Über den Tod

von Swami Veda Bharati


Wir kommen aus der Stille, durchlaufen die die vielfältigen Klänge des Lebens, und wir kehren dann zurück in die Stille. Stille ist der nicht endende, allem zugrundeliegende Strom.

Der Lebensprozess, so wie wir ihn kennen, ist nur ein sehr kurzer Abschnitt. Das ewige Leben, von dem wir sprechen, ist die immerwährende Stille der Lebenskraft. Der Zustand bis zur Geburt und der Zustand nach dem Punkt des sogenannten Todes sind völlig identisch.

Ich verlasse den Raum, in dem ich gerade gemeinsam mit euch bin. Für eure Wahrnehmung bin ich entschwunden. Ich betrete einen anderen Raum. Jene die sich in diesem anderen Raum befinden, sind hochfreut und sagen, 'Ein Kind ist geboren'. Im ersten Raum entsteht Trauer, im anderen Raum entsteht Freude.

Wer stirbt?

Die Weisen der Vergangenheit sagen, dass Tod allein ein Produkt der Einbildung ist, ein Mythos. Diese Einbildung wird allein durch unsere Ängste erzeugt, es gibt daran nichts Substantielles. Wir fürchten also etwas, das allein aus unsere Ängsten entstanden ist.

All jene, die diesen Mythos zerstören, sind verwirklichte Wesen. Weshalb bezeichnen wir den Tod als einen Mythos? Dazu muss zuerst die Frage beantwortet werden: was ist es denn, das stirbt?

Wir wissen, dass dieser Körper eine komplexe Verbindung chemischer Bestandteile ist. Der Körper ist tatsächlich nicht mehr als das. Jede Verbindung löst sich im Verlauf der Zeit auf, denn in der Natur ist keine Verbindung ewig beständig.

Die Upanishads besagen, dass im Prozess des Sterbens Sprache und Körpergewahrsein in prana zurückgezogen werden; prana wird in den Geist zurückgezogen; Geist wird in das innere Licht zurückgezogen - in das tejas-Prinzip, die glänzende Ausstrahlung von atman, dem spirituellen Selbst. Dieses tejas, diese Lichtstrahlen werden schließlich in atman selbst zurückgezogen.

Ein Mensch liegt im Sterben und du willst von dieser sterbenden Person erfahren, 'Erkennst du mich noch?' Solange die Sprache noch nicht in prana und prana noch nicht im Geist aufgelöst wurde, wird sie dir mitteilen, dass sie dich erkennt. Doch wenn das Bewusstsein immer weiter zurückgezogen wird, wird sie dich nicht mehr erkennen können.

Im Prozess des Sterbens geschieht etwas ganz Großartiges. Man verliert erst das Gewahrsein für seinen Körper, doch das Sprachprinzip ist noch vorhanden. Zieht sich dann das Sprachprinzip zurück, so ist das Bewusstsein vollständig auf prana fokussiert - man erlebt sich selbst als ein reines prana-Wesen. Von dort geht es weiter zur nächsten Erfahrungsebene des Bewusstseins - man erfährt sich als reinen Geist. Von dort steigt man weiter auf und erfährt nur noch das strahlende Licht, das aus dem Selbst ausstrahlt, man ist vollständig in das Bewusstsein dieses Lichts absorbiert. Und dann steigt man weiter auf in atman selbst.

mantra und Sterben

Doch nicht jeder wird diesen Ablauf wirklich bewusst durchlaufen. Jene, die von einem großen Weisen initiiert sind, jene die ein mantra erhalten haben - sie werden durch diesen Prozess geführt.

Swami Rama hat gesagt, dass der Tod nichts als eine Gewohnheit des Körpers ist. Und er sagt, dass selbstverwirklichte Wesen angesichts des Aufgebens ihres Körpers glücklich sind. Er hat wiederholt darauf hingewiesen, dass für jene, die innerhalb einer authentischen Tradition in ein mantra initiiert wurden, die ein verwirklichtes Wesen als Lehrer haben, das Bewusstsein des mantras bestehen bleibt. Mit Beginn des Sterbeprozesses steigt in ihnen das mantra auf, als würde der gesamte Kosmos, als würden alle devis, rishis, Heiligen, Weisen das mantra singen. Sein Gewahrsein wird in das mantra absorbiert, und es führt ihn dann sanft durch diese gerade beschriebenen Schritte des Rückzugs oder Aufstiegs. Die Schwungkraft seiner vergangenen karmas wird diese Person in ein nächstes Leben führen, doch das mantra geleitet sie auf dem ganzen Weg.

Für jene, die sich auf dem Weg der Erleuchtung befinden, gleicht die Erfahrung des Sterbens jener von Naciketas in der Katha-upanishad. Er geht in das Reich des Herrn des Todes, sucht ihn, kommt hinter sein Geheimnis und kehrt dann zurück. Seine Mitteilungen über dieses Geheimnis werden von allen Yogis und Praktizierenden der spirituellen Wissenschaft mit Eifer studiert.

Ich teile euch das alles nicht einfach nur mit, um Trost zu spenden. Es ist Wirklichkeit, es ist die Wahrheit.

Buddha sagt: 'In wie vielen Lebensspannen seit fast unendlicher Zeit, in wie vielen Geburten hast du um wie viele Mütter und Väter, Brüder und Schwestern, Söhne und Töchter, um Verwandte und Angehörige und andere geliebte Menschen getrauert. All diese Tränen angesammelt ergeben einen Ozean. Und jetzt - trauerst du immer noch um sie alle?'

So wie diese Trauer vergangen ist, lasst alle Trauer einfach vergehen.

Neue Geburt

Begreift das karmische Gesetz: die Handlungen unseres Körpers, des Sprechens und des Geistes hinterlassen ihre angesammelten Eindrücke im Subtilkörper. Um erneut geboren zu werden braucht es drei Personen: Mutter, Vater und die Seele, die zur passenden Zeit und mit dem passenden karma geboren werden soll. Die künftige Mutter heiratet den künftigen Vater, denn dadurch wird ihr karma erfüllt. Er heiratet sie, denn durch sie wird sein karma erfüllt. Dadurch bündeln sie ihr karma und gemeinsam erfreuen sie sich daran oder leiden darunter. Niemand kann dann noch sagen, durch wen wieviel an Freudvollem und wieviel an Schmerzhaftem entstanden ist.

Eine weitere Seele, deren karma nur durch die spezielle karmische Chemie dieser Mutter und dieses Vaters reifen und sich erfüllen kann, findet sich ein. Diese Seele wird von diesem karma angezogen, und ihr karma wird sich erfüllen aufgrund des Temperaments, der Entscheidungen und Neigungen von Mutter, Vater und der noch nicht geborenen Schwester. Dann kommt die Schwester auf die Welt, und ihr karma wird sich erfüllen, diese Art von Bruder zu haben, diese Art von Mutter, diese Art von Vater.

Sobald die Schwungkraft des karma, das im Prozess des vorherigen Todes aktiviert wurde, erschöpft ist, kann diese Person von nichts mehr zurückgehalten werden. Diese Seele kann nicht davon abgehalten werden zu gehen. Und wieder stellt sich die Frage: wer stirbt?

Das unsterbliche Selbst

Es heißt, das spirituelle Selbst, atman, ist wie akasha - der Raum, dieser unermessliche, unteilbare, nicht greifbare und unbegrenzte Raum.

Diese Wirklichkeit sollte man verstehen. Wenn man es wirklich analysiert, dann kontempliert, dann meditiert und schließlich realisiert, stellt sich heraus, dass der Tod ein Mythos ist. Jene, die das verstanden haben, sagen, 'Wenn man diese Einheit in atman erkannt hat - welche Trauer, welche Anhaftung sollte da noch existieren?' Daher fordern uns die Upanishaden auf, dieses Eine zu erkennen. Dieses atman, dein Selbst. Dieses Selbst, das allem innewohnt, ist amritah - unsterblich.

Schlaf, Meditation und Tod

Sofern du dich auf diesen beschriebenen Prozess nicht einstellen kannst - auf diesen Übergang von Körperbewusstsein und Sprache zu prana, von prana zu Geist etc., so betrachte einfach den Vorgang deines Schlafs. Was dabei geschieht, ist genau derselbe Prozess. Du ziehst dich vom Körper zurück - trauerst du deswegen? Oder trauern andere darum, weil du eingeschlafen bist, dich vom Körperbewusstsein zurückgezogen hast und nicht antwortest?

Yogis gehen den Weg der Meditation. Wenn wir meditieren, gehen wir durch genau denselben Prozess - freiwillig. Es gibt ein Lebensprinzip: was dir gegen deinen Willen genommen wird, gib es besser freiwillig her. Bevor dir dein Reichtum genommen wird und du Verlust erleidest, gib ihn her und erfreue dich an dieser Handlung des Teilens mit anderen.

Dasselbe gilt für das physische Leben - ein meditierender Mensch stirbt jeden Tag freiwillig, er geht durch denselben Vorgang. Er zieht sein Bewusstsein verbunden mit dem mantra vom physischen Gewahrsein zurück in das prana-Feld, vom prana zum Geistfeld, und weiter zum inneren Licht, der Ausstrahlung von atman, und er erkennt schließlich atman selbst. Es ist eine Art tägliche Impfung mit einer kleinen Dosis Tod, um letztlich seine Unsterblichkeit zu erkennen.

Diese Augenblicke der Ablösung, die wir als Tod bezeichnen, sollten besonders für Initiierte in den Yoga-Weg keine Momente der Trauer darstellen, sondern vielmehr eine Erinnerung an das Unsterbliche sein.

Mein Wunsch für euch alle ist, dass ihr dieses Prinzip des Unsterblichen in euch verwirklicht.

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