'Gottheiten' in der Himalaya-Tradition

von Swami Jnaneshvara Bharati
Quelle: swamij.com


In unserer Tradition werden Gottheiten nur als Symbole betrachtet, nicht als Wirklichkeiten, die zu verehren sind. Swami Rama macht das sehr deutlich in seinem Kommentar zur Bhagavad-gita (3.11-3.12), wo er schreibt:

Unwissende glauben, dass Götter in himmlischen Welten leben und die Macht haben, das menschliche Schicksal zu kontrollieren. Solche Götter sind lediglich Projektionen ihrer eigenen internen Organisation. Das Hervorbringen von Göttern in der äusseren Welt ist eine Projektion des Unbewussten. Der Glaube an Götter wurde hervorgebracht als Hilfe für jene, die sich ihrer internen Möglichkeiten nicht bewusst sind und eine Vergegenständlichung übernatürlicher Kräfte benötigen. Sie bedürfen des Glaubens an Götter, die ihnen helfen, Wünsche zu erfüllen, für deren Erfüllung sie sich selbst als unfähig erachten. Es heisst, dass jene die Götter gesehen haben, Dummköpfe sind, denn sie haben etwas von ihrem eigenen Selbst gesehen und glauben fälschlicherweise, Götter gesehen zu haben. (...)

Für jene Aspiranten, die nicht fähig sind, auf das formlose Ewige zu kontemplieren, werden von spirituellen Lehrern Symbole empfohlen. Auf dem Weg der Meditation werden bestimmte Symbole benutzt, um den Geist einpunktig zu gestalten. Der Schüler wird dann angewiesen, über das Symbol hinauszugehen, um seine Bedeutung zu erfassen, anstatt für immer vom Symbol abhängig zu sein. Daher lässt man in der Meditation das Symbol hinter sich und geht weiter.

Unwissende verehren die Symbole ohne das Verstehen dessen, was hinter und jenseits des Symbols lebt. Doch ist man fähig, das durch das Symbol Ausgedrückte zu erforschen, wird man schliesslich die Existenz des formlosen Archetyps entdecken, das in die Form des Symbols gekleidet ist.

In seinem weiteren Wirken mag er zu direkter Erfahrung der Archetypen gelangen, nicht als Objekte, sondern indem er eins wird mit den Archetypen selbst.

Beispiele solcher Symbole

Im Folgenden ein paar Beispiele, wie das funktioniert. Manche mögen sie als Gottheiten ansehen, denen man folgt, an die man Bittgesuche stellt oder die man verehrt, doch tatsächlich sind es Symbole. Die angeführten Symbole und Beschreibungen sind keineswegs vollständig, sondern dienen nur dazu, eine Einführung zu geben.

Hanuman: der Affe gilt als Symbol für den menschlichen Geist und seine Tendenz, hierhin und dorthin zu laufen, fortwährend aktiv und niemals in Ruhe. Der Geist ist unbeständig wie ein Affe. Hanuman ist das Symbol für das Training dieses Affengeistes, für sein Überführen in einen Zustand des Friedens und der Gelassenheit. Die Verehrung von Hanuman als eine Gottheit soll Hingabe und Reinheit fördern.

Ganesha: neben vielen anderen Symbolismen soll Ganesha daran erinnern, wie ein Elefant zu sein, stark und weise. Der Elefant ist eine unabhängige, starke Kreatur die in der Wildnis des Dschungels lebt und die niemanden zum Zweck der Nahrung verletzt, da er vegetarisch ist. Andere visualisieren Ganesha als menschliche Form mit einem Elefantenkopf; er wird angerufen als ein Beseitiger von Hindernissen.

Brahma, Vishnu, Mahesh (Shiva, Rudra): als Symbole repräsentieren sie die drei universellen Prozesse des Entstehens, der zeitweisen Existenz, und des Zurückkehrens in die Formlosigkeit. Eine Blume kommt, ist, und vergeht. Unser Leben in diesen physischen Körpern in dieser Welt verläuft durch diesen Prozess der Geburt, des Lebens und des Sterbens. Auch Gedanken kommen, bleiben eine Weile und lösen sich wieder auf. Andere betrachten diese Symbole als Gottheiten, die man verehren oder anrufen soll.

Shiva und Shakti: sie sind der universelle Prozess der statischen Grundlage (shiva) und der Aktivität (shakti), die sich über viele Stufen auswärts manifestiert. Als Metapher ist es in etwa wie die zahllosen Worte und Sätze, die man mit Hilfe der selben zugrundeliegenden Tinte schreiben kann. Während Shiva die Grundlage ist (der eins und identisch ist mit Shakti), ist es die Kraft der Shakti, die sich als das gesamte Universum und all seine Vielfalt manifestiert. Andere vollziehen Rituale, als wären Shiva und Shakti menschenähnliche Wesen, die zu verschiedenen Zwecken umworben werden wollen.

Mahatripurasundari: für die Praxis unserer Tradition von zentraler Bedeutung ist die Meditation und Kontemplation auf das eine Bewusstsein, das die Quelle darstellt der drei ('tri') Ebenen ('pura') von Schlaf, Traumschlaf und Wachzustand und das diese durchdringt. Dieses Bewusstsein wird als gross ('maha') und von äußerster Schönheit ('sundari') betrachtet. Andere verehren sie als Göttin.

 

Zurück zur Übersicht 'Beiträge von Swami Jnaneshvara'