Meditation und Beziehungen

Teil 4 der Serie 'Meditation: Weg zum Höchsten Bewusstsein' -
von Swami Veda Bharati


Es geht darum, still zu werden. Wird man still, verliert sich der Geist nicht in die Phantome der Vergangenheit oder in die Phantasien über die Zukunft. Verweile im gegenwärtigen Moment, im gegenwärtigen Erleben. Wenn aber der Geist nicht entsprechend trainiert ist, wird er leicht abgelenkt. Daher: komm immer wieder zurück, finde immer wieder zurück - aber kämpfe nicht.

Dasselbe gilt für das Leben - man kann lernen, wirklich dort gegenwärtig zu sein, wo immer man sich gerade befindet. Solange der Geist sich mit Vergangenem und Zukünftigem beschäftigt, gibt es keinen Frieden des Geistes. Im Moment befindest du dich hier - und was ist dein Problem? Ist es jetzt wirklich dein Problem, dass vor ein paar Jahren an dem und dem Ort eine bestimmte Person etwas Bestimmtes zu dir gesagt hat? Ist das gerade jetzt wirklich ein Problem? Viele entscheiden sich dafür, sich mit diesen Phantomen der Vergangenheit oder den Fantasien über die Zukunft zu beschäftigen. Sie wissen nicht, wie man darüber hinauswachsen kann.

In Meinungen feststecken

Ich stelle immer wieder fest, überall, bei Menschen in aller Welt, dass aus einem Zentimeter Problem ein Meter Emotion entsteht. Aus einem Zentimeter Problem entstehen drei Meter Unruhe. Sie nehmen diese eine Kleinigkeit und betrachten dann ihre gesamte Beziehung nur noch durch diese kleine Sache - und vergessen all die guten Dinge in dieser Beziehung. Ich beobachte das zwischen Kindern und Eltern. Eltern glauben gerne, dass sich ihr Kind zum Schlechteren hin entwickelt. Und das Kind ist der Ansicht, dass sich seine Eltern zum Schlechteren entwickeln. Da wir nicht wissen, wie wir über uns selbst hinauswachsen können, entstehen diese Art von Generationenkonflikten und Konfrontationen.

Wir stecken also fest in unseren Meinungen über andere und sind derart verschlossen, dass wir darüber nicht mehr hinwegkommen.

Unglückliche Beziehungen

Viele in ihren Beziehungen unglückliche Menschen suchen mich auf: 'Ich komme mit meinem Ehemann nicht gut zurecht. Soll ich die Beziehung fortsetzen oder beenden?' Ich will weder die Person sein, die sagt, 'Trenne dich', noch will ich die Person sein, die sagt, 'Setz dein Elend fort'.

Wenn Menschen mit solchen Fragen zu mir kommen, stelle ich ihnen bestimmte Fragen. Ich frage zuerst: 'Hat diese Person irgendwelche guten Qualitäten?' - Gewöhnlich wird erwidert, 'Oh ja, er/sie kann manchmal sehr nett sein. Aber er/sie hat all diese Fehler - diesen Fehler, jenen Fehler, und noch einen Fehler.'
Ich frage weiter: 'Du würdest diese Person also gerne verändern. Hast du jemals, ohne jede negative Emotion, ohne erhobenen Zeigefinger, mit ruhiger Stimme und in guter Stimmung, ihr verdeutlicht, dass du dich mit diesem und jenem unwohl fühlst? Also nicht in einem Streit oder um ihr gegenüber zu punkten, sondern in sachlicher Weise, damit sie darüber Bescheid weiß?'
Außerdem: 'Glaubst du, dass diese Person dich genügend liebt, dass sie sich um deinetwillen ändert?'
Dann weiter: 'Falls diese Person bereit ist, sich um deinetwillen zu ändern, hat sie derzeit tatsächlich die Fähigkeit und Kapazität, sich zu ändern?'

Das sind die Standardfragen.

Es gibt eine weitere Frage: 'Wenn du diese Person auf deine Schwierigkeit aufmerksam gemacht hast, doch sie will sich nicht ändern oder hat nicht die Fähigkeit, sich zu ändern - fühlst du dich von ihren anderen, positiven Qualitäten noch genügend angezogen, dass du in dieser Beziehung bleiben willst, denn du würdest ihn/sie vermissen? Willst du die Beziehung weiter aufrecht erhalten?'

Falls man dann nicht in dieser Beziehung bleiben will, so ist der Grundsatz, dass man sie beendet, ohne großen Schmerz zu hinterlassen. Versucht immer, wenn ihr eine Beziehung beendet, möglichst wenig Schmerz zu hinterlassen. Beendet sie in so sanfter Weise, dass ihr keinen Schmerz erzeugt - zumindest nicht von euch hervorgerufen. Denn der Schmerz, den man in anderen hervorruft, hinterlässt auch im eigenen Geist seine Spuren.

Das Erfreuliche genießen

Solltest du trotz der Fehler der anderen Person die Beziehung weiter aufrechterhalten wollen, dann erfreue dich an dem, was du an Erfreulichem genießen kannst. Leide also nicht unter dem, was an Leidvollem da ist, sondern erfreue dich an dem, was erfreulich ist. Richte deinen Geist auf diese Dinge aus. Kultiviere es, verstärke es, ermuntere diese Seite. Mach die betreffende Person darauf aufmerksam und erinnere dich selbst immer wieder an diese guten Seiten - die vergnüglichen Momente. Im Lauf der Zeit und mit etwas Geduld werden die von dir unterstützten positiven Seiten stärker, und sie werden die negativen Seiten schwächen und überwinden.

Für sich selbst und für andere keine Schmerzen zu bereiten, ist jedoch eine sehr subtile innere Kunst.

Sein Ego verringern

Ihr seht, ich spreche hier weniger über Meditation und mehr über das Leben. Mein spiritueller Lehrer und Meister gibt mir meine Meditation. Wenn er sie verändern will, so ruft er an und gibt mir neue Anweisungen für die Meditation. Doch er konfrontiert mich auch mit der schwierigen Aufgabe, das Leben zum Positiven zu verändern - mein Leben und das der anderen, die Beziehungen, zum Positiven zu verändern, um das Ego, die Widerstände, den Stolz, die Tendenz zur Selbstzerstörung zu verringern.

Ist man fähig, untertags den Geist in einer freundlichen Stimmung zu halten, dann wirst du in deiner Meditation große Fortschritte machen. Und deine Meditation sollte dir die Stärke dazu geben, untertags eine veränderte Einstellung zu kultivieren.

Viele fragen, 'In meiner Meditation steigen dauernd so viele Gedanken auf - was kann ich tun?' Was kannst du schon tun, wenn du täglich 24 Stunden lang negative Gedanken ansammelst? Sie sind von dir erzeugt.

Oder wenn man sich abends einen aufregenden Film anschaut, und anschließend will man meditieren. Manche wundern sich, warum ihre Meditation dann so voller Unruhe ist. Der Film, den man gesehen hat, spult sich weiter in deinem Geist ab. Was wir tun können ist, wählerischer zu werden mit den Dingen, die wir in unseren Geist hereinnehmen.

Mit den Lebenssituationen experimentieren

Ich werde auch gefragt, was ich mache, wenn ich mit einer anderen Person unwohl fühle. In einer Organisation wie hier gibt es vielerlei Beziehungen: den Vorstand, die Studenten, und da sind die vielen Menschen in vielen Ländern, die ich durch meine Vortragsreisen kenne. Jeder Mensch hat seine eigenen Schwächen, so wie ich. Manche halten meine Freundlichkeit für eine Schwäche. Die Sanftmut eines Menschen kann leicht von anderen missbraucht werden. Wenn das geschieht, so ist die normale Reaktion zu denken, 'Ich war so gut zu dieser Person, und jetzt tut er/sie mir das an und beutet meine Sanftmut aus.' Und man beginnt, ärgerlich zu werden.

Wenn das geschieht - was geschieht wirklich? Man vergiftet seinen eigenen Geist. Dein Geist wird unruhig und besorgt. In solchen Situationen, in denen irgendwelche schlechten Gedanken über jemanden aufsteigen wollen, habe ich mich selbst intensiv geübt. Über viele Jahre habe ich damit experimentiert und damit gerungen. Ich habe es für mich zu einem Prinzip gemacht, in dem Moment, in dem in mir negatives Denken über jemanden entstehen will, etwas Gutes für diese Person zu tun.

Ich wurde einmal gefragt, 'Aber wenn das nichts nützt, wenn die betreffende Person nicht darauf anspricht - was dann?' Ich tue es nicht mit der Erwartung einer positiven Antwort. Ich handle so, um meine eigene Stimmung zu verändern. Das ist das Wichtigste im Leben - eine gute Stimmung zu bewahren. Nichts ist wichtiger als das. Wenn ich etwas Positives tue, fühle ich mich gut. Wenn ich etwas Negatives tue, fühle ich mich schlecht. Um mich selbst glücklich zu machen und meine Stimmung zu verändern, ergreife ich die Initiative und tue etwas Angenehmes für die betreffende Person. Und das tue ich deshalb, damit ich nicht später in meiner Meditation dasitze und mich über diese Person ärgere.

Die Formel für ein glückliches Leben

Viele rechnen sich selbst gerne vor, welche Gefallen sie anderen getan haben und welche negativen Dinge man durch andere erfahren hat. Auf diese Weise kann man nur unglücklich sein. Es gibt eine Formel für ein glückliches Leben - eine vierfache Formel:

Erinnere all das Negative, das du anderen angetan hast.

Erinnere dich an all das Gute, das andere für dich getan haben.

Vergiss all das Gute, das du für andere getan hast.

Vergiss all das Negative, das andere dir angetan haben.

Es gibt also zwei Dinge zu erinnern und zwei Dinge zu vergessen. Das lässt sich nicht in einem Tag umsetzen. Das erfordert viele Jahre. Deine Persönlichkeit verändert sich nur allmählich, doch sie wird sich verändern. Wenn du dich an diesen Prinzipien orientierst, werden die Leute überall sagen, 'Was für ein sympathischer Mensch!'

Das ist mein Geheimnis. Ob jemand ein Polizist, ein Doktor, ein Mann, eine Frau oder ein Zollbeamter ist, macht für mich keinen Unterschied. Ich sehe den Menschen und liebe ihn. Ich mache mir keine Gedanken darüber, welche Uniform er trägt, welche Titel er besitzt, welche Erfolge oder Misserfolge er aufweist, ob er Präsident eines Landes oder ein Handwerker ist. Lebt man mit einem von Konditionierungen freien Geist, in dem es keine derartige Spuren mehr gibt, bist du jenseits der Begrenzungen von Nation, Rasse, Religion, oder persönlichen Abgrenzungen. So hast du mit jeder Person eine unmittelbare Beziehung.

Doch dafür muss man sich von seinen Widerständen frei machen. In keiner Beziehung und Begegnung sollte es Furcht oder Abwehrhaltungen geben. Du begegnest z.B. einem Polizisten ohne Ängstlichkeit, ohne diese innere Abwehr. Unbewusst wird dein Gegenüber das spüren und auf diese Qualität deiner Einstellung ansprechen.

Entscheidungen treffen

Ich teile gern mit anderen die Ergebnisse meiner Experimente mit Lebenssituationen. Natürlich kann das nur durch Meditation entstehen. Wenn man sich für seine Meditation hinsetzt, sollte der Geist klar sein. Ist der Geist nicht klar, kannst du auch den Weg in deinem Leben nicht erkennen - und du kannst keine klaren Entscheidungen treffen. Auf diese Weise vergehen Jahre und man kommt nirgendwo an.

Doch wichtig: triff niemals Entscheidungen, wenn du verärgert bist. Zähle stattdessen deinen Atem. Bleib in Verbindung mit dir selbst, beobachte. Allmählich wird dann dein Geist ruhiger und du wirst klarer sehen. Jeder kann lernen, seine Stimmung zu verändern. Man kann lernen, sich dafür zu entscheiden, seine Stimmung zu verändern - in jedem Moment.

Innerer Lärm, innere Stille

Genauso ist es möglich, die Ruhe des Geistes zu jeder Zeit zu erleben. Wenn in deiner Meditation all diese störenden Gedanken auftauchen, solltest du verstehen, dass diese Gedanken aus ungeklärten Dingen in deinem Leben entstehen. Viele glauben, sie könnten sich besser fühlen und glücklicher werden, wenn sie an einen anderen Ort ziehen. 'Eine Hütte auf den Bergen - wie wunderbar wäre das und welche Stille könnte ich dort erfahren!'

Das Problem ist, wenn ein Mensch mit einem lautstarken, unruhigen Geist in die Stille der Wälder zieht, so besitzen diese Wälder nicht die Macht, diesen Geist still werden zu lassen. Dieser Mensch wird die Wälder mit Unruhe erfüllen. Er wird auch dort denselben inneren Lärm erzeugen.

Aber auch: wenn man an einer verkehrsreichen Straße wohnt und meint, dort nicht richtig meditieren zu können, so sage ich: 'Erschaffe dir deine eigene Insel der Stille - dein Geist ist dazu fähig.'

Fortsetzung: Ablenkungen in der Meditation

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