Shiva-samkalpa

Sangha-gathering, Rishikesh, 9. März 2013
Swami Veda's letzter Vortrag vor seinem 5-Jahres-Schweigegelübde

Quelle:  ahymsin.org


Om

Gurave namah
Parama-gurave namah
Parameshthi-gurave namah
Parampara-gurubhyo namah
Akhanda-mandalakaram vyaptam yena caracaram
Tat padam darshitam yena tasmai shri-gurave namah
Hiranya-garbhad arabdham shesha-vyasadi-madhyamam
Svami-shri-rama-padantam vande guru-paramparam
Om tat sat brahmarpanam astu
Om sham


Swami_Veda_Bharati_10th_March_2013_1.jpgIn den vergangenen neun Tagen haben wir die Grundlagen über spirituelle Entwicklungspunkte behandelt. Entwicklungspunkte des meditativen und spirituellen Fortschritts. Wir sind auch ein wenig auf die Fallen eingegangen, denen man auf diesem Weg begegnen kann. Es tut mir leid euch mitzuteilen, dass ich heute nichts wirklich Tiefgründiges mitteilen werde. Nicht dass ich vorher irgend etwas Tiefgründiges ausgesagt hätte. Fragt meine Gurus, sie werden euch mitteilen, wie oberflächlich ich bin. Ich wünschte mir, einer von ihnen könnte hier sein und euch persönlich anleiten -
durch ihre Präsenz -
in ihren eigenen Worten -
mit ihrer eigenen Stimme und Schwingung.
Dann würdet ihr wissen, was wirklich ein Guru ist.

(...)

Kleine Zettel mit Fragen erreichen mich weiterhin. Einige davon habe ich bereits beantwortet. Sucht diese Antworten. Und erinnert: lass dich nicht von jeder inneren Erfahrung gefangen nehmen.

Beispielsweise sprechen einige über 'außerkörperliche Erfahrungen'. Ich bin, wie mein Guru, ein sehr wissenschaftsorientierter Yogi. Gibt es eine wissenschaftliche Erklärung für etwas, akzeptiere ich es nicht als rein spirituelle Erfahrung.

Für mich ist reine spirituelle Erfahrung allein jene von atman (spirituelles Selbst). Einige dieser außerkörperlichen Zustände sind selbsterzeugt, sie entstammen gewissen Bereichen im Gehirn, die bestimmte Empfindungen hervorrufen, und du projizierst sie und glaubst, du schwebst hinfort in die höheren Sphären. Dies sind keine spirituellen Erfahrungen. Es sind Vorgänge im Gehirn. Man sollte sich hier daran erinnern, dass diese Vorgänge im Gehirn manchmal durch spirituelle Entwicklungen hervorgerufen werden. Man sollte sie nicht zurückweisen. Aber glaub nicht, dass du jetzt erleuchtet bist, nur weil du eine außerkörperliche Erfahrung gemacht hast.

In meinem persönlichen sadhana (Praxisweg) bin ich sehr vorsichtig damit, mir keine speziellen Kräfte oder besonderen Erfahrungen zuzuschreiben und mich zu einem Guru zu erklären. Ich bin sehr vorsichtig damit, meine spirituellen Erfahrungen nicht zu ernst zu nehmen, mit Ausnahme jener, die mein Guru mir gewährt hat. (...)

Das heutige Thema ist ein anderes. Ihr habt sicher alle das kleine Büchlein erhalten, 'Sadhana in Applied Spirituality'. Es wurde speziell für diesen Anlass geschrieben. Es ist angewandte Spiritualität, geschrieben für diese Familie. Derzeit veröffentlichen wir es noch nicht für die Allgemeinheit.

Für die nächsten fünf Jahre und für den Rest deines Lebens,

  • die malas, die du praktizierst,
  • die mantras,
  • die Atempraxis, die du durchführst, 

fahre damit fort. Und um zu vermeiden, gefangen zu werden durch 

  • Ego,
  • Selbstgefälligkeit,
  • dem Gefühl von Macht oder Stellung,
  • einem Gefühl weltlicher Stellung oder Bedeutung - der zu engen Identifikation damit und von daher mit anderen Menschen auf Basis dieser vermuteten Stellung umzugehen.

Um all das zu vermeiden, ist es notwendig, diese Praktiken durchzuführen, die in 'Sadhana in Applied Spirituality' angeführt sind. Es sind keine Übungen, die man für sich im Sitzen durchführt. Diese Dinge betreffen deine täglichen Emotionen, Gefühle, Qualität der Stimme, Kommunikation, Beziehungen. Das ist weitaus schwieriger als sich hinzusetzen und für zwanzig Minuten sein mantra zu praktizieren. Tut das weiterhin, doch praktiziert auch diese Anwendungen für das tägliche Leben.

Es gibt in unserer Tradition einen bekannten Begriff aus dem Sanskrit, 'vrata'. Das wird allgemein übersetzt als 'Gelübde'. Es ist eine zu beachtende Regel, eine einzuhaltende Disziplin. So ist das Fasten für einen Tag ein vrata. Ein Tag der Stille ist ein vrata. Ein Drei-Jahres-Gelübde der Enthaltsamkeit, brahmacarya, das heute einige abgelegt haben, ist ein vrata. Das vrata für die nächsten fünf Jahre und für den Rest eures Lebens ist das Gelübde von 'Shiva-samkalpa'. Wir haben dieses mantra ausgedruckt vorliegen. 

Es sind die sechs mantras der 'Shiva-samkalpa Sukta', der Shiva-samkalpa Hymne. Hier in diesem Ashram rezitieren wir sie jeden Abend. (...)

Alles hängt von der persönlichen Kapazität ab. Du kannst im Tagesverlauf wiederholt dein vrata erneuern, dein Shiva-samkalpa Gelübde, ganz einfach durch einen kurzen Satz, den Refrain dieser sechs mantras des Yajur Veda. Es ist die letzte Zeile jedes dieser mantras:

Tan me manah shiva-samkalpam astu.

Möge mein Geist shiva-samkalpa sein. 
Shiva: wohlwollend, segensreich, meditativ, Shiva gleich, göttlich, ein göttlicher Geist.

Denn ihr könnt das, was in 'Sadhana in Applied Spirituality' empfohlen wird, nicht praktizieren

  • ohne den Geist entsprechend einzusetzen,
  • ohne den Geist zu reinigen.

Es ist ein Gebet für Reinigung des Geistes, Friedfertigkeit des Geistes. Um den Geist so zu gestalten, dass in ihm natürlich, nicht durch Bemühung, sondern natürlich (sahaja) allein wohlwollende, segensreiche, friedvolle, meditative, shiva-gleiche göttliche Gedanken, Gefühle, Emotionen und Entschlüsse aufsteigen.

Swami Rama sprach oft über samkalpa bzw. samkalpa-shakti, die Entschlusskraft. Dies sind die mantras, die Verse  für die Entwicklung der Entschlusskraft, samkalpa-shakti.

Du musst nicht zehn Millionen Rezitationen und Wiederholungen davon durchführen. Wiederhole es einige Male in deiner Meditationszeit. So wie untertags die beiden anderen Übungen:

  • halte die Stirn entspannt,
  • alle 2-3 Stunden 2-3 Minuten des Atemgewahrseins mit deinem mantra.

Führt eine dritte Praxis durch: alle 2-3 Stunden Shiva-samkalpa - bekräftige deinen Entschluss, so sattvisch zu sein, dass allein sattvische Gedanken, Gefühle und Empfindungen in dir aufsteigen und zu deinem samkalpa werden. Sie werden zu deinem Entschluss.

Rezitiert diese kurze vierte Zeile nochmals mit mir:

Tan me manah shiva-samkalpam astu.
Tan me manah shiva-samkalpam astu.
Tan me manah shiva-samkalpam astu.

Ich möchte jetzt mit euch das vollständige erste mantra rezitieren. Aufnahmen davon stehen zur Verfügung.

Om yaj jagrato duram udaiti daivam
tad u suptasya tathaivaiti
durangamam jyotisham jyotir ekam
tan me manah shiva-samkalpam astu.

Wir werden jetzt nicht alle sechs mantras rezitieren. Besorgt euch die Aufnahme davon und lernt sie damit. Doch werde ich hier für euch übersetzen.

Erinnert euch daran, dass es kein menschliches Wesen gibt, das die Vedas übersetzen kann, egal welche Expertise in Sprache und Grammatik man besitzen mag. Ja, es gibt Übersetzungen. Doch niemand kann diese Texte in eine andere Sprache übertragen. Nur ein Beispiel: das allererste Wort der Vedas ist 'agni' - 'agnim ile purohitam'. Das ist das heilige Feuer, das im yajna-shala (rituelle Feuerstelle) brennt. (...) 

Einer der großen Übersetzer, Swami Dayanand Saraswati, hat 'agni' auf zweihundertsechsundfünfzig (256) verschiedene Weisen übersetzt. Wenn man jedes der neun Worte des ersten mantras des Rig-Veda auf zweihundertsechsundfünfzig verschiedene Weisen übersetzen kann, wieviele Übersetzungen würden dabei herauskommen? Glaubt also nicht, dass durch das Lesen der Übersetzung ihr tatsächlich den wirklichen Gehalt erhalten könnt. Doch hier ein Rohversuch auf einer oberflächlichen Ebene. Ich trage es euch vor:

Diese göttlich scheinende Kraft, die weit hinausreicht, während man wacht
die ebenfalls weit hinausreicht, während man schläft
Möge dieses weitreichende eine Licht der vielen Lichter
Möge dies, mein Geist, erfüllt sein mit wunderbaren und wohlwollenden Entschlüssen.

Ich habe es erweitert auf 'wunderbare, wohlwollende, segensreiche, friedvolle, meditative, shivagleiche göttliche Gedanken, Gefühle, Empfindungen, Emotionen und Entschlüsse. Dies alles ist im Begriff 'shiva-samkalpam' enthalten.

Das wodurch alle Weisen ihre Handlungen ausführen
Und die Praktizierenden ihre Pflichten und ihre Verehrung 
Jene einzigartige, geheimnisvolle Persönlichkeit, verborgen in allen Wesen
Möge dies, mein Geist, erfüllt sein mit wunderbaren und wohlwollenden Entschlüssen.

Dieses absolute Wissen, dieses Reservoir des Geistfelds
das Erinnerung, Festigkeit und Unterstützung ist
das unsterbliche Licht verborgen in den Wesen, ohne das kein Handeln entstehen kann
Möge dies, mein Geist, erfüllt sein mit wunderbaren, wohlwollenden, segensreichen, friedvollen, shiva-gleichen göttlichen Gedanken, Gefühlen, Empfindungen, Emotionen und Entschlüssen.

Dieses Unsterbliche Eine, in dem alle Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft
In dem Alles in dieser Welt gehalten ist
Das wodurch das Opfer der sieben Priester* erweitert und ausgeführt wird
Möge dies, mein Geist, erfüllt sein mit wunderbaren und wohlwollenden Entschlüssen.
(* ein Hinweis auf die sieben cakras)

Das worin die drei Vedas (Rig - Wissen, Yajush - Handlungen, Sama - Musik der Verwirklichung) gehalten sind wie Speichen in der Achse eines Rades
Das worin das Geistfeld aller lebenden Wesen eingewebt und verflochten ist
Möge dies, mein Geist, erfüllt sein mit wunderbaren und wohlwollenden Entschlüssen.

Ein guter Wagenlenker, die Zügel fest im Griff, kontrolliert die Pferde und hält sie auf dem rechten Weg
So kontrolliert der Geist die Sinne
Das was im Herzen wohnt, die beweglichste und schnellste aller Kräfte
Möge dies, mein Geist, erfüllt sein mit wunderbaren und wohlwollenden Entschlüssen.

Für eure Kontemplation könnt ihr die kleine Schrift über Shiva-samkalpa, die CD, den Ausdruck nutzen.

Wenn wir 'sanyasa-diksha' (die Gelübde der Lösung von der Welt) geben und am Ufer des Ganges dem neuen sanyasin die saffranfarbenen Gewänder übergeben, erhalten sie ein 'mahavakya', einen 'Großen Satz' aus den Schriften. Es gibt viele mahavakyas, von ihnen sind vier in der Vedanta-Tradition sehr bekannt. Doch es gibt noch viele andere, die man nutzen kann. Ich werde euch nicht die Saffranfarben übergeben, doch ich gebe euch ein mahavakya für die Kontemplation. Dieses mahavakya ist:

'Om kham Brahma'.

'Om' - lest hierzu Swami Rama's Kommentare zur Mandukya-upanishad.
'Kham' bedeutet Raum, shunya, die transzendente Null.
'Brahma' - Brahman, die höchste, transzendente, allesdurchdringende, absolute Wirklichkeit.

(...)

Einige glauben, dass ich eine Art Held sein muss, um so tapfer für 5 Jahre ins Schweigen zu gehen. Glaubt mir, es ist keine große Sache. Yogis legen seit Tausenden von Jahren Gelübde der Stille ab. Ein befreundeter Swami war für neun Jahre im Schweigen. Ein anderer mit mir befreundeter Swami ist seit 27-28 Jahren im Schweigen. Ich sende immer wieder Leute aus diesem Ashram zu seinem Ashram, um ihn zu besuchen. 

Ich wurde in der vedischen Überlieferung aufgezogen und bin ab dem Alter von 4 oder 5 mit meinem Vater für eine Stunde in Meditation gesessen. Mein Vater war von einem großen Yogi initiiert worden, doch das ist eine andere Geschichte. Er hielt immer nach großen Yogis Ausschau. Nachmittags sind wir immer entlang der Rajpur Road in Dehradun spazieren gegangen. Von der anderen Straßenseite kam unser Nachbar mit einem Swami auf uns zu. Es war das erste Mal, dass ich einen Swami sah, der von den Himalayas kam. Das Strahlen in seinem Gesicht hat mich sehr beeindruckt. Unser Nachbar sagte, dass er ihn am Straßenrand sitzend gefunden hat. Er war die vergangenen 25 Jahre schweigend, in völliger Stille, ohne in dieser Zeit auch nur ein Wort zu sprechen. Es war das erste Mal, dass ich einen schweigenden Swami traf. Von diesem Augenblick an wusste ich, dass dies etwas ist, das sich anzustreben lohnt. Die Verpflichtungen des Lebens, das Wirken für meinen Guru, sie haben mich am Laufen gehalten und ständig am Plappern.

Glaubt ihr, ich kann mir diesen einen Wunsch erfüllen? Könnt ihr alle es mir möglich machen? Ihr übernehmt die Aufgaben, sorgt für diesen Ashram. Sorgt für unser globales Netzwerk, und lasst mich meinen lebenslangen Wunsch erfüllen, ein stiller Swami zu sein.

Ich danke euch allen dafür, hier zu sein. Ich fühle mich sehr erfüllt von eurer Anwesenheit und möchte, dass ihr mit dem Gefühl von Erfüllung von hier zurückkehrt und in eurem spirituellen Leben einen Schritt vorwärts nehmt.

Einen Schritt vorwärts,
durch Reinigung seiner selbst,
durch Befriedung seiner selbst.
Macht euch selbst zu friedvollen Wesen.

Shiva-samkalpa - euer Geist und eure Herzen erfüllt von wunderbaren, wohlwollenden, segensreichen, friedvollen, shivagleichen göttlichen Gedanken, Gefühlen, Empfindungen, Emotionen und Entschlüssen.

Möge euer vrata - Shiva-samkalpa - eine Quelle der Erfüllung für euch sein.

Om
Harih Om Tat Sat.

Übersicht 'Artikel von Swami Veda'