Wohlbefinden für Geist und Körper

Quelle: 'Yoga for Wellness in the Himalayan Yoga Tradition'
(Swami Rama Sadhaka Grama, Rishikesh)

In der Himalaya-Yoga-Tradition wird Wohlbefinden des Geistes und Körpers erlangt durch

  • die Praktiken der Reinigung seiner Gedanken und Emotionen,
  • Achtsamkeit,
  • Atemgewahrsein,
  • mantra-Praxis,
  • Körperhaltungen,
  • Konzentration und Meditation,
  • einem qualifizierten Lehrer -
  • sowie durch die Übertragung wahren Wissens.

Das Studium der Texte des Yoga bildet einen weiteren wichtigen Aspekt davon.

Reinigung der Gedanken und Emotionen wird erreicht durch die fünf Verhaltensregeln (yamas), die fünf inneren Beobachtungen (niyamas), die vier rechten Einstellungen (brahmaviharas), die Gegenmittel zu störenden Gedanken (prati-paksha-bhavana) und die Überwindung der neun Störungen (vikshepas) auf dem Pfad der Sammlung.

Achtsamkeit wird erlangt durch die Praxis der Körperhaltungen (asanas), verbunden mit innerer Bewusstheit und tiefer Beobachtung aller Zustände des Körpers, Atems und Geiste. Atemgewahrsein beginnt als Teil der allgemeinen Praxis der Achtsamkeit und wird dann zum ersten Schritt in der Meditationspraxis. Man kultiviert eine langsame, ruhige, ununterbrochene, gleichmäßige Zwerchfellatmung. Nadi-shodhanam dient dazu, die Nerven- und Energiebahnen zu reinigen. Kundalini- bzw. Wirbelsäulen-Atmung wird durchgeführt, um die Energien des Körpers zu aktivieren und zu kanalisieren. Mantra-Praxis (japa) wird mit jener Art Achtsamkeit durchgeführt, die das Eintreten in die innere Stille fördert.

Swami Rama zufolge sind einige der Sitzhaltungen für die Meditation zweckmäßig und förderlich, während andere asanas für die Steigerung körperlichen Wohlbefindens nützlich sind und dadurch auch das mentale Wohlbefinden fördern. Ein Mensch, der sich sowohl physischen wie mentalen Wohlbefindens erfreut, wird leichter in die Meditation finden. Durch die Körperhaltungen können auch subtilere Aspekte seines eigenen Seins bewusster wahrgenommen werden. Beispielsweise kann in shavasana der yogische Schlaf (yoga-nidra) praktiziert werden, durch den man in Gewahrseinszustände jenseits des annamaya-kosha, des physischen Körpers, finden kann.

Durch Konzentration auf bestimmte zentrale Punkte des physischen Körpers, auf Verbindungsstellen und die Elemente des Körpers können verschiedene mentale Zustände hervorgerufen werden; durch Meditation (dhyana) kann man in noch tiefere Gewahrseinszustände finden.

Swami Veda meint, 'Die Stärke oder Schwäche des Geistes entspricht der Stärke oder Schwäche des Körpers und seiner vitalen Funktionen. Die Praxis von Yoga und Meditation und der begleitenden Übungsformen kann beide, Körper und Geist, energetisieren.'

Alles Geschehen im Körper, einschließlich Krankheit, ist eine Reflektion von Veränderungen, die in den sutileren Aspekten unseres Seins auftreten. Daher sind neben passender Ernährung und physischer Praxis das Beobachten seiner Gedanken, das Aufrechterhalten geistiger Ausgeglichenheit, das Kultivieren des Atemgewahrseins sowie Achtsamkeit in allem Tun hilfreich dafür, unerwünschte Folgen wie z.B. Erkrankungen des Körpers frühzeitig zu verhindern.

Ein qualifizierter Lehrer besitzt die nötige Erfahrung, um Schüler durch die verschiedenen Aspekte und Stufen der Praxis zu führen, und er/sie besitzt zugleich die Befähigung, die Tradition weiterzugeben und zu übertragen. In der Weitergabe der Lehren vom Lehrer zum Schüler ist in der Himalaya-Yoga-Tradition die Transmission das Wesentliche. 

Hatha-Praxis

Hatha-Praxis wird als das 'Forcieren' der subtilen Energien und auch als 'Ausgleich der solaren und lunaren Energien' definiert. Im Himalaya-Stil der asana-Praxis konzentriert man sich nicht nur auf die richtige Positionierung des Körpers, sondern legt besondere Betonung auf die Erfahrung dessen, was innerlich geschieht und in welcher Weise der prana-Körper Ausdruck findet.

Die subtile Wahrnehmung bewegt sich von innen nach außen, Sanftheit charakterisiert das Entspannen unbeteiligter Körperbereiche, und mit Hilfe der Konzentration und des Atems wird prana in angespannte Bereiche gelenkt. Swami Veda lehrt Hatha-Praxis als ein zusammenhängendes Ganzes, das alle Aspekte des Raja-yoga beinhaltet. Hierbei wird besonders das Prinzip der Gewaltlosigkeit (ahimsa) hervorgehoben.

Die Betonung liegt auf dem Verständnis, dass Hatha-Praxis als integrierte Praxis zu begreifen ist, die alle Komponenten beinhaltet: innere Zentrierung, Entspannung, korrekte Atmung und Atemgewahrsein, Körperdehnungen wie die Gelenks- und Drüsenübungen, Körperhaltungen (asanas) und ihre Weiterentwicklungen, Entspannung des subtilen Körpers, pranayama und Meditation.

Um asanas vollständig zu beherrschen, sie zu meistern, meint Swami Veda: 

'Der erste Schritt im Yoga ist es nicht, mit der Nase die Knie berühren zu können. Ein Zirkusclown kann das rückwärts. In der asana-Praxis werden alle möglichen Bewegungen durchgeführt, doch man vergisst allgemein darauf, wirklich achtsam wahrzunehmen. Das Hineingehen in eine Körperhaltung wird erst dann zu einem asana, wenn man die Körperbereiche mit dem Atem verbunden bewegt, mit vollständig gelöster Achtsamkeit für den Energiefluss z.B. in den Armen und Händen. Ohne diese Art entspannter Wahrnehmung ist es kein asana. Sie sollte stetig und ruhig fließen. 'Mit Entspannung verbunden ist es eine Yoga-Haltung; ohne Entspannung ist es keine Yoga-Haltung' (Patanjali sinngemäß in YS II.47).'

Atmung und Pranayama

Es ist ein Prinzip der Yoga-Meditation:
was du ohne achtsames Beobachten durchführst, ist nicht Meditation. Dasselbe mit achtsamer Beobachtung durchgeführt wird zu Meditation.
Du atmest fortlaufend, doch du nimmst es nicht wahr. Du meditierst also nicht. Beobachte den ständig gegenwärtigen Atem - damit wird es zu Meditation.
(Swami Veda Bharati)

Pranayama wird auf zweierlei Weise definiert: als 'Kontrolle des prana' und als 'Ausdehnung des prana'. Das Praktizieren der Atemregulation auf Grundlage praktischen Wissens, von Achtsamkeit und gelenkter Absicht, bewirkt die Ausdehnung der energetischen Kapazität. Atemgewahrsein und Atemregulation sind zwei der wichtigsten Bestandteile im Erlernen und Lehren der yogischen Atempraktiken und des pranayama. Die Physiologie der Atmung muss Beachtung finden zusammen mit den subtileren Praktiken des pranayama, durch die Geist, Atem und Körper verbunden werden. Diese Beziehung kann erforscht werden durch das Verstehen der Anatomie der Atmung auf der physischen Ebene und durch pranayama und Atemgewahrsein auf der subtileren Ebene. Die pranayama zugrundeliegenden Prinzipien, wie sie in den Yoga-sutras definiert werden, vertiefen das Verständnis für das Subtile sowie für den Verlauf der prana-Ströme, wie auch die Erfahrung der Hüllen oder koshas.

Auf korrekte Zwerchfellatmung und Atemgewahrsein wird großer Wert gelegt. Sie zu beherrschen bildet die Grundlage für mehr fortgeschrittene pranayamas, die in die Praxis von pratyahara (des inneren Rückzugs) und dharana (gesammelte Konzentration) einmünden.

Nadi-shodhanam

Nadi-shodhanam, die Reinigung der subtilen Energiebahnen, ist eine sehr wirkungsvolle Atempraxis. Es gibt wenigstens sieben verschiedene Arten dieser Kategorie von pranayama, die zusammen mit verschiedenen vorbereitenden Übungen wie die sieben Varianten von bhastrika (Blasebalgatmung) durchgeführt werden können.

Quelle: 'Yoga for Wellness in the Himalayan Yoga Tradition'
(Swami Rama Sadhaka Grama, Rishikesh)

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