Das Herz der Meditation

Teil 1 der Serie 'Anwendung und Bedeutung von mantras' -
von Swami Veda Bharati


Om ist ein mantra, so'ham ist ein mantra. Ein mantra kann ein Klang sein, eine Verbindung von Klängen, ein Gebet, ein Satz. Es gibt weltweit keine Meditationstradition, in der anfangs nicht irgendein Wort, bestimmte gedankliche Silben oder verbale Gedanken für die Meditation Verwendung finden. Im Yoga findet man den sogenannten mantra-yoga, einen Zweig der Yoga-Tradition, ein weites Feld der Erkenntnis und der Praxis.

Der Begriff 'mantra'

Die ersten drei Buchstaben: m-a-n. Das englische Wort 'man' (für Mensch) stammt von der Sanskrit Verbwurzel 'man' - denken bzw. meditieren.

Was unterscheidet den Menschen von anderen Tieren? Es ist die Fähigkeit, zu meditieren. Rudimentäres Denken findet man auch in Tieren. Die höchste Form des Denkens ist die Meditation. Daher ist die Sanskrit Verbwurzel für Denken und Meditieren die gleiche. Das englische 'man' (oder das deutsche 'Mensch') bedeutet daher 'ein meditierendes Wesen'. Es steht auch in Bezug zum lateinischen 'mens' (Geist), aus dem auch das englische Wort 'mind', das Wort mental etc. hervorgegangen sind.

Der im Yoga verwendete Begriff für Geist, manas, stammt von derselben Verbwurzel. Manas ist das Instrument des Denkens, der Meditation. Das Sanskritwort für Mensch ist manushya. Es bedeutet 'Sohn des Manu' - es ist das archetypische Urbild des Menschen.

Was ist also ein mantra?

Ein mantra ist eine Formel für die Meditation, ein Gedanke, den man für die Meditation benutzt. Ein Geist ohne mantra ist ein leerer Geist. Wenn also Menschen zu meditieren beginnen wollen, so erhalten sie auf einer bestimmten Stufe ihrer Entwicklung ein mantra.

Benützt man beispielsweise ein christliches Gebet für die Meditation, so wird dieses Gebet zu einem mantra. Doch in der Yoga-Tradition verwenden wir den Begriff mantra auf sehr spezifische Weise. Mantra ist eine Kombination bestimmter Silben. Es gibt viele mantras, die innerhalb der Yoga-Tradition überliefert werden - vom Meister zum Schüler, damit sie in der Meditationspraxis Anwendung finden.

Woher entsteht Sprache?

Woher entsteht Sprache - entsteht sie allein aus den Stimmbändern? Im Yoga gibt es die Lehre über die Herkunft der Sprache. Hier spricht man vom transzendenten Ursprung der Sprache. Demnach gibt es vier Ebenen der Sprache: para, pashyanti, madhyama, vaikhari. Die niederste Ebene der Sprache, vaikhari, ist jene, die von Stimmbändern erzeugt und von den Ohren gehört wird. Alles, was ich aussprechen kann, ob es Sinn macht oder nicht, ist artikulierter Klang.

Doch diese artikulierte Sprache entsteht von einer anderen Ebene her - der mentalen Ebene. Ohne den Geist könnte man kein Wort aussprechen. Diese mentale Ebene der Sprache ist der verbale Gedanke, madhyama. Wird man dazu aufgefordert, 'Denke deinen Namen!' - was geschieht? Da ist ein kleiner Impuls, eine kleine Bewegung im Geist - im Geist steigt etwas auf - der Gedanke. Von dieser Ebene des Geistes her entsteht dann auch der Impuls, etwas auszusprechen. Etwas in uns, der Intellekt, die Instanz der Entscheidung - wir nennen es buddhi - fordert den Geist auf, etwas auszusprechen.

Inspirierte Sprache

Die dritte Ebene der Sprache ist inspirierte Sprache, pashyanti. Wir haben also artikulierte Sprache, mentale Sprache, inspirierte Sprache. Inspirierte Sprache ist anfangs keine Sprache, kein Wort, sondern eine Erfahrung. Alles, was entsteht, ist anfangs kein Wort, sondern eine Erfahrung. Bevor man beispielsweise sagt, 'Ich bin', ist innerlich ein Gefühl des Seins präsent. Bevor man also 'Ich bin' oder 'Ich bin wach' in Worten ausdrückt, ist eine Erkenntnis gegeben - das nicht-verbale Gefühl, wach zu sein. Jede Erfahrung des Bewusstseins oder eines Bewusstseinszustands ist eine nichtverbale Erfahrung. Auf der Ebene der inspirierten Sprache gibt es keine Worte.

Wenn ich in der Lage bin, in der Meditation einen Teil meines Bewusstseins für das göttliche Wesen zu öffnen, so wird etwas dieser Erfahrung des göttlichen Wesens in mir aufscheinen. Diese Art der Erfahrung kann nicht auf gewöhnliche Weise kommuniziert werden.

Die Worte, die ein inspirierter Mensch, ein Weiser, ein Prophet spricht, kommen in zweierlei Form: zum einen als herkömmliche Sprache. Im Versuch, seine innere Erfahrung auszudrücken sucht er nach jenen Begriffen, die dem am nächsten kommen und mit denen wir vertraut sind.

Das reine Bewusstsein der höchsten Ebene der Meditation ist ein stilles Bewusstsein. Es ist ein reines Reservoir, wie ein Kraftfeld, dynamisch, vibrierend - doch es ist eine sehr stille Vibration. Diese Schwingung können unsere Augen nicht wahrnehmen. Dieses reine Bewusstsein ist sich seiner selbst bewusst. Momentan ist unser Bewusstsein sich diesem oder jenem bewusst - etwas anderem außerhalb von uns. Unser Bewusstsein strahlt sein Licht um uns herum aus, dieses Licht wird von etwas reflektiert und kommt zurück zu uns. Ich sende also meine Aufmerksamkeit nach außen, und etwas wird zurückreflektiert.

Dies ist vergleichbar einer Flamme, die sich selbst als ein Lichtwesen bestätigen will und dazu auf all das von seinem Licht Beleuchtete blickt und sich dann sagt: 'Dieses Objekt und dieses Licht sind dort', ohne seine eigene Leuchtkraft zu erkennen. Meditation ist die Erfahrung der eigenen Leuchtkraft in dem Energiefeld, das wir als Bewusstsein bezeichnen.

Auf dieser Ebene der Existenz ist die Beziehung dieses Bewusstseins zur unbelebten Welt (wie beispielsweise dem Gehirn) wie der elektrische Strom, der das Kabel mit Leben erfüllt. Das Bewusstseinsprinzip verleiht seine Kraft den Gehirnzellen, den Ohren, den Augen, der Haut.

Meditation ist das Bestreben, diese eigene innere Leuchtkraft des Bewusstseins, das 'Ich Bin', zu finden. Diese Energie des Bewusstseins sendet kleine Wellen aus - und in der tiefsten Meditation erfährt man diese aufsteigenden und nach außen gehenden Wellen. Die Energie des Bewusstseins, das die Form dieser Welle annimmt, wird als ein mantra bezeichnet.

Ein Yogi, ein Meister, erkennt auf der tiefsten Ebene seiner Verwirklichung bestimmte aufsteigende Wellen des Bewusstseins, sie folgen bestimmten Pfaden durch sein Gehirn und Nervensystem - und diese spezifische Welle äußert sich als eine spezifische Art Klang. Dies nennt man offenbarte Worte, inspirierte Worte.

Mantras - Ausdrucksformen des reinen Bewusstseins

Diese Kombinationen von Silben wurden über eine lange Tradition von Meistern und Schülern kommuniziert und überliefert. Da diese Verbindungen von Klangsilben, auf die man meditiert, aus dem höchsten Bewusstsein hervorgegangen sind, sind sie auch die besten Mittel der Meditation, denn sie führen dich langsam, schrittweise, unmerklich zurück nach innen zu dieser Ebene des Bewusstseins.

Was ist also ein mantra? Ein mantra ist eine Kombination von Klängen, die von den großen Yogis im höchsten Zustand der Meditation empfangen wurden - es ist ihr reines Bewusstsein, das nach außen findet und artikuliert wird.

Bestimmte Silbenkombinationen repräsentieren also bestimmte Kräfte, bestimmte seelische Energien. Durch fortlaufende Wiederholung dieser Silben werden diese seelischen Energien im eigenen Inneren erweckt und ermöglichen verschiedene Arten meditativer Erfahrungen.

Das Bedeutsame an mantras ist daher nicht ihre wörtliche Bedeutung. Der wichtigste Teil eines mantras wird als 'Keimsilbe' bezeichnet - auf Sanskrit bija, 'Same'. Diese 'Saatworte' sind Silbenkombinationen, die, wenn sie in der Meditation Anwendung finden, bestimmte seelische Energien in dir erwecken.

Entwicklung der Persönlichkeit

Wenn ein mantra gegeben wird, wird es zu einem Teil des Zentrums deines Wesens - auch wenn man das nicht bewusst erfährt. Um dieses Zentrum wird sich deine Persönlichkeit entwickeln. Die inneren seelischen Energien werden freigesetzt - wenn auch nicht über Nacht. Doch dies geschieht - abhängig davon, wie oft, wie regelmäßig und wie vertrauensvoll man seine Praxis durchführt. Das mantra ist ein eingepflanzter Same, der wachsen wird.

Manchmal wirst du eine sehr ermutigende Meditation haben, manchmal wird sie entmutigend sein. Das kommt daher, dass sich das mantra und deine Meditation noch immer durch diese vielen unterbewussten Ansammlungen in deinem Geist hindurch arbeiten müssen. Wir kleinen tapferen Krieger müssen wir also allmählich all die Spinnweben und die Dunkelheit im eigenen Inneren beseitigen. Und selbst wenn man täglich nur 15 Minuten meditiert und die Persönlichkeit Tropfen für Tropfen die Wiederholung des mantras aufnimmt, selbst dann wird sich etwas ansammeln und wird sich etwas entwickeln.

Ein mantra zu erhalten ist nur der erste Schritt. Die weiteren Schritte hängen von dir ab - von deiner Praxis, deiner Ernsthaftigkeit, der Regelmäßigkeit und Tiefe der Praxis, vom Erinnern des mantras untertags, von den Veränderungen in deinem Leben. Die Veränderungen zeigen sich auf vielerlei Weise - in deinem Verhalten, deiner Einstellung, deiner emotionalen Stabilität und so weiter. Dazu sollte man mit seinem Lehrer in Verbindung bleiben.

In welche Richtung entwickeln wir uns als Persönlichkeiten? Darüber haben wir noch keine Kontrolle entwickelt. Ein mantra ist ein Faktor, der im Geist präsent ist und im Geist auftaucht. Mit dem Aufsteigen und der fortgesetzten Wiederholung des mantras im Geist fügt man diesen spezifischen reinen Gedanken der Gesamtsumme seiner Persönlichkeit hinzu.

Versucht, täglich möglichst zur selben Zeit zu meditieren. Natürlich gibt es Umstände, die das nicht immer möglich machen. Es handelt sich um Richtlinien, nicht um Gesetze. Versuch dein Bestes; falls es dir nicht möglich ist, so entwickle keine Schuldgefühle. Schuldgefühle kommen in unseren Prinzipien nicht vor. Schau was dir möglich ist, entsprechend der Bedingungen und Umstände - und entsprechend deiner Inklination.

Fortsetzung: Mantra und persönliche Entwicklung

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