6 Schritte der meditativen Durchführung von asanas

von Swami Veda Bharati
Quelle: 'Yoga for Wellness in the Himalayan Yoga Tradition'
(Swami Rama Sadhaka Grama, Rishikesh)

Yoga ist eine Reise des Selbst - durch das Selbst - zum Selbst.

Jedes Yoga-asana (Haltung, Stellung) umfasst sechs Schritte. Diese Schritte folgen aufeinander und sind auf alle asanas anzuwenden. Wird diese Abfolge von Schritten in einer Haltung völlig beherrscht, können sie für alle weiteren asanas Anwendung finden.

Diese sechs Schritte sind:

1) Zentrierung

Von den sechs Schritten der asana-Praxis sind drei völlig ohne Bewegung, drei sind mit Bewegung verbunden. Alle Haltungen beginnen von einer unbewegten Ausgangsposition, in der man zentriert ist. Diese zentrierenden Körperstellungen unterscheiden sich abhängig von der Haltung, die man durchführen will. 

Beispiele für zentrierende Ausgangshaltungen sind:

  • meditative Sitzhaltungen (siddhasana, svastikasana, sukhasana, maitri-asana - etc.)
  • Stand in der Berghaltung (tadasana) oder einer entspannteren Standhaltung
  • Sitz mit ausgestreckten Beinen (dandasana)
  • knieende Haltung (vajrasana)
  • Bauchlage (makarasana, Krokodilhaltung)
  • Rückenlage (shavasana, 'Leichenstellung')

In diesen zentrierenden Haltungen bereitet man sich auf die Durchführung eines asana vor; man findet in einen physisch und mental ausgeglichenen Zustand. Alle zentrierenden Haltungen sind symmetrisch und fördern ein Gefühl der Harmonie und Erdung. In dieser stillen Achtsamkeit können die folgenden Schritte geistig visualisiert werden.

2) Die Haltung einnehmen

Die Annahme, dass mit Bewegung verbundene Haltungen nicht so achtsam oder meditativ sind wie jene, in denen man völlig bewegungslos ist, trifft nicht zu. In allen Schritten der asana-Praxis ist der Geist stetig wach, aufmerksam, bewusst. Um diese Bewusstheit beizubehalten, bewegt man sich langsam, ruhig, sachte und sanft in die Haltung. Man sollte sich nie überdehnen und es sollte keinerlei Anstrengung beinhalten. Man bleibt innerhalb seiner Dehngrenzen und überlässt die Arbeit dem Geist und dem Atem. Nach ca. 30 Sekunden beginnen die Muskelfaszien loszulassen.

Man nimmt in jedem einzelnen Mikromoment all die Informationen wahr, die uns kommuniziert werden - so als würde man eine bis zum Rand mit Wasser gefüllte Schale tragen, ohne einen Tropfen zu verschütten.

Anfangs wird die Aufmerksamkeit von den Bereichen physischer Anspannung angezogen. Geht man jedoch tiefer, wird das Erleben zunehmend vom Subtilen her ins Materielle erfolgen. Auf einer fortgeschrittenen Stufe nimmt man den gesamten Prozess wahr, beginnend vom Moment der Absicht, über die prana-Bewegung in jene Bereiche, die für die Bewegung benötigt werden, bis zur Aktivierung der Nerven und Muskeln.

Eine Regel, der man in der Durchführung von asanas folgen kann, lautet: 'Übe so, als hättest du alle Zeit der Welt zur Verfügung, aber keinen Moment zu verschwenden.' Es geht darum, zu erforschen, zu erforschen, zu erforschen.

Für das Einnehmen einer Haltung ist der Atem wichtig. Bewegt man sich in 'schließende' Haltungen, bei denen Körperteile zueinander kommen (wie z.B. in Vorbeugen), beginnt man mit einer Ausatmung. Bewegt man sich in 'öffnende' Haltungen (wie z.B. die Kobra), beginnt man mit einer Einatmung.

In jedem dieser sechs Schritte und im Übergang zwischen verschiedenen asanas dient das achtsame Atemerleben dazu, die einzelnen Teile miteinander zu verbinden, ähnlich einem Faden (sutra), der die Perlen einer Halskette verbindet.

3) Die Haltung verfeinern

Ist die Haltung eingenommen, folgt eine Phase des Ausrichtens und der Korrektur, die Haltung wird fein abgestimmt. Weitere kleine Streckungen, Dehnungen oder Drehungen werden eingesetzt, um bestimmte pranische Hindernisse zu lösen, ein verbessertes Erleben zu ermöglichen und die Haltung koordiniert auszurichten. Das kann beispielsweise Veränderungen der Haltung des Nackens, der Schultern, der Hüften oder der Wirbelsäule betreffen.

4) In der Haltung verweilen

Die mentale Ausrichtung ist hier dieselbe wie in der ursprünglichen Ausgangsposition. Der Geist geht nach innen und beobachtet. Es ist ein zentrales Prinzip der Durchführung von asanas, dass jene Muskelbereiche, die für das Aufrechterhalten einer Körperstellung nicht benötigt werden, unbeteiligt bleiben. Das erfordert die Fähigkeit zu unterscheiden und zu trennen.

Swami Veda weist darauf hin, dass alle nicht benötigten Körperbereiche völlig entspannt sein sollten, um aus diesen Bereichen prana freizusetzen und in jene Bereiche zu bringen, auf die der Geist ausgerichtet ist. Dies ist die Phase, in der die eigentliche 'Arbeit' stattfindet - das 'Handeln im Nichthandeln'.

Der Geist beobachtet die angespannten oder gedehnten Bereiche des Körpers und lässt Achtsamkeit, Atmung und prana wirksam werden. Es können bestimmte Zentren fokussiert oder bestimmte mantras angewendet werden.

Patanjali stellt fest: 'Asanas werden vollendet durch die Lösung der Anstrengung und durch Meditation auf das Unendliche'. (Yoga-sutras II.47)

5) Aus der Haltung zurückkommen

Hier gelten die selben Punkte des Gewahrseins wie beim Hineingehen in die Haltung. Zusätzlich lässt man besondere Vorsicht walten. In vielen asanas wie z.B. Seitbeugen, Dreieckshaltung u.a. werden wichtige Muskeln stark gedehnt. Ein schnelles Herausgehen aus solchen Haltungen würde diese Muskeln stark belasten. Daher ist es wichtig, mit besonderer Sorgfalt, Achtsamkeit und Sanftheit aus den Haltungen herauszukommen.

6) Ruhe und Reflektion

Nach dem Zurückkommen in die zentrierte Ausgangsposition verweilt man völlig still und beobachtet den sogenannten 'Nachglüh-' oder 'Echo-Effekt' der durchgeführten Haltung. Hier kommt es manchmal zu stärkeren Veränderungen der Durchblutung, der Temperatur oder der pranischen Aktivität in verschiedenen Körperbereichen. Es können sich Veränderungen im Atemrhythmus oder Veränderungen im Atemfluss durch die Nasenflügel zeigen.

Diese Phase der Übungspraxis sollte berücksichtigt werden, man sollte nicht ungeduldig zum nächsten asana übergehen. Es gibt unter den Hatha-yogis einige Meister, die diese Phase der Ruhe und Reflektion als den wichtigsten Teil der asanas ansehen.  Swami Rama hat anfangs seine Schüler angewiesen, nach jedem asana in shavasana zu ruhen, um die durch die Haltung hervorgerufenen Wirkungen und Veränderungen im Gewahrsein vollständig zu absorbieren und zu integrieren.

Literatur:

Swami Veda Bharati - Die Philosophie des Hatha Yoga (englisch: Philosophy of Hatha Yoga)

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