Stadien der Meditation

von Swami Jnaneshvara Bharati
Quelle: swamij.com


Egal welche Art Objekt man für die Meditation wählt (bildliche Vorstellung, Empfindung, Atem, Energie, mantra, Eigenschaften etc.), der Prozess bewegt sich stufenweise nach innen: vom Grobstofflichen zum Subtilen, zum Erleben reiner Freude, zur reinen Ich-heit, zum objektfreien Zustand. Alle Meditationsmethoden, alle Schulen, Traditionen, Überlieferungslinien, Religionen oder Wege werden auf einer oder mehreren der unten beschriebenen Ebenen erfahren. Sie bilden einen allgemeinen Rahmen für das Verständnis der Meditation. Diesen Rahmen zu verstehen kann sehr nützlich sein, denn es ermöglicht zu erkennen, wo man steht und wohin man sich bewegt.

Stadien der Aufmerksamkeit

Wenn man sich durch diese Stadien der Meditation bewegt (grobstofflich, subtil, freudvoll, reines Ich-Erleben, objektfrei), ist es nützlich zu verstehen, dass sich auch der Prozess der Aufmerksamkeit selbst in Stadien entwickelt. Die Natur der Aufmerksamkeit verfeinert sich in immer subtilere Ebenen.

  • Aufmerksamkeit:
    einfache Aufmerksamkeit kennzeichnet jenes Gewahrsein, das wir alle gewöhnlich erfahren. Die Natur der Aufmerksamkeit zu diskutieren kann eine sehr tiefe metaphysische Reflektion sein. Doch hier wird der Begriff in seiner einfachen Bedeutung verwendet.
  • Konzentration:
    die Bemühung, die Aufmerksamkeit auf einen einzelnen Punkt zu richten wird als Konzentration (dharana) bezeichnet. Konzentration ist vorübergehend und wird von anderen Gedankenmustern, Eindrücken oder Eindrücken unterbrochen.
  • Meditation:
    wenn die Aufmerksamkeit sich auf ein Objekt konzentriert (das gilt für jedes Objekt auf jeder Stufe), und diese Konzentration für eine gewisse Zeitspanne ununterbrochen erhalten bleibt, wird es als Meditation (dhyana) bezeichnet.
  • samadhi:
    wenn Meditation sich so vertieft, dass Beobachter, der Vorgang des Beobachtens und das Beobachtete in eine einzige Erfahrung zusammenzufallen scheinen, so ist das samadhi. Es ist so als gäbe es keinen Beobachter oder Vorgang des Beobachtens mehr, stattdessen ist das Objekt selbst das Einzige das existiert. Der Begriff 'samadhi' wird manchmal verwendet, um allein den höchsten Zustand des Bewusstseins zu kennzeichnen, doch man sollte wissen, dass dieser Begriff ebenfalls auf einer Vielfalt von Ebenen und in Bezug auf verschiedene Objekte Verwendung findet. Samadhi kann also auf verschiedenen Ebenen auftreten.

Wenn es schwer fällt, diesen Unterschied von Aufmerksamkeit, Konzentration, Meditation und samadhi richtig zu erfassen, so ist es am besten, die folgenden Stadien im Sinne einfacher Aufmerksamkeit zu betrachten. Man kann diese Stadien als die verschiedenen Ebenen auffassen, durch die man sich auf seiner inneren Reise bewegt. Die Frage, ob die Aufmerksamkeit als Konzentration, Meditation oder samadhi entsteht, kann dann später betrachtet werden, oder man lässt einfach zu, dass sich das Verständnis dafür im Lauf der Zeit durch direkte Erfahrung einstellt.

Stadien der Meditation

Hier die Beschreibung der vier Ebenen der Meditation mit Fokus auf ein Objekt, und die fünfte Ebene der objektfreien Meditation. 

      grobstofflich (savitarka)
           subtil (savicara)
      reine Freude (sananda)
          Ich-heit (sasmita)
    objektfrei (asamprajnata)

Grobstoffliche Ebene:

alle Methoden der Meditation, die oben angedeutet sind (bildliche Vorstellung, Empfindung, Atem, Energie, mantra, Eigenschaften etc.) funktionieren auf der grobstofflichen Ebene unserer Welt.

  • Meditation auf physische Empfindungen ist auf der grobstofflichen Ebene.
  • Meditation auf die physiologische Atmung ist auf der grobstofflichen Ebene.
  • Meditation auf die Silben eines mantras ist auf der grobstofflichen Ebene.
  • Meditation auf vorgestellte Objekte ist auf der grobstofflichen Ebene.
  • Meditation auf den Strom der Gedanken ist auf der grobstofflichen Ebene.

Man kann sie als verschieden Arten der Meditation ansehen, doch sie alle werden auf derselben Ebene der Meditation durchgeführt, der grobstofflichen Ebene, savitarka. Will man eine tiefere Meditationsebene erreichen, zu samadhi und Selbstverwirklichung, müssen diese grobstofflichen Objekte in ihren subtilen Formen erfahren werden, zusammen mit den subtilen Instrumenten unseres Geistes, die ihre Erfahrung ermöglichen.

Anders ausgedrückt muss man die grobstoffliche Ebene hinter sich lassen, damit die Meditation tiefer werden kann - unabhängig von der Art der Meditation.

      grobstofflich (savitarka)
           subtil (savicara)
      reine Freude (sananda)
          Ich-heit (sasmita)
    objektfrei (asamprajnata)

Subtile Ebene:

für alle obigen grobstofflichen Objekte stellt sich die Frage, was die subtile Ebene oder das zugrundeliegende Stadium ist. Nicht nach diesen subtileren Aspekten der grobstofflichen Objekte zu streben bedeutet, in der oberflächlichsten Ebene der Meditation stecken zu bleiben. Die tieferen Ebenen des samadhi und der Selbstverwirklichung bleiben völlig unzugänglich.

Auf der subtilen Stufe der Meditation erfährt man jetzt die grobstofflichen Objekte in ihrer subtilen Form:

  • anstelle der physischen Empfindung findet man zum Erforschen der Natur des Empfindens selbst.
  • Man beginnt, mantra jenseits der Silben zu erfahren.
  • Bildliche Vorstellungen werden in ihrer subtilen oder formlosen Erscheinung erfahren.
  • Die Meditation auf den Strom der Gedanken wird ersetzt durch die Meditation auf den denkenden Geist selbst.

Es gibt allgemein zwei Möglichkeiten, durch die diese subtile Ebene für den Weg zur Selbstverwirklichung genutzt werden kann:

  • man erforscht die grobstofflichen Objekte in ihrer subtilen Form von Gestalt, Schwingung und Licht, um letztlich festzustellen, dass sie nicht mit dem Selbst verbunden sind und frei von Anhaftung beiseite gelegt werden können, da sie es nicht wert sind, auf dem Weg zur Selbstverwirklichung weiter verfolgt zu werden. (Sie können jedoch bezogen auf die grobstoffliche Welt in anderer Weise nützlich sein, beispielsweise für physische Gesundheit.)
  • Man erforscht die subtilen Formen seiner eigenen Struktur als Objekte der Meditation. Man erkennt sie als Nicht-Selbst und legt sie ebenfalls beiseite ohne weiter an ihnen anzuhaften. Dies bezieht die geistigen Instrumente mit ein, durch die man die grobstofflichen Meditationen erfährt. Zum Beispiel die Sinne des Sehens und der Berührung (physische Empfindung), die dem physiologischen Atem zugrundeliegenden pranas, wie auch den Geist, der all diese Informationen verarbeitet.
      grobstofflich (savitarka)
           subtil (savicara)
      reine Freude (sananda)
          Ich-heit (sasmita)
    objektfrei (asamprajnata)

Ebene reiner Freude:

auf noch tieferer oder subtilerer Ebene als all diese grobstofflichen Objekte und ihre subtilen Aspekte sowie der subtilen Instrumente des Beobachtens, ist das subtile Bewusstsein. Wenn also all diese Aspekte hinter sich gelassen oder transzendiert werden, bleibt ein Gefühl reiner Freude oder Seligkeit, bezeichnet als ananda.

Diese Freude ist kein bloßes Gefühl, so schön Gefühle auch sein können. Es ist vielmehr ein völlig anderes Gefüge der Wirklichkeit oder des Seins, subtiler als der Geist, der diese Gefühle gewöhnlich erlebt. Die hier beschriebene Freude ist auf einer tieferen Ebene, jenseits der gewöhnlichen mentalen Funktionsweise.

Diese Freude oder Seligkeit tritt gerade deshalb auf, weil alle anderen Ebenen und Objekte zeitweise zur Ruhe gekommen sind bzw. in dieser Phase der Meditation der Freude transzendiert sind.

      grobstofflich (savitarka)
           subtil (savicara)
      reine Freude (sananda)
          Ich-heit (sasmita)
    objektfrei (asamprajnata)

Ebene reiner Ich-heit:

unabhängig von den groben oder subtilen Objekten oder auch von der Meditation über die Freude, gibt es eine Ich-heit (asmita), eine Individualität, die diese Objekte der Meditation erfährt.

Wenn die Meditation sich so weit nach innen bewegt, dass das Objekt der Meditation diese Ich-heit selbst ist, werden die mehr oberflächlichen Ebenen der Objekte völlig unwichtig. Die Feinheiten von Empfindung, Energien, Lichtern, Klängen etc., die auf der subtilen Ebene erfahren werden, werden ebenso irrelevant. Selbst die Ebene reiner Freude lässt man hinter sich und damit die latenten Formen der subtilen und groben Objekte.

Auf dieser Ebene ist das reine Bewusstsein allein von Ich-heit umhüllt, der Individualität selbst. Diese Ebene ist nicht nur eine Alternative zu den gröberen Objekten der Meditation. Es ist eine völlig andere Ebene der Wirklichkeit und des Selbst-seins.

      grobstofflich (savitarka)
           subtil (savicara)
      reine Freude (sananda)
          Ich-heit (sasmita)
    objektfrei (asamprajnata)

Objektfreie Ebene:

wenn die Aufmerksamkeit nicht mehr auf irgendeine Art Objekt gerichtet ist, so ist das objektfreie Meditation - bezeichnet als asamprajata- oder nirbija-samadhi.

Dies ist nicht einfach nur ein bewusster Zustand des Geistes, wie wir ihn üblicherweise erleben. Es ist eine äußerst hoher Grad der Bewusstheit, jenseits und tiefer als alle grobstofflichen oder subtilen Meditationen, der Meditation der Freude wie auch der Meditation der Ich-heit.


Objekte der Meditation

Grobstoffliche Ebene (savitarka)

Zum Zweck der Ausrichtung in der Meditation gibt es zahlreiche Objekte der grobstofflichen Ebene: physische Objekte oder deren mentale Formen, Eigenschaften und eine Vielzahl mentaler Prozesse. Manche Meditationsschulen gründen ihre Praxis auf nur einem dieser Objekte. In der Yoga-Meditation sind diese Praxisformen alle wichtig, sie werden allerdings als Vorbereitung für subtilere Praktiken angesehen.

Einige Objekte dieser Ebene:

körperliche Empfindung
mantra
Atem
Energie
cakras
Freundlichkeit
Wohlwollen
Mitgefühl
Akzeptanz
Reinheit des Geistes
Lichtkraft
subtile Sinnesfähigkeiten
Visualisationen
Gedankenströme
alles Erfreuliche
Subtile Ebene (savicara)

Jenseits der obigen grobstofflichen Objekte der Meditation befinden sich die Objekte der subtilen Ebene. Diese subtilen Objekte sind entweder die Grundbausteine der grobstofflichen Objekte oder die mentalen Wahrnehmungsinstrumente. Daher gibt es auf dieser Ebene weitaus weniger Objekte.

Als Beispiel: alle Objekte, die Form besitzen, sind zusammengesetzt aus Erde, Wasser, Feuer, Luft und Raum (bhutas - grobstofflich; tattvas - subtil). All diese Vorstellungen und Eigenschaften werden durch die Instrumente der Wahrnehmung erfahren, die jetzt selbst zum Inhalt der Meditation und des Erforschens werden.

Objekte der subtilen Ebene sind:

die Elemente von Erde, Wasser, Feuer, Luft und Raum
die subtilen Energieströme der vayus und pranas
die subtilen Sinne (indriyas) als Objekte der Meditation
die vier Funktionen des Geistes als Objekte der Meditation
die subtilere Essenz von mantra - jenseits der Silben

Ebene reiner Freude (sananda)

Wenn die Aufmerksamkeit über die groben und subtilen Ebenen der Meditation hinausgeht, treten diese Objekte in den Hintergrund und man wird sich der zugrundeliegenden reinen Freude bewusst, eine weitaus subtilere Wirklichkeit als bloßes Gefühl.

Ebene der Ich-heit (sasmita)

Jenseits dieser drei obigen Ebenen (savitarka, savicara, sananda) ist die Meditation auf die Ich-heit selbst. Dies ist keine Ego-Ebene mit ihren vielen Persönlichkeitsmerkmalen, Wünschen, Vorstellungen und Formen. Vielmehr ist es die Meditation auf die Individualität selbst, die unberührt bleibt von all diesen mehr oberflächlichen Erfahrungen. Es ist eine sehr tiefe Erfahrung, und doch ist sie von Einfachheit gekennzeichnet, da sie sich auf diese einzige Ich-heit bezieht anstelle einer Vielfalt an Wahlmöglichkeiten von groben oder subtilen Objekten.

Objektfrei (asamprajnata)

Die obigen vier Ebenen haben alle ein Objekt zum Inhalt, auf das die Aufmerksamkeit ausgerichtet wird. Sie werden als samprajnata bezeichnet - was soviel wie 'mit Unterstützung' bedeutet. Jenseits all dieser Ebenen ist
die objektfreie Aufmerksamkeit, sie ist 'ohne Unterstützung' - asamprajnata.
Dies ist keine reine Leere des Geistes, sondern eine ausgedehnte, umfassende Stille, die nicht beschreibbar ist und vom begrifflichen Denken nicht erfasst werden kann.

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