweise das mantra 'namah shivaya' erhalten, so kann man angeleitet werden, die fünf Silben mit fünf Zentren zu verbinden, wie beispielsweise:

beim Einatmen aufsteigend

  • na - Damm
  • mah - Nabel
  • shi - Herz
  • va - Kehle
  • ya - Augenbrauen

beim Ausatmen absteigend

  • na - Augenbrauen
  • mah - Kehle
  • shi - Herz
  • va - Nabel
  • ya - Damm.

Das ist nicht so stakkatoartig, wie es hier vielleicht aussieht. Der Atem vereinigt die Silben und verbindet die cakras.

Doch für die Meisten gilt: wenn das mantra über einige Monate oder Jahre assimiliert wurde, wird ein spezifisches Bewusstseinszentrum für die Praxis festgelegt, in dem dann bestimmte Energiemuster und Kräfte in methodischer Weise visualisiert werden. Oder man wird in den Pfad der kundalini eingeführt, sofern das Bewusstsein einer initiierten Person dafür bereit ist. Heutzutage spielen viele mit der Vorstellung von kundalini herum. Doch ohne das passende mantra und die richtige Anleitung auf dem Weg der verschiedenen Konzentrationen kann es sich für die physische und mentale Gesundheit auch als schädlich erweisen, denn es ist der mantra-Klang, der den Energiefluß regulieren hilft.

Es gibt viele verschiedene Arten der Verfeinerung des mantras im Geist. Diese werden vermittelt, sofern eine initiierte Person durch ihr Bemühen Fortschritte macht und den Kontakt zum Lehrer aufrechterhält.

Die Meditationszeit

Eine festgelegte Zeit für die Meditation ist ein wichtiges Geheimnis für Erfolg. Es ist eine Sache eigener Festlegung und Entschlossenheit, samkalpa. Zusätzlich zur festgelegten Meditationszeit stimmt man den Geist, wann immer im Tagesablauf möglich, für fünf, zwei oder auch nur eine Minute auf sein mantra ein. Für jene, die japa als Suchende nach Befreiung praktizieren, findet sich andererseits in den Texten die Aussage, dass es keinerlei Regel die Zeit betreffend gibt. Auch für Frauen gelten solche Regeln nicht. Das bedeutet jedoch nicht, man hält seine festgelegte Meditationszeit nicht ein; vielmehr hält man seine Meditation ständig aufrecht. Ein gewisser Grad des japa sollte im Geist weiter ablaufen, gleichgültig was man zu tun hat.

Eigenständig laufendes mantra

Jene, die in der Yoga-Tradition in mantra initiiert wurden, werden herausfinden, dass das mantra nicht 'gemacht' wird. Man sollte lernen, das mantra einfach präsent sein zu lassen. Recht häufig muss man es durchführen, es 'tun', doch dann wieder lädt man die Gegenwart des mantras einfach nur ein, lässt es von selbst aufsteigen und im Geist gegenwärtig sein. Und dann wieder ist nicht einmal diese Einladung notwendig. Man stellt fest, dass man nachts aufwacht und das mantra fließt noch immer, man geht auf die Toilette und das mantra läuft weiter, man liegt in der Umarmung seines Ehepartners und das mantra fließt weiter.

Lerne einfach, auf das mantra in dir zu horchen -
und lass dich ganz in diesem Zuhören aufgehen.

Das mantra wird in der Yoga-Tradition als bija (Same) bezeichnet. Ein Same, ein kleiner Partikel des Geistes des Guru wird in den Geist des Schülers gepflanzt. Daher entwickelt es eine eigenständige Bewegung. Selbst wenn man das mantra die nächsten sechs oder zehn Jahre nicht praktizieren würde, es wird irgendwann wieder auftauchen. Die Yoga-Tradition sagt, dass selbst durch den Tod das mantra gegenwärtig bleibt. Wenn wir die Kunst des Sterbens vermitteln, bereiten wir die Übenden auf diesen Tag vor, an dem sie ihren Körper verlassen, und das mantra wird sie auf diesem Weg begleiten.

Vertiefung der Reinigung

Samskaras sind all die Eindrücke früherer Handlungen, die im unbewussten Geist gespeichert sind. Ein mantra dient dem Durchdringen der Schleier und Trübungen der samskaras, es wirkt ihnen entgegen und verhindert das Entstehen neuer unerwünschter samskaras. In der Sprache der Yoga-sutras von Patanjali ausgedrückt dient das mantra dazu,

  • die klishta-vrittis (leidvollen Gedanken) am Entstehen zu hindern,
  • ein einzelnes aklishta-vritti (leidfreier Gedanke) zu entwickeln und aufrecht zu erhalten,
  • damit shuddhi, buddhi, siddhi und mukti entstehen können:
    shuddhi - Reinigung;
    buddhi - das Erwachen der reinen sattvischen Bewusstheit;
    siddhi - die Erfüllung des Zwecks der japa-Praxis;
    mukti - Freiheit, die durch Gnade entsteht, sobald unsere Handlungen reifen.

Die Verhüllungen der samskaras, die fünf Hüllen oder koshas (Körper, prana, Denken, Erkenntnis und Seligkeit), die drei Körper (grobstofflich, subtil, kausal) müssen durchdrungen werden, um in jenen innersten Aspekt von buddhi zu finden - den Punkt, an dem das mantra nicht mehr funktioniert und das daher aufgegeben wird.

Anwendung der mala

(Anm.: Eine mala ist eine Art Perlenkette ähnlich einem Rosenkranz; sie kann aus verschiedenen Materialien bestehen.)

Man kann unterschiedliche Arten von malas für verschiedene Arten von mantras verwenden. Möglicherweise erhält man die Empfehlung, eine bestimmte Art mala am Körper zu tragen und eine andere mala für seine mantra-Praxis zu verwenden. All das wird zwischen Schüler und Lehrer abgesprochen.

Malas mit großen Perlen verlangsamen die Praxis. Sie eignen sich für das Tragen am Körper, für die Praxis sollte man jedoch kleine Perlen verwenden, vorzugsweise mit kleinen Knoten zwischen den Perlen.

Muss man eine mala verwenden? Es gibt zwei verschiedene Aspekte der japa-Praxis. Beide haben ihren eigenen Nutzen. Manchmal benötigt man eine Phase der Disziplin, unterstützt von einer mala; um die Disziplin aufrecht zu erhalten und eine Gewohnheit zu bilden, ist es sinnvoll, einen Teil seiner Praxis mit der mala durchzuführen. Doch dann lässt man die mala beiseite und geht mit dem mantra tiefer in den Geist; um in die subtileren Ebenen zu finden, geht man tiefer und tiefer in den Geist.

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